(de) fda-ifa: asj bonn - Bericht über Remagen 2016

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Sat Nov 19 13:30:13 CET 2016


Er ist vorbei, der große Tag. Nach wochenlanger Bündnisarbeit, Vorbereitungstreffen, 
Schreiben von Flyern und Texten, waren wir doch nur wenige Stunden in Remagen. Trotzdem 
haben wir ein wichtiges Zeichen gesetzt. ---- Als ASJ haben wir einen Redebeitrag auf der 
Demo des Bündnisses "NS-Verherrlichung stoppen" gehalten, den wir euch natürlich nicht 
vorenthalten wollen: ---- Liebe Menschen, ---- Wir haben lange überlegt, worüber wir 
schreiben möchten und worüber ich heute reden werde. Seit Jahren zeigt sich das gleiche 
Schauspiel - nicht nur in Remagen. Neonazis, Polizist*innen, Antifaschist*innen und das, 
was sich selbst "Zivilgesellschaft" nennt, geben sich auf dem Parkett die Hand und tanzen 
ihre vorbestimmten Figuren. Trauermarsch, Gegenproteste, Meile der Demokratie und 
Blaulicht - und die Bewegungen der Akteur*innen versprechen keine unerwarteten Wendungen.

Viel ist in den letzten Jahren schon gesagt worden und manches davon kann nicht oft genug 
wiederholt werden. Geschichtsrevisionismus, Täter-Opfer-Umkehr und die Verklärung 
völkischer Ideologien halten sich seit Jahren nicht nur in der Rechten, sondern finden bis 
weit ins bürgerliche Spektrum Anhänger*innen. Es ist absolut notwendig, dass dies immer 
wieder angegriffen wird. Und so stehen wir auch dieses Jahr wieder hier, um 
Geschichtsrevisionist*innen und Neonazis weder die Straße, noch die Öffentlichkeit zu 
überlassen.

Viel ist in den letzten Jahren und auch heute schon gesagt worden und häufig fiel die 
Forderung, sich zu erinnern. Was heißt es, dieses Erinnern? Darüber möchte ich reden.

Denn erinnern, an irgendwen oder irgendwas, das machen alle Akteur*innen, die sich heute 
hier auf der Tanzfläche bewegen (die Polizei vielleicht einmal ausgenommen). Die 
Faschisten erinnern sich ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Toten, die SPD schwelgt 
beim Würstchengrillen in Erinnerung an jene Zeiten als sie noch widerständig waren und 
auch wir wollen uns erinnern. Nämlich an jene Menschen, die im Nationalsozialismus und dem 
sich anschließenden Rechtsterrorismus in der BRD ermordet wurden.

Die Erinnerungskultur, wie sie in Deutschland gepflegt wird, ist eine Kultur des Vergessens.

Dass die Faschisten sagen können "wir hatten Tote zu beklagen" mahnt dazu, ein reines 
Rezipieren von Fakten nicht als Erinnerungskultur auch nur in Betracht zu ziehen. Trockene 
Fakten, die Wiederholung und das Rezipieren der Vergangenheit durch auswendig gelernte 
Zahlen und Daten zeichnet doch nur Zerrbilder die häufig grotesk und weit weg anmuten, als 
hätten sie nichts mit uns zu tun.

Es geht um Historisierung, um eine ritualisierte, kollektivierte Erinnerung, um radikale 
Entkontextualisierung, die keinesfalls dem Zweck dient, die Shoa zu analysieren und ihre 
Entstehungsbedingungen ernsthaft zu ergründen, um ein solches Geschehen in Zukunft 
verhindern zu können. Ganz im Gegenteil dient es dem identitären Bewusstsein einer Nation 
als Entschuldigung für den Wunsch nach Vergessen, welcher nur aufgrund der 
Ungeheuerlichkeiten der Verbrechen nicht all zu leicht abgetan werden kann. Damit trägt 
der Versuch, das Geschehen des nationalsozialistischen Massenmordes zu historisieren, 
stets das Moment des Vergessens in sich.

