(de) fda-ifa: Kritische Nachbetrachtung der Demo zur Erinnerung an rechte Ausschreitungen in Heidenau von wm

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Mon Oct 10 12:40:02 CEST 2016


oder: Vom schwarzen Blöckchen im "Drecksnest" ---- Am 21. August 2016 beteiligten sich 
viele Mitglieder der FAU Dresden zusammen mit Mitgliedern anderer syndikalistischer 
Organisationen in Sachsen an der Demonstration, die an die Pogrome in Heidenau vor einem 
Jahr erinnern sollte. Auf der Demonstration führte eine Reihe von Vorkommnissen zu großem 
Unmut in unseren Bezugsgruppen. Dies machte ein Einzelmitglied bereits vor Ort in aller 
Kürze deutlich. Wir wollen unsere Kritik hier ausführlicher, abgestimmter und fundierter 
an einigen Mitdemonstrant_innen aber auch an der taktischen Ausrichtung solcher 
Demonstrationen insgesamt üben. Eingangs möchten wir noch einmal betonen, dass es auch 
viel Positives an der Demonstration zu bemerken gab. Auch möchten wir uns uns hier noch 
einmal für die Arbeit des Vorbereitungsteams, bei den anderen Gruppen mit ihren sehr guten 
Redebeiträgen und bei der sehr sachlichen und eingängigen Moderation bedanken.

Kurze Schilderung der negativen Ereignisse

Am 21. August 2016 wurde von lokalen Akteur_innen eine Demonstration organisiert um an die 
mehrtägigen, rassistischen Ausschreitungen in Heidenau vor einem Jahr zu erinnern. Von den 
Veranstalter_innen wurden die Ziele formuliert mit dem Schweigen zu brechen und Wut auf 
die Straße zu tragen. Im Vorfeld wurde die Aufmachung von Plakaten und Stickern, die zur 
Demo mobilisierten, verschiedentlich als unglücklich gewertet, da diese keinen linken 
Kontext erkennen ließen.

Die Demonstration startete nach dem Einmarsch von ca. 200 Antifaschist_innen, die mit dem 
Zug angereist waren. Geschlossen und im schwarzen Block betraten sie den Bahnhofsvorplatz 
mit "Scheiß Drecksnest!"-Sprechchören und einer äußerst martialischen Außenwirkung. Einige 
Demoteilnehmende, insbesondere aus Heidenau, verließen daraufhin den 
Startkundgebungsplatz. Im Vergleich zu früheren Demonstrationen in Heidenau waren die 
Teilnehmenden im wesentlichen auch fast nur als weiß und jung wahrnehmbar.

Der Lautsprecherwagen startete zunächst mit ziemlich agressiver und textlich 
gewaltorientierten Songs. Später wurde die Musikauswahl abwechlungsreicher und von einer 
sehr professionellen, sachlichen Moderation begleitet.

Auf der Demonstration selbst kam es immer wieder zu Beleidigungen, Drohungen, 
Abfotografieren, klassistischer und stadtzentristischer Diskriminierung von Seiten einer 
Reihe von Demoteilnehmenden, nicht nur gegen offensichtliche Nazis sondern auch gegen 
unbeteiligte Passant_innen und Anwohner_innen. Auch viele der Sprechchöre waren politisch 
unreflektiert, teilweise diskriminierend und konterkarrierten die besonnene Moderation und 
die sachlichen Redebeiträge.

Am Ende des Tages blieb für uns daher die Frage, mit was für Leuten wir da z.T. eigentlich 
demonstriert haben und ob wir unseren Organisationsversuchen im Kreis im Besonderen und 
dem Projekt einer emanzipatorischen Linken im Allgemeinen vor Ort nicht nachhaltig mit 
dieser Demonstration geschadet haben.

Zielstellung der Demonstration?

