(de) FDA-IFA, Gai Dao #70 - Ein persönlicher Rückblick auf den 10. IFA­-Kongress in Frankfurt (Main) Von: madalton (Libertäres Bündnis Ludwigsburg)

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Wed Oct 5 10:08:09 CEST 2016


Vom 4. bis zum 7. August 2016 fand in Frankfurt am Main der 10. Kongress der 
Internationalen der anarchistischen Föderationen (IFA-IAF) statt. Vier Tage lang 
begegneten, informierten und tauschten sich Menschen von 22 Föderationen und Gruppen (aus 
4 Kontinenten) über die sozialen und politischen Verhältnisse, gaben Erfahrungen weiter 
und erarbeiteten neue Strategien, wie eine Welt ohne Ausbeutung und Herrschaft, Armut und 
Ungerechtigkeit verwirklicht werden kann. ---- Lokal wurde der Kongress von der Föderation 
deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) organisiert, mit großer Unterstützung von den 
Kochkollektiven LeSabot und Vapca sowie einigen Menschen und Zusammenhänge aus Frankfurt, 
ohne die so ein großes Ereignis nicht möglich gewesen wäre.

Dieser Bericht hat nicht den Anspruch alle Diskussionen, Themen und
Ereignisse zusammenfassend zu behandeln. Vielmehr sollen im Folgen-
den einige meiner persönlichen Erfahrungen und subjektiven Eindrücke
des Geschehens beschrieben werden. Der IFA-Kongress 2016 war mein
erstes Treffen auf IFA-Ebene. Dementsprechend aufregend und neuartig
kam mir vieles vor. Bisher war die Internationale der anarchistischen
Föderationen für mich nicht wirklich greifbar geworden, lässt man den
regelmäßigen Informationsfluss online sowie ein paar Solidaritätsaktio-
nen außen vor. Eine gute Gelegenheit also herauszufinden, wie eine Zu-
sammenarbeit über Sprachgrenzen und Kontinente hinweg
funktionieren kann.

Ich reiste schon einen Tag vor Kongressbeginn an. Und schon bei mei-
ner Ankunft mittags im Studierendenhaus, dem Ort des Kongresses,
konnte ich zum ersten Mal spüren, wie vielfältig die nächsten Tage wer-
den würden: Ich fand mich sofort im Gespräch mit zwei anarchistischen
Gefährt*innen aus Patras wieder, die kurz nach mir angekommen wa-
ren. Im Laufe der nächsten Stunden kamen immer mehr Kongressteil-
nehmende an: Menschen fielen sich ausgelassen in die Arme und
feierten überschwänglich ihr Wiedersehen, neue Leute wurden herzlich
begrüßt und so bildete sich im und vor dem Cafe ein fröhliches und
mehrsprachiges Beisammensein.

Am späten Nachmittag hatten die Anwesenden die Möglichkeit an ei-
ner politischen Führung zu Orten der Arbeiterbewegung und radikalen
Protesten rund um die Bockenheimer Warte teilzunehmen. Eine gute
Gelegenheit, die Übersetzungstechnik zu testen. Die informative Tour in
drei Sprachen ließ die ca. 20 Interessierten in die Hausbesetzungsbewe-
gung eintauchen und führte sie an Orte wie das Institut für Sozialfor-
schung und das ehemals bestehende Institut für vergleichende
Irrelevanzen (IvI) und schlug einen historischen Bogen von den 1920ern
bis in die Gegenwart.