Die Erinnerungskultur, wie sie in Deutschland gepflegt wird, ist eine Kultur der 
Erinnerungslosigkeit. Es gibt eine Fülle an Daten zur neuen Geschichte, eine Masse an 
Dokumentationen und Aufzeichnungen. Ein Mensch kann lernen und lernen und sich erinnern 
und erinnern, fehlt ein kritisches Nachdenken, bleibt er zwar informiert, jedoch 
erinnerungslos. Diese Erinnerungslosigkeit hat die Deutschen seit dem 2. Weltkrieg 
vollständig erfasst.

Als Adenauer bereits 1946 wieder verkündete, noch nie so Stolz ob seiner deutschen 
Herkunft gewesen zu sein und als der "Nationale Gedenktag des deutschen Volkes" in der 
Bundesrepublik Deutschland 1954 dem Volksaufstand in der DDR gewidmet wurde, da feierte 
die Erinnerungslosigkeit der Deutschen ihre Sternstunden.

In einer solchen Erinnerungskultur trägt die Erinnerung keinerlei Erschütterungen mehr in 
sich. Das Ungeheuerliche ist nicht in die Menschen eingedrungen, es ist nicht zur Maxime 
geworden, dass sich niemals wiederhole was war.

Das Klima, welches am Meisten dazu geneigt ist, die Vergangenheit zu vergessen ist der 
wiedererwachende Nationalismus. "Damit Deutschland wieder stark wird." Als 
Wirtschaftsstandort, als Klimaschutzvorreiter, als Nation. In einer Welt, die lediglich 
auf den Erhalt einer Neo/Ordoliberalen Weltordnung ausgerichtet ist, bildet weder die 
Zukunft, noch die Vergangenheit, sondern das Hier und Jetzt die Orientierungshilfe. Ohne 
Blick auf das Vergangene und ohne Wunsch für die Zukunft bleibt die Erinnerungslosigkeit 
und die individualisierte Befriedigung von Trieben und Bedürfnissen. Je mehr sich die 
Deutschen der Nation positiv annähern, je mehr sich die Gesellschaft in die Kontinuitäten 
der Nationalgeschichte fügt, desto schwächer wird die Erinnerung an den 
Nationalsozialismus und seine Verbrechen.

Eine kritische Analyse ist von Nöten. Man muss die Mechanismen erkennen, welche die 
Menschen zur Vernichtung fähig machen, muss ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und 
versuchen zu verhindern, dass sie abermals so werden, indem man ein allgemeines 
Bewusstsein dieser Mechanismen erweckt.

Wenn wir hier heute auf die Kontinuität des Vernichtungswillen von Nationalsozialisten 
hinweisen, ist das etwas Anderes. Wir setzten Vergangenheit und Gegenwart in einen 
Zusammenhang. Diese Frage nach dem Zusammenhang, nach Ursprung, Ursache, Wirkung und 
Dialektik - denn was ist ein Text ohne Dialektik? - bringt die Informierten dazu aus ihrer 
Erinnerungslosigkeit zu erwachen und Vergangenheit zu verstehen. Die Frage nach 
Kontinuität, der Versuch zu verstehen und die Ursachenforschung schlägt die Brücke aus der 
Geschichte ins Hier und Jetzt und stellt die Forderung, dass sich Vergangenes nicht 
wiederholt. Um es mit Theos Worten zu sagen: "Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip 
von Auschwitz wäre Autonomie, die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum 
Nicht-Mitmachen."

Aktives Erinnern gegen die informierte Erinnerungslosigkeit muss Kernelement eines jeden 
Antifaschismus sein und sowohl Fragen an die Vergangenheit, als auch Forderungen an die 
Zukunft beinhalten.

http://asjbonn.blogsport.eu/


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