(de) a-f rhein-ruhr: [Do]Bericht zur anarchistischen Kiezdemo durch die Nordstadt am 4.11.

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Thu Nov 10 12:55:11 CET 2016


Am 04.11. fand in der Dortmunder Nordstadt eine anarchistische Kiez-Demonstration, 
angeführt von einem kleinen Frauen* Lesben* Trans* und Inter* Block, mit zu Höchstzeiten 
80 Teilnehmer*innen statt. Von 15.00-16.00 Uhr gab es vor dem anarchistischen Buch- und 
Kulturzentrum - Black Pigeon - eine Standkundgebung, zu der sich nach und nach mehr 
Menschen gesellten. Ein Jingel des anarchistischen Radios Berlin, welches auf 4 Sprachen 
(Englisch, Deutsch, Kurdisch, Spanisch) aufgenommen wurde machte den Anfang. Danach folgte 
ein Redebeitrag der queerfeministischen Gruppe Lila Lautstark, eine Rede vom Mieterverein 
Dortmund und eine der Schwarzen Ruhr Uni. Ausgerechnet bei der sehr interessanten Rede des 
Mietervereins Dortmund streikte leider zwischendurch etwas die Technik, wodurch die 
Botschaft der Rede nicht ganz rübergebracht werden konnte. Bis auf diesen Zwischenfall 
leistete das Lauti-Fahrrad aber gute Dienste.

Ab 16.00 Uhr zog die Demonstration dann einmal quer durch die Nordstadt zum Borsigplatz 
und über einen anderen Weg wieder zurück zum Black Pigeon. Die Route war mit über 2 
Stunden Fußweg zwar sehr lang, aber gut gewählt. Fast alle selbstorganisierten Projekte 
und viele weitere interessante Orte konnten so besucht werden. Denn während der 
Demonstration gab es viele Beiträge zu selbstorganisierten Projekten von unten, 
problematischen Einrichtungen, Gedenksteinen und immer wieder wurden Ereignisse, welche 
sich in der Geschichte oder Gegenwart zugetragen haben, beschrieben. Zu Folgendem gab es 
Rede-Beiträge über den Lauti, die während der Demozug lief vorgelesen wurden: Rekorder 
(echt selbstorganisiert!), Kirchen, faschistische Farbattacke auf Haus in der Kirchstraße, 
ehemaliges Gestapo Gefängnis "Steinwache", Gedenkstein für die durch den 
Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordeten Menschen, Train of Hope (war echt 
selbstorganisiert!), Jobcenter, Linienstraße, Porno-Kino, Nordwache, 
Spielhallen/Wettbüros, zu 2 Scheinbesetzungen (echt selbstorganisiert!), Geflüchteten-Heim 
in der kurz besetzen Kirche in der Braunschweigerstraße, Avanti Besetzungen (St. Albertus 
Magnus Kirche, ehemaliger Aldi/Lidl, Kirche in der Braunschweigerstraße) (echt 
selbstorganisiert!), einem neuen echt selbstorganisiertem Projekt in der Nordstadt "Tante 
Albert", Mega Zoo, Velokitchen (echt selbstorganisiert), Langer August (echt 
selbstorganisiert!), das KCR - schwulen und Lesebenzentrum (echt selbstorganisiert!), 
Bullen-Repression am Nordmarkt, Kneipe "Fink" am Nordmarkt, den "Blutsonntag" am 16. 
Oktober 1932, Kana Suppenküche (echt selbstorganisiert!), Grünbau, Nordpol (echt 
selbstorganisiert!), Mehmet Kubasik, kleine Programmkinos. Dadurch konnte ein lebendiger 
Eindruck über die Geschehnisse in der Nordstadt vermittelt werden.

