(de) FDA-1FA, Gai Dao Nr. 71 - Wer würdigt wie, wen, warum oder warum nicht? Von den Schwierigkeiten der Würdigung von Personen in antiautoritären Gruppen Von: Mona Alona

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Sun Nov 13 12:23:08 CET 2016


Die folgenden Überlegungen stellen einige, nicht abgeschlossene Gedankengänge dar, die 
sich aus verschiedenen intensiven und längerfristigen, leider oft unzureichenden bzw. 
unreflektierten Gruppenprozessen ergeben haben. Sie sind nur eine einzelne Ansicht, können 
nicht zu generellen Aussagen führen und sind in diesem Sinne als Anstoß zu betrachten. 
Angeknüpft wird lose an den Text "Grundprobleme von antiautoritären Gruppen in der 
individualistischen Gesellschaft: Das Bockhaben und die Vermeidung von Vereinbarungen" 
(GAIDAO #64) ---- Die Würde des Menschen und ihre Funktion zur Legitimierung von 
Herrschaft ---- "Die Würde des Menschen ist unantastbar" lautet der erste Artikel im 
sogenannten Grundgesetz der freiheitlichsten, demokratischsten Grundordnung, die es jemals 
auf der Welt gab. Das ist natürlich
ziemlich fragwürdig, denn wenn ein Gedanke von Menschenwürde
sinnvoll begründet werden könnte, so ließe er sich dennoch wohl
gerade nicht gesetzlich verbriefen. Die Idee beruht darauf, dass der sich
sich als legitim betrachtende Rechtsstaat, die Würde der ihm
Unterworfenen gewährleisten könnte - und unter anderem aus diesem
humanistischen Anspruch eben seine Legitimation zieht. Dies muss
differenziert gesehen werden: Selbstverständlich gewähren
Herrschaften bestimmten Menschengruppen Schutz, Aufenthalts- und
Arbeitserlaubnisse oder sogar Bürger*innenrechte. In diesem
Zusammenhang waren beispielsweise die Emanzipation der Jüd*innen
und Frauen wichtige Schritte um im liberal-demokratischen Rahmen
staatlich anerkannt und somit durch Anfeindungen geschützt zu
werden. In diesem Rahmen sind es Menschen aus Syrien, die heute den
Schutz des deutschen Rechtsstaats genießen sollen - wodurch sie als
Menschen Würdigung erfahren.

Die Kehrseite dieser Gewährleistung ist jedoch, dass sie niemals
uneigennützig geschehen kann. Wie gesagt, zieht der demokratische
Staat zunächst grundsätzlich seine Legitimität aus der formellen
Gleichbehandlung von Menschen. Und Menschen dem Wesen nach als
gleich anzusehen und zu behandeln ist eben der Kern ihrer Würde.1
Darum werden Kämpfe um Anerkennung geführt, denn die Frage ist ja
nicht nur: Bürger*in oder nicht, sondern zu welchem Grad gelten
welche Bevölkerungsgruppen als Teil der Gesellschaft? Das heißt wer zu
welchem Grad eine Gleichbehandlung verdient, ist in der staatlich
strukturierten Gesellschaft, die gleichzeitig kapitalistisch ist, also auf
Konkurrenz und somit struktureller Ungleichheit beruht, eine Frage
politischer Auseinandersetzung.

Würde als eine Frage politischer Auseinandersetzung

Wenn staatliche Instanzen es sind, die Anerkennung und Würde
gewährleisten, verlangt dies den Appell an diese, darum also wiederum
deren Anerkennung und Legitimierung und somit schließt sich der
Kreis. Leider geht die liberale Vorstellung, auf dieser Grundlage könne
Würdigung dann im freien und vernünftigen Diskurs verhandelt
werden, in der Wirklichkeit kein Stück auf. Immer kommen Menschen
zu kurz und leben unter menschenunwürdigen Bedingungen.2 Die
Gesellschaft in der wir leben wollen, sollen, müssen bringt diese
Ungleichheiten in mehreren miteinander eng verknüpften Dimensionen
hervor: Die Zugänge zur politischen Macht sind äußert ungleich,
ebenso die Möglichkeiten Profit zu erwirtschaften oder sich weniger
ausbeuten zu lassen. Leute können sozialstaatliche Kompensationen
sehr unterschiedlich abgreifen und Infrastrukturen nutzen oder haben
sehr ungleiche Chancen eine kulturelle Bedeutung zu erlangen. Nicht
weniger betrifft dies aber auch jene grundsätzliche Frage nach der
Würdigung von Menschen(-gruppen). Und diese ist nicht etwas, das
noch irgendwie etwa zur Forderung nach einem "fairen Lohn" dazu
kommt, sondern hängt unmittelbar damit zusammen. Nicht ohne
Grund war Würde auch eines der Schlagworte im Aufstand der
Zapatistas und (davon inspiriert) vieler globalisierungskritischer
Bewegungen.

