(de) FDA-IFA, Gai Dào N°65 Mai 2016 - Anarchismus, gesellschaftlicher Wandel und die konkrete Utopie der befreiten Gesellschaft Von: Mona Alona

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Thu May 19 15:26:53 CEST 2016


Es ist ein Gemeinplatz, dass eine Definition „des“ Anarchismus nicht existiert. Die 
Diffusität des Gegenstandes bedingt die Unmöglichkeit, ihn mit einer allgemeingültigen 
Bestimmung fassen zu können, welche darüber hinausreicht, Anarchismus sei die „Lehre von 
einer zu erstrebenden Gesellschaft ohne Staat und autoritären Zwang“ (Gustav Landauer). 
Eine bunte Gemengelage kollektiver und individueller Lebensentwürfe sowie politischer 
Gruppierungen und Strömungen bezeichnet sich explizit als anarchistisch oder nimmt bewusst 
oder unbewusst Anleihen bei anarchistischem Gedankengut. Weil sich diese enorme Vielfalt 
aus verschiedenen Gründen einer Fixierung widersetzt, ergibt sich die paradoxe Situation, 
dass sich Anarchismus als Sammelsurium von politischen Strömungen, theoretischen 
Perspektiven und moralischen Haltungen überhaupt erst durch sich widersprechende Annahmen 
verschiedener Akteure begründet. Diese werden nicht künstlich geglättet, sondern im 
Gegenteil als „Philosophie der Praxis“ im Hier und Jetzt zugespitzt, um dem 
gesellschaftlichen Wandel eine emanzipa torische Richtung zu geben.

Der im Folgenden vorgenommene Versuch Gemeinsamkeiten anarchis-
tischer Perspektiven zu erfassen, kann sich daher nicht in einer abstrak-
ten Debatte vollziehen, sondern lediglich in den widersprüchlichen
Formen seiner Anwendung im Verlauf konkreter Auseinandersetzun-
gen. Dass dieser nur Puzzleteil in einem weithin unbekannten Mosaik
sein kann, ändert nichts an der Lust, ihn zu wagen, offenbart jedoch zu-
gleich, dass daraus keine gültigen Wahrheiten abgeleitet werden kön-
nen. Als Ausgangspunkt werden zunächst einige Aspekte des
Anarchismus umkreist und beschrieben (I). Auf dieser Grundlage wer-
den traditionelle und aktuelle Ansätze einer anarchistischen Gesell-
schaftsanalyse dargestellt (II). Diese führen zu Fluchtpunkten
anarchistischer Vorstellungen über die zu verwirklichende befreite Ge-
sellschaft (III).

I Analytische und normative Umrisse anarchistischer Bewegungen

Die grundlegende Offenheit des Anarchismus ergibt sich, weil die Not-
wendigkeit radikaler gesellschaftlicher Transformation von ihren Mög-
lichkeiten her gedacht und bearbeitet wird, welche in den Versuchen
ihrer stets bruchstückhaften und widersprüchlichen Verwirklichung er-
fahrbar werden. Folgende analytische und normative Hintergrundan-
nahmen begründen diesen besonderen und nicht allgemeingültigen
Blick auf den Anarchismus:

1) Ein bewegungsorientierter Ansatz ist sich der historischen Be-
grenztheit von Begriffen bewusst, versucht diese offen zu halten und
Debatten darüber zuzulassen, um nicht anachronistisch zu werden.

Klassische anarchistische Ansätze sind hierfür paradoxerweise fast Ge-
genbeispiele. Dies sollte jedoch nicht in einem traditionsvergessenen
Gegenwartsbezug münden, da sich das Verständnis, die Interpretation
und Politisierung von gesellschaftlichen Verhältnissen stets mit vermit-
telten und angeeigneten Vorannahmen über diese vollzieht.