Besonders bewegend war es, durch die Enscheder Straße vorbei an der St. Albertus Magnus 
Kirche zu laufen, welche vor zwei Jahren für eine Woche besetzt wurde und die seit 1993 
die erste ernst gemeinte Besetzung in Dortmund war. Direkt, als wir in die Straße 
einbogen, flammte die Avanti Parole "Avanti lebt! Avanti kämpft!" auf. Es war toll, sich 
in einem kollektiven Rahmen an die wunderschöne Woche in der Kirche zu erinnern. Die 
Bullen stellten sich vor der Kirche provokativ auf, als befürchteten sie eine neue 
Besetzung. Für kurze Zeit war die Luft wie elektrisiert. Als dann noch ein paar 
Nachbar*innen sich solidarisch mit der Demonstration zeigten, welche die Besetzung 
anscheinend in guter Erinnerung behalten haben, war der Moment perfekt. Wir können immer 
wieder kommen, vielleicht sind die nächsten Häuser ja schon vermessen?

In einer Auflage von circa 600 Stück wurde, solange der Vorrat reichte, von 3-4 Menschen 
gleichzeitig der Schwarze Docht zum Thema "Nordstadt von unten verändern!" verteilt. 
Dadurch, dass mehr als 2 Leute Straßenzeitungen verteilten, entwickelten sich am Rande 
Gespräche über Inhalt der Demonstration. An verschiedenen Orten wurden Schilder befestigt 
wie z.B. vor dem Kaufland "Hier könnte ein Umsonstladen sein", vor einem leerstehenden 
Haus "Hier könnte ein soziales Zentrum sein", oder vor dem Porno-Kino "Hier könnte ein 
Kino für alle sein". An der Nordwache flogen ein paar Trinkpäckchen in die Richtung der 
davor parkenden Polizeiautos. Wohl, um sich solidarisch zu erklären mit dem Betroffenen 
von Bullenrepression, welcher vor einigen Wochen ein Trinkpäckchen auf ein Bullen-Auto 
geworfen hatte. Im Zuge dieser Aktion wurde die Person festgenommen, erfreulicherweise 
solidarisierten sich spontan über 100 Menschen mit dem Trinkpäckchen-Werfer, so dass die 
Bullen schleunigst unter einem Flaschenwurf den Rücktritt antraten. Für mehr Trinkpäckchen 
gegen Bullenwagen!

Die Demonstration verlief ohne Störungen von Bullen oder Faschisten. Die Bullen versuchten 
im Vorfeld der Demonstration die Route zu verändern und am Tag der Demo überlegten sie 
offen, ob wir nicht doch eher auf dem Gehweg laufen sollten. Außerdem fühlten sie sich des 
öfteren von Rufen aus der Demonstration gegen sich selbst gestört. Die Route konnte bis 
auf eine kleine Veränderung gelaufen werden, wir sind ganz normal auf der Straße gelaufen 
und Parolen gegen Bullen gab es an passenden Stellen in angebrachtem Umfang reichlich!

Parallel zu unserer Demo fand eine Kundgebung von kurdischen Genoss*innen wegen der 
Verhaftungswelle von HDP Politiker*innen in der Türkei statt. Unsere Demonstration sprach 
sich solidarisch aus, welches auch durch wiederholte "Solidarität mit Rojava - Weg mit dem 
Verbot der PKK!" unterstrichen wurde.

Insgesamt sind wir zufrieden mit der Aktion! Klar, wir waren echt wenig Leute, aber damit 
haben wir bereits gerechnet, da uns im Vorfeld viele Genoss*innen aufgrund des Zeitpunkts 
absagten. Dies konnte auch ein verzögertes Loslaufen am Anfang nicht mehr ändern. Leider 
sind wir auch trotz des frühen Zeitpunkts der Demo einen nicht unerheblichen Teil der 
Strecke im Dunklen gelaufen, was nicht unser Ziel war. Stark bedauern tun wir, dass der 
Redebeitrag von Refugees Welcome Dortmund leider nicht auf der Demo vorgetragen wurde. Von 
den Gefährt*innen konnte leider niemand an der Demo teilnehmen, eigentlich sollte der 
Beitrag nach der Demo dennoch gehalten werden. Dies kam aber nicht zu Stande, weil nach 3 
Stunden Kundgebung und Demo die Luft am Ende einfach raus war. Eigentlich wurde die Rede 
als Ausklang ans Ende gesetzt, weil wir sie sehr passend und wichtig fanden. Bitte lest 
sie euch also dann hier im Nachhinein durch! Schön war, dass zumindest einzelne 
Nachbar*innen, außerhalb des anarchistischen Spektrums ihren Weg auf die Demo gefunden 
haben. Auch wenn da natürlich noch sehr, sehr viel Luft nach oben ist. Generell haben wir 
die Kiezdemo zu keinem Zeitpunkt als eine breit aufgestellte Aktion betrachtet. Das Ganze 
war eine explizit anarchistische Demonstration, in der wir viele Thematiken aus unserer 
Sicht schildern wollten, die die Nordstadt betreffen. Zu keinem Zeitpunkt hatten wir den 
Anspruch, bzw. haben ihn auch nicht formuliert, dass diese Aktion von breiten Kräften 
getragene war/wird. Nicht, weil wir das ablehnen würden, sondern einfach, weil das der 
Rahmen war, den wir uns für die Aktion gesetzt hatten und so sind auch vorallem Menschen 
aus dem explizit anarchistischen Spektrum gekommen. Nichts spricht jedoch dagegen für die 
Zukunft mal eine Kiezdemo zu machen, die von allen Akteur*innen von unten in der Nordstadt 
gleichberechtigt organisiert wird!