Wenn Würde von Menschen staatlich gewährleistet werden muss und
somit eine Frage politischer Auseinandersetzung darstellt, ist sie
offenbar nicht so universell, wie behauptet wird. Wenn sie gewährt
wird und nicht "gelebt" wird, bedeutet dies umgekehrt, dass zur
Konstruktion würdiger Menschen, jene dienen müssen, die es nicht
wert sind, gleich geachtet und behandelt zu werden. Die Würdigung der
Jüd*innen hängt somit vom politischen Klima ab, an dem sich auch die
staatliche Politik ausrichtet. "Ausländer*innen", die anerkannt werden,
werden es zum Teil aus verankerten humanistischen Gründen, zum
großen Teil aber auch schlicht aufgrund der ökonomischen
Notwendigkeit, sich ein Reservoir an billiger Arbeitskraft zu erhalten.
Jene, die brutal abgeschoben werden, können und sollen also nicht
gewürdigt werden, da die Würde offensichtlich begrenzt ist und "wir"
schließlich nicht das "Weltsozialamt" seien3. Dem ersten
Grundgesetzartikel scheint das nur wenig zu widersprechen und
insofern braucht er uns in diesem Kontext nicht weiter zu beschäftigen.
Vielmehr können wir uns auch hier beispielsweise von den Zapatistas
inspirieren lassen, von denen ausgehend John Holloway schreibt:

"In der Idee der Würde steckt zunächst eine Kritik der liberalen Theorie.
Im Rahmen der liberalen Theorie läßt sich die Idee der Würde nicht
ernsthaft diskutieren. Sie läßt sich nicht diskutieren, weil die liberale
Theorie von der Existenz des Marktes ausgeht und das Funktionieren
des Marktes auf dem Gegenteil der Würde beruht, nämlich auf der
aktiven und täglichen Ausbeutung, Entmenschlichung und Demütigung
der Menschen, wie wir aus eigener Erfahrung wissen und wie wir es
jeden Tag handgreiflich mitbekommen, wenn wir in Mexiko-Stadt an
einer Ampel halten. Im Rahmen der liberalen Theorie, d.h. im Rahmen
der Akzeptanz des Marktes, von der Würde zu sprechen, ist Unsinn.
Aus genau demselben Grund steckt in der Idee der Würde eine Kritik
am Staat und an der staatsorientierten Theorie." 4

Würdigung in hierarchischen und gleichberechtigten Beziehungen

Mit diesen Gedanken will ich nun zu einer etwas anders gelagerten
Thematik kommen, nämlich den Schwierigkeiten, die sich ergeben,
wenn Menschen in antiautoritären Gruppen Würdigung erfahren
sollen. Der Begriff der "Würde" scheint hier zunächst einmal gar nicht
angebracht zu sein, weckt er doch für Antiautoritäre unangenehme
Assoziationen wie seine verschieden gelagerten Synonyme "Ehre",
"Stolz", "Auszeichnung" und "Haltung" zum Ausdruck bringen5. Hierin
steckt schon die ganze Spießigkeit, der Rahmen hierarchischer
Ordnungen, welche Würden verleihen, einschließlich dem ganzen
feierlich-ernsten Brimborium drumherum, wenn wir an öffentliche
Ehrungen und so weiter denken. Einfach zum lachen erscheinen uns
Segnungen des Papstes, symbolische Militärparaden, salbungsvolle
Reden des Bundespräsidenten oder auch die romantische Szene in
einem Liebesfilm, in welcher die*der Geliebte hoffnungslos idealisiert
wird. Bitter wird unser Lachen oder bleibt uns gar im Hals stecken,
wenn wir wissen und merken, dass es in diesen Momenten der
Würdigung um die Aufrechterhaltung einer oftmals streng
hierarchischen Beziehung geht, ähnlich wie sie für den Staat angedeutet
wurde. Die symbolische Herrschaft kann durch ein massives kollektives
Gelächter entlarvt werden, wozu Satire dient, die oft kritisch ist, selten
aber die Grundlagen der Herrschaft in Frage stellt. Auch wenn ich
persönlich im poetischen Sinne hoffe, das es "ein Lachen sein wird, was
sie beerdigt"6, weiß ich leider doch auch, dass Lachen allein nie
ausreichen wird und dafür in anderen Zeiten auch schon mal Köpfe
rollen mussten.