Nur zwei Ziele waren im Vorfeld formuliert: Das Schweigen zu brechen und unsere Wut auf 
die Straße zu tragen. So gesehen kann die Demonstration als Erfolg verbucht werden. Allein 
viele der anwesenden FAU-Mitglieder hatten wohl etwas anderes darunter verstanden und sich 
andere Effekte erhofft. Eine Demonstration, die von ihrem Auftreten her so ziemlich jede_n 
verschreckt, der_die sich nicht schon in ihr befindet, oder sich als militanter Neo-Nazi 
auf der Suche nach Stress in ihrer Nähe aufhält, bleibt doch im Wesentlichen 
Selbstbespaßung mit ein wenig Hoffnung auf Beförderung medialer Berichterstattung. Wir 
möchten insgesamt dafür plädieren den taktischen Zielen politischer Aktionen und der 
beabsichtigen Außenwirkung mehr Raum sowohl in Vorbereitungstreffen zu Aktionen als auch 
in Aufrufen zu widmen, um solche Aspekte und Erwartungen in Zukunft klarer vor Augen zu haben.

Black Block - hier: Habitus statt Taktik

Der schwarze Block, also das einheitliche Kleiden von Demonstrationsteilnehmenden in 
schwer zu identifizierende, schwarze Kleidung, wurde ursprünglich als eine Aktionsform zur 
besseren Umsetzbarkeit von Massenmilitanz entwickelt. Von antifaschistischer 
Massenmilitanz war an diesem Sonntag in Heidenau unserer Ansicht nach im Vorfeld auf 
keinen Fall auszugehen. Und doch kam ein Großteil der Demonstrierenden ganz in schwarz und 
wirkte damit in der sonntagnachmittäglichen Kleinstadt wie von einem anderen Stern... Auch 
daran haben wir unsere Kritik.

Zum einen ist das schwarze Blöckchen, zumindest seinem ursprünglichen Ansinnen nach, in 
dieser Situation völlig nutzlos. Eine Gruppe von 200 Personen lässt sich mit der 
Ausrüstung der Polizei jederzeit von Anfang bis Ende im Blick behalten. Notfalls würden 
sie wohl auch die gesamte Demo filzen um an die Person zu kommen, die sie suchen. Im 
Gegenteil, ist das Outfit sogar hinderlich, auch für direkte Aktionen ohne Masse. Wollte 
mensch sich aus dem Staub machen, hätten wir 15 Uhr in Heidenau genau so gut eine 
blinkende Leuchte auf dem Kopf tragen können, wir wären ähnlich unauffällig. Natürlich 
bleibt der Aspekt der Unkenntlichmachung gegenüber Nazi-Fotograf_innen. Diesen können wir 
sehr gut verstehen, insbesondere bei den Locals, die nicht nur mit der Bedrohung ihrer 
eigenen Person sondern auch der ihrer Familien rechnen müssen. Dafür braucht es aber bei 
besten Willen kein Schwarz. Perrücken, Wendeklamotten, dezente Vermummung (auch in Farbe 
erhältlich) oder Sonnenbrillen erfüllen hier genauso ihren Zweck, ganz ohne den 
Black-Block-Habitus.

Welche Wirkung hat Black Block an dieser Stelle also nun de facto? Böse aussehen! Wer sich 
einem agressiv-schreienden Mob aus 200 schwarz gekleideten Leuten nähert, wird dies 
entweder tun, weil er_sie sich schon enorm zugehörig fühlt oder weil er_sie genug 
Erfahrung mit dem politischen Gegner hat, um dieses Trara nicht ernst zu nehmen und die 
Gefahr realistisch abschätzen zu können. Der Rest bleibt in aller Regel auf Abstand. Noch 
krasser ist das, wenn Leute z.B. aufgrund von Sprache nicht mal Logos und Sprechchöre 
interpretieren können. Jede_r geflüchtete Kolleg_in wäre ziemlich tollkühn sich einfach 
mal auf Verdacht dieser Meute zu nähern und auch sonst wird sich wohl niemand auf Verdacht 
in diesen homogenen Mob stellen, der_die etwas gegen Nazis hat und Gleichgesinnte kennen 
lernen möchte. Es wird also recht viel Aufwand betrieben, nur um bei der Aktion garantiert 
unter sich zu bleiben.

Schließlich komen wir nicht umhin zu bemerken, dass diese sinnentleerte Anwendung 
militanten Gebarens (nicht mal militanter Aktionen!) in ekelhafter Weise an männliches 
Dominanzgehabe und archaische Einschüchterungstaktiken anschließt. Also Dinge, die wir 
eigentlich bekämpfen wollen und bei denen einige von uns wohl "Gemacker!" oder 
"Uniformismus!" schreien würden.

