(de) direkteaktion: Dem Kapitalismus in die Suppe spucken! -- Die FAU kämpft vermehrt in der Gastronomie-Branche

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Fri May 27 09:52:11 CEST 2016


COOLER JOB? SCHALER BEIGESCHMACK! ---- In wenigen Branchen begegnet uns so eine Vielzahl 
von Arbeitsrechtsverstößen und Missständen wie in der Gastronomie. Die Einbehaltung von 
Trinkgeld, Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz, Nichtgewährung von Urlaub oder 
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sind genauso üblich wie der Zwang zur 
Scheinselbstständigkeit, Schwarzarbeit, Unterbezahlung, sexuelle Belästigung am 
Arbeitsplatz und despotische Chef_innen. Viele Betriebe sind zudem so klein, dass der 
Kündigungsschutz nicht greift und die Wahrnehmung der eigenen Rechte schnell mit dem 
Jobverlust einhergeht. Für viele ist der Job außerdem eher Durchgangsstation, wird als 
temporäres Übel angesehen oder sich schön geredet.

DA GEHT DOCH NOCH WAS!

Gleichzeitig bietet die Gastro für gewerkschaftliche Aktionen von unten viele 
Möglichkeiten. Oft reicht es schon, wenn eine Belegschaft mal entschlossen Forderungen 
formuliert und ausdauernd verhandelt. Dafür bietet die Dresdner FAU-Sektion 
„Basisgewerkschaft Nahrung und Gastronomie“ (BNG) seit geraumer Zeit Trainings an. Die 
Überschaubarkeit der meisten Betriebe eignet sich außerdem auch für junge Gewerkschaften 
zum Abschluss erster Haustarifverträge.

Aber auch wenn ein Konflikt schärfer wird: Fast jeder Gastrobetrieb ist auf seinen Ruf 
angewiesen. Können wir uns daher nicht auf den Kündigungsschutz verlassen, so doch auf die 
Möglichkeit in der Systemgastronomie schnell internationalen Druck mit unseren 
Partnergewerkschaften und in der Eckkneipe unmittelbaren Druck durch die Solidarität der 
Anwohner_innen und Stammgäste aufzubauen. Nicht umsonst konnten Syndikate in Dresden, Kiel 
und Berlin in den letzten drei Jahren auf eine Reihe erfolgreicher Arbeitskämpfe 
(inklusive zweimonatigem Streik in Dresden) zurückblicken. Gleichzeitig findet sich in der 
Gastro schnell ein neuer Job, mensch kann auch mal was riskieren, zumal neues Personal 
meist von den bestehenden Kolleg_innen empfohlen wird. So verhilft sich in Dresden ein 
Netzwerk von Kolleg_innen regelmäßig zu Stellen. Weitere Druckmittel in harten 
Arbeitskämpfen: Betrieb besetzen, mit dem Zoll drohen, Pressearbeit, Picketlines, 
koordiniertes Krankfeiern, Bummel- und Freundlichkeitsstreiks und natürlich reguläre Streiks.

NEUER WIND IN DER BRANCHE

Aktuell ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad abseits der Systemgastronomie 
verschwindend gering, da die DGB-Gewerkschaft NGG auf die Betriebssituationen, gerade der 
kleinen Kneipen, keine wirklichen Antworten hat. So wurde die Dresdner BNG als 
anarchosyndikalistische Organisation schnell unter den Kolleg_innen der Stadt bekannt. Wir 
konnten uns Strukturen erarbeiten, die uns weiterhelfen, sei es die angesprochene Hilfe 
bei der Stellensuche, Weiterbildungen zu Arbeitsrecht, Verhandlungstrainings, 
Arbeitskampfworkshops oder auch branchenübergreifende Strukturen wie die 
Erwerbslosenselbsthilfe für Aufstocker_innen und unsere Urlaubsmöglichkeiten gegen Spende. 
Besonders erfolgreich sind die Branchenlohnspiegel, die auch von Syndikaten in Regensburg 
und Hamburg ins Leben gerufen wurden. Diese dienen nicht nur zur Grundlage für 
Lohnverhandlungen, sondern auch als Pranger für besonders schwarze Schafe, Orientierung 
für solidarische Kunden und als ökonomischer Anreiz für Unternehmer_innen faire Löhne zu 
zahlen.

