(de) fda-ifa gai dao #63 - Konzeptarbeitspapier zu transformativer Hilfe Von: Communities Organizing for Liberation (LA COiL), Industrial Workers of the World (IWW), La Voz de L at s Trabajadores (Workers’ Voice) / Übersetzung: madalton

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Sun Mar 20 17:47:41 CET 2016


Anmerkung der Redaktion: Dieses Konzeptarbeitspapier erscheint in Zusammenhang mit der 
Artikelreihe zur anarchafeministischen Konferenz in London, die im Oktober 2014 
stattgefunden hat und von der seit April 2015 in jeder Gaidao-Ausgabe ein 
Veranstaltungsbericht veröffentlicht worden ist. Als Hintergrundtext für das Verständnis 
von accountability-Abläufen und transformativer Hilfe hat das nun folgende 
Konzeptarbeitspapier keinen direkten Bezug zur anarchafeministischen Konferenz 2014, 
sondern war als eine weiterführende Quelle im Auswertungstext zur 
„accoutability-Veranstaltung“ (Übersetzung siehe Gaidao Nummer 60 / Dezember 2015) 
angegeben. Es erscheint aufgrund der Länge in zwei Teilen. Der erste Teil wurde in der 
Gaidao Nummer 62 / Februar 2016 abgedruckt. Hier nun der zweite Teil:

2C) Warum verwenden wir transformative Hilfe als unsere Organi-
sationsstrategie?

Wenn wir künftig wirklich eine feministische Praxis der arbeitenden
Klasse in unseren Organisationen und Bewegungen verwirklichen, dann
haben alle die Verantwortung trans-
formative Hilfeverfahren durchzuführen
und sich mit Täter*innen zu befassen. Je
mehr Leute die Erfahrungen gewinnen
zusammenzuarbeiten um unterdrücken-
de Verhaltensweisen infrage zu stellen,
desto stärker werden unsere Organisa-
tionen und Bewegungen. Dies ist ein
Teil der Begründung warum wir den-
ken, dass transformative Hilfeabläufe so
viel wie möglich innerhalb offener, de-
mokratischer Räume von Massenorgani-
sationen durchgeführt werden müssen
(von denen wir Organisationen meinen,
welche offen für alle in einem bestim-
mten Kampf Beteiligten sind, nicht nur
revolutionären politischen Gruppen
oder Kollektiven). Dies ist eine Möglich-
keit den Kampf gegen genderspezifische
Unterdrückung immerfort auszudehnen
und nach außen zu drängen um immer
mehr Leute diesen Kampf näherzu-
bringen. Obgleich dies oft viel schwie-
riger scheinen wird, als lediglich mit
unserem kleinen Kreis von vertrauten,
politischen Freund*innen zu arbeiten,
wenn viel auf dem Spiel steht, ist es genau dies was wir tun müssen,
wenn wir über einen kleinen Maßstab hinausgehen wollen: Eine
überbrückende Herangehensweise um geschlechtsspezifische Gewalt
und Unterdrückung zu bekämpfen.

Zusätzlich zu allem bisher genannten kann es nicht überbetont werden,
dass mit jedem Fall genderspezifischer Unterdrückung, den wir als Be-
wegung angehen, wir einen sehr öffentlichen Präzedenzfall schaffen
wie wir Folgefälle angehen werden - und es stellt wahrhaftig einen
Lerneffekt dar. Ein falscher Schritt oder Fehler kann einen katastrophal
abschreckenden Effekt auf andere Betroffene haben, welche sich über-
legen werden in Zukunft sich zu melden. Es gibt unzählige Beispiele,
bei denen genderspezifische Gewalt, sexualisierte Gewalt, Vergewal-
tigung, Stalking und Belästigungen communities und Arbeitsplätze in
die Brüche gehen ließen, wo wir versucht haben uns zu organisieren.
Das Versagen sich mit genderspezifischer Gewalt zu befassen, hatte ver-
heerende Folgen innerhalb unserer eigenen Gewerkschaften, Arbeits-
organisationen und Organisationen sozialer Bewegungen. Dies sind
Misserfolge, welche wir uns einfach nicht mehr leisten können.