2) Im Zuge der Ablehnung von Herrschaft widersetzt sich Anarchismus
festen identitätsstiftenden Zuschreibungen, um Instrumentalisierung,
Entschärfung und Diffamierung vorzubeugen. Identitäten gelten ihm
als durch Herrschaft vermittelt, die durch kollektive emanzipatorische
Handlungsprozesse aufgebrochen werden. Dies führt zum Sichtbarwer-
den anarchistischer Potenziale in der Lebensrealität von Menschen – ob
diese sich selbst als Anarchist*innen bezeichnen oder nicht.

3) Anarchismus beruht auf einer gewollten und sogar beförderten Plu-
ralität politischer Bewegungen, die sich aus unterschiedlichen aber in
solidarischer Beziehung stehenden Akteur*innen zusammensetzen. Die
Gruppen kooperieren themenbezogen in wechselnden Konstellationen
und befruchten sich gegenseitig, wobei gerade ihre Vielfalt eine Domi-
nanz einzelner Akteur*innen verhindert.

4) Schließlich beinhaltet Anarchismus auf einer prinzipiell undogmati-
schen Haltung . Diese wäre allerdings falsch verstanden, würde sie als
inhaltliche Beliebigkeit, Theoriefeindlichkeit oder lediglich postmoder-
nes Denken aufgefasst werden. Im Gegenteil nimmt er aktuelle inhaltli-
che Debatten, theoretische Entwicklungen und die Bedingungen seiner
Zeit auf und gelangt deswegen zum vernünftigen Schluss, keine letzt-
gültigen Wahrheiten zu postulieren. Die Kollektivität von Erkennt-
nisprozessen wird dabei betont.

Auf welcher Grundlage können die teilweise äußerst unterschiedlichen
anarchistischen Ansätze mit-
einander als solche umkreist
werden? Als Basisprinzipien
seien vorgeschlagen: a) frei-
willige Assoziation, b) gegen-
seitige Hilfe (= Kooperation),
c) Selbstorganisation, d) Hier-
archie- und Herrschaftskritik,
e) kollektive Emanzipation
durch die Subjekte, f) die
Auflösung des notwendig
falschen Widerspruchs zwi-
schen 'Individuum' und 'Ge-
sellschaft', g)
Selbstbestimmung des Indivi-
duums (vor allem als morali-
sche Instanz) und h) Erfahrbarkeit gesellschaftlicher Alternativen, wel-
che gesamtgesellschaftliche Befreiungsprozesse vorstellbar machen.
Diese Prinzipien treten erstens in Verbindung miteinander auf, verwei-
sen zweitens auf Fluchtpunkte zu einer befreiten Gesellschaft und wer-
den drittens als Mittel und Wege konkreter Utopien angesehen und auf
notwendig unzulängliche Weise schon praktiziert.

Mit diesem vereinfachten Schema können die pluralistischen anarchis-
tischen Ansätze im Querschnitt beschrieben werden. Kooperation statt
Konkurrenz wird in ganz unterschiedlicher Ausprägung, jedoch als
Prinzip sowohl von zivilisationsfeindlichen Primitivist*innen als auch
von technophilen Hackaktivist*innen genutzt und propagiert. Wird die
moralische Instanz im Individuum verortet und dessen Ansicht grund-
sätzlich respektiert, kann sich darauf sowohl der anarchistische Pazifis-
mus als auch der Insurrektionalismus berufen. Des Weiteren kann der
Nachweis dieser Prinzipien auch eine Erfassung klassischer und aktuel-
ler anarchistischer Ansätze auf einer historischen Achse im Längs-
schnitt ermöglichen. Deswegen können Kontinuitäten gesehen werden,
gerade weil die
Prinzipien Wand-
lungsprozessen un-
ter sich verändern-
den gesellschaftli-
chen Bedingungen
unterliegen.

Über die inhaltliche
Richtigkeit und ge-
sellschaftliche
Wirkmächtigkeit
einzelner Gruppie-
rungen oder Ansät-
ze kann mit diesem
Schema selbstre-
dend nichts ausgesagt werden. Eine adäquate Beschreibung muss auch
jene Ansätze erfassen, mit welchen die Autor*innen übereinstimmen;
eine Umkreisung schließt auch solche ein, welche derzeit nicht als rele-
vant oder zeitgemäß gelten, wenngleich ihr emanzipatorisches Potenzial
den Prinzipien nach gegeben sein muss.

