(de) FDA-IFA, Gai Dao #70 - "Die Resultate sind exakt die gleichen" - Interview mit einem in Katalonien lebenden Anarchisten Von: Toni & Ben

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Fri Oct 7 09:26:14 CEST 2016


Möchtest du zu Beginn die Projekte oder Kämpfe beschreiben, in die du involviert bist? 
---- Ich bin Teil einer Publikations- und Übersetzer*innengruppe, ich bin beteiligt an 
einem besetzten anarchistischen sozialen Zentrum in dieser Stadt, einem 
Gefangenen-Unterstützungskomitee und auch an einer Kampagne gegen Gentrifizierung in der 
Stadt. ---- Kannst du die sozialen und politischen Entwicklungen in Spanien bzw. in 
Katalonien beschrieben? ---- Wir wissen, dass es seit Beginn der Krise viele Entwicklungen 
gab, die öffentlich gut sichtbar waren, wie Proteste oder Wahlsiege bestimmter Parteien, 
aber vielleicht gibt es auch Entwicklungen, die von weitem nicht sichtbar sind. ---- Seit 
der Krise war die Arbeitslosigkeit sehr hoch im ganzen spanischen Staat. In Katalonien 
speziell ist es nicht so schlimm wie woanders und speziell in Barcelona gibt es recht
viele Arbeitsplätze und Wirtschafts-
wachstum. Aber die Beschäftigung ist
größtenteils in prekären Sektoren,
wie Tourismus, zu finden. Die meis-
ten verfügbaren Jobs, sind kurzzeitig
befristete Jobs mit wenigen Rechten
und zudem schlecht bezahlt. Der
Staat war in der Lage, die Krise zu
nutzen um Austeritätsmaßnahmen
umzusetzen und um viele soziale Er-
rungenschaften und soziale Schutz-
maßnahmen loszuwerden. In den
letzten Jahren war es auf verschiede-
ne Weise um einiges ruhiger: es wur-
den seit einiger Zeit keine
Generalstreiks organisiert oder ande-
re große Aktionen gegen die Situati-
on. Es gibt aber weiterhin viele kleine Projekte, es gibt weiterhin großen
Widerstand gegen Zwangsräumungen und auch Hausbesetzungen. Be-
sonders für die Anarchist*innen ist es, denke ich, eine Zeit, um Projekte
aufzubauen: es gibt eine Menge neue anarchistische Infrastruktur-Pro-
jekte oder aufs tägliche Leben fokussierte Projekte, Arbeitskooperativen
und neue Organisationen. Manche von ihnen funktionieren, manche
scheitern. Es ist also auch eine Zeit zum Experimentieren und Lernen.
Zum einen wurde es also viel ruhiger, zum anderen wachsen die Pro-
jekte und werden stärker. Man wird sehen müssen, welche von diesen
beiden Entwicklungen dominieren wird.

Kannst du die anarchistische Bewegung im Allgemeinen beschreiben?

Wenn man über Katalonien und Bar-
celona spricht, ist es eine sehr vielfäl-
tige Bewegung. Es gibt viele
verschiedene anarchistische Strö-
mungen. Ich würde sagen es gibt ei-
nige große Organisationen, aber die
meisten Anarchist*innen organisieren
sich nicht dauerhaft in irgendeiner
formellen Organisation, sondern eher
in Projekten wie sozialen Zentren,
Publikationen, usw. Und dann gibt es
ebenfalls eine große Zahl an Infra-
struktur-Projekte wie anarchistische
Druckereien, anarchistische Kliniken,
Hausprojekte, Büchereien, freie Radi-
os, Bauernhöfe, Kunstateliers, freie
Schulen, Gruppen für Kinderbetreu-
ung, usw. Es gab eine Initiative um
mehr Verbindungen zwischen diesen
verschiedenen Projekten zu schaffen.
Zweimal im Jahr gibt es ein Treffen,
verschiedener anarchistischer Infra-
struktur-Projekte aus Katalonien.
Auch viele der ländlichen Projekte,
wie besetzte Dörfer, Bauernhöfe oder
größere kollektive Häuser außerhalb
der Städte haben Initiativen, um ihre
Koordinierung zu erhöhen, zusammenzukommen, gemeinsam Lehren
zu ziehen oder zu debattieren. Im Sommer war in einem dieser Häuser