Wir denken, dass wir in vielerlei Hinsicht aus einem üblichen Demotrott ausbrechen konnten 
und unsere Inhalte recht gut transportiert bekommen haben. Wichtig zu betonen ist aber 
auch, dass wir im Rahmen der Aktion auch viele Probleme vor Allem in der Umsetzung unserer 
Ideen erkannt haben. Außerdem werden wir wohl- außer es läst sich garnicht vermeiden nie- 
mehr eine Demonstration unter der Woche zu dieser Uhrzeit organisieren.

Jetzt gilt es wieder, die alltägliche Arbeit und den Kampf von unten weiterzuführen. Die 
Kiezdemo ist ja nur ein Ausdruck von den Bemühungen, die jeden Tag stattfinden. Wir 
denken, dass das antiautoritäre Spektrum in der Nordstadt auf einem wirklich guten Weg 
ist, auch abseits von der Szene eine Perspektive zu entwickeln, welche für viele Menschen 
interessant sein kann. Dabei wollen und werden wir uns den vielen Freund*innen, welche 
auch von unten arbeiten, aber sich nicht als Teil der anarchistischen Bewegung begreifen, 
nicht verschließen. Es wird immer wieder Momente und Projekte geben, bei denen Menschen 
zusammenkommen aus unseren Zusammenhängen, um dann festzustellen: Gemeinsam haben wir die 
Kraft, die Nordstadt von unten zu verändern!

einige Anarchist*innen aus Dortmund

Seite der anarchistischen Gruppe Dortmund welche die Demo organisiert hat!

Rede der Refugees Welcome Dortmund:

Die Nordstadt ist kulturell vielfältig geprägt. Hier findet Leben auf der Straße statt. 
Hier gibt es viele verschiedene Communities. Viele lieben dieses Viertel deswegen. Es war 
schon immer ein Arbeiter_innenviertel und von Zuzug aus ganz Europa und der ganzen Welt 
geprägt. Angehörige der Oberschicht sind hier selten zu treffen. Neben dem Bezug zur einer 
Community, führt auch der erschwerte Zugang zu Wohnraum dazu, dass viele Menschen 
Wohnungen in der Nordstadt suchen. Aber auch hier hat die antiziganistische Stimungsmache 
gegen "Bulgaren und Rumänen" in den letzten Jahren großen Raum eingenommen. Während das 
Thema inzwischen für viele weniger präsent ist, hat sich die (Wohn-)Situation für 
Menschen, die aufgrund dieser Rassismen auch in der Nordstadt keinen würdigen Wohnraum 
finden, nicht verbessert.