II Aspekte einer anarchistischen Gesellschaftsanalyse

Ebenso wie sich der Anarchismus einer Definition entzieht, kann es
nicht „die“ anarchistische Gesellschaftsanalyse geben. Notwendiger-
weise besteht er aus einem synkretistischen theoretischen Instrumenta-
rium je nach dem von Anarchist*innen bearbeiteten Gegenstand, ihren
Zugangsmöglichkeiten und persönlichen Präferenzen. Eine anarchisti-
sche Umgangsweise mit Theoriebildung könnte darin bestehen Freiheit
im Denken einzufordern und sich Methodenzwängen zu widersetzen.
Gerade der Synkretismus erlaubt eine grundsätzliche Dynamik zwi-
schen Analyse von Gesellschaft und ihrer emanzipatorischen Transfor-
mation.

Das Erkenntnisinteresse anarchistischer Gesellschaftsanalyse besteht in
der Offenlegung von Herrschaftsmechanismen (Herausarbeitung ih-
rer Kontingenz und Geschichtlichkeit) sowie der Verwirklichung anar-
chistischer Prinzipien, die entsprechend der gesellschaftlichen
Bedingungen inhaltlich zu füllen sind. In diesem Zusammenhang gilt
es, klassische anarchistische Texte in ihrem historischen Kontext zu se-
hen, sie als Positionierungen in ihrer und Aussagen über ihre Zeit zu
verstehen, ihre inspirierenden Kernpunkte heraus zu arbeiten, sie dar-
über hinaus aber oft zu verwerfen.

Am Herrschaftsverständnis selbst wird deutlich, worauf dies hinaus
läuft: Die größten „Verdienste“ erarbeiteten sich klassische Anar-
chist*innen – gerade im Gegensatz zu und in der Befruchtung von so-
zialistischen Strömungen –, indem Herrschaft nicht ökonomistisch
reduziert wurde. So ist die Leugnung von sogenannten Haupt- und Ne-
benwidersprüchen zumindest tendenziell schon angelegt, wenn Herr-
schaftsverhältnisse insgesamt kritisiert werden und nicht nur ihre
spezifische historische Ausprägung wie im Kapitalismus. Als Gesell-
schaftsformation, die in alle Bereiche hineinreicht und in welcher sich
die Unter-
drückungsverhält-
nisse gegenseitig
einsetzen und stüt-
zen, kann dieser
dennoch angesehen
werden und wird
gerade deswegen
aber in seiner
Komplexität be-
greifbar.

Dabei wurde Herr-
schaft als eine äu-
ßerliche Sache
verstanden, welche
in ihrer konkretesten Form des Staates direkt angegriffen und über-
wunden werden könnte. Dies entspringt einer falschen Gegenüberstel-
lung, wonach die „Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ möglich und
erstrebenswert wäre. An dieser Stelle werden die historischen Wurzeln
des klassischen Anarchismus mehr als deutlich, blieb er hier im Denken
der Aufklärung und dessen universalistischen Menschenbild verhaftet.
Würden die Verschleierungsmechanismen weggefegt werden, könnten
bewusstwerdende Menschen ihre Verhältnisse unmittelbar verstehen
und selbst gestalten – so die klassische Theorie. Die zugrunde liegenden
gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Herrschaftsstrukturen hervor-
bringen, können damit nicht begriffen werden. Die klassischen Anar-
chist*innen hatten überwiegend wenig Gespür für die Ambivalenz von
Herrschaft. Beispielhaft an der Thematik der Subjektivierung lassen sich
hier aber Weiterentwicklungen aufzeigen.

