(de) fda-ifa gai dao #63 - Rezension des Films Projekt A: Von Widerstand und Selbstorganisation zur Biogurke Von: Zottel

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Tue Mar 22 14:40:50 CET 2016


Die Fahrt zum Film gestaltete sich komplizierter als gewöhnlich, denn Projekt A läuft 
nicht in den Allerweltskinos. Nach irgendwelchen hinderlichen Polizeimaßnahmen an einem 
Durchgangsbahnhof musste ich mich ins dunkle, gut gefüllte Kinosälchen tasten. Der Film 
hatte gerade begonnen. ---- Was sich darbot, war durchaus erfreulich. Wir sehen einen 
selbstverwalteten Park in Exarchia, ehemals betonierter Parkplatz, eine Gesundheitsstation 
für alle und einiges mehr. Wir werden herumgeführt von einer Anarchistin aus der 
Nachbarschaft, die nebenbei einige Standpunkte erläutert, etwa zum Unsinn der 
Gewaltdiskussion. Es könnte ein guter Einstieg in einen spannenden Film sein – könnte. 
---- Leider hat der Film hier seinen Höhepunkt schon erreicht, kein Wunder finden sich 
doch in Griechenland die umfassendsten anarchistisch geprägten gesellschaftlichen 
Realitäten. Danach gibt es etwas Castor-
protest in Deutschland,
dann vergilbten Syndika-
lismus in Spanien, um
schließlich ebenfalls in
Spanien in die Projekt-
szene überzuschwenken.
Der Film endet in ir-
gendeiner sich nicht
anarchistisch verstehen-
den Lebensmittelkoope-
rative in München. Zu-
mindest lässt er uns
nicht allein mit Schling-
pflanzen und den Visio-
nen alternder Männer in
der Pyrenäenwildnis zu-
rück. Ein paar Aufnah-
men von dem Welt-
treffen in St. Imier stecken noch irgendwo dazwischen. Es reden alte
Männer mit Bärten, wenn auch gar nicht mal dumme Dinge.

Projekt A ist ein gutes Beispiel dafür, dass gut gemeint eben nicht gleich
gut gemacht ist. Er versetzt uns Anarchist*innen, als vollkommen mar-
ginale Gruppe im deutschsprachigen Raum, in die missliche Lage ihn
gutheißen zu müssen, wenn schon überhaupt mal ein Film zu dem
Thema in die Kinos gelangt und dann die Macher*innen noch so nett
und solidarisch sind. Ich habe mich nach zwei Tagen des Zweifels
entschieden einen Verriss zu schreiben.

Es gibt einiges, was ich an der Konzeption des Films nicht nach-
vollziehen kann. Zum Beispiel warum nicht mit dem Kleinklein begon-
nen wird und das Ganze zum Ende am Beispiel Griechenlands zu einem
umfassenden gesellschaftlichen Konzept geführt wird. Zusätzlich bleibt
die Auswahl der einzelnen Episoden vollkommen unklar. Warum etwa
der Castor, dieses riesige, ausgeschlachtete Spektakel, und nicht etwa
der Hambacher Forst? Warum wurden die Teilbereichskämpfe so aus-
gewählt? Dabei gibt es schöne Szenen und aufschlussreiche Pointen
und Interviews, aber das ganze scheint in seiner Konzeptlosigkeit wie
ein Mosaik aus Perlen gesetzt in einem Kuhfladen.

Ab den Episoden in Spanien habe ich begonnen mich fremd zu schä-
men. Mir wurde heiß im roten Samtsessel. Sollte das die Realität einer
Bewegung sein, der meine Freund*innen und ich so viele Kapazitäten
ihres Lebens gewidmet haben? Ich überlege seither woher diese Aver-
sion, diese Hässlichkeit stammen mag. Sie liegt zum Glück nicht im We-
sen der anarchistischen Bewegungen, sondern ihrer filmischen Darbie-
tung hier, die in allen menschlichen Milieus den gleichen Effekt hätte;
den des Reality TV. Wir
sehen, dass Anar-
chist*innen eben auch
nur Menschen sind und
tun was sie eben tun und
das Ganze wirkt schreck-
lich banal, wenn man es
von seinen ideologischen
Hintergründen trennt.
Zwar reden die Protago-
nist*innen über gesell-
schaftliches, aber das
Ganze findet sich nicht
reflektiert in der Kon-
zeption des Films und
Einsprenkelungen anar-
chistischer Theorien ste-
hen seltsam für sich. Das
Ergebnis ist ein gefundenes Fressen für die Kritiker*innen des Anar-
chismus: Praxisorientiertung ohne ideologischen Tiefgang – Hauptsache
Aktionismus, ein bisschen Rebellion, ein bisschen Vision, ein bisschen
Tausch, Gartenbau und Bitcoins...