Immer noch gibt es viel Überzeugungsarbeit zu leisten. So sind selbst in Dresden viele 
Kolleg_innen mit antifaschistischem und antikapitalistischem Bewusstsein nicht 
organisiert. Das ist schade, denn mit jedem neuen Mitglied steigt nicht nur die 
Möglichkeit zu Informationskampagnen und Arbeitskämpfen, auch betriebsübergreifende 
Forderungen, z.B. für Lohnerhöhungen werden greifbarer. Dass solche Kämpfe schnell einen 
Flächenbrand auslösen und sich auch mit z.B. antirassistischen Kämpfen verbinden können, 
zeigt nicht zuletzt die aktuelle „Fight for 15“-Massenbewegung in der USA die maßgeblich 
von prekarisierten Gastro-Arbeiter_innen mitinitiiert wurde. Aber auch die Gründung 
weiterer lokaler BNGs ist wichtig, um Kräfte zu bündeln. Aus diesem Grund erstellt die BNG 
Dresden Präsentationen und Infomaterial so, dass sie schnell von anderen Syndikaten und 
Betriebsgruppen weiterverwendet werden können.

POLITIK? AUCH UNSER BIER!

Eine Organisation, die wie die FAU mehr als nur Gewerkschaft sein will, hat auch sonst in 
der Gastro viele potentielle Anknüpfungspunkte. Gastronomie, das ist nicht nur 
Warenumschlagsplatz, sondern immer auch anderweitig sozialer Raum. So können Belegschaften 
nicht nur bessere Arbeitsbedingungen fordern, sondern z.B. auch das Recht, rassistische 
oder sexistische Diskriminierungen im Laden nicht zu tolerieren, auf die Gefahren von 
Alkoholismus hinzuweisen, im Lokal politische Veranstaltungswerbung zuzulassen etc. Andere 
Aspekte können die Preispolitik oder der Absatz von kollektiv produzierten, veganen oder 
ökologischen Waren sein. Auch diese Forderungen werden oft dem Gewinninteresse des Chefs 
oder der Chefin entgegenstehen, auch deshalb ist es wichtig, sich gewerkschaftlich 
abzusichern und auf Konfliktfälle vorbereitet zu sein. Nicht zuletzt wollen wir auch mit 
unseren Kolleg_innen diskutieren und inhaltlich weiter kommen. So warb die BNG Dresden mit 
zwei Kampagnen in den vergangenen Monaten für eine Positionierung von 
Gastro-Arbeiter_innen gegen Pegida (in manchen Läden wurden Schilder „Kein Bier für 
Pegida“ aufgehängt) und gegen rassistische Türkontrollen. Auch wurde in den 
Betriebsgruppen z.T. dazu aufgerufen, als Belegschaften Bezugsgruppen auf Demos zu bilden.

EINE ANDERE KNEIPE WAGEN!

Viele Kneipen und Imbisse verkaufen sich ihrem Klientel mit einem linken Chic. Dass ein 
Betrieb jedoch nicht emanzipatorisch sein kann, so lange eine Partei den Besitz und das 
Mittel der Kündigung immer drohend in der Hand hält, sollte klar sein. Ein Betrieb, der 
sich links oder gar anarchistisch nennen kann, wäre für uns daher gleichberechtigt 
organisiert (gerade in der Eigentumsfrage), unterläuft keine Branchenstandards, wird 
gewerkschaftlich kontrolliert und ist bemüht um eine soziale Betriebsethik und 
bestmögliche Transparenz gegenüber der Kundschaft. Aus diesem Grund ist die Förderung und 
Gründung von gewerkschaftlichen Kollektivbetrieben Teil unserer Branchenstrategie. Eine 
erste Gründung wird aktuell durch Mitglieder der BNG aktiv angestrebt. Unterstützung 
bietet hier das „Union Coop“-Projekt der FAU Berlin (siehe 
berlin.fau.org/strategie/kollektivbetriebe). Hier wird eine Föderation und Zertifizierung 
eben solcher Kollektivbetriebe in Zusammenarbeit mit der FAU angestrebt. Schon jetzt gibt 
die Föderation i.G. hilfreiche Tipps für die betriebsinterne Satzung und mehr.

WIRF NICHT DAS HANDTUCH!

Das hier war nur ein Bruchteil unserer Arbeit. Wenn ihr in der Gastro arbeitet, schaut am 
besten mal in eurem Syndikat vorbei oder schreibt uns eine Mail. Wir können noch viel mehr 
schaffen – wenn ihr uns nicht hängen lasst!

BNG-FAU Dresden

www.dresden.fau.org/lohn

https://www.direkteaktion.org/verteilzeitung-mai/dem-kapitalismus-in-die-suppe-spucken


More information about the A-infos-de mailing list