(de) FDA-1FA, Gai Dao Nr. 71 - Fröhlicher Sklaventag ­ Zur Situation von Bayram Mammadov und Qiyas Ibrahimov im aserbaidschanischen Knast­ und Foltersystem Von: Mammad Azizov, ehemaliger anarchistischer Gefangener in Aserbaidschan / Übersetzung: Aylin & madalton

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Thu Nov 10 12:54:50 CET 2016


Ich konnte drei Jahre lang nur Bücher lesen und Radio hören. Was hätte ich sonst in einer 
Zelle von zehn Quadratmetern tun können?! Nach meiner Festnahme dauerte das 
Gerichtsverfahren Monate - bis zu zwei Jahre. Ein Kräfte zehrendes Verfahren für eine 20 
Jahre alte Person... ---- Ich möchte nicht über die aktuellen Isolationsbedingungen und 
Folterungen schreiben, jedoch kann ich folgendes mitteilen: Die Kreativität der 
aserbaidschanischen politischen Macht kennt bei Folterungen keine Grenzen. Im Allgemeinen 
wurden dort nicht viele politische Gefangene gesehen, die nicht in den Gefängnissen 
Aserbaidschans gefoltert worden waren. Isolationshaft, Folter - fast jede*r Gefangene auf 
der ganzen Welt rechnet damit, aber wenn du aus politischen Gründen in Aserbaidschan 
inhaftiert bist, solltest du es vorhersehen.

Zwang und Folter stellen grundlegendste Methoden zur
Aufrechterhaltung des Staates dar. Politische Gefangene in
Aserbaidschan wurden zusammen mit anderen Häftlingen festgehalten.
Deshalb konnten wir sehen wie unterschiedlich und willkürlich die
Behandlung zwischen politischen und anderen Gefangenen ist.
Wenn du aus politischen Gründen inhaftiert bist, fürchten sie sich
manchmal vor dir, genauso wie es manchmal Familien und sogar
Anwält*innen nicht erlaubt ist, dich zu sehen. Ich erfuhr dies am
eigenen Leib. Aktuell machen dies die inhaftierten Gefährt*innen, die
anarchistischen Aktivist*innen Bayram Mammadov und Qiyas
Ibrahimov durch. Es dauerte vier Monate bis es Bayram
Mammadov erlaubt wurde, seine Eltern zum ersten Mal nach
der Verhaftung zu sehen.

Was Bayram und Qiyas taten, stellte die
meistumjubelte Aktion der letzten Jahre in
Aserbaidschan dar. Beide wurden von den
aserbaidschanischen Behörden wegen
eines gesprühten Graffitis mit dem
Text "Fuck the system" und
"Fröhlicher Sklaventag", sowie
einem Anarchie-Symbol auf
dem Denkmal des verstor-
benen ehemaligen Präsiden-
ten Heydar Aliyev, inhaf-
tiert. Dies stellte eine
Protesthandlung gegen die
fortlaufenden Ungerech-
tigkeiten dar, die von den
herrschenden Eliten aufrechterhalten wurden. Niemand konnte
glauben, dass jemand das tun würde. Fast alle dachten, dass es ein
Auftrag des Staates und eine Provokation sei.

Dies könnte in verschiedenen Ländern als ein gewöhnliches Ereignis
gesehen werden. Aber es ist so ungewöhnlich, wie das Vorhandensein
des Denkmals, welches von Polizei und Kameras von allen Seiten
geschützt wird. Niemand dachte auch nur daran, was Bayram und
Qiyas taten. Wenn du unter den Skulpturverehrer*innen lebst, erfordert
es ernsthaften Mut sich nicht zu fügen. Bayram und Qiyas wurden
aktiv, um die Symbole der Macht zu beleidigen.

Lass mich jetzt kurz die Geschichte für diejenigen erzählen, welche sie
nicht wissen.