Wer nun einwendet, dies sei eine Aktion zur Einschüchterung gewalttätiger, rassistischer 
Akteur_innen, dem müssen wir entgegen halten, dass diese Aktion, auch wenn wir 500 Leute 
gewesen wären, wohl niemand unter den Rassist_innen ernstlich eingeschüchtert haben 
dürfte. Jede_r Rassist_in mit ein wenig Verstand wird sich sehr wohl bewusst sein, dass 
die gleiche Anzahl an militanten, rechtsoffenen Menschen in diesem Moment ebenfalls in 
Heidenau zu finden war, eher mehr. Ebenso wird klar sein, dass hier einmalig einige 
Zugereiste aus Leipzig, Chemnitz und Dresden durch die Stadt laufen, die in wenigen 
Stunden a) ganz weit weg sind und b) keinen Fuß in die Stadt setzen werden, auch wenn sie 
in der Nähe sind. Rassist_innen schüchtert mensch nicht durch einmalige Demos ein, ob in 
Freital, Plauen oder Heidenau. Mensch schüchtert sie ein, in dem mensch regelmäßig in den 
Käffern unterwegs ist, dort eigene Politik und Strukturen etabliert und ihnen im Alltag 
auf der Straße die Meinung geigt. Eben das versuchen verschiedene Strukturen in der Region 
(u.a. FAU, AKuBiZ).

Heidenau - ein "Drecksnest" wie viele andere in Sachsen

Zu Beginn der Demonstration stiegen nun also die angereisten Antifaschist_innen aus dem 
Zug und mit lauten "Scheiß Drecksnest!"-Rufen zogen sie martialisch auf den Bahnhof. Das 
Schauspiel erinnerte ein wenig an anreisende Hooligans die sich verbal warm machen um das 
Kaff des gegnerischen Vereins kurz und klein zu schlagen. Die "Drecksnest"-Parole wurde zu 
einer der tragendsten der ganzen Demonstration.

Die Auseinandersetzung um diese und ähnliche Parolen gibt es schon seit Tröglitz, Freital 
usw. Komischerweise war sie in Dresden seltenst zu hören. Ungefähr ebenso lange mahnen 
Leute an, solcherlei hohle Worthülsen auch stecken zu lassen, spannenderweise erstaunlich 
oft Menschen, die versuchen nachhaltig antifaschistische und anarchistische Strukturen auf 
dem Land aufzubauen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir können sowohl den Ärger als 
auch den Wortlaut prinzipiell verstehen. Wir fänden es allerdings begrüßenswert, wenn 
Leute bei politischen Aktionen auf der Straße nicht gleichsam vulgär und lakonisch werden 
wie beispielsweise in ihrem privaten Twitter-Account.

Eine Ansage wie "Scheiß Drecksnest!" sorgt wahrscheinlich nicht dafür, dass sich Menschen 
vor Ort mit Diskriminierung und Kapitalismuskritik auseinandersetzen. Hier könnte entgegen 
gehalten werden, dass mensch sich als Heidenauer_in von dem Spruch wohl nicht angegriffen 
fühlen wird, wenn mensch ebenso sehr die Rassist_innen im eigenen Ort hasst. Nur greift 
das leider schlichtweg zu kurz. Das funktioniert nur, wenn mensch sich schon mit diesem 
schreienden Mob identifiziert und sich quasi auf jeden Fall eher zu den Schreienden als 
den Angesprochenen zählt. Wie schon ausgeführt, haben wir als Demonstration aber nun 
ziemlichen Aufwand betrieben, dass sich wirklich niemand mit uns identifizieren konnte. 
Dazu sollte mensch auch die Auswirkungen des Extremismusdogmas nicht unterschätzen. Nur 
weil mensch auf dem Kaff lebt und die Schnauze von den örtlichen Rassist_innen voll hat, 
vielleicht sogar selbst zu militanten Aktionen gegen sie bereit wäre, sind militante 
Antifaschist_innen oft alles andere als naheliegende Bündnispartner_innen. Schließlich 
wurde einem oft jahrelang eingebläut, dass diese genauso stumpf, gewaltverherrlichend und 
menschenverachtend sein wie die Gegenseite. Unsere Demonstration tat jetzt nicht unbedingt 
viel dafür, dass mensch sich genötigt sehen mussten mit diesem Bild zu brechen.