Am nächsten Tag wurde der Kongress offiziell eröffnet. Nach der Be-
grüßung aller Teilnehmenden und einiger einführender Worte zum
Kongress folgte mit der offiziellen Aufnahme der Anarchistischen Fö-
deration aus Mexiko (FAM), der Anarchistischen Föderationsinitiative
aus Brasilien sowie der Anarchistischen Lökalföderation aus Valdivia,
Chile (FALV) in die IFA ein erstes Highlight. Somit sind nunmehr 13
Föderationen in der IFA föderiert und die Europa-Zentrierung wird ein
gutes Stück aufgebrochen. Gleichzeitig stellen sich neue Herausforde-
rungen in der internationalen Zusammenarbeit, angefangen bei der
Kommunikation (bisher vor allem Englisch) oder beispielsweise über
den Ort der halbjährlichen Delegiertentreffen (welche die letzten Jahre
immer in Europa stattfanden). Diese und weitere Fragen zu dieser neu-
en Situation wurden zu einem späteren Zeitpunkt des Kongresses dis-
kutiert, zeigten jedoch die Schwierigkeiten einer Föderierung und
anarchistischen Zusammenarbeit über Kontinente hinweg. Neben den
neuen Mitgliedern gibt es auch weitere Föderationen und Projekte aus
verschiedenen Ländern (vora allem) außerhalb Europas, die ihr Interes-
se an einer Zusammenarbeit mit der IFA bekundeten.

In den vier Kongresstagen gab es unzählige Arbeitsgruppen und jede
anwesende Föderation (oder Gastgruppe) hatte die Möglichkeit die po-
litische und soziale Situation in ihrer Region kurz darzustellen sowie
von der Lage des Anarchismus in der Region allgemein und zu eigenen
Aktivitäten zu berichten. Diese Möglichkeit nahmen fast alle Födera-
tionen/Gastgruppen wahr. Eine einzigartige Gelegenheit von vielen
Teilen der Welt informative Einblicke in die Lebenssituation anarchisti-
scher Aktivist*innen zu erhalten.

Die Arbeitsgruppen befassten sich unter anderem mit den Themen
Krieg und Nationalismus sowie antinationalen Strategien; Flucht und
Migration; Repression; Safer Spaces; Kampf gegen das Patriarchat;
Stadt(teil)kämpfe sowie der Verbreitung des Anarchismus allgemein so-
wie des strömungsübergreifenden anarchistischen Föderalismus (wie
ihn die IFA praktiziert) im besonderen. Die Themen der Arbeitsgruppen
waren durch einzelne Föderationen vorbereitet und viele der Inhalte in
den halbjährlich stattfindenden CRIFA-Delegiertentreffen der IFA-Fö-
derationen schon vorgestellt und (in den einzelnen Föderationen und
deren Mitgliedsgruppen) diskutiert worden.

Da ich organisatorisch eingebunden war und mich immer wieder mit
anderen Leuten aus der FdA über zu erledigende Dinge austauschte,
hatte ich wenig Gelegenheit an den Arbeitsgruppen und Diskussionen
zu beteiligen (manchmal konnte ich mich auch nicht konzentrieren und
verließ nach ein paar Minuten wieder den Raum). Dennoch konnte ich
an spannenden Veranstaltungen teilnehmen und möchte hier ein paar
kurz vorstellen.

Ein Aktivist der Gruppe "Revolutionäre Anarchistische Aktion" (DAF)
berichtete von ihren Aktivitäten in Istanbul und in einem Flüchtlings-
camp in Suruc, nahe der Staatsgrenze Türkei-Syrien. Sie betreiben als
Kollektiv zwei Cafes in Istanbul, durch die sie finanzielle Erlöse für die
Gruppenaktivitäten erwirtschaften und agitieren können. Weiterhin
sind eine anarchistische Jugendgruppe, eine Studierendengruppe sowie
spezielle Syndikate (zum Beispiel für die Baubranche) Teil der DAF. Au-
ßerdem geben sie regelmäßig und türkeiweit die Zeitung "Meydan"
heraus und unterstützen die revolutionären Prozessen in Rojava und
Bakur. Diese große Bandbreite an Aktivitäten ist beachtlich. Dement-
sprechend teilen sie ihren Alltag, indem sie gemeinsam arbeiten, lernen
und wirtschaften. 1