Die Aktion wurde am Vorabend von Heydar Aliyevs Geburtstag durchgeführt - am
10. Mai 2016, der jährlich von der Regierung auf verschwenderische
Weise gefeiert wird. Angesichts eines unumschränkten Personenkults
um Aliyev wurde solch eine Tat auf schwerste Weise von der Regierung
(unter der Führung dessen Sohnes Ilham Aliyev) verurteilt und die
Aktivist*innen wurden am 10. Mai 2016 verhaftet. Die Polizei
deponierte Drogen bei ihnen, um zu vermeiden, dass sie auf Grundlage
von Hooliganismus angeklagt werden. Das letztere wird mit einer
Haftstrafe von lediglich bis zu einem Jahr verfolgt (was für das Aliyev-
Regime als Bestrafung "zu milde" ist), während die
Anklage auf illegalen Besitz von Heroin mit bis
zu zwölf Jahren Haftstrafe lautet. Die
Tatsache, dass die Polizei fast drei
Kilogramm Heroin bei jedem der
Häftlinge zum Zeitpunkt der
Verhaftung entdeckt hat, beweist
die Tatsache, dass die Ange-
legenheit erfunden ist. Wie
auch immer - falls sie verur-
teilt werden, droht ihnen eine
Haftstrafe bis zu zwölf Jahren.
Bayram und Qiyas wurden
beide schwer gefoltert, vor und
nach der richterlichen Anhörung.
Ihr anwaltlicher Beistand Elchin
Sadigov teilte mittels Facebook Bayrams
ausführliche Stellungnahme über andauernde
Folterungen an ihm im zwölften Polizeirevier in Baku
und städtischen Polizeirevier. Ich werde einige Stellen aus seinem Brief
zitieren:

"... dann brachten sie mich zum Hauptbüro und sagten mir, dass "wenn
du Blumen vor die Statue legst und zu AzTV (dem Staatsfernsehsender)
sprichst, dich bei der Statue entschuldigst, wirst du freigelassen"... Ich
verweigerte dies, dann schlugen sie wieder auf mich ein".

"... Nach der richterlichen Anhörung am 12. Mai brachten sie mich zum
TDC Hauptrevier. Dort waren zwei Leute in Zivilkleidung. Sie befahlen
mir, ich solle ein paar Namen nennen und sie beschuldigen mit mir
zusammenzuarbeiten. Sie befahlen mir, dass ich Blumen vor die Statue
legen soll, zu AzTV sprechen soll und sie würden mich freilassen bis es
nicht zu spät sei. Ich verweigerte dies und sie riefen jemanden an und
sagten der Person "pass eine Weile auf ihn auf". Sie brachten mich in
weiter unten gelegene Stockwerke. Ich war in Handschellen und sie
schlugen mich mit Fäusten und Gummiknüppeln und traten mich. Sie
fesselten sogar meine Beine, sie knebelten mich, so dass niemand mich
hören konnte, während sie mich schlugen..."

"... Sie legten mich auf den Fußboden, eine*r von ihnen hielt meinen
Fuß während die andere Person mit dem Schlagstock auf meine
Fußsohle schlug. Danach hoben sie mich in die Höhe und ließen mich
plötzlich fallen. Sie ließen mich mehrere Male fallen. Nach dem vierten
oder fünften Mal wurde das Klebeband weggerissen und dieses Mal
begannen sie meine Hände mit ihren Beinen zu zerquetschen..."

Es war offensichtlich, dass die Gefährt*innen Bayram und Qiyas einen
hohen Preis für die Übergabe von "Geburtstagsgeschenken" für Heydar
Aliyevs Statue bezahlen werden.

Wir erleben die wachsende Anzahl von Leuten, die sich für
Anarchismus in Aserbaidschan auf eine wohlwollende Weise
interessieren nachdem Bayram und Qiyas verhaftet worden sind.
Tatsächlich ist Anarchismus für Baku historisch gesehen nicht
unbekannt. Vor der Sowjetunion war Baku eine der
aktivsten Städte in Bezug auf die anarchistische
Bewegung. Es gab "Anarchie", "Borba"
(Das Gefecht), "Bunt" (Die
Auflehnung), "Die Schwarze
Krähe", "Der Aufstand", "Land
und Freiheit", "Azad" (Frei) und
viele andere anarchistische
Gewerkschaften in Baku wäh-
rend der Zeitspanne von 1904
bis 1910. Nach 1910 gibt es
über sie keine Informationen.
Unter der sowjetischen Herr-
schaft war Anarchismus Staats-
feind wie andere oppositionelle
Ideologien.

Der Aufstand von Kronstadt vom siebten März
1921 verdeutlicht bereits vollständig was Revolution
für die Sowjets bedeutet. Wenn wir es deshalb von diesem
Gesichtspunkt aus betrachten, stellt Anarchismus eine neue
Anschauung für die Gesellschaft Aserbaidschans dar. Seit Beginn der
2000er Jahre erschienen dort zum Anarchismus verwandte Texte und
Diskussionen kamen unter der jungen Generation auf.

Es scheint, dass unsere Anzahl sich parallel zu den steigenden
Verhaftungszahlen vergrößert.

Kämpft - bis zu unserer Revolution, bis zu unserer Freiheit, bis alle
Gefängniszellen zerstört sind!


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