In diesem Zusammenhang benutze ich den Begriff der "Würdigung",
die wir uns gegenseitig zukommen lassen oder auch nicht. Er soll als
eine bewusste selbstkritische Provokation und Infragestellung dienen.
Denn ziemlich anders sieht es aus, wenn für "Würde" Synonyme wie
"Selbstachtung", "Wertschätzung", "Ausgeglichenheit" oder die bereits
genannte "Anerkennung" gefunden werden. Dies sind hoffentlich
Dinge, zu denen in Gruppen mit emanzipatorischen Ansprüchen schon
Diskussionen gelaufen sind und sich auch immer wieder ergeben.
Meine Ausgangsbeobachtung und die Motivation diesen Text zu
schreiben ist dabei die Vermutung, dass sehr viele Menschen, welche
antiautoritäre Organisationsformen verlassen, dies zumindest auch tun,
weil sie sich darin nicht gewürdigt fühlen. Selbstkritisch und aus
eigenen Erfahrungen in verschiedenen Gruppen behaupte ich mal, dass
dies ein großes strukturelles Problem darstellt und keineswegs als das
Problem der einzelnen Leute gelten gelassen werden darf - womit wir
übrigens die Individualisierung und Beliebigkeit der Gesamtgesellschaft
einfach übertragen würden, nach dem Motto: "Die einen passen zu uns
und halten es mit uns aus, die anderen eben nicht". Eine politische
Bewegung, die sich selbst ernst nimmt und Anspruch auf eine
umfassende Gesellschaftsveränderung nehmen, kann es sich nicht
leisten nur mit Menschen zusammen zu arbeiten, die zu ihrem kleinen
elitären Klüngel gehören. Sie kann es sich auch nicht leisten nur aus
Freundeskreisen zu bestehen, in denen Menschen über einen langen
Zeitraum einen wertschätzenden Umgang miteinander entwickeln
konnten. Ich denke das versteht sich von selbst.

Das Thema Würde als ein bedeutender Bestandteil antiautoritärer
Organisierung

Wenn wir unter Würde also an dieser Stelle wertschätzende und
anerkennende Umgangsformen unter gleichberechtigten Menschen
verstehen und deren Entwicklung nicht einfach dem Zufall überlassen,
sondern die (Gruppen-)Bedingungen dafür vernünftig und kollektiv
einrichten wollen, handelt es sich dabei um eine bedeutende Frage
unserer politischen Organisierung. Die Weise wie wir uns organisieren
und unsere Beziehungen pflegen, ist für die einen weniger, für die
anderen mehr mit einem großen Anspruch verbunden: Zumindest
soweit es unter den gegebenen Bedingungen möglich ist, sollen unsere
Organisations- und Umgangsformen dem entsprechen, wie wir eine
kommende Gesellschaft gestalten. Nur wenn unsere Vorstellungen mit
unserer alltäglichen und meist ganz kleinteiligen Praxis
übereinstimmen, können sie auch auf andere überzeugend wirken. Und
dies gilt nun wiederum auch ganz konkret für die
Dimension der gegenseitigen Wertschätzung.

Diese Gedanken stellen lediglich eine
Zusammenfassung dessen dar, was
viele emanzipatorisch gesinnte Leute
diskutieren und praktizieren. Sie sind
keineswegs irgendwie neuartig. Tat-
sächlich unterstelle ich, dass sich viele
Leute in unseren Kreisen über
genau diese Dinge intensiv
Gedanken machen. Sehr oft
tun sie es für sich allein und
fragen sich beispielsweise,
ob sie jemanden verletzt
haben oder fühlen sich
selbst nicht gebraucht.
Immer wieder kommt
es auch vor, dass
Menschen sich zu
zweit oder vielleicht
auch mal zu dritt, Ge-
danken über eine sozi-
ale Konstellation oder
Situation machen -
meistens wenn irgend-
welche Probleme auf-
treten, weil sich Hier-
archien etablieren oder jemand sich wie ein Arschloch verhält. Der
kleine Rahmen ermöglicht die dafür notwendige Vertrauensbasis. Nur
ganz selten habe ich es allerdings erlebt, dass sich eine Gruppe
gemeinsam und programmatisch (das heißt nicht erst, wenn große
Probleme auftreten oder als Alibi-Emo-Runde), die Frage stellt, was die
Bedingungen dafür sind, damit ein wertschätzender und anerkennender
Umgang unter Gleichberechtigten möglich wird. Die Beweggründe für
Personen in antiautoritäre Gruppen zu gehen, sind sehr unterschiedlich
und auch vielfältig bei den Einzelnen. Selbst wenn Menschen ihre
Würdigung hauptsächlich aus anderen Kontexten ziehen oder einfach
verdammt selbstsicher sind, ist davon auszugehen, dass sie nach
emotionaler und sozialer Bestätigung in einer antiautoritären Gruppe
suchen, der sie sich anschließen. Und zwar einfach aus dem Grund,
weil es uns als soziale Wesen auszeichnet, dass wir von anderen
Wertschätzung, Anerkennung usw. brauchen und uns als
Gleichberechtigte fühlen wollen. Würden Menschen dies nur in
anderen Beziehungen außerhalb der politischen Gruppe finden, hieße
es, sie spalten Politik als gesonderten Teil ihres Lebens ab - was meiner
Ansicht nach als grundsätzlich problematisch zu betrachten ist.