Die starke Repression des türkischen Staats gegen die kurdische Bewe-
gung sowie oppositionelle Gruppen allgemein macht aktuell auch vor
der DAF nicht halt. Ihr Zeitungsbüro wurde geschlossen und drei neue
Ermittlungsverfahren eröffnet. Weitere repressive Schritte des Staates
gegen die Gruppe sind zu erwarten. 2

Eine spannende Entwicklung ist aktuell auch auf Kuba zu beobachten:
Das seit fünf Jahren bestehende anarchistische Kollektiv in Havanna
will ein eigenes soziales Zentrum gründen, das erste anarchistische
Zentrum auf Kuba. Da eine Hausbesetzung aktuell nicht durchsetzbar
wäre und die Anmietung der Räumlichkeiten durch Druck der Polizei
auf die Vermieter*innen nicht durchführbar ist, werden sie ein Haus
kaufen (müssen). 3

Der Delegierte der Gruppe "Taller Libertario Alfredo Lopez (TLAL) be-
richtete, dass die soziale Lage auf Kuba aktuell vergleichsweise gut ist.
Die Gesellschaft ist jedoch sehr autoritär und zentralistisch organisiert.
Dies birgt die Gefahr, dass alle sozialen Errungenschaften wieder verlo-
ren gehen können. Der offizielle Antiimperialismus der Staatsregierung
wird von den Anarchist*innen auf Kuba kritisiert, da er ohne libertäres
Bewusstsein Unterdrückungsmechanismen hervorbringt und festigt,
wie auf Kuba festzustellen ist. Viele Anarchist*innen auf Kuba wander-
ten in die USA aus (vor allem
nach Miami). Dort hatten sie
lange Zeit eine eigene Zeit-
schrift. Jedoch fehlte lange
Zeit die Verbindung zu den
Gefährt*innen, die noch auf
Kuba leb(t)en. Seit es die
Möglichkeiten des Aus-
tauschs gibt, spielt der Aus-
tausch zwischen den
Anarchist*innen auf Kuba
und denen im Exil eine grö-
ßere Rolle.

Das anarchistische Kollektiv
in Havanna befasst sich mit-
tels Nachbarschaftsarbeit mit
den Themen Antirassismus
und Dekolonisierung, den
Folgen der "sozialistischen

Modernisierung" (ein Großteil der Böden ist von Düngemitteln ver-
schmutzt, die Kuba aus der UdSSR bekommen hatte) sowie dem Kon-
sumentenschutz, da viele schlechte oder schädliche Produkte im
Verkauf sind. Außerdem geben sie eine Zeitung heraus, die bisher in 6
Ausgaben mit einer Auflage von 100 Stück pro Auflage erschienen ist.

Die Arbeitsgruppe zu Safer Spaces wurde von der britischen Anarchis-
tischen Föderation (AFed) vorbereitet. Die Afed hat innerhalb ihrer Or-
ganisation das Thema, wie die Mitglieder untereinander umgehen
wollen, diskutiert und eine Policy ausgearbeitet, die den Umgang mit-
einander und auf Veranstaltungen der Afed-Gruppen regeln soll sowie
Verfahren beschreibt, wie mit unterdrückendem Verhalten umgegangen
werden soll ohne autoritäre Mittel anzuwenden (und stellt damit eine
Alternative zum repressiven Umgang in der heutigen Gesellschaft in-
klusive Gefängnissen und Bestrafung). Durch die Veröffentlichung die-
ser Policy im Vorfeld von Veranstaltungen der Afed (-Gruppen) soll die
gesamte Veranstaltung ein Safer Space werden (statt wie ich es im
deutschsprachigen Raum und darüber hinaus bislang kannte einzelne
Räume/Zonen als Rückzugsräume für Betroffene von Diskriminie-
rung/Grenzverletzungen/Gewalt eingerichtet werden). Ziel der Ar-
beitsgruppe Safer Spaces soll sein, dass in den IFA-Föderationen sowie
auf IFA-Ebene ein ähnlicher Prozess angestoßen werden soll (Fernziel
könnte eine gemeinsame Policy für alle IFA-Veranstaltungen sein).

