(de) FDA-1FA, Gai Dao Nr. 71 - Die Nation und Nationalismus Von: N. (britische anarchistische Föderation) / Übersetzung: Substance-P & Toni

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Thu Nov 17 17:20:47 CET 2016


Immer wenn wir uns am alltäglichen Leben beteiligen, werden wir anhand nationaler 
Kategorien definiert. Immer wenn wir unsere Pässe benutzen, wenn wir uns auf Stellen 
bewerben, wenn wir ins Krankenhaus müssen oder Sozialhilfe beantragen, werden wir mit 
unserem nationalen Status und allen Vor- und Nachteilen, die damit verbunden sind, 
konfrontiert. ---- Wenn wir reisen, den Fernseher anmachen, die Zeitung lesen oder uns 
unterhalten: Die Kategorisierung von Menschen in eine von hundert verschiedenen Varietäten 
des menschlichen Daseins zeichnet sich im Hintergrund ab und nimmt oft einen zentralen 
Platz ein. Es wird davon ausgegangen, dass wir alle zu einer nationalen Gruppe gehören, 
selbst diejenigen, die behaupten mehreren Gruppen anzugehören, werden trotz allem noch 
über diese definiert/identifiziert. Das Teilen und dementsprechende Regieren der 
Weltbevölkerung in verschiedene Nationen ist ein gegebener Zustand und es erscheint als 
etwas in der Natur einfach vorkommendes. Wenn wir zum Beispiel sagen, dass wir
Britisch, Polnisch, Koreanisch oder Somalisch sind, kommt es uns vor,
als ob wir einen wichtigen Teil von uns beschreiben und wie wir in
Beziehung zur Welt um uns herum stehen, außerdem geben wir uns
gemeinschaftlich mit einigen Menschen und setzen uns von anderen ab.

Bürokratie macht diese Intuition stabiler. Nationalität ist ihre
grundlegendste Kategorie. Sie bestimmt zu welchen Rechten und
Privilegien wir Zugang haben, ob wir innerhalb oder außerhalb der
vom Nationalismus angenommenen Gemeinschaft der
Staatsbürgerschaft stehen und letzten Endes, ob wir eine gültige, legale
Person sind. Wenn wir auf Bürokratie stoßen, werden uns die
verschiedenen Definitionen von großer Bedeutung aufgetragen:
Geschlecht, Nationalität und Rasse.

Diese Dinge scheinen offensichtlich einen großen Teil unseres Selbst,
wie Augenfarbe oder Blutgruppe, auszumachen, was meistens auch
nicht angezweifelt wird.

Die Ursprünge des Nationalismus

Kapitalismus und der moderne Nationalstaat entwickelten sich zur
selben Zeit am selben Ort, im Europa des 16. Jahrhunderts bis zum 19.
Jahrhundert. Die Evolution von Nationalstaat und Kapitalismus war
verbunden, jeder katalysierte die Entwicklung des anderen. Der
Kapitalismus etablierte sich zu einer bestimmten Zeit und an einem
bestimmten Ort nicht zufällig, sondern weil die Bedingungen zur
Ausbreitung stimmten. Er benötigte ein fragmentiertes Feld
rivalisierender Staaten mit darin eingebetteten Interessen der
Handelsleute und aus diesem Grund entwickelte sich Europa schneller
als das Osmanische Reich, Mandschu China oder irgendein anderes der
Imperien, die weite Teile der Welt beherrschten.

Wie der Kapitalismus selbst entstand die Idee des modernen
Nationalstaats nicht aus dem Nichts, sondern entwickelte sich aus
vorher schon existenten Bedingungen. Trotzdem sind Kapitalismus, als
vorherrschendes Wirtschaftssystem und souveräne Nationalstaaten
historische Neuheiten, welche in Kontrast zu einer langen Geschichte
feudaler und imperialer Staatsformen stehen. Der moderne
Nationalstaat ist ein Produkt der Revolutionen des 18. Jahrhunderts,
welche den Rückgang der feudalen Periode und den Aufstieg des
Kapitalismus als Weltsystem markierten.

