(de) FDA-1FA, Gai Dao Nr. 71 - Mit der Waffe des Wunschdenkens Von: Hyman Roth

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Wed Nov 16 16:45:44 CET 2016


In der "Gai Dao" # 70 hat ein Autor mit dem Pseudonym "Benjamin" ein Plädoyer für 
gewaltlosen Anarchismus veröffentlicht. Der Debatte zwischen gewaltlosen und 
revolutionären Anarchist*innen gibt es seit über einem Jahrhundert und weder der Text von 
Benjamin noch diese Antwort darauf wird in diesem Streit das letzte Wort haben. Die 
Antwort sollte auch nicht als Plädoyer für Gewalt verstanden werden. Ich möchte lediglich 
aufzeigen, warum Benjamins Begründung seiner Thesen so nicht haltbar ist. ---- "Kampf um 
die Vorherrschaft des Willens eines Teils der Gesellschaft" ---- Nachdem Benjamin schon in 
der Ausgabe # 69 seine Begeisterung für Kropotkins Ableitung der Anarchie aus der 
menschlichen Natur kundgetan hat, geht es in dem neuen Text darum, dass nicht sein kann, 
was nicht sein darf. Den Hinweis von Engels, dass eine Revolution den
Willen der einen durchsetzt und den Wille anderer bricht, liest er als ein
Lob auf den Autoritarismus. "Kampf um die Vorherrschaft des Willens
eines Teils der Gesellschaft", die Benjamin so verwerflich erscheint,
macht leider das Wesen der Politik aus, egal von welcher Kraft sie
durchgeführt wird. Nicht nur eine Revolution, sondern auch Streik oder
Straßenblockade, Hausbesetzung oder Abstimmung ist der Versuch,
den eigenen politischen Willen gegen den Widerstand des Gegners
durchzusetzen.

"Eine Revolution darf kein Militärputsch sein"

Die Frage, wie man sich zum staatlichen Gewaltmonopol verhält, stellte
sich bisher bei allen Revolutionen. Doch noch bevor die revolutionäre
Seite sich zur der Gewaltfrage positioniert, wird die Gewaltfrage von
der staatlichen Seite nicht nur gestellt, sondern auch gleich
beantwortet. Der Staat, wie wir ihn in entwickelten kapitalistischen
Ländern vorfinden, insistiert auf diesem Monopol und lässt keine
anderen Instanzen Gewalt ausüben. Jede politische Kraft, die dies in
Frage stellt, wird von Demokrat*innen jeglicher Couleur qua Definition
als extremistisch eingestuft und stellt sich jenseits des zugelassenen
Rahmens, was wiederum den Einsatz der Staatsgewalt (früher oder
später) auf den Plan ruft.

Frontenverlauf: die Guten und die Besseren

Benjamin stellt einen Vergleich zwischen "frühen Kommunisten", zu
denen er gleichermaßen Marx und Lenin zählt1, und pazifistischen
Anarchisten, die er überraschenderweise durch die Attentatbefür-
worterin Goldman oder den Teilnehmer etlicher bewaffneter Aufstände
Malatesta repräsentiert sieht. Was all diesen Personen als Positionen
untergeschmuggelt wird, ist ein ziemlich willkürlich zusammen-
gemischter inhaltlicher Potpourri. So wird aus Marx ein Verfechter von
"Gerechtigkeit", obwohl er Proudhon genau als einen Anhänger dieses
Ideals kritisierte. Aus dem auch unter Marxist*innen heftig
umstrittenen Zitat von Marx "Es ist nicht das Bewusstsein der
Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein,
das ihr Bewusstsein bestimmt" wird folgender Unfug: "Nicht das
Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das
Bewusstsein". Aus der marxistischen "Ware Arbeitskraft" wird
"Ausbeutung der Arbeiter in ihrer Entmenschlichung als Ware".
Bakunin setzte, zumindest laut Benjamin, die Theorie von Paul Brousse
um, der sie erst nach Bakunins Tod entwickelte - und das sind nur die
Highlights. Zitiergenauigkeit könnte man als akademische Eitelkeit
abtun, aber in diesem Fall ist es geradezu sinnesverzerrend.

Ich stelle mir meinen Kontrahenten als einen noch sehr jungen
Menschen vor, der vermutlich im elterlichen Bücherschrank jede Menge
DKP-Publikationen vorfindet. Es sollte mir in keinster Weise als
Arroganz oder Versuch einer Beleidigung ausgelegt werden, es ist nur
ein Versuch zu erklären, wie der Autor des kritisierten Artikels sein Bild
über den Marxismus zusammengesetzt haben könnte und wie er seine
Quellen ausgewählt hat.