Zunächst gab es einen Austausch über Erfahrungen mit Safer Spaces
und Awareness-Konzepten in den anwesenden Föderationen. Alle sie-
ben vertretenen Föderationen (aus dem europäischen Raum) haben Er-
fahrungen mit Safer Spaces gesammelt und/oder diskutieren das
Thema, und in einigen Gruppen gibt es Versuche Safer-Spaces-Konzepte
auf Veranstaltungen oder in Räumlichkeiten auszuprobieren. Auch in
der Umsetzung gibt es Unterschiede, zum Beispiel die Ausweitung auf
Drogenkonsum oder Organisation von Selbstverteidigungskursen. An-
dererseits kann auch eine gegenläufige Tendenz festgestellt werden:
Einzelne Personen sagen, dass es innerhalb der anarchistischen Szene
oder der eigenen Föderation schwierig sei, dieses Thema umzusetzen, da
es zum Teil starke Abwehrtendenzen gibt. Die Haltung, dass die Gesell-
schaft sexistisch sei, Anarchist*innen jedoch nicht, sei immer noch ver-
breitet, berichten Anwesende von zwei Föderationen. Dies erschwere
die Thematisierung und Umsetzung von Safer-Space-Konzepten in die
Praxis. Innerhalb der FdA gibt es mehrere Gruppen, die Erfahrung mit
Safer-Space-Konzepten haben (u.a. e*vibes Dresden, AG Neukölln, A-
Kollektiv Glitzerkatapult, ASJ Bonn, Anarchistisches Netzwerk Süd-
west*).

Im Anschluss an den Erfahrungsaustausch stellen die Vertreter*innen
der Afed ihre Policy sowie den Prozess der Ausarbeitung innerhalb der
Föderation vor. 4 Sie betonten, dass es wichtig sei eine Policy zu haben
und diese bei Veranstaltungen (schon im Vorfeld) anzukündigen, damit
alle Teilnehmenden der Veranstaltung bei ihrer Teilnahme der Policy
zustimmen. Sollte es bei der Veranstaltung zu unterdrückendem Ver-
halten kommt, können sich alle Teilnehmenden auf die Policy berufen
und der Umgang mit der Situation ist für alle ersichtlich. Wichtig sei
auch, dass im Vorfeld der Veranstaltung eine Kontaktmöglichkeit (bei-
spielsweise eine E-Mail-Adresse) angegeben wird für Rückfragen etc.
Zusammenfassend gibt es zwei Vorgänge (processes): Kommt es zu kör-
perlicher Gewalt oder sexuellem Übergriffen, wird die gewaltausübende
Person von der Veranstaltung verwiesen. Bei verbalen, emotionalen
oder geschriebenen Misshandlungen sollen andere Strategien im Um-
gang mit der grenzverletzenden Person angewendet werden. Die Ausar-
beitung der Strategien bei solchen Situationen (sowie die Erprobung in
der Praxis) soll in den einzelnen Föderationen stattfinden und bei den
nächsten Treffen auf IFA-Ebene wieder diskutiert werden. Eine kleinere
Arbeitsgruppe mit Vertreter*innen aus den Föderationen arbeitete zu ei-
nem späteren Zeitpunkt des Kongresses an einem Policy-Entwurf für
die IFA.

Weitere Diskussionspunkte drehten sich beispielsweise darum, ob eine
neue Sprache für die Begriffe "Awareness", safer-spaces etc. gefunden
werden muss um deutlich zu machen, dass es keine Expert*innen für
Awareness braucht oder ob es reiche Awareness/Safer Spaces bekannter
zu machen.