ein einwöchiges Treffen, an dem hundert Leute teilnahmen und disku-
tierten, wie autonome Strategien in eine Praxis gebracht werden kön-
nen. Es gibt eine anarchistische Föderation in Katalonien, ich bin mir
nicht sicher, wie groß sie jetzt ist, sie haben 6-12 Gruppen, die sich an
ihr beteiligen 1 . Es gibt eine andere plattformistische anarchistische
Gruppe, die ebenfalls existiert - sie ist sehr klein. Natürlich gibt es die
CNT, die sehr unterschiedlich ist von Stadt zu Stadt, an manchen Orten
kleiner, an manchen größer. An manchen Orten sind sie sehr aktiv in
Arbeitskämpfen, an
manchen Orten betrei-
ben sie nur eine Bü-
cherei oder eine
Buchhandlung oder
machen historische Er-
innerungsaktivitäten,
an manchen Orten sind
sie offener anarchis-
tisch, an manchen eher
reformistisch oder bü-
rokratisch. Es gibt eini-
ge Orte, an denen sie
sich in bedeutender Art
und Weise an Arbeits-
kämpfen beteiligen,
aber nicht so viele. Es
gibt ebenfalls die CGT,
die sich von der CNT
abgespalten hatte und
recht groß ist, aber
auch bürokratischer. Sie
empfangen staatliche
Gelder, usw. Innerhalb
dieser Organisation gibt
es viele anarchistische Militante, aber sie sind nicht in der Mehrheit.
Das wären die formellen Organisationen, die bestehen, aber wie ich ge-
sagt habe, die meisten Anarchist*innen in Katalonien beteiligen sich
nicht an diesen Organisationen, sondern fokussieren sich mehr an spe-
zifischen Projekten. Es gibt also viele unterschiedliche anarchistische
Strömungen in Katalonien, wie ich erwähnt hatte, zum Beispiel Anar-
chosyndikalist*innen oder formelle linke Anarchist*innen, Insurrektio-
nalist*innen und Öko-Anarchist*innen. Und die Menschen neigen auch
dazu, die verschiedenen Labels zu viel zu gebrauchen. Sie sind nicht
notwendigerweise gespalten in eindeutige Lager. Aber es reflektiert,
dass es viele verschiedene Herangehensweisen zu anarchistischen
Kämpfen gibt, die stattfinden.

Du hast bereits Repression angesprochen. Die Operation Pandora wurde stark wahrgenommen 
unter Anarchist*innen in Deutschland. Wie haben sich diese Fälle entwickelt?

Neben der Operation Pandora gab es viele andere Operationen. Die ers-
te war Operation Colummna, infolge derer Monica und Francisco in-
haftiert wurden, zwei Genosse*innen, die hier lebten. Es gab zwei Teile
der Operation Pandora, bei denen ca. zwanzig Personen inhaftiert wur-
den. Es gab ebenso die Operation Pinata, die vor allem in Madrid ge-
schah, bei der es aber auch Verhaftungen in Barcelona und Valencia gab
und dann die Operation Eis, eine andere Operation in Madrid. Es gab
also eine Menge Antiterroroperationen, die Anarchist*innen betrafen
und Pandora ist die bekannteste davon. Die meisten davon sind ver-
bunden mit den gleichen Anschuldigungen und der gleichen Phantom-
organisation, die die Polizei erfunden hat. Es gab einige gute
Neuigkeiten zur Operation Pandora: vor einigen Monaten wurden die
Verfahren gegen die Menschen, die ein Gerichtsverfahren wegen Pan-
dora II erwarten und vor einem Jahr inhaftiert worden waren, einge-
stellt. Sie müssen nicht mehr vor Gericht. Ein Richter in Madrid
entschied, dass es keine Indizien für eine Terrororganisation oder terro-
ristische Aktivitäten gab. Die erste Gruppe der, im Fall Pandora, Festge-
nommenen und die anderen vorher genannten Fälle erwarten weiterhin
einen Prozess oder sind bereits inhaftiert, wie Monica und Francisco.
Die Tatsache, dass ein Fall fallen gelassen wurde, ist positiv. Es bedeu-
tet, dass für die anderen die gleiche Möglichkeit besteht. Aber sie kön-
nen auch einfach entscheiden, sie oder einige von ihnen zu verurteilen
und ins Gefängnis zu stecken, wie Monica und Francisco. Das Fehlen
von Beweisen ist kein Grund zu erwarten, dass sie nicht ins Gefängnis
wandern werden. Es geht also immer noch darum, Unterstützung zu
organisieren. Gerichtsprozesse dauern eine lange Zeit und die ganze
Zeit über werden Menschen ermüdet und Ressourcen der Bewegung
benötigt wie z.B. Geld für Anwälte. Eine andere Entwicklung ist, dass
am 14. April eine Genossin aus Barcelona, die in der ersten Pandora-
Operation festgenommen wurde, jetzt außerhalb des Gefängnisses auf
ihren Prozess wartete und wiederum mit einem europäischen Haftbe-
fehl festgenommen wurde, um nach Deutschland ausgeliefert zu wer-
den, wo sie angeklagt ist, an Banküberfällen in Aachen beteiligt gewe-
sen zu sein. Ein niederländischer Genosse sitzt bereits seit einiger Zeit
in Untersuchungshaft und die Genossin, die am 14. April festgenommen
wurde, wurde nun nach Deutschland ausgeliefert, sitzt dort im Gefäng-
nis und wartet auf ihren Prozess. Das ist ebenfalls etwas, wofür wir Un-
terstützung organisieren, mit Besuchen, Briefe schreiben, finanzielle
Unterstützung. Und das ist etwas, bei dem die deutschen Genoss*innen
gut helfen könnten.