Wir behaupten nicht die Antworten darauf zu haben, aber in erster
Linie gibt es eine Notwendigkeit
bessere Unterstützung für Betroffene
von genderspezifischer Gewalt inner-
halb unserer Klasse und vor allem
innerhalb unserer Organisationen der
sozialen Bewegungen anzubieten. Des-
halb sollte die Frage der Leistungs-
fähigkeit von Organisationen gender-
spezifische Gewalt anzugehen von der
Unterstützungsbereitschaft unter Ge-
fährt*innen handeln und nicht von der
Vorstellung, dass es eindeutiges „Fach-
wissen“ gibt. Wenn jemand dieses
„Fachwissen“ besäße, hätten wir viel-
leicht schon vor langer Zeit das Pa-
triarchat beseitigt.

Es gibt allerdings ein paar praktische
Dinge bei der Herangehensweise zu
transformativer Hilfe, welche Hoff-
nung bieten, wenn die langfristige Vor-
stellung vage am Horizont erscheint.
Transformative Hilfe setzt die Erfah-
rungen der Arbeitenden mit gender-
spezifischer Gewalt ins Zentrum der
Organisierung. Wir glauben, dass die
Suche nach Gerechtigkeit mit den
Berichten der Betroffenen beginnen sollten. Dies ist der Kompass, wel-
cher uns in eine Richtung weist – es sind Berichte, welche vom

Ausgangsort kommen und nicht vom Staatsanwalt, von
Polizeiberichten, der Verwaltung oder von der Personalabteilung. Die
Berichte sollten auch nicht von Verbündeten kommen, welche als Ver-
tretung für die Betroffenen sprechen ohne deren Einwilligung.

Kämpferische Verbündete – ganz gleich wie wohlmeinend – haben das
Potential jedem Schaden zuzufügen, wenn sie ihre eigene Meinung und
Bedürfnisse anstelle derer der Betroffenen ausdrücken.

Zusätzlich kann ein vernünftige Einstellung zu transformativer Hilfe
mehrere Optionen beim Heilungsprozess der Betroffenen und der
Wiedergutmachung der community bereitstellen, indem ein Verfahren
nach Gerechtigkeit in der Hand von denjenigen gelegt wird, welche
direkt von einer Tatperson in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Es
bestehen keine Illusionen darüber, dass die vollständige Heilung
niemals erreicht werden könnte oder dass ein Verfahren einfach
abbrechen kann. Angesichts der Alternative denken wir allerdings, dass
jede Lektion bei der Bemühung um transformative Hilfe unsere Macht
als eine Klasse sich konstituiert, sodass wir es das nächste Mal besser
umsetzen können, wenn die Problemfragen auftauchen. Wir haben
mehr mit transformativer Hilfe zu gewinnen als einer bestrafenden
Reaktion zu folgen, welche Räume (spaces) als sicher (safe) gegeben
annimmt ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Betroffenen. Safe
spaces gibt es nicht, aber es gibt sicherlich die Kraft Unterdrückung
zurückzudrängen; und wir glauben daran diese Kraft aufzubauen.

Die Möglichkeit eine Orientierung zu transformativer Hilfe zu haben,
auf die Art wie wir es verstehen, bedeutet auf dieselbe Art und Weise
Macht einzuräumen wie in den Glauben an die Wahlurne oder
Präsidentschaftskandidat*innen. Arbeiter*innen können und sollten alle
notwendigen Gerätschaften der Gesellschaft leiten und betreiben.
Unsere Organisationen haben spezielle und unterschiedliche Sicht-
weisen dies zu verstehen. Jedenfalls stimmen wir zu, dass Arbeitende
Gegenmacht auf eine Weise aufbauen müssen, dass Abhängigkeit vom
Staat vor, während und nach einer revolutionären Bewegung verringert
wird. Obwohl wir ein Leben lang von solch einer politischen Bewegung
entfernt sein mögen, glauben wir, dass wir aktiv darauf hinarbeiten
sollten. Leute deshalb aus organisierten Räumen herauszudrängen als
die einzige Herangehensweise Gerechtigkeit anzustreben verstärkt blind
das Vertrauen in den Staat und erlaubt einem ruinierten System zu
entscheiden, was das Beste für die betroffene Person sei. Wir müssen
erkennen, dass wir dies besser umsetzen können. Wir müssen glauben,
dass wir wirklich die Straße bauen können, indem wir mit den
Arbeitenden, Familien und Mitgliedern der community mitlaufen
können zum Entscheidungsmittelpunkt, welche Krümmung die Straße
einschlagen soll.