Letztlich hat mir diese Arbeitsgruppe gezeigt, dass das Thema Awaren-
ess/Safer Spaces von immer mehr Zusammenhängen (trotz immer wie-
der auftretender Widerstände) aufgegriffen, diskutiert und in der Praxis
umgesetzt wird. Spannend wäre gewesen, zu hören wie diese Thematik
in den Föderationen außerhalb Europas behandelt wird und wie mit
Widerständen innerhalb der eigenen Föderation praktisch umgegangen
werden kann.

Die letzte Arbeitsgruppe, an der ich teilnahm, befasste sich mit der Fra-
ge, wie Anarchismus allgemein sowie der strömungsübergreifende an-
archistische Föderalismus (wie ihn die IFA praktiziert) als
Organisationsform im besonderen verbreitet werden kann. Zunächst
wurde in einer großen Runde die Kontakte und sowie Einschätzungen
zu Regionen, die nicht in der IFA föderiert sind, gesammelt und die
Gastorganisationen berichteten aus ihrer Region. Danach wurden drei
Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit bestimmten Aspekten dieser Frage
befassen sollte.

Ich wählte die Arbeitsgruppe "Wie den Föderationsgedanken der IFA in
Regionen verbreiten, in denen es (fast) keine anarchistischen Strukturen
gibt?" In der Arbeitsgruppe waren Leute aus Kuba, der Dominikani-
schen Republik, Chile, der Balkanregion sowie Deutschland. In dieser
Arbeitsgruppe wurden die großen Unterschiede in den Ausgangsbedin-
gungen deutlich: Während es in (West-)Europa problemlos möglich ist
an anarchistische Literatur zu kommen und anarchistische Inhalte ohne
(großes) Repressionsrisiko öffentlich zu verbreiten, sieht die Situation in
anderen Regionen deutlich anders aus: Auf Kuba herrscht eine staatli-
che Internet- und Medienkontrolle. An anarchistische Literatur auf die-
sem Wege zu kommen, ist deshalb nicht möglich. Deshalb nutzen die
Aktivist*innen USB-Sticks, auf denen anarchistisches Material (einge-
sprochene Texte als audio-Dateien, Lieder etc.) gespeichert ist, und tau-
schen die USB-Sticks untereinander aus. Aus Sicherheitsgründen
werden Audio-Dateien den Textdateien vorgezogen. Während in
Deutschland USB-Sticks (zu Werbezwecken) kostenlos erhältlich sind,
benötigen die Menschen auf Kuba im Durchschnitt mehrere Monatsge-
hälter um sich einen USB-Stick leisten zu können.

In der Dominikanischen Republik ist der Anarchismus für die meisten
Menschen neu, der Fokus der organisierten Anarchist*innen liegt also
in der Agitation und Verbreitung der Grundgedanken des Anarchismus.
Was ihnen zugute kommt ist, dass viel Literatur auf spanisch vorhan-
den ist. Um alle Leute zu erreichen,
übersetzen sie zudem in Kreol (einer
Sprache, die u.a. auf Haiti gesprochen
wird). Da Analphabetismus weit ver-
breitet ist, kommt dem persönlichen
Kontakt und der vorgelebten Praxis
eine hohe Bedeutung zu. Es werden
ebenfalls audio-Aufnahmen genutzt
statt gedruckten Texten. Positive Er-
fahrungen zeigten sich, als nach ei-
nem Erdbeben Selbstorganisation
unter den Betroffenen zu erleben war.

In Chile fahren Aktivist*innen mit
dem Auto - vollgepackt mit Flyer,
Ausgaben ihrer Zeitschrift Acracia,
verschiedenen Büchern - durch Dörfer und kleine Städte und vertreiben
das Material in ganz normalen Läden im ländlichen Raum. So entstand
ein "Propaganda-Netzwerk" zwischen Einzelpersonen und kleinen
Gruppen, indem Material und gegenseitige Unterstützung ausgetauscht
wird. Texte werden ebenfalls ins Mapudungun, der indigenen Sprache
der Mapuche, übersetzt.

