(de) direkteaktion: FAU Dresden: Zahlt endlich! -- Gemeinsam gegen Ausbeutung und Rassismus

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Sun May 29 11:32:45 CEST 2016


VON UNTEN AUF, STATT VON OBEN HERAB! -- NO PAYMENT? NO WORK! ---- „Organisiert euch!“, 
wird migrierten, mobilen und geflüchteten Arbeiter_innen von Linken in Deutschland des 
Öfteren zugerufen, auch wenn sie es allzu oft, zumindest im ökonomischen Bereich, selber 
nicht sind. Ein Aufruf zur Selbstorganisation aus einer solchen Perspektive bleibt in 
vielerlei Hinsicht problematisch. Als hätten wir es nicht alle nötig uns zu organisieren, 
sondern nur die Leute ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Und als hätten Kriege, globales 
Dumping, Naturzerstörung etc. nichts mit unserer Unorganisiertheit, gerade in den 
Industrienationen zu tun. Zum anderen: Wie wenig nützlich ist es in einem anderen Land auf 
eine verbalradikale Bewegung zu stoßen, die mir sagt, was ich schon weiß, nämlich dass ich 
kämpfen muss, mir selbst aber kaum eigene Erfahrungen zu sozialen Kämpfen im 
entsprechenden Land weitergeben kann.

WIR SIND NICHT VOLK, WIR SIND KLASSE!

Gegenentwurf: Sich mit oder ohne Staatsbürgerschaft gegen die tägliche Ausbeutung und 
soziale Ungerechtigkeit auflehnen. Innerhalb dieser sozialen Kämpfe lässt sich auch 
praktisch und niedrigschwellig darstellen, wie die Not von Lohnabhängigen in 
verschiedensten Ländern, wie Prekarisierung, Krieg und ökologische Katastrophen zusammen 
hängen, genauso, dass eine Chance auf Überwindung nur in einem globalen Zusammenhalten 
liegen kann. Diese Zusammenhänge sind plausibel und auch potentiell für jene von 
Interesse, die sich von komplexen soziologischen und politischen Theorien habituell bis 
jetzt eher abgestoßen fühlen. Zudem taugen diese Art antinational-solidarischer 
Erfahrungen zur Nachhaltigkeit. Insbesondere dann, wenn Kolleg_innen verschiedener 
Herkunft gemeinsame Kampferfahrungen machen. Solche Erlebnisse wirken zur Überwindung von 
ggf. vorhandenen Vorurteilen tiefgreifender als Flugblätter und Redebeiträge.

Beispiele solcher gemeinsamen Kämpfe auf Augenhöhe finden sich in der FAU aktuell in 
Berlin, Freiburg und Dresden – insbesondere im Bausektor.

AUSBEUTUNG MIT SYSTEM…

Das System der Ausbeutung migrantischer Arbeitskraft auf deutschen Baustellen: 
Prekarisierte Arbeiter_innen werden unter Versprechungen nach Deutschland gelockt. Oft 
verbraucht die Reise schon die Rücklagen der Betroffenen. Hier angekommen, müssen viele 
auf der Baustelle oder in überfüllten Quartieren auf dem Firmengelände schlafen. Einmal 
vor Ort, wird nicht selten der ursprünglich versprochene Lohn reduziert und die 
Übernachtungsstätte überteuert in Rechnung gestellt. Willkürliche Kündigungen, 
Vernachlässigung des Arbeitsschutzes und damit Unfälle sind an der Tagesordnung. Viele 
Kolleg_innen werden auf Papiere und Arbeitsverträge vertröstet, und arbeiten in 
Wirklichkeit unwissentlich schwarz. In der Montage ist es nicht unüblich, dass Löhne in 
täglichen, wöchentlichen oder monatlichen Abschlägen gezahlt werden. Eine typische 
Erfahrung betrogener Kolleg_innen: Sie erhielten mit der Zeit immer geringere Abschläge 
mit immer mehr Verspätung. Oftmals wird gerade so viel gezahlt, dass die Arbeiter_innen 
sich auf den Beinen halten können, zum Teil nicht einmal das.