Da der Anarchismus traditionellerweise das Individuum betont und die
freie Entfaltung der Individualität aller als ein Maßstab für die befreite
Gesellschaft nimmt, stellt sich die Frage, wie die vonstatten gehende
herrschaftsförmige Subjektivierung (1) sabotiert und durchbrochen
werden kann. In einer Gesellschaft, in der es kein Außerhalb der Herr-
schaft gibt, werden die Subjekte konstituiert, indem sich Menschen ge-
sellschaftlichen Normen unterwerfen. Somit werden sie in den
Verhältnissen handlungsfähig, allerdings nicht in emanzipatorischer
Hinsicht, welche darin bestünde, Gesellschaft unmittelbar, kollektiv und
autonom zu gestalten. Widerständige Subjekte auszubilden verlangt in
der lebensweltlichen Realität immer eine Verarbeitung und Überarbei-
tung der bereits vorfindlichen fetischisierten Strukturen. Diese Beein-
flussung von Subjektivierung macht ihre emanzipatorische
Mitgestaltung möglich, wodurch diese sich als eigenes Kampffeld dar-
stellt.

Mit einer vergleichbaren Herangehensweise kann auch der Staat (2), in
seiner erweiterten Form (institutioneller Apparat, Zivilgesellschaft, ver-
innerlichte Obrigkeit) gedeutet werden, was die Perspektive auf das Ziel
seiner Abschaffung deutlich verschiebt. Eine „anarchistische“ Staats-
theorie, welche mit gutem Grund und Realitätssinn an der Überwin-
dung von Staatlichkeit festhält, muss sich deswegen umso mehr mit der
Komplexität dieses Gegenstandes befassen. Der Staat ist eben kein
„Ding“, der einfach zerstört werden könnte oder dessen es sich zu be-
mächtigen gilt. Er ist ein Verhältnis zwischen Menschen, wobei in kon-
kreten Auseinandersetzungen sichtbar wird, wie Staat Herrschaft
organisiert und Ausdruck ebendieser ist. Entwickelt man davon ausge-
hend analytische Beschreibungen, liegt es auf der Hand, dass eine re-
flektierte antistaatliche Haltung nicht lediglich an der Oberfläche
gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse kratzt, sondern durchaus auf
ihren Kern und ihre konkrete Ausprägung zielt.

In Bezug auf reale gesellschaftliche Alternativen (3) ergibt sich bei
klassischen Anarchist*innen daher ein zweischneidiges Bild. Gustav
Landauer erweckt den Eindruck, in landwirtschaftlichen Produktions-
genossenschaften und kommunitären Lebensformen wäre die Anarchie
quasi schon verwirklicht. Gleiches könnte von Rudolf Rocker in Bezug
auf das Syndikat gesagt werden oder die Künstlerkreise, auf welche sich
die Bohéme bezog. Andererseits aber wurde die Idee der sozialen Revo-
lution gerade im Unterschied zu reformistischen Strömungen im Blick
behalten und eben durch die verschiedenen Formen konkreter Utopie
propagiert. Gewiss ist ein Begriff wie soziale Revolution wiederum
nicht an sich emanzipatorisch oder überhaupt aussagekräftig. Dennoch
verweist er immerhin explizit auf eine gesamtgesellschaftliche Verwo-
benheit der jeweiligen Aktivität, die zu einem Verständnis von Revolu-
tion als einen umfassenden und langfristigen Prozess führt, der eben
nicht mit der Übernahme politischer Macht identisch ist.

Politische Bewegungen (4) selbst sind Untersuchungsgegenstand an-
archistischer Gesellschaftsanalyse. Sie stellt sich die Fragen, welche
Ansätze langfristig Erfolge haben, gesellschaftliche Relevanz gewinnen,
die Kräfteverhältnisse verschieben oder reale Alternativen aufbauen.
Welche multiplen Bedingungen zusammen kommen müssen, damit
Menschen sich politisieren, möglicherweise gar ein revolutionäres Sub-
jekt bilden, welches kein bestimmtes Milieu bezeichnet, sondern eine
politische Entität, die sich aus Menschen zusammensetzt, die den herr-
schenden Zustand im emanzipatorischen Sinne überwinden wollen?
Welche Strategien und Taktiken wurden angewandt und welche von
ihnen haben sich bewährt, sind gescheitert oder waren schon im Ansatz
falsch?