Besondere Schwierigkeiten, die sich in antiautoritären Gruppen
ergeben

In diesem Zusammenhang ist es überhaupt kein Problem, wenn
Menschen "ihren" Platz in einer Gruppe
suchen, sondern scheint mir eher eine
schlichte Tatsache zu sein. Gerade
darin äußert sich ja der Wunsch,
in ihrer speziellen Art gelten
gelassen zu werden und sich
sinnvoll zu fühlen. Dabei ergibt
sich ein sehr grundsätzliches
Problem bei den Gruppen,
an die ich denke: Ihre
Struktur ist diffus, ihre
Zusammensetzung ver-
ändert sich bzw.
schwankt oft, ihre
Zielsetzung ist nicht
annähernd klar be-
stimmt und beste-
hende faktische
Hierarchien wer-
den nicht themati-
siert (denn sie sind ja
"hierarchiefrei"), ebenso
selten "persönliche" Kon-
flikte zwischen einzelnen
Beteiligten (auch wenn
sie zum Teil das Klima
der Gruppe erheblich
beeinflussen). Wie das
in deiner/deinen
Gruppe(n) aussieht, wenn du (noch) in einer bist, ist natürlich eine
Frage der Selbsteinschätzung. Prinzipiell glaube ich aber, dass derartige
Überlegungen auch für kontinuierlich arbeitende und klarer
strukturierte Gruppen eine Rolle spielen, bei denen die an ihnen
Beteiligten hoch reflektiert sind und einen bewussten Umgang
miteinander pflegen. Umgekehrt hatten in diesem Fall ihre Kontinuität,
Struktur und ein bewusster Umgang miteinander zur Voraussetzung,
dass sie derartige Denkprozesse angestellt und auch gewisse
Konsequenzen daraus gezogen haben. Wahrscheinlich klingt es etwas
Sozialarbeiter*innen-mäßig, aber vielleicht lohnt es sich, wenn
Menschen in Gruppen sich immer wieder mal ganz offen gemeinsam
die Frage stellen, welchen Platz sie darin jeweils einnehmen, ob sie
damit zufrieden sind, ob sie sich in ihrer jeweiligen Art wertgeschätzt
fühlen und in ihren Tätigkeiten anerkannt werden...

Insofern die antiautoritäre Gruppe jedoch dem Anspruch nach keinen
Chef*innen hat, stellt sich die Frage, wer wem und auf welche Weise
Würdigung zukommen lassen kann. Wenig ist unerträglicher, als jene
linken Lackaffen, die sich selbst in der Position fühlen, anderen für ihre
Tätigkeit Dank auszusprechen. Entweder tun sie es öffentlich, um vor
anderen ihre Position klar zu machen, weil sie für alle sprechen dürfen
oder insgeheim, zwischen Tür und Angel, - dann aber in der Form der
verzweckten, klüngelhaften Beziehungspflege, um jemanden auf die
eigene Seite zu ziehen, falls sich mal wieder verschiedene Lager bilden
sollten. Weil das von vielen Antiautoritären zurecht als scheiße
empfunden wird, ergibt sich aber umgekehrt der Effekt, dass niemand
sich traut, seine ganz ehrlich gemeinte Wertschätzung, Anerkennung
und so weiter zum Ausdruck zu bringen und jemanden zu würdigen. Es
gilt nicht als chic das zu tun, weil es doch eigentlich um die
(idealistische) Sache gehen soll und nicht um die Personen als Einzelne
- eine fatale Ansicht, nach der schon in manchem politischen Kampf
manche Person tatsächlich entwürdigt und zutiefst unglücklich wurde.
Die alles umfassende "Sache", um die es angeblich gehen soll, ist riesiger
bullshit, wenn es nicht im selben Zuge und im gleichen Maß genau um
die Personen geht, welche sie voranbringen wollen - mit der Einsicht
darin, dass sie darin persönlich vorankommen. Darum ist Politik eine
von Macht-durchzogene und bedauerliche Notwendigkeit und darum
zumindest immer ein Funken Grundskepsis jenen gegenüber
angebracht, denen sie richtig Spaß macht und die ihren Lebensinhalt
aus ihr ziehen.

