(de) FAU-IAA Direct Action #233 - Abhängig vom Tabak
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Tue Mar 22 14:41:19 CET 2016
Malawi und sein grünes Gold ---- In gewerkschaftlichen Kreisen wird Tabak als Produkt
bestenfalls mit dem TEKEL-Streik in der Türkei vor sechs Jahren in Verbindung gebracht.
Damals wie heute wird selten gefragt, wo und unter welchen Bedingungen der Rohtabak für
die Zigarettenproduktion angebaut wird. Gerade in Deutschland wäre dies aber eine wichtige
Frage, denn Deutschland ist der weltgrößte Zigarettenexporteur. ---- DIE DEUTSCHE
TABAKLANDSCHAFT ---- Nach Deutschland werden jährlich 220.000 Tonnen Rohtabak importiert.
Daraus werden 205 Mrd. Zigaretten produziert, von denen 160 Mrd. Stück ins Ausland
verkauft werden. Alle multinationalen Zigarettenkonzerne haben hier Niederlassungen:
Philip Morris (Marlboro) produziert in Berlin-Neukölln, Japan Tobacco (Benson & Hedges)
hat seine Präsenz in Trier, British American Tobacco (Lucky Strike) hat sein weltgrößtes
Werk in Bayreuth und Imperial Tobacco, der Mutterkonzern von Reemtsma (Gauloises), in
Hamburg. Außerdem ist die deutsche Körber AG aus Hamburg der Weltmarktführer für
Produktionsmaschinen zur Zigarettenherstellung. Und nicht zuletzt bietet die Stadt
Dortmund der Tabakindustrie mit der Inter-tabac Messe die weltgrößte Plattform dieser Art.
Tabak ist ein großes Geschäft, Deutschland ist tobacco country.
Neben den vier genannten multinationalen Zigarettenkonzernen sind unter den wesentlichen
Akteuren auf dem globalen Tabakmarkt noch die beiden größten Rohtabakhändler, Alliance One
International und Universal Corporation, zu nennen. Während die Gewinne des lukrativen
Zigarettengeschäfts nach Europa, Japan und in die USA fließen, zahlen die Menschen im
Globalen Süden die Zeche in Form von sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Schäden.
TABAKANBAU WELTWEIT
Weltweit wird Tabak auf 4,3 Mio. Hektar Land angebaut. Mehr als 90% der jährlich 7,5 Mio.
Tonnen Rohtabak werden im Globalen Süden produziert. Dorthin verlagerte die Tabakindustrie
die Anbauflächen seit den 1960er Jahren, um die Produktionskosten für die arbeitsintensive
Monokultur zu senken und den Mangel an Regelungen zu Arbeitsverhältnissen und
Gesundheitsschutz auszunutzen.
Tabak wird zumeist in kleinbäuerlichen Strukturen angebaut. Wie bei anderen profitablen
Anbaupflanzen auch, werden im Tabakanbau große Mengen Pestizide und chemische Dünger
eingesetzt, deren Folgen – z.B. die Vergiftung von Wasserläufen – alle Menschen in der
Umgebung von Tabakfeldern tragen müssen. Tabakanbau unterscheidet sich aber von Kaffee,
Tee oder Baumwolle in drei wesentlichen Dingen: Erstens benötigt die Auftrocknung des
Virginia-Tabaks, der in üblichen Filterzigaretten die Hälfte des Tabaks ausmacht, große
Mengen Feuerholz. Weltweit werden für die Erzeugung von Rohtabak jährlich ca. 200.000
Hektar Wald abgeholzt.Zweitens ist die Tabakpflanze giftig. Das Nikotin aus den grünen
Tabakblättern wird direkt durch die Haut aufgenommen und führt vor allem während der
Erntezeit zur Grünen Tabakkrankheit, einer starken Nikotinvergiftung. Pro Erntetag nehmen
Tabakarbeiter_innen pro Person den Nikotingehalt von ca. 50 Zigaretten auf. Drittens
machen die aus Tabak gefertigten Produkte süchtig und sind für die Konsument_innen äußerst
gesundheitsschädlich.
SORTIEREN VON BURLEY-TABAK IN MALAWI
MALAWIS EXPORTGUT NUMMER EINS
Neben Virginia-Tabak enthalten Filterzigaretten außerdem Burley-Tabak als typische
Beimischung. Dieser Tabak kommt vor allem aus Malawi in Südostafrika. Das Land ist etwa so
groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen und ist der weltgrößte Exporteur von
Burley-Tabak. Als wichtigstes Exportgut erwirtschaftet Tabak etwa 50% der staatlichen
Exporterlöse und 23% der nationalen Steuereinnahmen. Malawi ist vom grünen Gold abhängig.