In der Analyse bestehender Verhältnisse scheint das Potenzial ihrer
Überwindung schon auf. Anders als aus vorhandenen Widersprüchen
ist gesellschaftliche Entwicklung nicht vorstellbar. Dass eine andere,
herrschaftsfreie Welt, schon in Ansätzen existent und dennoch ganz
und gar nicht verwirklicht ist, ist ein Paradoxon, welches sich nicht
auflösen lässt. Anarchist*innen wollen in widersprüchlichen Verhält-
nissen auf notwendig unzulängliche und bruchstückhafte Weise eman-
zipatorisch handlungsfähig werden. Sie streben keine Perfektion in
ihrem Denken und Handeln an, sondern betonen den experimentellen
Charakter jeder radikalen (Anti)Politik. Hierbei geht es nicht um blin-
den Aktionismus, sondern um reflektierendes Handeln, das die Chan-
cen seiner Reflexion auf dem Weg gewinnt, auf den es sich begibt.
Unabhängig von den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen ist an-
archistisches Handeln darum stets ein Spiegel der jeweiligen Zeit, da es
auf diese Bezug nimmt und in sie intervenieren will. Bewegt sich anar-
chistische Gesellschaftsanalyse dabei zu dicht am Gegenstand oder geht
in ihm auf, muss trotz aller Rhetorik und möglicherweise Radikalität ihr
kritisch-emanzipatorisches Potenzial verloren gehen.

III Fluchtbewegungen zur befreiten Gesellschaft als Leitbilder der sozialen Revolution

Die Hoffnung von Anarchist*innen ist die befreite Gesellschaft. Die
Anarchie ist kein erreichbarer Zustand, sondern umfasst konkrete und
im Hier und Jetzt zu verwirklichende Ideale. Anarchist*innen stellen
also keine Fahrpläne auf, nach denen die herrschenden Zustände über-
wunden werden könnten, sondern befinden sich ohnehin schon in kon-
kreten Auseinandersetzungen. Deswegen postuliert Anarchismus keine
abstrakte Gesellschaftsutopie.

Die Frage, wie denn nun die befreite Gesellschaft aussehen soll, ist aus
verschiedenen Gründen absurd. Erstens entwickeln sich Vorstellungen
von ihr in der Negation des Bestehenden. Zweitens geht es Anar-
chist*innen darum, bestehende Ansätze alternativer Vergesellschaftung,
auf ihren emanzipatorischen Gehalt zu überprüfen, in diesen – auch
durch Kritik – Inspiration zu finden und somit die Potenziale aufzuzei-
gen, welche das Bestehende nach anarchistischen Vorstellungen und
Werten beinhaltet. Im Zuge dessen wird deutlich, wo seine Grenzen lie-
gen und dass es diese einzureißen und die Grenzziehungen zu durch-
kreuzen und zu sabotieren gilt. Es geht hierbei also um die Erweiterung
unserer kollektiven Vorstellung, sowie der Mittel ihrer Verwirklichung.
Diese Demokratisierung der Erzeugung sozialer Realität setzt sich nach
antiautoritärer Maxime aus allen zusammen, die sich daran beteiligen
wollen und können, weswegen sich die eigenen Vorstellungen stets nur
ausgehandelt und verändert verwirklichen lassen. Drittens drängen An-
archist*innen, weil ein radikaldemokratischer Prozess aufgrund der
Herrschaftszustände keineswegs automatisch zu emanzipatorischen Er-
gebnissen führt, auf eine Diskussion darüber, was Emanzipation bein-
halten soll und wie sie
erreicht werden kann. Dies
kann nicht mit festen Vor-
stellungen über die zu ver-
wirklichende Gesellschaft
geschehen, sondern nur in
Form von Vorschlägen, An-
regungen und besser noch
Beispielen.