Gleichzeitig erscheint die Parole auch völlig sinnlos. Mensch sagt im Grunde nicht 
wirklich etwas aus, bzw. ist die Parole im schlechtesten Fall sogar noch so zu lesen, als 
wäre das eigene Nest scheinbar kein Problem. Mit Ausnahme von ganz wenigen Städten ist das 
jedoch schlicht eine Farce. Wir bedenken die Ortschaften in der Nähe: Pirna, Bautzen, Bad 
Schandau, Sebnitz, Hohnstein, Freital, Dippoldiswalde, Radeberg, Niederau und vor allem 
und immer wieder: Dresden. Das Drecksnest aus dem ein Großteil der Teilnehmenden kamen. 
Der Ruf "Scheiß Drecksnest!" muss hier entweder als redundant (doppelt/überflüssig zu 
erwähnen) oder als sau arrogant daherkommen, sind wir doch auch in vielen anderen Städten, 
wie die progressiven Heidenauer_innnen in ihrer Stadt, ohnmächtig gegenüber einer rechten 
Übermacht, vor allem eben auch in Dresden. Auf eine weitere Untiefe dieses "helles" gegen 
"dunkles" Deutschland-Bildes wies die "Pirnaer Autonome Linke" in einem guten Redebeitrag 
auf der Demo hin.1 So schickt die SPD-Wählerin aus Dresden-Löbtau mit ihrer Stimme mehr 
Menschen in den sicheren Tod als es sich ein Heidenauer NPD'ler erträumen kann und geht 
damit nur einer anderen Version menschenverachtender und leistungsorientierter 
Volksgemeinschaft auf den Leim.

Gleichzeitig suggeriert die Parole, die mensch wohl als Vorwurf verstehen kann, dass eine 
Verantwortung am Zustand von Seiten der Rufenden nicht besteht. Auch das ist höchstens 
noch individuell richtig. Der Erfolg, den sich Rechtsradikale heute in Kleinstädten wie 
Freital, Pirna und Heidenau auf die Fahnen schreiben können, nämlich Militanz im Sinne 
ihrer Ideologie über einen organisierten Kreis von Leuten hinaus getragen zu haben und zu 
dem auf noch eine viel breitere Akzeptanz dieser menschenverachtenden Gewalttaten bauen zu 
können, ist Ergebnis jahrelanger Arbeit. Auf verschiedenen Ebenen, z.T. mit Zuzügen, 
Schulungen, Aktionsprogrammen und mehrjährigen Planungen haben rechtsradikale Strukturen 
wie NPD, JN und Freie Kräfte eine annähernd flächendeckende Organisation in allen Teilen 
der sächsischen Peripherie erreicht. Wichtig dabei auch die Rolle rechter Fußballmilieus 
zur Gewinnung von Jugendlichen und Vermittlung der eigenen Werte auch in 
politik-skeptischen Kreisen. Pogrome und Angriffe in Heidenau und Freital, aber auch der 
durchschlagende Erfolg der AfD sind die Ernte jahrzehntelanger, planmäßiger, zeit- und 
geldintensiver Aufbauarbeit von rechts.

Dem gegenüber stehen enorme Versäumnisse der radikalen Linken in den letzten Jahrzehnten. 
Sicherlich mag es eine Menge Widrigkeiten geben, die dazu führen, dass es einfacher ist 
Menschen für rechte als für anarchistische und linksradikale Politik zu begeistern. Diese 
Faktoren zu kennen ist gut und sie waren an verschiedensten Orten Thema. Das macht die 
Arbeit an flächendeckenden Strukturen schwerer aber deshalb nicht weniger nötig. Die 
auffallendsten Hindernisse für eine solche flächendeckende Aufbauarbeit stellten in den 
letzten Jahrzehnten die allgemeine Organisationsfeindlichkeit, die Aufgabe nicht-urbaner 
Gegenden und die Aufgabe eines revolutionären Anspruchs dar.