In Mexiko haben die Aktivist*innen gute Erfahrungen gemacht ihre
Materialien auf gewerkschaftlichen Kundgebungen zu verbreiten. Sie
nutzen dazu Materialien, die einen sozialen Anarchismus propagieren,
der offen für alle ist und sich von (hierarchischen) Gewerkschaften ab-
grenzt.

In der Balkanregion wurden gute Erfahrungen der Vernetzung und ge-
meinsamen Föderierung durch die jährlich in verschiedenen Städten der
Balkanregion stattfindenden Anarchistischen Balkan-Buchmesse ge-
macht.

Neben diesen sehr eindrücklichen und erkenntnisreichen Arbeitsgrup-
pen waren für mich die vielen persönlichen Gespräche in den Pausen,
während des Essens oder am Abend die eigentlichen Höhepunkte des
Kongresses. Wo sonst hat man die Möglichkeit so viele Anarchist*innen
aus (fast) allen Teilen der Welt zu treffen und sich auszutauschen? Und
offen für Kommunikation und Austausch waren alle der Teilnehmen-
den. Durch die persönlichen Gespräche - über politische oder persönli-
che Themen - hatte ich das Gefühl, dass die uns potentiell trennenden
Faktoren wie räumliche Entfernung, unterschiedliche Lebensrealitäten,
Sprachbarrieren etc. aufgehoben wurden und ein Gefühl der Solidarität
und des Bewusstseins wich, kein vereinzeltes (wenn auch privilegiertes)
Individuum im globalen Kapitalismus zu sein, welches mit begrenzten
Mitteln agiert, sondern im Austausch und Kontakt zu vielen anderen
Menschen, die für gemeinsame Ziele - die Verwirklichung der Anar-
chismen - kämpfen. Diese ungemein bestärkende, kraftgebende und
motivierende Erfahrung gemacht zu haben, hat mich besonders berei-
chert.

Zu dem persönlichen Austausch trugen auch die "IFA-Pavillions" bei -
jeden Tag betreute Infotische fast aller teilnehmenden Organisationen
mit ihrem Infomaterial. Neben anarchistischen Klassikern (z.B. Rudolf
Rocker auf spanisch), gab es vor allem die verschiedenen Zeitschriften
der Föderationen, aber auch Aufnäher, T-Shirts oder Aufkleber. Span-
nend waren auch die anarchistischen Broschüren des Kurdischen An-
archistischen Forums, welche in kurdischer und arabischer Sprache
vorlagen 5 - ein Werkzeug die quasi nicht existierenden Kontakte zwi-
schen den kurdischen und anarchistischen Szenen in Deutschland aus-
zubauen?

Praktische Unterstützung fand ebenfalls Raum: Die FdA hatte seit Mitte
März die Spendenkampagne für ein soziales und libertäres Zentrum auf
Kuba ins Leben gerufen. Durch die FdA-Gruppen sowie solidarische
Menschen, die Geld auf das Spendenkampagnenkonto überwiesen ha-
ben, konnten so bis zum IFA-Kongress insgesamt 1132€ gesammelt
werden und damit 10 Prozent der insgesamt für den Kauf des Zentrums
benötigten 11000€ für den Kauf des Zentrums. Einem Aktivisten des
anarchistischen Kollektivs Taller Libertario Alfredo Lopez, der am IFA-
Kongress teilnahm, konnten wir das Geld persönlich übergeben. Er ging
in einer kurzen bewegenden Rede auf diesen wichtigen Beitrag für die
kleine anarchistische Bewegung auf Kuba ein, die mit dem Kauf und
Aufbau des libertären Zentrums einen bedeutenden Grundstein für die
Etablierung des Anarchismus auf Kuba legen kann.