Letztendlich schlägt dieses Schriftstück lediglich einen Entwurf eines
Fahrplans vor, kein Programm, welches sofort in die Praxis umgesetzt
werden kann. Es enthält eine Menge Unklarheiten, hängt ab von
sozialen Bewegungen, welche noch nicht aufgebaut worden sind und ist
größtenteils noch nicht erprobt. Dennoch denken wir, dass es uns in die
richtige Richtung lenkt hin zur Erstellung der absolut notwendigen
Fähigkeit genderspezifische Gewalt und Unterdrückung zu bekämpfen,
indem transformative Hilfe der arbeitenden Klasse in die alltägliche
Arbeit des Aufbaus von Massenbewegungen gegen Kapitalismus und
Unterdrückung zusammenführt.

3. Warum sollte dieser Kampf innerhalb von sozialen Bewegungen
und Organisationen der arbeitenden Klasse stattfinden?

Wenn wir hoffen jemals endgültig mit unterdrückenden Ideologien und
Praktiken fertig zu werden, müssen wir solche Ideologien und Praktiken
zentral zu den umfassenderen Kämpfen der arbeitenden Klasse
entgegentreten. Unterdrückung kann nicht überwunden werden ohne
die Verpflichtung der arbeitenden Klasse diesen Kampf aufzunehmen.
Diesen Kampf gegen Unterdrückung lediglich auf kleine linke Kreise
oder „erleuchtete“ Radikale einzuschränken oder zu begrenzen bedeutet
sich einzugestehen solche Kämpfe nicht inmitten der breiten
arbeitenden Klasse führen zu können. Dies stellt eine Haltung und
Zwang dar, welche wir überwinden müssen.

„Aber wir sind so wenige Revolutionär*innen und unsere
Leistungsfähigkeit ist so unbedeutend! Wir sind der Sache nicht
gewachsen! Es ist einfach nicht möglich!“

Ja, in Ordnung, das stimmt. Und gerade weil wir denken, dass es nicht
nützlich ist tausendmal mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen um zu
sehen, ob wir die Wand einmal durchbrechen können, denken wir nicht,
dass es nützlich ist Dinge zu versuchen, welche UNMÖGLICH sind und
lediglich in einer Katastrophe enden. Wir müssen ehrlich in Bezug auf
unsere (Leistungs-)Fähigkeiten sein und wir müssen natürlich unsere
taktischen Entscheidungen unserem aktuellen Zustand hinten anstellen.
Dennoch müssen wir auch diese Situation ändern. Es gibt einfach
keinen anderen Ausweg. Wir behaupten nicht, dass es leicht wird. Aber
was wir vorschlagen ist ein Schritt hin zum Aufbau unserer Fähigkeiten
diesen Kampf zu führen.

„Also denn, wie kämpfen wir um Bewusstsein zu verändern?“

Wir behaupten, dass dies NUR möglich ist mittels der umfassendsten
und offensten Diskussion und Debatte, mittels direkter,
partizipatorischer Demokratie und mittels Massenaktionen. Es ist nur
möglich mittels anstrengendem ideologischen und politischem Kampf,
bei welchem Vorstellungen infrage gestellt und umgewandelt werden
können und die arbeitende Klasse die Erfahrung machen kann eine
andere Art von Gerechtigkeit und Sicherheit zu errichten in Abgren-
zung zur derjenigen, welche die Bourgeoisie festgelegt und erzeugt hat.
Dies ist Teil davon unsere Abhängigkeit als Klasse von kapitalistischen
Staat und seinen rassistischen, sexistischen und transphoben Rechts-
system zu durchbrechen; und es stellt eine strategische Aufgabe für uns
Revolutionär*innen dar.