Gewalt und Notwehr: eine höchst moralische, aber falsche Trennung

Benjamin hat keine Illusionen, dass der Widerstand gegen die
gewaltsamen Verhältnisse nur gewaltlos ablaufen kann. Die
Unterscheidung zwischen auf der einen Seite Widerstand und auf der
anderen Seite Gewalt, die diesen Widerstand hervorruft, ist wichtig.
Fragwürdig ist jedoch, den gewaltsamen Widerstand nicht mehr als
Gewalt zu bezeichnen, nur mit der Begründung (polemisch
ausgedrückt): "Gewalt ist böse und wir sind die Guten". Wenn man sich
schon gezwungen sieht, sich gewaltsam zu wehren, dann sollte es auch
so benannt werden. Alle Euphemismen bei dieser Frage tragen dazu
bei, dass man seine eigene Gewaltanwendung verklärt. Schließlich
betrachteten die realsozialistischen Länder ihre Staatsgewalt auch nur
als situationsbedingte Notwehr.

Das Unterscheidungskriterium "organisierte" vs. "unorganisierte"
Gewalt taugt ebenfalls wenig. Gegen organisierte Gegner unorganisiert
anzutreten ist reines Glücksspiel - wenn man gesellschaftlich was
ändern will, sollte man besser vorbereitet sein.

Gewalt: "Tod der Politik" oder deren Mittel?

Benjamin stellt ganz richtig fest, dass der Einsatz von Gewalt Verzicht
auf den Austausch von Argumenten bedeutet. Das passiert allerdings
nicht nur dann, wenn zur Waffe gegriffen wird. Volksabstimmung,
Streik, Wirtschaftssanktionen - all das sind Beispiele, wo nicht mehr
Argumente, sondern größere Macht bzw. die Mehrheit entscheidet.
Leider geht Benjamin nicht der Frage nach, warum es dazu kommt, dass
Konfliktparteien zur Ansicht kommen, dass bessere Argumente nicht
weiterhelfen. Dass in Situationen unmittelbarer Bedrohung "konkreter
Widerstand" nötig ist, schreibt er selber in einer Fußnote. Menschen
wenden Gewalt nicht nur an, um irgendetwas durchzusetzen, sondern
auch ganz schlicht, um zu überleben. In den Überlegungen Benjamins
kommt das nicht vor.

Kapitalismuskritik - ohne moralische Empörung wirkungslos?

Laut Benjamin "bedarf es[...]zuallererst einer moralischen und
politischen Empörung über die ungerechten Verhältnisse". "Das Kapital"
von Karl Marx würde, so Benjamin, "ohne die ihm zu Grunde liegende
moralische Empörung keine politische Botschaft enthalten". Aber der
Verfasser des erwähnten Werkes sah es nicht als eine moralische
Anklage. Darin kann man die Folgen der Marktwirtschaft für die
Lohnabhängigen nachlesen. Gerade der "Egoismus" derjenigen, die für
die Vermehrung fremden Reichtums arbeiten müssen, wäre ein ziemlich
guter Grund, den Kapitalismus abzuschaffen. Der Unterschied zwischen
Moralist*innen, die die Welt an ihren Idealen messen und jenen
Kritiker*innen, deren Kritik als Ergebnis und nicht als Ausgangspunkt
der Beschäftigung mit dem Gegenstand steht, wird an diese Stelle
besonderes deutlich.

Das Recht vor dem Staat

Benjamin lobt Bakunin dafür, dass er "allen Menschen ihr
ursprüngliches Recht auf deren Freiheit und Mitbestimmung" zuspricht.
Im Klartext: Noch bevor es Gesetze, Gerichte, Polizei und Gefängnisse
gab, gab es schon Rechte, die Menschen besaßen. Bei wem waren sie
einklagbar? Welche Instanz garantierte deren Erhalt? Oder definierte
jede*r seine eigenen "Rechte" - im Sinne vom unmittelbaren "Recht des
Stärkeren"? Vermutlich wäre solch ein Recht weder im Sinne von
Bakunin noch von Benjamin, einem seiner heutigen Anhänger*innen.
Vermutlich ist es eher so gemeint, dass sich Bakunin und der Verfasser
des kritisierten Textes unter "Recht" das vorstellen, was sein soll, egal
ob es einfach so "da ist", ob es das jemals war oder es von irgendwem
gewährt werden muss. Diese idealistische Konstruktion,
"ursprüngliches Recht", ist an die reale Geschichte herangetragen. Es
trägt nichts zur Erklärung der Funktion der Rechte bei und schürt
lediglich die Illusion, "Recht" wäre ein gutes Prinzip, bloß gerade falsch
eingewendet.

Endnote:

1 In der Fachliteratur ist die Bezeichnung "Frühkommunisten" eigentlich
vormarxistischen Autoren wie Babeuf oder Cabet vorbehalten, aber
mancher Anarchist muss wohl auch gegen alle Konventionen rebellieren


More information about the A-infos-de mailing list