Technologische Neuheiten verbunden mit den ersten Entwicklungen
des Kapitalismus legten den Grundstein für die nachfolgende Evolution
des Nationalismus. Die Produktion und der Kreislauf von Büchern war
eine der frühesten kapitalistischen Industrien. Sobald der Markt an
Latein sprechenden Europäer*innen gesättigt war, orientierte sich die
lokale Buchproduktion an der kleinen aber stetig wachsenden Schicht
Gebildeter in Europa, die eine wichtige Rolle bei der Schaffung von
Verwaltungssprache und kultureller Eliten spielten und die Fundamente
für das legten, was in den kommenden Jahrhunderten als "nationale
Kultur" bezeichnet wurde. Die Reformierung verbunden mit
wachsender Kraft der Klasse der Händler*innen in imperialistischen
Staaten führte zu der Etablierung mehrerer Staaten, welche weder
dynastische Monarchien noch Stadtstaaten waren. Die Händler*innen
und Bänker*innen, welche zuvor am Rande der feudalen Ökonomie
agierten, spielten eine zunehmende zentrale Rolle, als europäische
Imperien sich auf der Welt verbreiteten. Die industriellen
Kapitalist*innen ersetzten die Händler*innen als führende Kraft der
bourgeoisen Klasse.

Gleichzeitig während des beginnenden Endes der feudalen Welt und
dem Übergang in eine Welt, die auf die Interessen der aufsteigenden
kapitalistischen Klasse ausgerichtet war, wurde der Staat neu definiert.
Die Ära der Monarchen und Unterworfenen wurde ersetzt durch die
Ära der (Staats-) Bürger*innen. Eine Periode von konkurrierenden
Monarchien machte den Weg frei für eine moderne Periode von
konkurrierenden Nationen. Ähnlich den Revolutionen in Amerika und
Frankreich verfestigte sich die liberale Konzeption des Staates und legte
den Grundstein für Nationalismus. Es war kein programmatischer
Vorgang - was es auch nicht sein musste - genau wie es auch nicht von
intellektuellen Köpfen in die Realität gezaubert wurde, sondern es
entstand durch die Bedürfnisse einer sich entwickelnden
Klassengesellschaft, die sich die Bedingungen ihrer eigenen Fortdauer
schuf.

Die Idee wurde in der französischen Deklaration der Rechte von 1795
artikuliert: "Jedes Volk ist unabhängig und souverän, unabhängig der
Zahl der Individuen, die es bilden und der Größe des Territoriums,
welches sie besiedeln. Diese Souveränität ist unveräußerlich."

Dieses Verständnis der
Rolle des Staates stand in
Kontrast zu dem Absolutismus
früherer Perioden. Jetzt war es das
Volk, welches souverän war
und nicht der göttlich
bestimmte Herrscher.
Während dieser Periode
gab jedoch keine klare
Definition dessen, was ein
"Volk" ausmacht.
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Die französische Revolution (hier: Sturm auf die
Bastille 1789): Die liberale Konzeption des Staates
verfestigt sich und legt so den Grundstein für auf dem Hoheitsgebiet und
Nationalismus
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Sie war umständlich und beruhte der Bevölkerung bereits existierender Staaten, so
dass zu diesem Zeitpunkt kaum etwas gegen die Versuche sprach,
Staatsbürgerschaft oder ‘Völker' über sprachliche, kulturelle oder
rassische Eigenschaften zu definieren. Bei den Versuchen einer
Definition, die zu diesem Zeitpunkt - etwa der zweiten Hälfte des
achtzehnten Jahrhunderts - aufkamen, wurden Nationen auf der Basis
der jeweils herrschenden Staaten verstanden. Es war beinahe immer
eine Frage der Praktikabilität. Es gab keine Annahmen ethnischer,
linguistischer oder kultureller Homogenität - für die Theoretiker*innen
der Aufklärung war eine Nation nichts anderes als eine große Anzahl
Menschen, welche sich durch klare Grenzen und die Unterwerfung
unter das selbe Gesetzessystem definierten.