Soweit wir wissen hatte kaum eine linksradikale Organisation in Deutschland, von denen es 
wie gesagt ohnehin sehr wenig gab, den Anspruch planmäßig und längerfristig Gruppen 
außerhalb von Großstädten aufzubauen und diese zu unterstützen. Auch wurden 
Demonstrationen o.ä. auf dem Land so gut wie immer als reagierende Maßnahme organisiert. 
Organisationsangebote für vereinzelte Menschen mit ähnlicher Meinung wurden nicht 
geschaffen und die Landbevölkerung, ja ganze Gegenden insgesamt als rückständig, 
reaktionär und gefährlich eingeschätzt, gebrandmarkt und aufgegeben. Und auch hier: sicher 
hat das gute Gründe, gerade die Kämpfe der 90er Jahre wurden oft bewaffnet ausgetragen, 
mit Schwerverletzten oder gar Toten.

Trotzdem sehen wir immer wieder: es gibt sie, die emanzipatorisch Denkenden und Handelnden 
auf dem Land. Sie sind meist vereinzelt und hängen es nicht an die große Glocke aber es 
gibt sie und sie sind nicht kleinzukriegen.

Eine radikale Linke, die sich scheut ihre Wohlfühlkieze zu verlassen, die immer wieder 
dazu neigt diejenigen, die nicht ihrer Subkultur oder ihrer Ausdrucksweise entsprechen, 
automatisch als Gegner zu identifizieren und polemisierend anzugreifen, hat ihren Anspruch 
auf Gesellschaftlichkeit ganz offenbar verloren und sich in ihrer Position als rotzige 
Minderheit eben so gut eingerichtet wie in ihrem hippen Kiez, der ihr unterm Arsch 
wegsaniert wird. "Scheiß Drecksnest!" müsste doch gerade auch als Vorwurf an uns selbst 
gelten. Warum stehen die humanistischen Menschen, die es auch in Heidenau gibt, seit 
Jahren allein da? Warum haben wir nie Möglichkeiten geschaffen sich zu organiseren? Warum 
haben wir nie Möglichkeiten geschaffen, sich zu organisieren oder andere Perspektiven zur 
Veränderung zu entwickeln als die der Parteipolitik? Wir als Teil einer Bewegung, die den 
Faschismus bekämpfen und Leuten Lust auf eine bessere Welt machen wollen, müssen 
mindestens so hart gegen uns sein wie gegen die Heidenauer_innen, die auf die Pogrome 
allenfalls defensiv, zu großen Teilen garnicht reagiert haben. "Drecksnest", das kann 
mensch durch die Stadt rufen, wenn mensch sich jahrelang nach besten Wissen und Gewissen 
einer offenen, inhaltlichen Diskussion gestellt hat und sich in der Stadt trotzdem nichts 
bewegt. Es könnten zum Beispiel die Genoss_innen aus Limbach-Oberfrohna rufen. Von den 
vielen aus der Demonstration, die fehlen, wenn libertäre Aktionen auf dem letzten Kaff 
oder in Stadtteilen wie Dresden-Löbtau und Dresden-Gorbitz versucht werden, kommt es 
leider einfach nur selbstgerecht rüber.

Kleiner Exkurs: Klassismus und die radikale Linke

Klassismus ist ein umstrittener Begriff. Er versucht zweierlei zusammenzufassen. 
Einerseits die objektive ökonomische Ausbeutung derer, die nichts zu verkaufen haben als 
ihre Arbeitskraft, anderseits die Diskriminierung, die mensch erfährt, wenn er_sie von 
anderen zu einer Klasse oder einer bestimmten Klassenfraktion zugerechnet wird, ebenso wie 
die Hürden, die sich z.B. für gesellschaftliche Teilhabe aus dieser Klassenzugehörigkeit 
oder Sozialisierung in einer bestimmten Klassenfraktion ergeben.