Schlussendlich denke ich, dass es viele Formen gibt, in denen
wertschätzende und anerkennende Umgangsweisen eingeübt und auch
praktiziert werden. Deswegen geht es an dieser Stelle nicht um deren
Aufzählung oder eine Diskussion um ihre jeweilige "Brauchbarkeit",
sondern einerseits um den Hinweis auf ihre notwendige Verbindung mit
den Gruppenstrukturen und deren Problemen oder - versöhnlicher -
besonderen Herausforderungen. Andererseits wollte ich das Thema
ansprechen, wie sich Menschen in Gruppen gegenseitig würdigen
können, ohne dabei auf hierarchische Instanzen zurück zu greifen,
damit dies nicht allein eine Frage von "besseren" Umgangsformen oder
Verhaltensweisen bleibt. Diese haben damit selbstverständlich stark zu
tun. Persönlich bin ich aber der Ansicht, dass sie sich wesentlich stärker
aus einer bewussten Einrichtung von Gruppenkonstellation, der
Bestimmung ihrer Zielsetzung und eben auch der kontinuierlichen
Reflexion über die Gruppe, die Plätze der Einzelnen darin und der
strukturellen Gewährleistung ihrer Würde ergeben, als dass sie
umgekehrt deren Voraussetzung seien. Anders formuliert: Ich versuche
von Leuten immer weniger zu erwarten, dass sie genau meine Sprache
verwenden, meine Codes teilen, auf dem Stand meines Bewusstseins
sind und sehr ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Vielmehr
erwarte ich, dass wir in der Lage sind, gemeinsame Grundlagen und
Ziele zu bestimmen, uns die Frage stellen, wie wir sie zusammen
entwickeln und erreichen können und festzulegen, wie wir in der
Gruppe miteinander umgehen wollen. Gegenseitige Wertschätzung,
Anerkennung, eben die Würdigung der jeweils besonderen Personen
sind dafür eine Voraussetzung, ergeben sich aber auch gerade im Zuge
dessen. Formen von Gruppenstrukturen und Weisen von
Gruppenverhalten müssen im Zusammenhang gedacht werden.

Endnoten:

1 Es gibt allgemein die Auffassung, dass die prinzipielle Gleichheit der
Menschen ein spezieller Gedanke ist, der in der jüdisch-christlichen
Denktradition entstanden ist. Abgesehen davon, dass dies eine
Fokussierung auf Gott verlangt und umgekehrt bedeutet, dass sich der
emanzipatorische Gleichheitsbegriffder "westlichen Gesellschaften" aus
der Säkularisierung religiöser Vorstellungen ableitet, kann die
behauptete Gleichheit "vor Gott" auch gerade dazu dienen
Ungleichheiten "in der Welt" zu legitimieren. Ich gehe hier eher davon
aus, dass Vorstellungen von der Gleichheit der Menschen in ganz
verschiedenen Kontexten sozusagen als Nebeneffekte von Herrschaft
entstanden sind und nicht als "abendländische Werte" verbucht werden
können.

2 Während die Würdigung des Menschen durchaus damit einhergehen
kann, nicht-menschliche, empfindsame Lebewesen als reine Objekte zu
behandeln, denen kein würdiges Leben zustünde.

3 Ursprünglich ein Wahlkampfspruch der NPD, welcher von der AfD
kopiert wurde. Zuvor schon nutzte ihn auch Horst Seehofer:
https://www.welt.de/politik/deutschland/article137642111/Horst-
Seehofer-und-der-Spruch-vom-Weltsozialamt.html.

4 John Holloway, Die Würde und die Zapatistas, Wildcat #40/41, 1997,
auf: http://www.wildcat-www.de/zirkular/40/z40wuerd.htm.

5 http://synonyme.woxikon.de/synonyme/würde.php.

6 Unterschrift auf einem lustigen anarchistischen Plakat aus Italien in
den 70ern: http://www.anarchismus.at/component/phocagallery/42-
anarchoplakate/detail/2232-anarchistische-plakate-
41?tmpl=component&Itemid=1


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