Und wir meinen auch, dass wir beides benötigen: einen internen und
einen externen Kampf – intern um die unterdrückenden Praktiken in
unseren Bewegungen zu bekämpfen und extern um unsere gesamte
Klasse zu mobilisieren um systemimmanente Unterdrückungsformen
innerhalb unserer Gesellschaft als Ganzes zurückzudrängen. Letztlich
wollen wir Gremien der sozialen Bewegung zum Mittelpunkt für die
Arbeitserledigung vom Kampf von genderspezifischer Gewalt machen
– nicht nebensächliche oder unbedeutende Gremien.

3A) Welche möglichen Spannungen zwischen auf Betroffene
ausgerichtete Verfahren & einer Organisation / sozialen Bewegung
gibt es?

Wir sollten über taktische Flexibilität verfügen, weil es oftmals
Widersprüche zwischen verschiedenen Zielen und Erforderlichkeiten
geben wird; und wir werden politische Entscheidungen darüber treffen
müssen, was Priorität hat. Wenn es Zeiten gibt, in denen die einzige
vernünftige Möglichkeit eine betroffene Person zu unterstützen darin
besteht, die Sache bei der Polizei anzuzeigen, dann werden wir dies
unterstützen. Falls es Zeiten gibt, in denen die Sicherheit unserer
community durch eine*n Täter*in in Gefahr ist und der Wunsch der
betroffenen Person lautet die Dinge zu verschweigen, dann könnten wir
entscheiden müssen gegen die Wünsche der betroffenen Person zu
verstoßen. Abgesehen davon das dringlichste Bedürfnis der betroffenen
Person sicherzustellen – Sicherheit – ist unsere Ausrichtung hinsichtlich
solcher Taktiken, welche uns erlauben werden den Kampf gegen gen-
derspezifischer Unterdrückung auf die offenste und partizipatorischste
Weise wie möglich in Räume der Bewegung zu bringen. Indem wir die-
se Komplexität und Be-
grenztheiten, denen wir
gegenüberstehen, er-
kennen, werden wir das
Beste tun um beständig
so oft wie möglich un-
sere Grundsätze anzu-
wenden.

Wir haben zwei unter
Umständen konkur-
rierende Bedürfnisse –
das erste, sicherzu-
stellen, dass die Sicher-
heit und Bedürfnisse
der betroffenen Person
anerkannt werden, und
als zweites die Erschaf-
fung von Räumen für
Massendemokratie und
Gerechtigkeit der arbeitenden Klasse um Unterdrückung die Stirn zu
bieten. Spannungen können auftreten – und oftmals tun sie das -,
sodass ein Bedürfnis im Gegensatz zum anderen steht, obwohl dies
nicht unbedingt bedeutet, dass sie sich immer entgegenstehen.

Ein Beispiel: Was ist, wenn die betroffene Person niemand hinzuziehen
möchte und nur zur Polizei oder ihrem*ihrer Vertrauensjurist*in gehen
will? Klar widerspricht dies dem Bedürfnis eine offene Erfahrung mit
der umfassenderen Bewegung oder einem Raum zu machen. Es ist
wichtig zu verstehen, dass Betroffene manchmal nicht mit uns zusam-
menarbeiten wollen, oder dass wir sogar keinen Kontakt mit den
betroffenen Personen haben. Dies ist in Ordnung, aber es bedeutet
natürlich, dass wir ohne Betroffenen-Input vorankommen müssen.
Wenn wir beispielsweise herausfinden, dass ein Gefährte eine Liebes-
partnerin misshandelt und die Betroffene eben nicht mit uns zusam-
menarbeitet, sondern das Verhältnis und die Kommunikation abbricht,
müssen wir natürlich ihre Entscheidung anerkennen. Aber dies
bedeutet nicht, dass wir nicht handeln müssen und das unterdrückende
Verhalten unseres Gefährten thematisieren. Ganz im Gegenteil!