Dass die radikale Linke, nicht nur in Dresden, ein enormes Problem mit Klassismus hat, 
lässt sich leicht feststellen. Ebenso wie bei Sexismus und Rassismus stellt hier die 
mangelnde Partizipation von Betroffenen in der Bewegung ein erstes, meistens verlässliches 
Indiz dar. Zwar besteht die radikale Linke Dresdens im Wesentlichen aus direkt und 
indirekt2 Lohnabhängigen, vertreten sind aber ganz überproportional bestimmte Fraktionen 
der lohnabhängigen Klasse. (So finden wir z.B. kaum Menschen mit Haupt- und 
Realschulabschlüssen in unseren Reihen.) Überproportional viele Leute unter uns haben ein 
oder zwei Elternteile mit akademischem Hintergrund, sehr wenige stammen aus Familien von 
Hilfsarbeiter_innen und Prekarisierten.

Lässt die Auseinandersetzung in unserer Bewegung über die eigenen Rassismen, 
nationalistischen Klischees, Sexismen usw. schon des Öfteren zu wünschen übrig, findet im 
Vergleich dazu fast gar keine Auseinandersetzung mit Klassismus und den damit verknüpften 
Themen statt. Das zeigt sich an verschiedensten Punkten, u.a. an der verwendeten Sprache, 
die sich in Aufrufen und Redebeiträgen finden lässt, und die oft einen akademischen 
Wortschatz und ein enormes Vorwissen voraussetzen. Oft auch mit einer Attitüde verknüpft, 
die dieses Vorwissen ganz selbstverständlich annimmt.

Noch augenscheinlicher wird das Problem, wenn wir uns ansehen, wie viele der sich als 
radikal und emanzipatorisch verstehenden Menschen sich aktiv als Lohndumper_innen in 
vorrangig hippen Läden einsetzen lassen und sich nicht mit ihren Arbeitsbedingungen 
befassen. Hier werden gesetzliche Absicherungen wie Mindestlohn, Arbeitschutz etc. aktiv 
unterlaufen. Wo so oft von Solidarität geredet wird, sorgen junge, flexible und 
gesundheitlich noch fitte Linksradikale dafür Branchenrealitäten zu schaffen, die ältere 
Kolleg_innen, ohne Notgroschen im familiären Umfeld und mit beträchtlich höheren Ausgaben 
z.B. für Kinder, Gesundheit usw. an die Wand zu spielen.

Schließlich zeigt sich das Desinteresse an der wirtschaftlichen Lage und Verortung von 
sich selbst und anderen auch an der geringen Aufmerksamkeit, die Aktionen und 
Veranstaltungen zu diesem Thema in Dresden von Seiten eines großen Teils der radikalen 
Linken erfahren. Wir erinnern uns hier an das frühere Desinteresse weiter "Szene"-Teile an 
anderen Themen wie Feminismus und Reproduktionsarbeit. Hier hat die Gruppe "e*vibes"3 in 
jahrelanger, sehr guter inhaltlicher Arbeit viel dafür getan, Themen sichtbar und eine 
ernsthafte Beschäftigung mit ihnen als Notwendigkeit deutlich zu machen, nicht zu letzt 
auch innerhalb der FAU Dresden. Vielleicht steht uns dasselbe mit den Themen Klassismus, 
Ausbeutung und Aktualität des Klassenbegriffs bevor.

Hast du die Mandy gesehn? - Ekelhafter Klassismus in Heidenau
Was nun in Heidenau von Teilen der Demonstrationsteilnehmenden dazu mitzubekommen war, war 
lookistisch4, diskriminierend gegenüber Menschen auf dem Land, diskriminierend gegenüber 
Lohnabhängigen, unreflektiert, gewaltaffin und testosteron-geschwängert. Kurz um: Peinlich.

Zu nennen wären dutzende Pöbeleien gegen "Mandys", "Ronnys", "Chantals" und so weiter. 
Diese Namen, die v.a. mit armen Milieus der lohnabhängigen Klasse assoziiert werden, 
werden synonym für dumme Schläger_innen oder gleich für Nazis verwendet. Der Gedanke ist 
klar: Prekäres Umfeld = dumm und gewalttätig = Nazi. Dieser Gedanke funktioniert in einer 
politischen Kultur, in die es Menschen aus entsprechenden Milieus fast nie herein 
schaffen. Entweder weil mensch gar nicht erst in Kontakt kommt oder weil mensch sehr 
schnell wieder abgeschreckt und verprellt wird.