Ich weiß, dass man leichter kritisieren kann, aber eine geeignete Um-
setzung zumal mit sehr begrenzten finanziellen Mitteln schwer fällt. Ein
guter Film wäre aber durchaus möglich gewesen.

Einige Punkte dazu, wie ein toller Film aussehen könnte will ich euch
nennen:

A tkejorP: Rückwärtsabspielen

Man käme den Zuschauern sehr entgegen und könnte für unsere
Bewegung begeistern, wenn es gelänge einen Spannungsbogen zu kon-
struieren. Blieben wir bei dem vorhandenen Material von Projekt A
würde man die Interessierte vielleicht zunächst mit etwas konfron-
tieren, womit sie sich identifizieren kann, was nicht so fern scheint –
etwa eine Lebensmittelkooperative. Das ließe sich dann räumlich und
thematisch erweitern, um es dann am Ende etwa am Beispiel Griechen-
lands zu einer anarchistischen Gesellschaftsvision zusammenzufügen.

Theorie und Praxis

Die anarchistische Bewegung ist nicht homogen. Das will der Film zei-
gen, allerdings auf einer Ebene des Handlungsraums. Die einen ketten
sich an Gleise und die anderen gründen Ökodörfer. Dabei entsteht das
Bild des theoriefernen Anarchismus. Tatsächlich bestehen aber ver-
schiedene Strömungen mit inhaltlichem Tiefgang und einer lebendigen
Debatte. Es wäre schön diese Debatten kurzweilig und zugespitzt nach-
zuzeichnen und dann auf praktische Beispiele herunterzubrechen. Dafür
gelegentlich illustrierende Animationen einzubauen, ist in Zeiten von
AfterEffects, SVG- und Javascript-Animationen kein Fass ohne Boden.
Immerhin ist ein wesentliches Merkmal des Anarchismus im besten Fall
seine Einheit von Theorie und Praxis.

Episoden so auswählen, dass ein Gesamtbild entsteht

Es scheint, als bekämen wir dargeboten, was den Filmemacher*innen in
den verschiedenen Regionen Europas vor die Linse gelaufen ist, bzw.
wohin es vielleicht Kontakte gab. Dabei habe ich gesehen, was die Crew
mir zeigen kann, aber mir fehlte zu sehen, was sie mir eigentlich zeigen
will. Es wäre schön, wenn einem Film ein Konzept voran ginge, dass die
Analyse der Macher*innen widerspiegelt, und danach gezielt Themen-
bereiche und Orte ausgewählt würden. Und ja – das Bild darf und sollte
auch mal kontrovers sein.

Mehr eigene Bildsprache und Atmosphäre, weniger FWU
Das FWU ist diese seltsame Medienanstalt der Länder, der wir die
Schulunterrichtszeiten verdanken, in denen das Licht so angenehm ge-
dimmt wurde und man die Augen schließen und im Stuhl zurück leh-
nen konnte. Ich will Projekt A nicht in die Nähe ihrer Dokumentarfilme
rücken. Allerdings, und das wäre das I-Tüpfelchen eines richtig guten
Films, könnte man das zwanglose und unkonventionelle auch in die
Bildsprache einfließen lassen. Hier und da mit Konventionen des Doku-
mentargenres brechen, die Zuschauer*in herausfordern ohne ihr auf
den Geist zu gehen.

Stellung beziehen

Wir leben in einer Zeit des unbeteiligt Seins. Das Ganze folgt der
Formel bürgerlich-liberales Selbstverständnis hoch Silicon Valley. Das
große Projekt besteht in der Digitalisierung des Realen auf Kosten der
eigenen Existenz, bzw. die Existenz zersplittert sich und transzendiert in
den virtuellen Raum. 300 demonstrieren auf der Straße, 1500 doku-
mentieren möglichst spektakulär im Internet, was sie gerade erleben
und 5000 kommentieren bei Twitter. Die 6500 sind total aufgeklärt,
abgebrüht und dokumentieren aus einer Neutralität heraus, als ob sie
nicht existieren müssten. Vor dieser Kulisse finde ich es angenehm ana-
chronistisch, aber nicht altmodisch, wenn Filmemacher*innen einen
Standpunkt beziehen ohne das Kontroverse aus den Dingen zu nehmen.
Da fällt mir spontan die Doku Concerning Violence (2014) ein.

Ob der Film Horst Stowasser, dem er im Abspann gewidmet ist, wohl
gefallen hätte?


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