Die Revolution baute auf dieser Nation von Untergebenen auf, um eine
Nation von (Staats-) Bürger*innen zu erschaffen; zu einer Nation
wurden all jene, die fähig und willens waren Bedingungen für
Bürgerrechte - vertreten durch den Staat - zu akzeptieren. Das
Verständnis von Nationalität in Ausdrücken wie ethnische, kulturelle
und linguistische Besonderheiten kam später, im Laufe von
intellektuellen Debatten über das, was eine Nation ausmacht und
warum "Nationen" - wie auch immer definiert - es verdienen in Form
eines Nationalstaates ausgedrückt zu werden. Sobald die Prinzipien des
Staates als Ausdruck der Souveränität des "Volkes" definiert waren,
intensivierte sich während des 19. Jahrhunderts der Prozess der
Definition dessen, was ein "Volk" ist. Welche ‘Völker' Nationen
hervorbringen sollten war eine Frage des Überlebens und die Nationen,
die lebensfähig waren, waren oftmals die bereits existierenden. In Frage
kommende neue Nationen benötigten die ökonomische oder kulturelle
Grundlagen um sie haltbar zu machen, so wie es im Falle Italiens und
Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war. Die
schwierige Frage, wie man aus Bevölkerungen ‘Völker' und aus
‘Völkern' Nationen macht, führte nur zu vagen Antworten, hing aber
größtenteils von Bevölkerungsgröße, Beziehungen zu früheren Staaten,
entwicklungsfähigen kulturellen Eliten und - am wichtigsten - einer
Geschichte von Expansion und Kriegsführung ab, welche den Vorteil
hat eine äußere Bedrohung zu schaffen gegen die es sich zu vereinigen
gilt, welche die Eigenschaft hat ein Außen zu erschaffen gegen das sich
vereinigt wird.

Nichtsdestotrotz betrachteten sich die meisten ‘Völker' die später
‘Nationen' formen würden, selbst nicht unter nationalen
Bezeichnungen und sahen unter der Herrschaft anderssprachiger Eliten
keine moralische Fehlentwicklung, aus dem einfachen Grund, dass in
einer Welt voll lokaler Dialekte und weitverbreitetem Analphabetismus
keine einheitlichen nationalen Sprachen existierten. Auch die Rolle der
"offiziellen" Sprachen hatte wenig gemeinsam mit dem Status der
modernen nationalen Sprachen. Sie waren ein Produkt der
Zweckmäßigkeit und hatten nichts mit einem "nationalen Bewusstsein"
zu tun.

Als die alten Dynastien versuchten sich selbst mit dem modernen
Nationalismus in der Ära ihrer Herrschaft zu versöhnen, taten sie das
auf ihre eigene Gefahr hin: Kaiser Wilhelm II positionierte sich, obwohl
er während des Ersten Weltkrieges zunehmend marginalisiert war, als
den die Nation führenden Deutschen, was eine Form der
Verantwortlichkeit für das deutsche Volk und nationale Interessen
implizierte - das anschließende Ergebnis, dass er seine Verantwortung
verfehlte, war das Ergebnis, welches zu seiner Abdankung führte.
Solche Gedanken waren in früheren Jahren, wo das Recht des Kaisers
unantastbar war und niemanden Rechenschaft ablegen musste,
undenkbar.

Während das 19. Jahrhundert voranschritt, galt dies auch für die Idee,
dass alle ‘Völker' ein Recht auf Selbstbestimmung haben, unabhängig
von der Frage der jeweiligen Realisierbarkeit. Der italienische
Nationalist und Philospoh Giuseppe Mazzini sagte: "Jeder Nation ein
Staat, und nur ein Staat für jede Nation, um die nationale Frage zu
lösen". Diese Art zu denken festigte sich gegen Ende des Jahrhunderts;
zur selben Zeit, als der Nationalismus zunehmend allgemeine
Verbreitung unter den Massen fand. Die Vermehrung von
nationalistischen und "nationalen Befreiungs-" Bewegungen schlagen
im späten 19. Jahrhundert ein - die Geburt des Zionismus, gleichzeitig
mit indischen, armenischen, mazedonischen, georgischen, belgischen,
katalanischen Bewegungen, auch wenn die Zugkraft dieser spezifischen
Bewegungen in der größeren Bevölkerung eine andere Sache ist.
Obwohl es in früheren Perioden ethnische oder linguistische Gruppen
gab, welche sich in mancherlei Hinsicht verschieden gegenüber ihren
Nachbarn verstanden, war die Umsetzung dessen in das Bedürfnis nach
einem "Nationalstaat" für alle Gruppen ein neues Phänomen. Während
der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts war die Ansicht, dass jedes
"Volk" ein moralisches Recht auf einen eigenen Nationalstaat hat, fest
verankert. Es gab fortan ein Recht von "Völkern", definiert nach
welchem Weg auch immer, auf einen eigenen Staat. Durch andere
Nationen oder ihre Repräsentant*innen regiert zu werden galt als
zuwider (zumindest in der Theorie - Imperialismus hatte seine eigene
Logik). In dieser Periode etablierte sich die Dominanz der ethnischen
und linguistischen Definition der "Nation" gegenüber anderen Formen.