Zusätzlich dazu gibt es viele Fälle, die nicht Anarchist*innen im Beson-
deren zum Ziel haben: es sind über 20 Studierende inhaftiert, die wäh-
rend der Studierendenbewegung gegen die Uniprivatisierung
festgenommen wur-
den. Sie erwarten
wirklich lange Haft-
strafen. Sie wurden
nach der Unibeset-
zung der Universidad
Autonoma in Barce-
lona festgenommen.
Es gibt einen Antifa-
schisten aus Madrid,
Alfons (gerade in
Haft, der während ei-
nem der General-
streiks 2012
festgenommen wurde.
Es gibt immer noch
einige Menschen, die
ihren Prozess erwar-
ten, weil sie sich an
den Generalstreiks
zwischen 2010 und
2012 beteiligt haben
und die des Randalierens und der Sachbeschädigung beschuldigt wer-
den. Es gibt ebenfalls Prozesse gegen Menschen, die nach der Räumung
der sozialen Zentren Can Vies und El Banc Expropriad in Barcelona
festgenommen wurden. Diesen Frühling wurde El Banc Expropriad, ei-
ne besetzte Bank, geräumt, das ein wichtiges besetztes soziales Zentrum
in Gracia in Barcelona war und es gab einige Wochen Proteste und
Riots, als die Polizei es räumte.

Ein in ganz Europa präsentes Thema, ist das der Migration. Wie ist die Situation in 
Spanien? Wie reagiert der Staat darauf und wie denken die Menschen darüber?

Die sogenannte Flüchtlingskrise hatte keine großen Auswirkungen in
Spanien, weil wir weit von den Fluchtrouten der Menschen aus Syrien,
dem Irak oder Afghanistan entfernt sind. Beinahe alle undokumentierte
Migration kommt hier von Marokko und blieb bisher recht stabil. Eben-
so kommen viele aus Lateinamerika. Es gibt einige anarchistische Grup-
pen, die Solidarität mit Migrant*innen organisieren und versuchen,
gegen den ganzen Grenzapparat zu kämpfen. Es gab ebenfalls viele An-
archist*innen, die nach Griechenland oder in die Türkei reisten und
versuchten, mit selbstorganisierten Camps, Solidaritätsinitiativen mit
Flüchtenden in ihren Kämpfen dort zu organisieren. Für einige Wochen
brachten die Medien hier viele Nachrichten zur so genannten Flücht-
lingskrise und einige rechte Politiker beklagten sich, dass Spanien Ge-
flüchtete aufnehmen müsse. Aber die Zahl der Geflüchteten, die die
spanische Regierung aufnahm, ist sehr gering. Und weil Spanien so weit
weg ist von den Hauptfluchtrouten aus dem Nahen Osten, gab es nicht
viele Möglichkeiten, direkte Aktionen zu organisieren, um Menschen
willkommen zu heißen, die aus Kriegsgebieten fliehen; in der Art wie es
z.B. in Griechenland viele Initiativen gibt. Es gibt z.B. eine Gruppe in
Barcelona von Migrant*innen, Geflüchteten und Menschen in Solidari-
tät mit ihnen, die
große Häuser besetzt
haben, um Wohn-
raum für undoku-
mentierte Menschen
zu schaffen. In Gan-
zen haben die Medi-
en ein paar Wochen
viel über die so ge-
nannte Flüchtlings-
krise geredet und
dann aufgehört, ihr
Beachtung zu schen-
ken. Es wurde hier
nicht als lokale Krise
gesehen und deswe-
gen war es nicht sehr
nützlich für die
Rechten, um Profit
daraus zu ziehen. Sie
haben darüber gere-
det, aber es hatte
keinen großen Auswirkungen hier. Und die extreme Rechte leidet unter
sehr großen Organisationsproblemen. Sie existiert weiterhin und ist
noch immer eine Gefahr, aber sie wächst nicht, ich würde eher sagen
sie schrumpft. Die Mainstream-Rechten sind auch so fremdenfeindlich
genug. Sie brauchen für ihre Taten keine Faschist*innen.

