(de) FAU - direkteaktion.org: Gestrandet im Paradies -- Das deutschsprachige Callcenter CCES24 auf Mallorca
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Tue Mar 29 11:18:10 CEST 2016
Auf der beliebtesten Urlaubsinsel der Deutschen tummeln sich viele ebenfalls deutsche
ResidentInnen. Viele von ihnen leben am Existenzminimum oder sind sogar obdachlos.
Entsprechend groß war die Freude als im Jahre 2012 ein deutschsprachiges Callcenter
eröffnete, welches ankündigte mindestens 500 sichere, saisonunabhängige Jobs zu schaffen.
Zahlreiche Deutsche haben sogar für dieses Jobangebot ihre Heimat verlassen. Entsprechend
groß war die Euphorie und der Tatendrang der neuen MitarbeiterInnen. Nach einer
vierwöchigen Schulung telefonierten die neuen RekrutInnen aus Alemania im Auftrag des
Internetriesen 1und1 für den technischen DSL-Support. Später folgten noch weitere
1und1-Projekte. Es wurde versucht, noch zusätzliche Auftraggeber zu akquirieren. Jedoch
waren dies nur sehr kurzweilige Projekte (z.B.: Amazon, Your Phone, Carstyling, Emnid und
Messe Frankfurt).
„NICHT ALLES GOLD WAS GLÄNZT“
FIRMENGEBÄUDE, QUELLE: WWW.CCES24.ES/DE/UNTERNEHMEN
Die Callcenter-Agents der DSL-Technik werden zwischen sechs Uhr morgens und zwei Uhr
nachts flexibel eingesetzt. Es wird weder Rücksicht auf NutzerInnen öffentlicher
Verkehrsmittel, chronisch Kranke, die regelmäßig ärztlich versorgt werden müssen oder
Eltern mit Kindern genommen. Ferner wurden in den ersten Monaten keine Spät-, Sonntags-,
und Feiertagszuschläge gezahlt. Später wurden zwar Zuschläge gezahlt, jedoch nicht im
vollen Umfang. Die Mittagspause war entgegen der spanischen Gesetzgebung unbezahlt. Nach
circa dreijährigem Bestehen des Betriebes mussten die Pausen (auf Drängen einer spanischen
Behörde) vergütet werden. Die Firma zahlt an alle zu diesem Zeitpunkt noch aktiven
MitarbeiterInnen die unbezahlten Pausen rückwirkend aus, dies erfolgt in Form einer
Ratenzahlung von 80€ monatlich. Die bereits zu diesem Zeitpunkt ausgeschiedenen
MitarbeiterInnen erhielten keine Zahlung! In Spanien gibt es einen allgemeinen
Tarifvertrag und einen speziellen für die Callcenter-Branche. Die Arbeitsverträge von
CCES24 entsprechen keinem dieser beiden Modelle. Ebenfalls entgegen der spanischen
Gesetzgebung wird ein Gleitzeitkonto geführt. Überstunden werden zwangseingeteilt, ohne
vorherige Rücksprache mit den MitarbeiterInnen. Rüstzeiten werden ebenfalls nicht bezahlt:
Offiziell anwesend ist wer alle benötigten Remoteprogramme auf seinem Rechner gestartet
hat und das erste Gespräch annehmen kann. Dies sind mindestens 10 Minuten unbezahlte
Arbeit pro Tag. Darüber hinaus werden Provisionen für Verkäufe entweder gar nicht oder in
einem viel zu geringen Umfang ausgezahlt.
Im Jahr 2013 wurde der erste Geschäftsführer der Firma abgesetzt. Dieser forderte unter
anderem an einer Mitarbeiterstärke von 400 Leuten festzuhalten. Das Projektmanagement
wollte sich hingegen von diversen MitarbeiterInnen, die Aufgrund ihrer Arbeitsleistung und
Fehlzeiten etc. als nicht produktiv genug galten, trennen. Zeitgleich mit dem Abdanken des
CEO wurden 21 MitarbeiterInnen ohne vorherige Abmahnung entlassen. Die daraus
resultierende Angst der Agents wurde seitens der Führung als Motivationsstütze
instrumentalisiert. Der Betriebsrat fungiert als verlängerter Arm der Geschäftsführung und
denunziert Mitarbeiterinnen, die sich über Vorgesetzte beschweren sofort beim
Projektmanagement und der Geschäftsführung. Um zu verhindern, dass sich unzufriedene
MitarbeiterInnen organisieren, werden die Agents gezielt gegeneinander ausgespielt. Das
Denunziantentum wird aktiv gefördert.