Wir können kein Rezept erstellen, wie mit diesen Situationen
umzugehen ist. Letztlich müssen all diese Angelegenheiten von Fall zu
Fall behandelt werden. Wir glauben jedoch, dass es wichtig ist die
Notwendigkeit sich um die betroffene Person auszurichten
hervorzuheben. In einigen Fällen könnte es der betroffenen Person mit
der offensten Methode gut ergehen.

Warum glauben wir, dass es notwendig ist unsere Herangehensweise
auf die Bedürfnisse der betroffenen Person auszurichten? Wenn wir nun
die Bedürfnisse der betroffenen Person missachten, dann stellt sich die
Frage: Welches Beispiel leben wir für andere betroffene oder potentiell
betroffene Personen vor? Könnte dies die Bewegung nicht negativ
schädigen? Würde es hierfür eine Bewegung weniger angenehm oder
sicher für erhebliche Mitgliedsgruppen machen?

Deshalb müssen wir fähig sein praktische Verfahren hervorzubringen
und zu entwickeln, bei denen Betroffene fühlen, dass ihre Bedürfnisse
übernommen werden müssen, während ihnen ebenfalls erlaubt wird bei
den Verfahren aktiv
teilzunehmen oder so-
gar führende Rollen
einzunehmen. Zweitens
muss es Raum geben
für einen politischen
Kampf, welcher inner-
halb einer umfassen-
deren Klasse geführt
wird, weil es nur mit-
tels solch eines offen
geführten Kampfs geht,
dass unterdrückende
Ideologien und Prakti-
ken überwunden wer-
den können. Manchmal
könnten die zwei nicht
einander entgegenge-
stellt werden. Trotzdem
werden wahrscheinlich Spannungen auftreten und wir müssen diese
wahrnehmen.

3B) Warum muss die Konfrontation mit genderspezifischer
Unterdrückung Teil eines Kampfes gegen den Kapitalismus sein?
„Genauso wie eine Tiefkühltruhe keinen Kuchen backen kann, kann der
Kapitalismus keine Gleichheit herstellen.“

Es gibt genügend Beispiele von Arbeiterbewegungen und Revolutionen
aus der Vergangenheit, welche versagt haben genderspezifische Gewalt
und Unterdrückung zu erfassen und meinten, diese würden einfach in
der Bearbeitung von thematisierten Fragen der Klasse oder race
„behoben“ werden; aber sie endeten, indem sie viele derselben
Problematiken fortbestehen ließen und sie in der „neuen“ Gesellschaft
wiederherstellten. Der Kapitalismus wurde auf vielen Säulen erbaut,
eine davon ist das Patriarchat/die genderspezifische Unterdrückung.
Diesen muss entgegengetreten werden und sie müssen beseitigt werden
als Teil des Kampfes gegen Kapitalismus.

Unsere eigenen Erfahrungen reichen aus um zu verstehen, warum der
Kampf gegen genderspezifische Unterdrückung und Kapitalismus unter
allen Umständen ohne Aufteilung geführt werden muss. Die einfache
Tatsache, dass die Mehrheit der arbeitenden Klasse sich als weiblich
und/oder queer versteht und dass die Mehrheit der Frauen und queeren
Personen der arbeitenden Klasse zugehörig sind, macht die
Gemeinsamkeit des Kampfes gegen Kapitalismus und genderspezifi-
scher Unterdrückung zu einer faktischen Tatsache. Beides sind
Sachverhalte unseres täglichen Lebens und wir können unser Leben
und unsere Erfahrungen nicht in unterschiedliche Schubladen aufteilen
und sie getrennt behandeln.