Mit dem Ronny-Bashing greifen die linken Aktivist_innen ihr Bild vom apolitisch oder 
rechtem "Proll"5 direkt bei den RTL-Nachmittagssendungen ab. Solcherlei Medienformate, zu 
nennen wären auch "Comedians" wie Atze Schröder und ähnliche, zeigen einen überzeichneten 
Stereotyp vom wirtschaftlich abgehängten Teil der lohnabhängigen Klasse. Einerseits dienen 
diese Stereotype dazu, sich der eigenen Überlegenheit vor den "Prolls" zu vergewissern, 
anderseits stellen sie auch Leitkultur für eben jene, als "Prolls" gebrandmarkte Teile der 
Gesellschaft dar. Darin inbegriffen sind vor allem auch Medienkonsum und intellektuelles 
Selbststverständnis.

Statt, wie in den Ursprüngen einer progressiven linken Bewegung in Deutschland, das Bild 
von desinteressierten, ungebildeten Lohnabhängigen anzugreifen und zu versuchen dieses 
Selbstverständnis von Innen heraus zu verändern, wird es heute durch Sprüche wie "Ohne 
Bildung wähl ich AfD!" oder das Abstempeln jedes_r Kolleg_in in einer 
Plattenbau-Kollektion als potentiellen Nazi, noch zementiert. Damit tappt eine linke 
Bewegung gleichzeitig noch in die Falle, die von FDP, SPD und CDU ausgegebene Parole "Wir 
sind alle Mittelstand!" ernst zu nehmen und die Kolleg_innen, deren Arbeitsverhältnisse 
oft genug mit unseren gleichen oder noch wesentlich prekärer sind, von oben herab zu 
diffarmieren und die Verantwortung für ihre wirtschaftliche und intellektuelle 
Verfasstheit zu individualisieren, statt sie in Verhältnissen zu erklären.

Die ungeheuerlichsten Geschehnisse waren sicherlich Momente, in denen Sätze fielen wie 
"Alte, was willst du mit deiner scheiß Mandy-Frisur!?" oder die direkte Androhung von 
Gewalt, das Abfilmen von Personen usw. bei Passant_innen, die einfach nur stehen blieben 
und sich für das Spektakel interessierten, dabei aber eben "wie Prolls" aussahen.

Dazu kamen völlig sinnfreie und eine identitäre Spaltung vorantreibende Sprechchöre wie 
"Kühe, Schweine, Ostdeutschland!". Auch Bombardement-Phantasien, in denen der Militarist 
und Rassist Bomber Harris herbei gewünscht wurde, waren keine Seltenheit an diesem Tag.6

Für die Leute von uns, die aus "Proll"-Familien kommen oder mit solcherlei Menschen leben 
und kämpfen ist das einfach nur ein riesen Arschtritt gewesen. Und für alle betroffenen 
Locals vielleicht ein guter Grund sich die nächsten Jahre von "der Antifa" fern zu halten?

Fazit - Für einen Antifaschismus, der nach vorne geht!
Wir hoffen es ist deutlich geworden, warum viele von uns an diesem Tag mit schlechter 
Laune nach Hause gefahren sind. Ebenso ist es hoffentlich plausibel, dass immer mehr 
Mitglieder von uns die Befürchtung haben bei der Beteiligung an antifaschistischen 
Bündnisprotesten wieder in Demonstrationen zu geraten, die voll diskriminierenden 
Verhaltens, ritualisierten Protestformen und männlichen Dominanzgehabes sind.

Wir sind eine Struktur, die versucht in der Region mit Menschen ins Gespräch zu kommen und 
gemeinsam Lust auf sozialanarchistische Alternativen zum Bestehenden zu entwickeln. Mit 
unserer Beteiligung an diesem Tag haben wir dabei unseren Ausgangspunkt in Diskussionen 
alles andere als verbessert. Das frisst uns an, weil wir das Gefühl haben, an diesem Tag 
politisch nichts erreicht zu haben.