Auch Studierende finden hier noch günstigen Wohnraum. Ein Zuzug der weißen Mittelschicht 
hat in den letzten Jahren merklich zugenommen. Auch die neu entstandenen linken Räume, wie 
der nordpol oder das Black Pigeon sind ein Result dieser Entwicklung. Es muss gelingen in 
der Nordstadt eine gemeinsame Bewegung aller progressiven Kräfte zu schaffen. Das 
Verharren in dem eigenen Milieu, das Aufgreifen vom Vorurteil der übergriffigen Araber, 
des Drogen dealenden Schwarzen, der klauenden Romabanden und sonstigen Rassismen, das 
abwertende Verhalten gegenüber Wohnungslosen, die Angst vor dem Fremden. Das alles hindert 
uns die Nordstadt zu einem besseren Ort zu machen.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Nordstadt meist immer noch ein Problemviertel. 
Geprägt von Kriminalität, Gewalt und Ausländern. Betrieben wird diese Hetze von Polizei 
über Parteien bis hin zu pseudofortschrittlichen Onlinemedien. Es werden Vorurteile 
gegenüber den Bewohner_innen der Nordstadt geschürt.

Wie in allen Teilen der Welt treten auch in der Nordstadt Konflikte auf. Diese treten hier 
wegen der Benachteiligung ihrerer Bewohner_innen durch Gesellschaft und Staat stärker und 
häufiger in der Öffentlichkeit auf. Vor allem aber deswegen, weil Polizei und andere 
stadtpolitische Akteur_innen alles versuchen um ein Drohszenario aufzubauen. Das tun sie 
um Maßnahmen gegen Menschen, die ihrer politischen Idee nach ein Problem sind, vorzugehen. 
Obdachlose, HartzIV-Empfänger_innen und als Ausländer gekennzeichnete Menschen waren schon 
immer Ziel von Angriffen des deutschen Staates und den konservativen Kräften der deutschen 
Gesellschaft.

Auch Geflüchtete suchen in der Nordstadt, wie ebenfalls in anderen Stadtteilen Dortmunds, 
ein neues Zuhause. Hierbei stoßen sie auf Ablehnung nicht nur bei Weißen, sondern auch in 
Teilen der bereits etablierten migrantischen Communities. Besonders schlimm sind jedoch 
die regelmäßigen gewalttätigen Angriffe von Polizist_innen, wenn Geflüchtete, vor allem 
Schwarze, zu deutlich in der Öffentlichkeit präsent sind. Polizei, Ordnungsamt und 
Stadtpolitik möchten sie mit allen Mitteln dazu bewegen Deutschland, oder zumindest 
Dortmund, zu verlassen. Ohnehin sind Geflüchtete von besonderer Ausgrenzung betroffen. Oft 
müssen sie in Lagern leben und werden besonders ablehnend behandelt und von der 
Gesellschaft isoliert. Auch in der Nordstadt sind Lager meist so angelegt, dass sie keine 
Nachbarschaft haben und eine Kontaktaufnahme kaum stattfindet. Oft genug lassen wir zu, 
dass mitten unter uns ein Lagerleben und eine Ghettoisierung geschaffen wird. Auch 
radikale Linke nutzen Labels wie "Refugees Welcome" und "Kein Mensch ist illegal". Aber in 
den seltensten Fällen wird Kontakt zu Geflüchteten in Lagern aufgenommen. Während sich auf 
eine politische Solidarisierung zurückgezogen wird, statt eine praktische Solidarität zu 
leben, verstehen sich viele Unterstützungskreise und Wohlfahrtsverbände vor Ort nur als 
Helfer*innen und blenden allzu oft die politische Dimension aus. Für eine Zukunft in 
Freiheit für alle, muss schon heute solidarische Praxis gelebt werden. Dafür darf die 
Erkenntnis, dass eigene Privilegien auf Verhältnissen basieren, die wir angreifen wollen, 
nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben! Im Moment entsteht an der Braunschweigerstraße in 
der Nähe des Nordmarktes ein neues Lager für Geflüchtete. Hier und in den anderen Lagern 
müssen wir präsent sein und Kontakt mit den Geflüchteten suchen!

Gemeinsam heißt es für eine Stärkung linker Ideen und einem solidarischen Miteinander in 
der Nordstadt zu arbeiten. Auf geht's in eine bessere Welt!

http://afrheinruhr.blogsport.de/2016/11/07/bericht-zur-anarchistischen-kiezdemo-durch-die-nordstadt-am-4-11/#more-470


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