Gerade in Katalonien gibt es eine starke Unabhängigkeitsbewegung und besonders auch von 
linken Gruppen. Was denken Anarchist*innen darüber?

Die Graswurzel-Unabhängigkeitsbewegung ist größtenteils links und
ein großer Teil davon bezeichnet sich selbst als antikapitalistisch, auch
wenn es ein sehr seichter Antikapitalismus ist. Aber als die Krise be-
gann, fingen die großen Parteien in Katalonien an, die Unabhängig-
keitsbewegung zu unterstützen, aber nur auf einer rein politischen
Ebene. Sie werben einfach für einen katalanischen Staat. Und diese
Parteien, CiU und ERC sind Parteien, die für die Austeritätsmaßnah-
men verantwortlich waren 2 . Es gibt also auch Unterschiede in der Un-
abhängigkeitsbewegung. Anarchist*innen haben verschiedene
Meinungen über den linken antikapitalistischen Teil der Unabhängig-
keitsbewegung. Die Mainstream-Unabhängigkeitsbewegung wird na-
türlich nicht nur von Anarchist*innen, sondern auch von vielen
anderen linken Aktivist*innen als Ergebnis der Krise und als Versuch
der politischen Eliten gesehen, an der Macht zu bleiben und Unterstüt-
zung aus der Bevölkerung zu erhalten. Es gibt einige anarchistische
Gruppen oder Individuen die sich als Anarcho-Indepes bezeichnen, also
anarchistische Unabhängigkeitsaktivist*innen, die versuchen, an der
Unabhängigkeitsbewegung teilzunehmen und die Bedeutung davon zu
betonen, nicht nur einen katalanischen Staat, sondern Unabhängigkeit
von jedem Staat zu unterstützen. Sie sind in der Unabhängigkeitsbewe-
gung nur eine kleine Minderheit. Viele Anarchist*innen lehnen es voll-
kommen ab, der Thematik eine Bedeutung einzuräumen. Und es gibt
Anarchist*innen, die einen Unterschied machen zwischen linguistischen
und kulturellen Zielen und jeder Form nationalistischer Bewegung. Ka-
talanisch war verboten unter dem faschistischen Regime und es gibt
immer noch viele Maßnahmen, die Spanisch dominant machen. Viele
Personen die Katalanisch als Muttersprache sprechen, Anarchist*innen
einbezogen, finden es daher wichtig, sicherzustellen, dass die Sprache
nicht aus stirbt. Aber die meisten Anarchist*innen beteiligen sich defi-
nitiv nicht an der Unabhängigkeitsbewegung und unterstützen sie nicht
und machen einen deutlichen Unterschied dazwischen, über kulturelle
Unterdrückung zu reden und der Unterstützung einer nationalistischen
Bewegung. Soweit sie Basisbewegungen und mehr auf der Straße aktiv
sind, sind die linken Teile der Unabhängigkeitsbewegung auf die eine
oder andere Weise antikapitalistisch und manchmal gibt es Zusammen-
künfte mit Anarchist*innen, wie in Zeiten der Repression oder in Gene-
ralstreiks oder ähnlichem. Dann gibt es Kontakt, aber es gibt auch recht
starke Unterschiede.

