(de) FDA-1FA, Gai Dao Nr. 71 - Missverständnis individuelle Selbstermächtigung Von: Imgart Edelweiß, der beleidigten Anarchakonservativen

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Sat Nov 12 10:41:31 CET 2016


Der folgende Text ist ironisch gemeint. Die Überschrift hingegen nicht, sondern 
bezeichnet, worauf die Ironie abzielt. Erstrebenswerte kollektive Selbstermächtigung wird 
hier nicht behandelt. Dem Thema wird sich nicht "seriös" sondern bitter-böse genähert und 
der Beitrag hat nicht die Absicht, jegliche Selbstermächtigungserfahrungen oder -konzepte 
für schlecht zu erklären. ---- Ja, es hat Gründe, dass wir uns oftmals völlig hilf- und 
ratlos in dieser Gesellschaft fühlen, die uns permanent überfordert, irritiert und kaum 
sinnvolle Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Ohnmächtig hocken viele Leute beispielsweise 
vor der Glotze und ziehen sich die Tagesschau oder andere Nachrichten rein, bei der sie 
möglicherweise durchaus einen Teil des Ausmaßes des Elends begreifen, in welchem wir uns 
befinden. Auch die verheerenden Folgekosten unserer Gesellschaftsform lassen sich nie
vollends verdrängen. Eine schicksalshafte Katastrophe nach der anderen
wird den Zuschauer*innen da präsentiert - und somit eine kollektive
Ohnmacht erzeugt, welche sie an den Staat appellieren lässt, statt ihre
Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen. Unmöglich können
in diesem Zusammenhang Selbstwirksamkeitserfahrungen gemacht
werden. Diese entstehen nur da, wo es die Einzelnen unmittelbar
betrifft und bei ihnen ein Gefühl ihrer Handlungsmacht entsteht, die
nicht einfach da ist, sondern sich genommen und erweitert werden
muss.

Vor diesem Hintergrund hatte ich eines Tages beschlossen, mich nicht
weiter dumm machen und klein halten zu lassen, sondern die Probleme
dort anzugehen, wo sie sich stellen - nämlich in meinem unmittelbaren
Umfeld, meiner eigenen Wahrnehmung, meinem Gefühl zur Welt und
den Menschen sowie meinem souveränen Umgang mit ihnen. Dies
führte mich dahin, wo ich heute stehe: Mein Leben ist rundum sinnvoll,
ich bin beschäftigt, überaus mächtig und beliebt. Gleich vorweg: Ich
muss mich nicht dafür entschuldigen, dass mein Selbstbewusstsein
andere einschüchtert, denn für deren Gefühle bin ich nicht
verantwortlich. Wenn sie in ihrem Opferstatus verharren wollen, ist das
bitteschön ihre Sache, die mich nicht weiter tangiert. Denn würde mich
ihre Ohnmacht und ihr Gejammer betroffen machen, könnte ich wohl
selbst nicht voranschreiten. Mitleid ist an dieser Stelle auch völlig
unangebracht, schließlich bringt das euch, die ihr noch zweifelt, auch
nicht weiter. Selbstermächtigung muss individuell praktisch werden
und weil ich kein Arschloch bin, erzähle ich gern allen, die es
interessiert, wie das bei mir vonstatten gegangen ist...

Natürlich konnte ich nicht schon immer solche selbstbewussten
Aussagen treffen. Einst war ich wie ihr: ein langweiliges und überaus
durchschnittliches Kind aus der oberen unteren Mittelschicht, dem
unzufriedenen Halbbildungsbürgertum. Meine Haut war blass, meine
Brille stark, meine Libido unbefriedigt. Voller Selbstzweifel dachte ich
lange Zeit verträumt und mit Kummer, dass Hermann Hesse genau für
mich schrieb. Und zwar all seine Werke. Doch damit musste endlich
Schluss sein! Es fing mit den scheinbar kleinen Erfahrungen an - ihr
wisst schon: alleine trampen, mal ein Regal bauen, sich trauen vor einer
Gruppe zu sprechen oder im Supermarkt einen Aufstrich mitgehen zu
lassen. Bei diesen Handlungen empfand ich jedoch schnell eine
langweilige Mittelmäßigkeit, die an mir nagte. Deswegen ging ich
weiter und unterwarf mich einem selbstgebauten Disziplinarregime,
mit welchem ich meinen Tagesablauf streng durchstrukturierte und mir
mächtige (verrückterweise zumeist männliche) Vorbilder suchte: In
meiner Reggae-Phase wollte ich gleich der Lion-of-Zion sein, mal
Arnold Schwarzenegger, Osama bin Laden oder die Präsidentin von
Amerika. Machtphantasien fesselten mich und so wurde Django
unchained von Tarantino mein Lieblingsfilm. Noch zum Einschlafen
hörte ich Wagners Walküre, um ermächtigende Träume zu haben.