Der Kampf gegen genderspezifischer Unterdrückung ist ein Kampf aller
arbeitenden Menschen. Obwohl es eine fast unüberwindbare Heraus-
forderung darstellen kann, glauben wir, dass die gesamte arbeitende
Klasse gemeinsam diejenige sein kann, welche genderspezifische
Gewalt abbauen kann, zusammen mit dem Kapitalismus und allen
anderen Unterdrückungsformen. Die Führung muss von denjenigen
eingenommen werden, welche am meisten von genderspezifischer
Unterdrückung betroffen sind, aber die gesamte Klasse muss überzeugt
werden sich aktiv am Kampf zu beteiligen, falls wir ihn wirklich
gewinnen werden.

Natürlich sind dies zwei Seiten desselben Verfahrens, weil die sicherste
Garantie, dass der politische Kampf gegen Unterdrückung sich erhebt,
ist die Teilnahme und Führungsrolle von Frauen und Transmenschen
der arbeitenden Klasse, aber die vollständige Teilnahme von Frauen und
der community von Transmenschen ist unmöglich ohne einen
dauerhaften Kampf gegen genderspezifische Unterdrückung.

Um zu verstehen, inwiefern der Kampf gegen genderspezifische Unter-
drückung Teil des Kampfs gegen den Kapitalismus sein muss, heißt,
dass wir die arbeitende Klasse als das alleinige Subjekt der transfor-
mativen Hilfe verstehen. Wir können den Kapitalismus nicht bekämp-
fen, indem wir Zeit verschwenden und versuchen die regierende Klasse
umzugestalten, damit sie freundlichere, weniger unterdrückende
Kapitalist*innen werden. Deshalb glauben wir nicht, dass transforma-
tive Hilfe oder accountability-Abläufe mit der Bourgeoisie angewandt
werden – um sich mit Unterdrückung durch Vorgesetzte und den Rei-
chen auseinanderzusetzen gehen wir in die Offensive um sie zu zer-
stören, nicht um sie umzugestalten.

Fazit

Als Zusammenfassung dieses Schriftstücks, dachten wir als die drei an
der Organisation der Veranstaltung beteiligten Organisationen (IWW,
La Voz, CoiL), es würde sinnvoll sein, unsere Erfahrungen in der
gegenseitigen Zusammenarbeit bei der Erstellung dieses Entwurfs zu
reflektieren. Wir behaupten nicht eine umfassende Theorie oder
endgültige Praxis zu transformativer Hilfe zu haben. Dieses Schriftstück
bringt beständig mögliche Spannungen, Begrenzungen und Unsicher-
heiten hervor, welche ebenfalls Abbilder sowohl der gemeinsamen als
auch der unterschiedlichen Erfahrungen zwischen den drei Gruppen
sind.

Unsere Organisationen entspringen verschiedenartigen Traditionen
innerhalb der Linken. Wir halten uns selbst nicht zum Narren, indem
wir denken, dass die Unterschiede zwischen unseren Organisationen
nebensächlich oder unwichtig wären; und um Möglichkeiten zur
Zusammenarbeit zu finden mussten wir diese Unterschiede übersehen
oder ausklammern. Tatsächlich waren wir uns unserer Unterschiede
deutlich bewusst. Beispielsweise haben wir nicht die gleichen Vor-
stellungen wie der Kapitalismus beendet wird. Wir alle haben nicht das-
selbe Konzept woher Unterdrückungsformen herkommen. Noch gibt es
eine gemeinsame Vereinbarung in welchem Ausmaß es möglich ist
Leute überhaupt umzugestalten. Das Arbeitspapier selbst ist im Ergeb-
nis in vielen dieser Aspekte diffus.

Der Sinn dieses Projekts und dieses Arbeitspapiers jedenfalls war nicht
sich in eine theoretische Debatte einzuschalten. Wir kamen zusammen
um nach praktischen Möglichkeiten zu suchen um genderspezifische
Gewalt und Unterdrückungsformen entgegenzutreten, welche nicht nur
theoretische Begriffe sind. Die Menschen erleben Unterdrückung tag-
täglich und die Erfolglosigkeit beim Umgang mit Unterdrückungs-
formen wird aktuell und zukünftig nicht aufhören schwächende Aus-
wirkungen auf unsere Bewegungen und Organisationen haben. Deshalb
muss die „Linke“, dieser verschwommene und ausgedehnte Begriff,
welcher eine spezifische Fülle von Leuten umfasst, hochpraktikable
Vorgehen entwickeln um Unterdrückungsformen in den genannten
Bewegungen und Organisationen zu bekämpfen.