Der Löwenanteil der mittleren Führungsebene ist unfreundlich, unqualifiziert oder anders
ausgedrückt: talent- und empathielos. Befördert wird in erster Linie aufgrund von
Seilschaften. Assessment-Center finden lediglich statt, weil es der Auftraggeber 1und1
fordert. Die Auswertung erfolgt durch interne MitarbeiterInnen, welche sich ihren
Nachwuchs nach Sympathie und auch in puncto persönlichem Nutzen aussuchen wollen.
„FRIENDLY FIRE“ AUS DER FÜHRUNGSEBENE
Aufgrund des sehr schnell entstandenen Negativimage der Firma wurde es immer schwerer
deutschsprachigen Nachwuchs zu finden. Schon bald fanden in Deutschland Rekrutierungen
statt. Mit dem Firmenmotto „Como una Familia“, deutsch: „Wie eine Familie“, versuchte man
Nachwuchs zu generieren. Weil innerhalb der Firma MitarbeiterInnen, die nicht linientreu
waren, gemobbt und entlassen wurden, verlagerte sich die Kritik ins Internet. Bei
chefduzen.de, dem „Forum der Ausgebeuteten“, tummeln sich sowohl gewöhnliche Agents als
auch der Betriebsrat und sämtliche Führungskräfte, die sich als einfache MitarbeiterInnen
ausgeben, um Einfluss auf die Diskussion zu nehmen. Dort findet eine regelrechte
Schlammschlacht zwischen Mitarbeitern, die für oder gegen die Firma argumentieren, statt.
Gekämpft wird mit harten Bandagen, Beleidigungen und Verleumdungen sind an der
Tagesordnung. Immer öfter meldet sich der Administrator als Schlichter zu Wort und
versucht die entglittene Diskussion wieder auf Kurs zu bringen. Der absolute Höhepunkt der
Geschmacklosigkeit war eine völlig aus dem Zusammenhang gerissene Anschuldigung eines
Pro-Firma-Users vom 15.02.2016: Er warf einer Mitarbeiterin, die gemeinsam mit ihrem
Lebenspartner aufgrund von öffentlicher Kritik gegen das Unternehmen in diesem Forum bis
zur Beendigung ihres Zeitarbeitsverhältnisses freigestellt wurde, vor, dass sie für den
Tod ihres damals 15 jährigen Sohnes im Jahre 1999 verantwortlich gewesen sei. Diese
veröffentlichte daraufhin ein Dokument der damals ermittelten Staatsanwaltschaft welche
sie von jeglicher Schuld frei sprach. Anstatt auf Missstände einzugehen wird durch
gezielte Diffamierungen versucht die Glaubwürdigkeit der KritikerInnen in Frage zu stellen.
Es fanden bereits zahlreiche Prozesse von ehemaligen MitarbeiterInnen gegen das
Unternehmen statt. Doch die Mühlen der Justiz mahlen in Spanien sehr langsam. Es kann
durchaus zwei Jahre dauern bis ein Prozess vollständig ausgefochten ist. Oft findet das
Unternehmen Gründe um Verhandlungen zu vertagen.
Ausscheidenden MitarbeiterInnen zahlt CCES24 den letzten Lohn erst Wochen, oft sogar erst
Monate später nach zahlreichen Beschwerden oder Konsultierung eines Rechtsbeistandes oder
der zuständigen Schlichtungsstelle (TAMID) aus. Viele Mitarbeiter geraten aufgrund der
geringen Bezahlung (1200€ brutto) in finanzielle Bedrängnis. Wenn diese bittend und
bettelnd in der Personalabteilung erscheinen, bietet man ihnen unter der Bedingung eines
Teilverzichts (ausstehende Provisionen und Überstunden werden nicht ausbezahlt) ziemlich
zeitnah einen Scheck an. Dieser wird nach Unterzeichnung einer Verzichtserklärung
bezüglich weiterer Forderungen an CCES24 ausgehändigt.
Nach verzögerten Lohnauszahlungen und Schließungsgerüchten kocht die Stimmung im Betrieb
und die Fronten verhärten sich. Weil aufgrund der Haltung von Geschäftsführung und
Betriebsrat keine Konversation auf gleicher Ebene möglich ist, erhoffen wir für zum Wohl
der noch aktiven MitarbeiterInnen, dass die traurige Geschichte dieses unseriösen
Callcenters publik wird.
Chris Voll
https://www.direkteaktion.org/2016-03/Gestrandet%20im%20Paradies
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