Es war dann wohl meine erste Fahrradtour durch die Sahara, durch die
ich mir besonderes Selbstvertrauen aufgebaut habe. Im Himalaya auf
einen Achttausender steigen war für mich zu diesem Zeitpunkt schon
eine ausgelutschte Nummer. Klar, körperliche Betätigung spielt bei der
Selbstermächtigung eine besondere Rolle. Ich denke, weil beispielsweise
die Ausschüttung von Adrenalin die Bildung positiver Assoziationen im
Gehirn in Verknüpfung mit spezifischen Situationen des
eigenmächtigen Handelns fördert. Dementsprechend begann meine
Politisierung wie bei vielen zunächst durch Eindrücke auf der Straße.
Ich erinnere mich an diesen einen Blockadeversuch, wo ich voran
stürmte und sich gleich fünf Bullen auf mich warfen, um mich an den
Boden zu heften. Für einen Moment erstarrte ich kurz, um die
Dramatik der Situation zu erhöhen und ihnen das Gefühl von
Sicherheit zu vermitteln. Dann schleuderte ich sie in einem einzigen
Kraftakt einfach von mir. Sie staunten dabei nicht schlecht und
winselten ein bisschen. Auch ich war sauer, da mein Arm einen Kratzer
abbekommen und meine North-face-Jacke einen kleinen Riss hatte. Aus
Frust warf ich daraufhin allein eine Bullenwanne um, wollte es aber
nicht weiter übertreiben, damit die anderen nicht zu viele Probleme
bekamen.

Jedenfalls merkte ich, dass ich meine Mächtigkeit in den politischen
Bereich einbringen sollte, denn schließlich ging es - zumindest der
äußeren Form nach - um die Ermächtigung der Schwachen gegen
dieses scheiß System, dem wir es zeigen wollten. Ich geriet dabei
zunehmend in diverse Widersprüche. In dieser Gesellschaft werden wir
ja oft angehalten, Probleme bei uns selbst zu sehen oder - das ist die
Kehrseite - sie an Schwächeren und Anderen festzumachen. Ich denke,
davon sollten wir unbedingt Abstand nehmen! Ich wollte anderen nie
etwas aufzwingen, stellte aber immer wieder fest, dass sie der
Entfaltung der Mächtigkeit meines Selbst leider im Weg standen. Sie
stellten sich selbst und anderen zu viele kritische Fragen und lähmten
so völlig den Spaß daran, einfach mal die eigenen Projekte
durchzuziehen. So kam ich dann dazu, mich nicht dadurch aufhalten zu
lassen, irgendwelche Probleme bei mir zu sehen, für die die Gesellschaft
verantwortlich ist und organisierte dann eben den ganzen Kongress mit
2000 Teilnehmer*innen alleine. Sicherlich, das hat schon viel Arbeit
gemacht und Stress bedeutet, aber ich glaube zu dem Zeitpunkt
brauchte ich das auch einfach.

Richtig gut war, dass ich dadurch zahlreiche internationale Kontakte
von Leuten hatte, die von meinem Engagement sehr beeindruckt waren
und mich gerne zu sich einluden. Ich fand auch eine Weile Lust darin,
einfach alle Sprachen der Länder zu lernen, die ich besuchte, war aber
etwas enttäuscht, als ich feststellte, dass ich mit Arabisch, Englisch,
Chinesisch, Italienisch, Französisch, Hindi, den indoarischen Sprachen,
Afrikaans und Kiswahili doch recht weit kam. Ich meine, ganz ehrlich,
mit Spanisch und Portugiesisch war ja auch schon ein ganzer Kontinent
abgedeckt... Was von der Welt sehen und dabei alleine unterwegs zu
sein, sind auf jeden Fall echt ermächtigende Erfahrungen. Der Rahmen
eines Nationalstaates wurde mir tatsächlich auch bald zu eng, um
meine Fähigkeiten und meinen Tatendrang darin zu verschwenden. Klar
kannst du viel alleine rocken, aber es braucht schon auch die anderen,
die mitziehen. Und in dieser Hinsicht sehe ich leider schon viele Mängel
bei den Leuten. Insofern klingt es vielleicht etwas übertrieben, aber im
Grunde genommen könnte mensch schon objektiv sagen, dass ich die
politische Bewegung hierzulande bin. Also nicht dass wir uns falsch
verstehen - es geht mir wirklich nicht darum, mich über andere
Menschen zu stellen. Ich meine, sie sind ja auch alle echt froh mich zu
kennen und wenn ich die Zeit finde, mich mit ihnen zu beschäftigen.
Und deswegen verstehe ich inzwischen immer mehr, dass meine
wichtigste Aufgabe im Grunde genommen darin besteht, andere durch
mein Wirken zu inspirieren. Selbstverständlich hoffe ich, dass dies
geschieht und weiß ja aus eigener Erfahrung, dass es sich um einen
langen Weg handelt. Die Leute können nur dort anfangen, wo sie
stehen. Aber sie müssen selbst auf den Trichter kommen und losgehen.
Es bringt nichts, sie dabei an die Hand zu nehmen. Ich kann sie nur
gelegentlich anstupsen und muss ansonsten mein eigenes Ding machen.