Das Kalkül: Unternehmen lassen sich auf billige Sub- und Subsubunternehmen ein und 
erwarten von ihnen zum Teil Bauleistungen für einen Bruchteil des notwendigen Preises bei 
voller Bezahlung. Auch den Generalunternehmer_innen muss damit klar sein, auf welche Weise 
eine so vereinbarte Leistung zu Stande kommt. Das Subsubunternehmen hofft darauf, dass im 
Idealfall sich die Arbeiter_innen bis zum Ende der Baustelle in Schach halten lassen und 
dann mit einem Bruchteil des vereinbarten Lohns nach Hause fahren. Funktioniert das einmal 
nicht, werden die wütenden Kolleg_innen teilweise mit Kündigungen, illegalen Abmeldungen 
aus Deutschland oder gar Schlägertrupps verjagt und die letzten Arbeiten von einer anderen 
Firma erledigt.

Gegen dieses Unrecht vorzugehen ist schwer. Die meisten haben kein Wissen über das 
deutsche Arbeitsrecht oder die wenigen vorhandenen Beratungsstellen. Vielen Kolleg_innen 
fehlen zu dem die Sprachkenntnisse für eine entsprechende Recherche. Nicht zuletzt sind 
die meisten Kolleg_innen nach einem solchen Betrug finanziell am Ende, müssen sich oft 
noch Geld für die Rückfahrt schicken lassen. Durch die schlechte Dokumentation der 
Arbeitszeiten und die Schwierigkeit, Prozesse aus einem anderen Land heraus zu führen und 
nur dort Zeug_innen benennen zu können, werden Prozesse vor deutschen Arbeitsgerichten 
schließlich auch noch zu einem Glücksspiel. Für viele Kolleg_innen erscheint daher eine 
Gegenwehr gegen das erfahrene Unrecht unmöglich oder zwecklos.

…UND DER STÄRKER WERDENDE GEGENWIND.

In Freiburg wird um den Lohn von mehreren polnischen Kolleg_innen geklagt, die ersten 
Etappen wurden bereits gewonnen. Die FAU Berlin unterstützt sieben Mitglieder aus 
Rumänien, die beim Bau der Mall of Berlin geprellt wurden, mit beeindruckenden Aktionen 
und in mehreren Prozessen. Das Medienecho war beeindruckend, die Prozesse bis jetzt 
überwiegend erfolgreich, vor allem aber der Imageschaden für die Ausbeuter_innen 
beträchtlich. Wegen geringer juristischer Chancen kämpft die FAU Dresden rein 
aktionistisch um den Lohn eines bulgarischen Mitglieds. Im Vordergrund stand bei all 
diesen Konflikten zunächst die konkrete Unterbringung und finanzielle Nothilfe der 
Kolleg_innen.

Dass diese drei Kämpfe erst der Anfang sind ist klar. Nun soll zum einen über die 
beschriebenen Verhältnisse und Arbeitskämpfe informiert und vermehrt auf potentiell 
betroffene Kolleg_innen mit und ohne Staatsbürgerschaft zugegangen werden. In allen drei 
Fällen kamen die Kolleg_innen erst nach der Kündigung auf uns zu, was die Möglichkeiten zu 
direkten Aktionen enorm verschlechtert und uns weitgehend auf juristische Möglichkeiten 
zurückwirft. Ziel ist es nun eine frühzeitigere Organisation anzustoßen.

UNTERSTÜTZUNG TUT NOT!

Es stellt eine große Herausforderung für Syndikate dar, sich mit international agierenden 
Baukonzernen anzulegen und Kolleg_innen zu helfen, mit denen es oft keine gemeinsame 
Sprache gibt und die keineswegs aus einem linken Milieu stammen. Der Aufwand an 
Rechtsrecherche, Öffentlichkeitsarbeit, Übersetzungen und Kommunikation ist beträchtlich. 
Wer die Unterstützung solcher Arbeitskämpfe für nötig hält, sollte daher auch aktiv 
FAU-Strukturen unterstützen. Zum einen geht dies natürlich durch die Teilnahme an Aktionen 
oder das Unterschreiben begleitender Petitionen. Zum anderen kann mensch sich als 
Dolmetscher_in beim Syndikat anbieten oder sich bei den verantwortlichen Unternehmen 
telefonisch, per Fax, Brief oder E-mail beschweren um den Druck zu erhöhen. Vor allem 
hilft es aber, die Selbstorganisation durch eigenes Engagement in den Gewerkschaften zu 
unterstützen und vielfältiger zu gestalten.

FAU Dresden

https://www.direkteaktion.org/verteilzeitung-mai/zahlt-endlich


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