Wir hoffen mit diesem Beitrag auf ein paar Effekte: Diskussion über Lookismus, 
Landfeindlichkeit und Klassismus in unserer Bewegung und damit auf eine engagierte 
Intervention, wenn so etwas auf unseren Demonstrationen vorkommt. Eine größere Ziel- und 
Nutzenorientierung in der Konzeption von Aktionen, die klar kommuniziert und nach der dann 
auch gehandelt wird. Eine Debatte unter uns in der Bewegung, wo wir eigentlich im 
Kapitalismus stehen, wo wir Verschlechterungen mittragen, wo wir priviligiert sind und wo 
wir uns eigentlich mehr regen müssten.

Trotz der Kritik noch mal ein dickes Danke an die Orga, an die anderen Gruppen mit ihren 
guten Redebeiträgen, an das Lauti-Team und an alle, die es an diesem Tag nach Heidenau 
schafften und sich nicht wie die Axt im Walde benahmen.

Fehler passieren uns ja auch zur Genüge! Es ist kein Anlass sich zu zoffen oder sich nicht 
mehr Hallo zu sagen. Aber es ist Anlass offensiv zu diskutieren und Probleme auszuwerten. 
Entgegen der Meinung Vieler auch ausdrücklich öffentlich, damit die Debatte für alle 
Beteiligten, inkl. der Anwohner_innen Heidenaus, transparent bleibt und kollektiv 
Fortschritte gemacht werden können

Die Arbeitsgruppen der FAU Dresden:

AFA (Antifaschistiche Aktionen)
SRB (Schwarz-Rote Bergsteiger_innen)
Mandat Region Oberelbe

Fußnoten
1 Redebeitrag der PAL vom 21.08.2016

2 Mit indirekt Lohnabhängigen sind jene gemeint, die zwar keiner Lohnarbeit nachgehen aber 
von Löhnen Dritter oder Lohnersatzleistungen abhängig sind, weil eben auch sie nichts zu 
verkaufen haben als ihre Arbeitskraft. Das betrifft u.a. "klassische Hausfrauen" bzw. 
"Hausmänner", Bezieher_innen von Arbeitslosengeld, Sozialhilfen, gesetzlichen 
Rentenbezügen, Bafög usw.

3 Die Gruppe e*vibes - für eine emanzipatorische Praxis sind Mitglied der Lokalföderation 
critique'n'act im "ums Ganze!"-Bündnis und assoziierte Mitglieder in der Föderation 
deutschsprachiger Anarchist_innen

4 Diskriminierung auf Basis herrschender Schönheitsideale

5 Mittlerweile abwertend benutzter Begriff, meist für Leute aus dem prekären Teil der 
lohnabhängigen Klasse, ursprünglich recht wertneutrale Abkürzung für "Proletarier", also 
Arbeiter.

6 Sir Arthur Harris war Oberbefehlshaber des britischen "Bombing Command". Als solcher 
koordinierte er auch die Bombardierung Dresden im Februar 1945. Sprechchöre die sich auf 
ihn beziehen entstanden v.a. in Auseinandersetzung mit einer Gedenkkultur in Dresden, die 
jegliche Relation für das Leid durch deutsche Kriegsschuld, Porajmos, Shoa und die 
Verwicklung der Dresdner Bevölkerung in diesem Zusammenhang verloren hatte. Es war und ist 
eine Provokation gegen völkische Positionen von einem "unschuldigen Dresden" und in diesem 
Zusammenhang sicherlich plausibel. Abseits davon war Harris aber alles andere als ein 
Humanist, dem es um militärische Effektivität für die Interessen seiner Nation ging. So 
war er sich mit den meisten heutigen AfD'ler_innen einig, dass "Araber" mit starker Hand 
erzogen werden müssten und meinte damit die Bombardierung der Zivilbevölkerung. Ebenso 
wurde wichtige Infrastruktur zur Umsetzung der Shoa ganz bewusst und vorsätzlich beim 
Bombardierungsplan Dresdens nicht als Ziel einbezogen, was tausende Opfer des Faschismus 
hätte retten können. Abgesehen davon, dass militärische Mordphantasien nichts in linker 
Politik verloren haben sollten, hat deshalb auch so ein positiver Bezug auf Harris nichts 
auf einer Antifa-Demo verloren.

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