Doch will ich nicht unnötig mit Politik langweilen. Gern erfreue ich
mich an den Kleinigkeiten des Alltags, wie zum Beispiel wenn ich bei
Saturn einen Kühlschrank klaue. Ihr ahnt es: Einfach, weil ich es kann.
Da ich Eigentum prinzipiell ablehne, enteigne ich mir Autos eher nach
Laune oder anlassbezogen. Für die Strukturierung meines Tages habe
ich mir inzwischen ein System des Viertelstundentaktes überlegt, um
keine Zeit zu verschwenden und all meinen Interessen und Aufgaben
nachgehen zu können. Klar bleibt da nicht viel Zeit für all die Personen,
die sich - abgesehen von meinem Körper und meiner Intelligenz -
aufgrund meiner reflektierten und selbstkritisch performten
Geschlechtsidentität sexuell zu mir hingezogen fühlen. Unmöglich kann
ich ihnen allen geben, wonach sie verlangen, räume mir aber
inzwischen dafür doch mehr Zeit am Morgen ein, wenn ich auf
Festivals mit meinen beliebten Technosets am Ende bin. Wenn wir
schon bei Parties sind: Die Frage, ob es selbstermächtigender ist,
konsequent straight edge zu sein oder mir alle Drogen reinzuballern,
die es gibt und darauf trotzdem klarzukommen, ist für mich auch noch
nicht abschließend geklärt. Im Moment teste ich das noch aus und
wechsle wöchentlich den Modus. Natürlich komme auch ich aus den
gesellschaftlichen Zumutungen der Lohnarbeit nicht raus, fand aber
eine ganz passable Lösung, seitdem ich mich ab und zu bei den
Servern von Banken einhacken und mir etwas Kohle
überweisen kann. Inzwischen finde ich es selbst ziemlich
krass, wie ich manchmal drauf bin. Wenn ich mal
wieder ein sternegekröntes Fünfgängemenü gezaubert
habe, denke ich auch einfach nur so: Wow! Aber was
soll ich machen? So sieht eben wahrer Selbstgenuss aus.
Und logischerweise komme ich ebenfalls an meine
Grenzen. Bei der ersten Hilfe habe ich schon mal mit
einem Taschenmesser am offenen Herzen operiert.
Trotzdem kommt einfach manchmal einfach jede Hilfe
zu spät. Im Übrigen bin ich selbstredend auch noch
nicht mit meiner Selbstverwirklichung fertig.
Beispielsweise war ich noch nicht auf dem Mond
oder so. Das fände ich aber auch echt zu
abgehoben...

Was ist nun die Quintessenz meiner Überlegungen, welche ich dir, liebe*r
zweifelnde* Leser*in für den Moment mitgeben kann? Einerseits:
Selbstermächtigung ist ein tolles Gefühl! Probiere es einfach aus! Ob du
es schaffen kannst, ist eine Frage deines Willens! Zweitens: Nach
meinen umfangreichen Erfahrungen in Selbstermächtigungsprozessen
bin ich zu dem Schluss gekommen, dass viele Leute einem
unglaublichen Leistungsfetisch anhängen und glauben, sich dauernd
darstellen zu müssen. Sie sollten das wirklich mal reflektieren.
Nachdem ich selbst einen Intensivkurs dazu gemacht habe, kann ich
zum Glück behaupten, inzwischen damit durch zu sein.


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