Deutschland importiert als zweitgrößter Abnehmer ca. 10% dieses Tabaks, nur Belgien
importiert mehr (25%).
In Malawi wird Tabak in kleinbäuerlichen Betrieben und im Pachtsystem auf Plantagen
angebaut. Thangata, das Pachtsystem, hat seinen Ursprung in der britischen Kolonialzeit
und basiert auf mündlichen Verträgen zwischen landlosen Pächter_innen und
Plantagenbesitzer_innen. Diese werben zu Beginn der Anbausaison im August/September
Pächter_innen an, meist zusammen mit ihrer Famile. Häufig haben diese schon die vorherigen
Jahre dort gearbeitet. Ihnen wird ein Stück Land für den Tabakanbau zugewiesen. Dazu
erhalten sie auf Kredit Pestizide, Düngemittel, Saatgut und Werkzeug sowie Nahrungsmittel.
Im Gegenzug müssen sie die komplette Tabakernte an den/die Plantagenbesitzer_in verkaufen.
Am Ende der Saison wird abgerechnet: vom Erlös aus dem Rohtabak werden die Kredite für
Inputs und Nahrungsmittel abgezogen. So bleibt von den erwirtschafteten Einnahmen kaum
etwas übrig und es entsteht ein starkes Abhängigkeitsverhältnis. Allerdings sind die
Plantagenbesitzer_innen, die häufig Mitglieder der politischen Elite sind, nicht die
alleinigen Profiteure. Beim Verkauf der Ernte auf Auktionen sind sie den Preisabsprachen
der multinationalen (Roh-)Tabakkonzerne ausgeliefert. Die staatliche Tabakkommission, die
den Handel regulieren soll, greift dabei kaum ein.
ARMUT, HUNGER UND KINDERARBEIT
In Malawi, wo etwa 70% der Bevölkerung von weniger als 1,15 Euro pro Tag leben, sind
Hunger und Armut eine direkte Folge des Tabakanbaus. So sind die Lebensbedingungen auf den
Plantagen vom steten Mangel geprägt: Trinkwasserquellen sind unsicher und müssen manchmal
mit dem Vieh geteilt werden. Die Nahrungsmittel reichen nicht aus, um die Menschen zu
sättigen, und sind außerdem sehr einseitig. Die Pächter_innen haben kein Material zum
Hausbau, so dass sie in grasgedeckten Lehmhäusern leben. Und schließlich fehlt die
medizinische Versorgung. Unter diesen Bedingungen leiden vor allem Kinder, deren
körperliche Entwicklung dadurch sehr beeinträchtigt wird. Eine Untersuchung aus dem Jahr
2013 zeigte, dass Kinder aus Tabak anbauenden Familien in Malawi häufiger an
Unterentwicklung leiden als Kinder aus Familien, die keinen Tabak anbauen.
Nicht nur die ungesunden Lebensumstände beeinträchtigen die Kinder in ihrer Entwicklung,
sondern auch ihre Mitarbeit auf den Feldern. Auf den Tabakplantagen in Malawi arbeiten
mindestens 78.000 Kinder. Der Grund dafür liegt im System: Die stete Verschuldung bewirkt,
dass die Pächter_innen keine Arbeiter_innen für den arbeitsintensiven Anbau bezahlen
können. So sind sie gezwungen, ihre Kinder als Arbeitskräfte einzusetzen. Die meisten
dieser Kinderarbeiter_innen gehen nicht oder nur zeitweise zur Schule. Sie verlieren
dadurch ihre Zukunft, denn ohne Bildung bleibt ihnen kaum eine Einkommensmöglichkeit
jenseits des Tabakanbaus. Die beinahe kostenlose Arbeitskraft der Kinder garantiert der
Tabakindustrie hohe Gewinne. Die Konzerne leugnen dies nicht und stellen Kinderarbeit als
allgemeines Problem in Ländern des Südens dar. Mit sporadischen Maßnahmen wie der
Finanzierung von Schulbauten verbessern sie ihr Image, ohne die Ursachen der Kinderarbeit
tatsächlich zu benennen oder gar zu beseitigen.In allen Phasen des Tabakanbaus sind Kinder
an den notwendigen Arbeitsschritten beteiligt: Saatbeete vorbereiten, Felder anlegen,
Pestizide und Düngemittel aufbringen, Unkraut jäten, Schädlinge absammeln sowie grüne
Tabakblätter ernten, bündeln, trocknen und sortieren.