Die konkurrierenden, imperialistischen Nationalstaaten des
zeitgenössischen Kapitalismus waren vollständig geformt und
Bewegungen, welche Widerstand gegen und Trennung von ihnen
befürworteten, verstanden ihre Aktivitäten und endgültigen Ziele in der
Bestimmung neue Nationalstaaten zu gründen.

Die Entwicklung des modernen Nationalismus war verbunden mit der
Tatsache, dass der moderne
kapitalistische Staat mit einer
ausgebeuteten Bevölkerung, die
besser ausgebildet ist als ihre
Vorgänger im feudalen System,
mehr von seinen Bürger*innen
benötigte als das passive
Landvolk früherer Zeiten. Es
benötigte eine in sozialer
Hinsicht vereinigende Kraft und
um die Arbeiterklasse in den
Staat zu integrieren benötigte es
das aktive Zugehörigkeitsgefühl
der Bevölkerung; mehr als die
verelendete Duldsamkeit des
Bauernstandes. Die Erfindung
des Patriotismus erfüllte dieses
Bedürfnis. Ein Bewusstsein für
das „Vaterland“ oder
„Mutterland“ und Loyalität für dieses entwickelte sich und wurde
alltäglich innerhalb der europäischen Nationalstaaten im letzten Drittel
des 19. Jahrhunderts. Die Entwicklung des Begriffs „Patriotismus“
erklärt uns alles, was wir wissen müssen. Das „Patrie“ , das
„Heimatland“ , was die Basis des Begriffs bildet, wurde nach der
französischen Revolution hauptsächlich als lokaler Ort der Herkunft
ohne nationale Bezüge definiert. Nach dem späten 19. Jahrhundert war
es die imaginierte Gemeinschaft der Nation, welche massenhafte
Teilnahme erforderte. Kombiniert mit der Pseudowissenschaft der
Rassen, welche beim Ersetzen des Heidentums als Rechtfertigung
imperialer Enteignungen von verschiedenen lokalen Bevölkerungen so
wichtig wurde, wurde die Ideologie der nationalen Überlegenheit
geboren.

Dieses Prinzip erreichte seinen Höhepunkt im Ersten Weltkrieg und der
darauf folgenden Periode.

Der Chauvinismus des späten 19. Jahrhunderts wurde zu einer
Ideologie des totalen Krieges mit
mechanisiertem Gemetzel
zwischen militarisierten,
nationalen Blöcken. Seitdem ist
Nationalismus etwas mit einer
sehr realen Geschichte und
Herkunft. Seine Macht liegt
darin, dass er sich als ein
naturgegebener Zustand der
Dinge präsentiert, und in der
Annahme, dass nationale
Einheiten und nationale
Bestimmung ein natürlicher
Bestandteil menschlichen Lebens
sind, immer waren und immer
sein werden. Anarchist*innen
haben eine andere Sichtweise.
Derselbe geschichtliche
Zeitraum, der Nationalstaaten
und Kapitalismus begründete, brachte auch etwas hervor, dass die
Nationalist*innen aus ihren Büchern gestrichen haben – die enteignete
Klasse der Lohnarbeiter*innen, deren Interessen im Gegensatz zu denen
des kapitalistischen Nationalstaates stehen: die Arbeiterklasse. Diese
Klasse, die genötigt ist in ihrem eigenen Interesse gegen den
Kapitalismus zu kämpfen, ist kein Volk, sondern ein Zustand der
Existenz innerhalb des Kapitalismus und als dieser überschreitet sie
nationale Grenzen. Dieser Gegensatz führte zur Entwicklung
revolutionärer Perspektiven, welche die kapitalistische Welt


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