Was hältst du von munizipialistischen Bewegungen wie Ganemos/Guanyem oder Barcelona en 
Comu, die basisdemokratische Methoden nutzen? Sind Anarchist*innen an deren Basisgruppen 
beteiligt?

Wenn wir spezifisch über Gruppen mit munizipialistischer Strategie
sprechen, sprechen wir von solchen links von Podemos. Podemos ist
jetzt eine große Partei in Spanien, die größtenteils auf einem Syriza-
Modell fußt. Und tatsächlich sah es so aus, als würden sie die Parla-
mentswahlen gewinnen, aber sie verloren eine Menge Unterstützung,
nachdem Syriza die Austeritätsmaßnahmen in Griechenland unter-
zeichnete. Es gibt in den Augen der Menschen, eine sehr direkte Verbin-
dung zwischen ihnen. Links von ihnen finden wir die neuen
munizipialistischen politischen Formationen. Manche von denen fokus-
sieren sich auf eine Stadt, wie die politischen Parteien, die tatsächlich
direkt von Aktivist*innen-Gruppen gegründet wurden. Es ist also kein
typischer Fall einer politischen Partei, die eine Aktivist*innen-Gruppe
kooptiert, sondern eine Aktivist*innen-Gruppe, die eine politische Partei
formt. Solche wären z. B. Barcelona en Comu, die die Wahlen in Barce-
lona gewonnen haben und nun die Bürgermeisterin stellen oder Com-
promis in Valencia, die ebenfalls den Bürgermeister stellen, der dafür
berühmt ist, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Es gibt keine anar-
chistische Beteiligung an diesen Gruppen und alle ihre Resultate waren
keine Überraschungen, sondern genau die Arten von Verrat, die zu er-
warten waren. Der fortschrittliche Bürgermeister von Valencia z. B. hat
tatsächlich die Gentrifizierung in Carbanal, einem der proletarischsten
und nicht-weißesten Stadtteile beschleunigt. Die vorherige Stadtver-
waltung von den Konservativen, der Partido Popular, hatte lange Zeit
versucht den Stadtteil, durch den Bau einer breiten Straße hindurch, zu
zerstören. Und die neue fortschrittliche Partei annullierte die Pläne für
die Straße. Sie hielten also ihr Wahlversprechen, dieses große Baupro-
jekt zu stoppen, aber anstelle dessen fokussierten sie sich sehr aggressiv
darauf, den Stadtteil zu gentrifizieren, schickten die Polizei, versuchten
mehr Studierende und mehr Touristen hinein zu bringen. Sie sind also
wesentlich intelligenter darin, das Stadtviertel zu zerstören, als es die
Konservativen waren. In Barcelona ist die Bürgermeisterin Ada Colau
viel besser darin, fortschrittlich zu wirken und versucht ein bisschen
mehr Geld für Sozialprogramme und für die armen Stadtteile zu be-
kommen. Aber beide Parteien haben ihre größten Versprechen nicht
eingelöst. Sie hatten versprochen, die Internierungslager für Mi-
grant*innen zu schließen und sie haben diese Forderung symbolisch
unterstützt, aber sie haben damit nur die Bewegung institutionalisiert
und doch nichts getan. Faktisch hat sich die Situation für afrikanische
Immigrant*innen ohne Papiere, die oft auf der Straße Dinge verkauft
haben (Kleider, Taschen, Uhren, ...) um zu überleben, sehr verschlech-
tert, nachdem Ada Colau ins Amt kam. Sie haben versucht, sie voll-
kommen von der Straße fernzuhalten. Und jetzt, wo die Medien die
Partei beobachten, helfen sie ihnen dabei, Kooperativen für Straßenver-
käufer*innen ohne Papiere zu gründen, aber die besteht nur aus einem
dutzend Menschen. Sie ändern also Symbolisches, aber die ihnen zu-
grunde liegenden Dinge bleiben gleich oder werden schlimmer. Ada
Colau versprach auch, die Riot-Einheiten der kommunalen Polizei ab-
zuschaffen, sie hat das aber nicht getan. Sie stoppte einige große Bau-
vorhaben, aber tatsächlich gibt sie nur eine intelligentere Form der
Unterstützung für Gentrifzierungspläne in Barcelona, als die vorherige
konservative Regierung. Barcelona war schon vorher geteilt in eine
Form von "durchgebrannte-Studenten-saufen-am-Strand"-Tourismus
und einem kultivierten und auf den Technologie-Sektor fokussierten
Tourismus, der dabei hilft, Start-Ups und Appentwickler anzuziehen
oder auch Personen, die in Barcelona zu Handelskongressen gehen oder
Betriebsurlaube machen. Also Arbeitende im Technologiesektor, die
einen Monat mit ihrem Laptop an den Strand gehen und abhängen,
aber auch Telefonkonferenzen führen und übers Internet an ihren Pro-
jekten arbeiten wollen. Dieses zweite Modell ist ein viel intelligenteres
Modell für die Elite von Barcelona, es ist profitabler und das meiste was
Ada Colau getan hat um den Tourismus zu verlangsamen, diente ei-
gentlich dazu, ihn effizienter zu machen und die Konflikte zwischen
diesen zwei sehr unterschiedlichen Modellen zu lösen. Es ist nichts
Überraschendes an diesen Parteien, keine von ihnen hat große Verände-
rungen vorgenommen. Sie sind offensichtlich unterschiedlich zu den
Konservativen vor ihnen, aber einige ihrer größten Effekte waren, so-
ziale Bewegungen zu institutionalisieren oder manchmal sogar Dinge
schlimmer zu machen.