Wir hoffen, sobald Menschen dieses Arbeitspapier lesen, dass sie mit
einigen der Leitprinzipien weggehen können, von welchen unsere Or-
ganisationen eine gemeinsame Basis gefunden haben. Anfangs
erkennen wir, dass wir nicht mehr tun können als wir imstande sind,
deshalb sind Menschen verantwortlich einfach herauszufinden welche
Leistungsfähigkeit wir haben um diese Leitlinien vollständig in die
Praxis umzusetzen. Angesichts dessen verstehen wir transformative
Hilfe als ein wichtiges Mittel um Unterdrückung zu bekämpfen. Es
stellt eine Methode dar, welche die Tatsache erkennt, dass niemand von
uns vom Einfluss unserer unterdrückenden Gesellschaft gefeit ist, und
es liegt schlichtweg alles in unserer Verantwortung den aktiven Kampf
gegen Unterdrückung zu führen. Wir können nicht auf bürokratische
und entfremdete Lösungen des kapitalistischen Staats vertrauen um
unsere Probleme zu lösen. Transformative Hilfe bietet für die arbeitende
Klasse eine Möglichkeit ihre eigenen Praktiken zu entwickeln, unab-
hängig vom kapitalistischen staatlichen Justizsystem. Wir können ein-
fach nicht darauf warten, dass der Kapitalismus endet bevor wir eine
alternative Gesellschaft aufbauen. Wir müssen Alternativen aus-
probieren gemeinsam mit dem Kampf gegen den Kapitalismus. Deshalb
müssen wir selbstbewusst kämpfen um transformative Hilfe in unseren
sozialen Bewegungen und Organisationen zu verwirklichen um so
umfassende und demokratische Erfahrungen wie möglich innerhalb der
arbeitenden Klasse zu machen. Nur durch die Erfahrung und aktive
Praxis von Alternativen, wie beispielsweise transformative Hilfe, wird
die arbeitende Klasse fähig sein greifbar Alternativen zu sehen, was un-
ter dem Kapitalismus existiert – eine Alternative, die Arbeitende
unmittelbar stärkt. Falls es schließlich bis jetzt nicht einleuchtend war:
Der Kampf gegen Unterdrückung muss verbunden werden mit dem
Kampf gegen Kapitalismus, welcher nur durch Massenbewegungen
auftreten kann.

Während all dies hübsch klingen mag, erkennen wir auch, dass die
gegenwärtige Praxis transformativer Hilfe sich äußerst komplex
gestaltet. Deshalb müssen wir uns auf die Bedürfnisse der Betroffenen
ausrichten. Wir werden niemals in der Lage sein, echte safe spaces in
unserer derzeitigen Gesellschaft einzurichten. Aber wir können zeigen,
dass unsere Bewegungen und Organisationen die Aufgabe Unter-
drückung zu bekämpfen ernst nehmen mittels auf Betroffene aus-
gerichtete Vorgehensweisen.

Eine letzte, aber hochwichtige Lehre stellt die Tatsache dar, dass dieses
Arbeitspapier ein Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen drei
verschiedenen Organisationen ist. Es dauerte annähernd zwei Monate
um dieses Arbeitspapier von ca. 16 Seiten zu erstellen. Wir waren nicht
in der Lage zusammenzukommen, weil wir unsere Unterschiede nicht
beachtet haben, sondern eher weil wir die Aufmerksamkeit auf jegliche
gemeinsame Grundla-
ge gerichtet haben.