Dennoch lassen sich anar-
chistische Fluchtbewegungen
zur befreiten Gesellschaft
nachzeichnen: 1) Sie beruht
auf radikaldemokratischen
Prozeduren zur kollektiven
Willensbildung. Grundsätz-
lich gibt es Spannungen zwi-
schen verschiedenen
gesellschaftlichen Gruppen, welche sich aus der gewollten Heterogeni-
tät ergeben – die Frage ist, wie sie ausgetragen und vermittelt werden.
Herrschaftsfreiheit bedeutet nicht die Auflösung unterschiedlicher In-
teressen, sondern ist der Versuch einer Konsensfindung. Einzelne Grup-
pen oder Individuen steht es frei, ihre Zusammenhänge zu verlassen
und sich anderen Gruppen anzuschließen. Eine autonome Gesellschaft
gibt sich in reflektierter Form, ihre eigenen Gesetze. Autonome Indivi-
duen erkennen diese an, was ohne sich selbst zu täuschen nur gelingt,
insofern sie an deren Aufstellung und der Ausübung der Macht voll-
ständig teilnehmen können.

2) Die befreite Gesellschaft besteht aus einem solidarischen Netzwerk
von Millionen Gruppen, welche sich aus autonomen Individuen (bei-
spielsweise themenbezogen, aus persönlicher Sympathie, als arbeitendes
Kollektiv und/oder aufgrund der räumlichen Nähe) zusammensetzen.
Gruppenzusammensetzungen und Gruppenbeziehungen ändern sich
permanent, sodass es dauerhafter Überlegungen bedarf, wie das Soziale
zu gestalten ist. Selbstgesetzgebung und Selbstorganisation nehmen je
nach Funktion, Inhalt und Zusammensetzung einzelner Gruppen ver-
schiedene Ausprägungen an. Teilweise werden sie sehr viele Regeln ha-
ben, teilweise gar keine explizit benannten. Entscheidend ist ihre
prinzipielle Änderbarkeit und fortwährende Überprüfung. Ziel ist es die
Anwendung von Zwangsmitteln zu verunmöglichen. Dies gelingt,
wenn Individuen sich in mehreren Gruppen bewegen, welche im fort-
währenden Austausch stehen und die Etablierung von Hierarchien per-
manent kritisieren.

3) Die befreite Gesellschaft ist kommunistisch . Dies besagt, dass die
Eigentumsverhältnisse aufgehoben und Produktionsmittel vergesell-
schaftet werden. Somit tritt eine egalitäre Verteilung von Lebenschan-
cen und materiellen Gütern (vor allem aber deren kollektive Nutzung)
ein. Ein bedingungsloses Anrecht auf eine menschenwürdige Versor-
gung ohne jeden Bedürftigkeitsnachweis gibt es für alle. Jede*r kann
sich nach ihren*seinen Bedürfnissen versorgen und nach entsprechen-
den Fähigkeiten und Möglichkeiten zum gemeinsam produzierten
Reichtum beitragen. Eine Bewertung der jeweiligen Tätigkeiten unter-
bleibt tendenziell, zumal sie
überflüssig wird, wo Men-
schen aus ihren Interessen
heraus zum Gemeinsamen
beitragen.

4) Die befreite Gesellschaft
ist grenzenlos . Ihre Ver-
wirklichung in einer abge-
schotteten Region ist nicht
vorstellbar. Sie kann nur
global entfaltet werden und
setzt sich als Ziel alle
Grenzziehungen zwischen
Gruppen und Menschen zu
hinterfragen und zu über-
winden, ob sie auf Fachwis-
sen, Alter, Geschlecht,
Sexualität, vermeintlicher
Leistungsfähigkeit, Durch-
setzungsvermögen etc. beruhen. Wo Reichtum vergemeinschaftet und
Produktion kollektiv organisiert ist, sowie Einzelne in all ihren Grup-
penverwobenheiten die soziale Wirklichkeit autonom und bewusst pro-
duzieren, besteht keine Ausgrenzung mehr.