Außerdem wurde für die zwei anarchistischen Gefangenen Bayram und
Qiyasa aus Aserbaidschan ein Solifoto inklusive Solidaritätserklärung
veröffentlicht. Vorangegangen waren die Berichte über die Situation
und Hintergründe
dieser Gefangenen
von einem anar-
chistischen Aktivis-
ten aus
Aserbaidschan, der
am IFA-Kongress
teilnahm und selbst
schon in Aserbai-
dschan inhaftiert
war. Auch wenn
diese Form der So-
lidarisierung auf ei-
ner symbolischen Ebene bleibt, sei es für Bayram und Qiyasa von
großer Bedeutung, von der anarchistischen Bewegung nicht vergessen
zu werden und wichtiger als beispielsweise finanzielle Unterstützung. 6

Am Samstag wurde am Nachmittag ein öffentlicher Teil des Kongresses
organisiert, bei welchem die teilnehmenden Organisationen die Öffent-
lichkeit zum Gespräch bei ihren Infotischen einlud. Nach der wie die
ganzen Tage sehr leckeren Mahlzeit für alle Anwesenden fand im An-
schluss die öffentliche Podiumsdiskussion statt: Vertreter*innen der
DAF (Türkei), Taller Libertario Alfredo Lopez (Kuba) und der Anarchis-
tischen Föderation aus Mexiko diskutierten über die Ausgangssituatio-
nen in ihren Regionen, die Aktivitäten und die Mittel, die ihnen zur
Verfügung stehen, um den Anarchismus zu verbreiten. Darüber hinaus
haben alle auch versucht herauszuarbeiten, welche die größten Heraus-
forderungen für sie aktuell sind und was sie aus ihrer Arbeit gelernt ha-
ben. Schließlich ging es um Gemeinsamkeiten dieser Kämpfe. Die
Veranstaltung (wie auch alle Diskussionen des Kongresses im Großple-
num und viele Arbeitsgruppen) war (mittels der Übersetzungstechnik
und den Übersetzer*innen) in vier Sprachen zu hören: Englisch, Spa-
nisch, Italienisch und Deutsch). Leider konnte ich der Podiumsdiskussi-
on aus organisatorischen Gründen kaum folgen, sodass ein Fazit hier
fehlt.

Den Abschluss des Tages bildete ein Konzert des Punkchores "Der
Chor" 7 , der eine Mischung aus Punkklassikern und Arbeiterliedgut zum
besten gab - musikalisch für mich etwas ungewohnt (Punksongs ohne
verzerrte Gitarren und lautem Schlagzeug) hat mich aber schon nach
den ersten Liedern überzeugt. Anderen Menschen um mich herum ging
es ähnlich, sodass die Stimmung von Song zu Song ausgelassener wur-
de. Leider waren al-
le Stücke in
deutscher Sprache.
"Der Chor" kom-
pensierte diesen
Mangel jedoch
durch erklärende
Ansagen vor jedem
Lied auf Englisch
und Spanisch und
bei zwei Liedern
wurden alle Anwe-
senden zum Mitsin-
gen eingeladen
(trotz des deutschen
Textes klappte das
ganz hervorra-
gend!). Insgesamt
sehr unterhaltsam
für alle und dies
zeigte sich dann
auch zum Schluss,
als nach dem Auf-
tritt spontan vier
Menschen der briti-
schen anarchistischen Föderation die Bühne enterten und ein paar eng-
lischsprachige Arbeiterlieder zum Besten gaben. Selbstkritik muss
allerdings angemerkt werden, dass nach der Podiumsdiskussion außer
den IFA-Kongressteilnehmenden keine Gäste mehr anwesend waren.
Auch bei der Podiumsdiskussion war die Anzahl der Gäste deutlich un-
ter den Erwartungen geblieben, was (trotz mehrerer "Konkurrenzver-
anstaltungen" in Frankfurt an diesem Abend) vor allem an der sehr
kurzfristigen und nicht ausreichenden Bewerbung des öffentlichen Teils
des IFA-Kongresses lag.