Kinderarbeit im Tabakanbau ist in jedem Fall ein Verstoß gegen die
UN-Kinderrechtskonvention, die in Artikel 32 sämtliche möglicherweise gefährlichen
Arbeiten für Kinder unter 18 Jahren verbietet. Es ist einsichtig, dass der Umgang mit
Pestiziden und chemischen Düngern gefährlich ist. Doch häufig wird vergessen, dass die
Tabakpflanze giftig ist und die Grüne Tabakkrankheit verursacht. Wenn ein fünfjähriges
Kind Tabak erntet, nimmt es genauso wie jede erwachsene Person täglich den Nikotingehalt
von ca. 50 Zigaretten auf. Auch beim Bündeln und Sortieren der Tabakblätter gelangt
Nikotin durch die Haut in den Körper. Der malawische Tabak steht deshalb bei der
US-Administration auf der Liste der mit Kinder- und Zwangsarbeit produzierten Güter.
AUSSICHTEN FÜR DEN TABAKSEKTOR
Im malawischen Tabaksektor vertritt die Tabakpächter-Gewerkschaft TOAWUM (Tobacco Tenants
and Allied Workers Union Malawi) die Belange von Tabakarbeiter_innen und Pächter_innen.
Eine Kernforderung ist die Einführung eines Pachtarbeitsgesetzes, das wesentliche Elemente
der Beziehungen zwischen landlosen Pächter_innen und Plantagenbesitzer_innen regeln soll.
Seit 1995 gab es mehrere Versuche den Gesetzesentwurf, die Tenancy Labour Bill, ins
Parlament einzubringen. Zuletzt forderte dies der UN-Sonderberichterstatter für das Recht
auf Nahrung angesichts der angespannten Ernährungslage im Land und der Strukturen des
Tabaksektors im Juli 2013. Knapp zwei Wochen später zog das Justizministerium den Entwurf
zurück, bevor er das Parlament erreichte. Dieses Vorgehen unterstreicht die politischen
Eigentums- und Machtverhältnisse im Land des grünen Goldes. Seit Frühjahr 2015 bringen die
Gewerkschaft und die malawische Organisation Center for Social Concern das Gesetz erneut
in die öffentliche Debatte. Im Pachtsystem müssen die Lebensbedingungen auf den Plantagen
verbessert und eine rechtliche Absicherung der landlosen Pächter_innen bewirkt werden.
Gleichzeitig ist derzeit im Tabaksektor eine Tendenz zu Direktverträgen zwischen den
multinationalen (Roh-)Tabakkonzernen und kleinbäuerlichen Betrieben zu erkennen. Eine
tatsächliche Verbesserung ist davon nicht zu erwarten, wie Erfahrungen aus Kenia und
Brasilien zeigen. Dort führten die Verträge zu hoher Verschuldung der Betriebe und damit
zur Schuldknechtschaft gegenüber den Konzernen.Für landlose Pächter_innen wie für
kleinbäuerliche Betriebe bietet aber vor allem der Ausstieg aus dem Tabakanbau eine
Perspektive. Landlose können beispielsweise im Fairhandelssektor auf Teeplantagen wie in
Kawalazi Estate ihr Einkommen unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen verdienen.
Kleinbäuerliche Betriebe können sich in Kooperativen wie der Mchinji Area Smallholder
Farmers Assocation organisieren und fair gehandelte Produkte wie Erdnüsse produzieren und
vermarkten.Um die Verhältnisse im Tabaksektor zu verbessern und den Menschen in Malawis
Landwirtschaft Alternativen zum Tabakanbau zu bieten, braucht es vor allem politischen Willen.
Sonja von EichbornUnfairtobacco.org
Diesen Artikel veröffentlichte Unfair Tobacco, eine NGO, die sich den Ungerechtigkeiten
des Tabaks einsetzt. Dementsprechend fehlt eine anarchosyndikalistische Betrachtungsweise
auf das Thema. Da die Linke das Thema Tabakanbau und -handel kaum kritisch diskutiert, ist
es vielleicht nötig überhaupt auf dieses Thema hinzuweisen, was auch die starke Bezugnahme
auf staatliche und überstaatliche Organisationen angeht. Darum bittet die Redaktion
Globales die LeserInnen, sich auch mit den Gedanken und der Finanzierung von unfairtobacco
auseinanderzusetzen.
https://www.direkteaktion.org/233/abhaengig-vom-tabak
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