In diesen Fluchtbewegungen spiegeln sich die anarchistischen Basis-
prinzipien wider. Anhand derer angestrebten Verwirklichung können
Versuche gesellschaftlicher Alternativen gefasst, diskutiert und kritisiert
werden. Freiwillige Assoziation, Selbstorganisation, Kooperation, Hier-
archiekritik/Herrschaftskritik und andere sind keine hohlen Phrasen
mehr, wenn Menschen sie bewusst umsetzen wollen oder auch unbe-
wusst ihre kollektiven Handlungen nach ihnen ausrichten. Um an die-
ser Stelle einen Begriff wie „Alternativen“ einzuführen sei zunächst all
das verworfen, was heute das Label „alternativ“ trägt. Die individuelle
Bearbeitung gesellschaftlicher Widersprüche und eine Lebensstilände-
rung von Einzelnen können nicht Triebkraft emanzipatorischer Verän-
derung sein, wenn sie nicht zugleich danach streben, ihre Interessen
kollektiv zu organisieren und darüber hinaus Kämpfe zu verbinden.
Beispiele für gesellschaftliche Alternativen können nicht dingfest ge-
macht werden, sondern sind an Einzelfällen zu untersuchen. Dennoch
können sie Ausdruck und Bestandteil von sich bereits wandelnden Ver-
hältnissen und einem sich verändernden kollektiven Bewusstsein dar-
über sein. Ihr emanzipatorischer Gehalt liegt demnach zunächst „nur“
darin, dass sie die Kontingenz in der Weiterentwicklung der Gesell-
schaft aufzeigen, d.h offenbaren, dass es auch ganz anders sein könnte.

Deswegen müssen anarchistische Vorstellungen dort hinein getragen
werden, wo Potenziale für die Entwicklung der befreiten Gesellschaft
gesehen werden. Im Anschluss liegt die Hoffnung darin, dass die Irrita-
tion und das Unbehagen über die Probleme, welche die gegenwärtige
Gesellschaft notwendigerweise hervorbringt, Menschen dazu veranlas-
sen, ihr Bewusstsein über die Verhältnisse zu entwickeln, sich zu politi-
sieren und aktiv nach anderem zu streben. Die Widersprüche, welche
im Bestehenden enthalten sind, führen zum Widerspruch gegen das Be-
stehende, wenn dessen Veränderbarkeit begriffen und erfahren wird
und ihm eigene Werte und Vorstellungen entgegengesetzt werden kön-
nen. Dabei geht es um ganz alltägliche und unspektakuläre Auseinan-
dersetzungen, die als Experimentierfelder dennoch den Boden für
Befreiungsprozesse bereiten. Es geht um die Fluchtbewegung einer
durchaus anderen Gesellschaft, die nicht fixiert aber entdeckt und ent-
wickelt werden können.

Literaturauswahl:
• Ulrich Bröckling/Robert Feustel (Hrsg.), Das Politische denken. Zeit-
genössische Positionen, Bielefeld 2010.
• Cornelius Castoriadis, Autonomie oder Barbarei, in: Michael Half-
brodt/Harald Wolf (Hrsg.), Cornelius Castoriadis. Ausgewählte Schrif-
ten, Band 1, Lich/Hessen 2006.
• Hans Jürgen Degen (Hrsg.), Anarchismus heute. Positionen, Bösdorf
1991.
• David Graeber, Revolution in Reverse. Essays on Politics, Violence,
Art, and Imagination, London/New York/Port Watson 2012.
• John Holloway, Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen,
Münster 2002.
• Jürgen Mümken, Anarchismus in der Postmoderne. Beiträge zur anar-
chistischen Theorie und Praxis, Lich 2004.
• Otthein Rammstedt (Hrsg.), Anarchismus. Grundtexte zur Theorie
und Praxis der Gewalt, Köln 1969.
• Christoph Spehr, Gleicher als andere. Eine Grundlegung der freien
Kooperation, Berlin 2003.


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