Wenn man davon weiter nach links geht, gibt es in Katalonien die CUP,
die so fortschrittlich ist, dass sie sich nicht einmal als politische Partei
bezeichnet, sondern als Liste von Kandidat*innen, auch wenn sie prak-
tisch eine politische Partei sind. Sie kontrollieren die Stadträte und stel-
len die Bürgermeister in einigen kleineren Städten Kataloniens und sind
ebenfalls eine recht bedeutende Minderheit im katalanischen Parla-
ment. Die regierende Fraktion braucht ihre Unterstützung, um Gesetze
zu verabschieden. Und sobald sie infolge der Wahlen ihren Einfluss ver-
größerten und in die kritische Situation kamen, in der sie diejenigen
waren, deren Unterstützung gebraucht wurde, damit die Regierung ge-
bildet werden konnte, haben sie sehr schnell ihre Wahlversprechen ge-
brochen und haben begonnen, die Hauptmaßnahmen der
Regierungsfraktion zu unterstützen. Was sehr interessant daran ist: wie
ich erwähnte sind sie sehr fortschrittlich, sie funktionieren nicht wie
eine traditionelle hierarchische politische Partei, sondern nutzen Ver-
sammlungen und Kongresse, bei denen alle Mitglieder abstimmen kön-
nen, um zu Entscheidungen zu kommen. Und es war sehr interessant,
dass bis zu einem gewissen Punkt Gruppen wie Barcelona en Comu und
Compromis und besonders die CUP viel direktdemokratischer sind als
jede traditionelle politische Partei und Versuche unternehmen, horizon-
tale Taktiken innerhalb von Wahlpolitik zu nutzen und einige von ihnen
zumindest versuchen, es anders zu machen. Aber die Resultate sind am
Ende exakt die gleichen. Es ist business as usual, Unterstützung für die
regierenden Parteien oder die Pläne, die die regierenden Parteien um-
setzen. Nichts ändert sich wirklich. Es ist sehr wichtig, dass Menschen
den Versuch aufgeben, Politik funktionieren zu lassen. Oder zu denken,
wenn sie Dinge ein bisschen oder sogar sehr anders machen, Versamm-
lungen und all das nutzen, dass sie dann mit Demokratie die Menschen
vorm Kapitalismus schützen können. Immer wieder wird bewiesen,
dass das nicht funktioniert. Und die CUP ist ein wirklich großartiges
Beispiel, denn sie nutzen eine Menge Methoden der direkten Demokra-
tie und trotzdem war es exakt das Gleiche. Unglücklicherweise gibt es
einige Anarchist*innen in der CUP, aber nur sehr wenige.

[1] Die Federació Anarquista de Catalunya listet aufihrer Website 
(www.federacioanarquista.org) 19 Mitglieder, darunter aber auch Zentren und libertäre 
Versammlungen.
[2] Die Convergència i Unió heißt nach einer Aufspaltung inzwischen Convergència 
Democràtica de Catalunya und ist konservativ-liberal, die Esquerra Republicana de 
Catalunya sozialdemokratisch. 2015 gründeten sie das Wahlbündnis Junts pel Sí, dass 
aktuell die Regierung in Katalonien stellt.


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