Zur Organisation des Kongresses bleibt kritisch festzustellen, dass die
Vielzahl an Aufgaben, die für ein so großes Ereignis im Vorfeld und
während des Kongresses anfallen, von zu wenigen Menschen in der
FdA erfüllt worden sind. Das spricht für die großartige Leistung der
aktiv organisierenden Leute, aber auch für die solidarische Zusammen-
arbeit aller Teilnehmenden während der Kongresszeit. An dieser Stelle
herzliche Grüße auch an die Kochkollektive "Le sabot" und "Vapca", die
alle Teilnehmenden mit großartigem Essen versorgt haben sowie die
Übersetzer*innen im Großplenum und den Arbeitsgruppen, die es ge-
schafft haben, simultan und verständlich zu übersetzen.

Schade ist ebenfalls, dass es bisher keinen "offiziellen" Bericht der FdA
(als ausrichtende Organisation des IFA-Kongresses) gibt (wobei der un-
günstige Zeitpunkt für Nachbereitung - Sommerpause / Reisezeit sowie
viele andere anarchistischen Veranstaltungen und Camps - sicher eine
Rolle gespielt hat).

Rückblickend betrachtet waren es fünf eindrucksvolle Tage. Sicher wird
es spannend sein, wie die die erarbeiteten Ergebnisse der Workshops
umgesetzt und die angestoßenen Arbeitsprozesse weiter ausgearbeitet
werden - zunächst innerhalb der Föderationen (und Lokalgruppen) und
dann wieder auf IFA-Ebene. Bis sich die (separat geführten) Kämpfe der
föderierten Lokalgruppen, der Lokalföderationen und sprachräumlichen
Föderationen auf IFA-Ebene aufeinander beziehen, ist es noch ein lan-
ger Weg. Die bisherige Praxis der Zusammenarbeit auf IFA-Ebene ist
der gut funktionierende Informationsaustausch zwischen den Födera-
tionen. Weitere Schritte auf dem Weg Richtung einer gemeinsamen
Praxis auf IFA-Ebene wurden auf dem aktuellen Kongress gemacht -
lasst uns diesen Weg in Zukunft weiter vorangehen.

[1]Ausführlichere Infos zur Gruppe und der Geschichte des Anarchismus in der Türkei sei 
die Übersetzung eines Interview mit Aktivist*innen der DAF vom ROAR-Magazin empfohlen,
erschienen aufDeutsch in der Gaidao Nr. 64 / April 2016.
[2]Auffda-ifa.org ist der Solidaritätsaufrufzu finden, der aufdem IFA-Kongress nach 
Gesprächen mit dem Aktivist der DAF vorbereitet worden ist.
[3]Siehe die Solidaritätskampagne für ein soziales libertäres Zentrum aufKuba unter: 
https://www.gofundme.com/gg2wrcac
[4]Ausführliche Informationen dazu gibt es im Interview "Die britische anarchistische 
Föderation und ihre Safer-Spaces-policy"des A-Radios Berlin, zu hören aufEnglisch unter:
http://aradio.blogsport.de/2016/02/26/a-radio-in-english-feminism-and-conflict-resolution-the-anarchist-federation-britain-and-its-safer-spaces-policy/ 
sowie übersetzt in der Gaidao Nr. 65 /
Mai 2016.Gai Dào
[5] https://issuu.com/anarkistan
[6] Die Solidaritätserklärung der IFA findet ihr hier: 
https://fda-ifa.org/aserbaidschan-soli-der-ifa/ und ein Interview aufDeutsch dazu im 
aktuellen Libertären Podcast des Anarchistischen Radios Berlin: 
http://aradio.blogsport.de/2016/09/08/libertaerer-podcast-augustrueckblick-2016/
[7]Online anhören kann man den Chor zum Beispiel hier: 
https://derchor.bandcamp.com/album/das-chorfestival


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