Die revolutionäre
Linke ist bereits am
politischen Rand, und
wir tun uns selbst
keinen Gefallen,
wenn wir isoliert von-
einander agieren. Wir
wollen, dass unser
Arbeitspapier ein Vor-
bild darstellt sowohl
für die Möglichkeiten
als auch die Erforder-
lichkeit grundsätz-
liche Wege der Zu-
sammenarbeit für die
Organisationen der Linken zu finden, besonders wenn es zum Kampf
gegen Unterdrückung kommt.

Als wir zum ersten Mal zusammengekommen sind, war (und es ist
immer noch) eine Ebene von Unsicherheit vorhanden. Sogar jetzt
wissen wir nicht ganz, was wir von der von uns organisierten
Veranstaltung und diesem Arbeitspapier erwarten. Die Realität ist, dass
niemand von uns mit Sicherheit sagen kann, dass wir wissen was wir
tun, wenn es auf transformative Hilfe hinausläuft. Jede*r von uns sucht
nach Beispielen um davon zu lernen. In dieser Hinsicht hoffen wir
ebenso, dass das Beispiel unserer Zusammenarbeit und unser Versuch
eine umfassendere Diskussion zu führen eine Praxis darstellt, welche
innerhalb der Linken gebräuchlicher wird.
-----
Communities Organizing for Liberation, oder LA CoiL , ist ein
Kollektiv, welches daran arbeitet globale Unterdrückung zu beenden
und eine gerechte und menschliche Welt zu gestalten. Jede Person bei
CoiL arbeitet in einem unterschiedlichen Bereich oder Teil der
Gesellschaft. Durch unsere Graswurzelarbeit fordern wir die Unge-
rechtigkeiten, denen wir jeden Tag begegnen, heraus und arbeiten zu-
sammen um doppelte Kraft zu erzeugen, damit wir uns die Welt
vorstellen, gestalten und auszuprobieren können, in der wir leben wol-
len. Wir beobachten und diskutieren, um aus den Fehlern und Siegen
der vergangenen und gegenwärtigen sozialen Bewegungen zu lernen
und aus den Erkenntnissen einer Vielzahl verschiedener radikalen poli-

tischen Traditionen. Als Kollektiv unterstützen wir uns gegenseitig, zie-
hen uns gegenseitig zur Verantwortung und lernen, entwerfen
Strategien und handeln gemeinsam.

I ndustrial Workers of the World (IWW) ist eine von ihren
Mitgliedern gestaltete Gewerkschaft für alle Arbeitenden. Eine Gewerk-
schaft, die speziell dafür vorgesehen ist sich am Arbeitsplatz zu organi-
sieren, in unseren Industrien und in unseren communities. IWW-Mit-
glieder organisieren sich um gegenwärtig bessere Bedingungen zu
erringen und zukünftig eine Welt mit ökonomischer Demokratie aufzu-
bauen. Wir wollen,
dass unsere Arbeits-
plätze den Arbei-
tenden und commu-
nities zugute kom-
men, eher als für eine
handvoll Chef*innen
und Führungskräften.
Dieses Arbeitspapier
wurde mit Be-
teiligung der LA Ge-
neral Membership
Branch (allgemeinen
Mitgliedschaftsabteil
ung) der IWW ver-
fasst.

La Voz de L at s Trabajadores (Die Stimme der Arbeitenden) ist eine
revolutionäre sozialistische Organisation und die US-Sektion der
Internationalen Arbeiterliga (LIT-CI), welche sich mit dem Trotzkismus
identifiziert. Wir kämpfen um eine revolutionäre Partei mit Massen-
einfluss aufzubauen um von ausgebeuteten und unterdrückten commu-
nities die Interessen voranzubringen und das politische Bewusstsein
anzuheben. Unser Ziel ist den Kapitalismus zu beenden, indem die
arbeitende Klasse mobilisiert wird die Macht zu übernehmen und für
eine klassenlose, kommunistische Gesellschaft zu kämpfen.

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Quelle und weitere Infos

https://transformativejusticela.wordpress.com/2014/06/05/dr
aft-working-document-on-transformative-justice/
https://afem2014.wordpress.com/


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