(de) FAU-IAA Direct Action #233 - Realexistierender Anarchismus

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Wed Mar 16 09:57:48 CET 2016


Projekt A – Eine Reise zu anarchistischen Projekten in Europa ---- Nachdem ihr 
langjähriges Projekt nun abgeschlossen ist, kommt der Dokumentarfilm Projekt A der 
Regisseure Moritz Springer & Marcel Seehuber Anfang Februar in die Kinos. Vorab haben wir 
uns mit folgendem Interview schonmal einen Einblick verschafft. ---- Woher kam die Idee zu 
dem Film? ---- Moritz: Ich habe Horst Stowasser 2008 auf einer Konferenz kennengelernt, 
die wir in der Gemeinschaft in Klein Jasedow veranstaltet hatten. Was er von Anarchie 
erzählt hat und die Leidenschaft, die ich dabei gespürt hab, das hat mich begeistert. Ich 
hab gedacht: „Da will ich mehr drüber wissen“ – und das ist immer eine gute 
Ausgangssituation für einen Film. Stowasser fand die Idee super und so nahm das Projekt 
seinen Lauf.?Marcel: Und ich habe das Buch Anarchie! von Horst Stowasser zum Geburtstag 
geschenkt bekommen, noch bevor Moritz und ich uns kennenlernten. Das Buch hat mir Lust auf 
eine ernsthafte politische Auseinandersetzung gemacht, es gab mir eine neue Perspektive 
und zeigte eine politische Idee auf, der ich mich verbunden fühlte. Da war es ein 
glücklicher Wink des Schicksals, dass Moritz, ich und das Filmprojekt 
zusammenfanden.?Moritz: Das war etwa ein Jahr, nachdem ich Stowasser getroffen habe. Wir 
haben dann erstmal lange recherchiert und überlegt, wie wir den Film erzählen wollen. Zu 
drehen haben wir im November 2011 angefangen.

Wie war die Resonanz der Gefilmten?

Moritz: Bis jetzt haben Hanna Poddig, die Jungs vom Kartoffelkombinat und Margarita aus 
Athen den Film gesehen und alle waren begeistert. Während des Filmens und auch später, am 
Ende des Schnitts, gab es schon auch immer Diskussionen, was gezeigt werden soll oder was 
nicht. Wir mussten den Leuten erstmal vermitteln, was uns denn wichtig ist bzw. worum es 
uns in dem Film geht. Aber sobald das geklärt war, gab es ein Einverständnis untereinander 
und auch einen großen Vertrauensvorschuss von den Protagonisten uns gegenüber. Da sind wir 
extrem dankbar für und natürlich freuen wir uns, dass bis jetzt allen der Film gut 
gefallen hat. Das ist für mich nicht unbedingt selbstverständlich, weil die Bandbreite der 
gezeigten Projekte ja ziemlich groß ist.Marcel: Und es gab natürlich auch Orte, an denen 
wir nicht drehen durften oder Menschen, die nicht gefilmt werden wollten. Das war in dem 
jeweiligen Moment dann manchmal frustrierend, aber unterm Strich macht es auch mehr Sinn, 
wenn die Menschen zusammenkommen, die einen ähnlichen Ansatz haben. Überhaupt ist 
natürlich zu sagen, dass der Umgang mit Medien, mit der Presse oder ganz einfach mit 
Kameras und Dokumentarfilmern wie uns in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich ist.

Filmszene: AktivistInnen bei Castorblockade

So einen Film zu machen kostet ja auch einiges. Wer hat denn mitfinanziert?
Moritz: Das Filmbüro MV, die kulturelle Filmförderung aus Mecklenburg-Vorpommern hat das 
Projekt schon in der Entwicklung gefördert. Das war eine extrem wichtige Unterstützung und 
ich bin wirklich froh, dass es noch kulturelle Filmförderungen gibt, die auch so ein 
Projekt unterstützen. MV hat dann auch die Produktion gefördert, die kulturelle 
Filmförderung NRW kam noch dazu. Gemessen an dem, was normalerweise ein Dokumentarfilm 
kostet, waren wir aber extrem unterfinanziert und konnten das ganze auch nur mit ganz viel 
Unterstützung von Freunden und alten und neuen Bekannten umsetzen. Beim Schneiden ging uns 
dann das Geld aus und so haben wir ‚ne Crowdfunding Kampage gestartet, über die auch 
nochmal Geld reinkam. So kamen ungefähr 75.000 Euro zusammen mit denen wir den Film 
gemacht haben.?Marcel: Das hört sich jetzt sicher für manche viel an, ist es aber für 
einen Dokumentarfilm dieser Größe nicht. Hätten nicht so viele Menschen über die vier 
Jahre hinweg umsonst oder für fast nichts gearbeitet und wir uns nicht an allen Ecken und 
Enden verschiedenste Dinge zusammengeschnorrt, dann hätten wir sicher mehr als 200.000 
Euro Budget gebraucht.

Wie lange dauerten die Dreharbeiten?

Marcel: Unser erster Dreh war mit Hanna bei den letzten großen Anti-Castor Protesten im 
November 2011. Die Drehs im Ausland haben wir dann in mehreren Blöcken gemacht. Also 
meistens so drei Wochen am Stück in Griechenland oder eben dann in Spanien. In Deutschland 
war das einfacher, da haben wir immer wieder mal mit Hanna gedreht. Dazwischen haben wir 
dann wieder recherchiert oder uns um die Übersetzungen und Untertitelungen des 
Rohmaterials gekümmert. Abgesehen davon, dass wir noch andere Jobs zum Geld verdienen 
machen mussten. Ganz zum Schluss kam noch das Kartoffelkombinat dazu. Mit dem Nachdreh 
waren es dann insgesamt 61 Drehtage.

Gab‘s ein beeindruckendes Erlebnis oder eine beeindruckende Begegnung?

Moritz: Es gab ganz viele beeindruckende Erlebnisse. Der Film kam ja auch zustande, weil 
Marcel und mich das Thema ganz persönlich interessiert hat. Wir wollten sehen, wie sich 
Menschen anders organisieren, auch um zu sehen, wie wir das in unser eigenes Umfeld 
integrieren können. Insofern hatte jedes Projekt seinen ganz eigenen Erkenntnisgewinn. 
Zusammengefasst hat mir Griechenland gezeigt, dass ein System ganz schnell implodieren 
kann und du plötzlich die Staatsmacht in Form des Polizeiapparats zu spüren bekommst. Die 
Militanz der Griechen, auch auf einer ganz physischen Ebene hat mich da beeindruckt und 
abgeschreckt zugleich. Hanna in Deutschland dagegen ist pazifistisch in ihren Aktionen, 
aber sehr radikal und zielgerichtet. In gewisser Weise die griechische Wut mit deutscher 
Effektivität gepaart. In Spanien hat mich die große gesellschaftliche Vision beeindruckt, 
die dort in den Projekten mitschwingt. Da spürte ich den historischen Geist des 
Anarchismus am ehesten, der mich ganz persönlich ja auch zu dem Projekt gebracht hat. 
Dabei bleiben sie nicht in der Theorie stecken, sondern setzen sie in kleinen Schritten 
um. Das fand ich toll. Das Kartoffelkombinat war dann ein Projekt, das sehr konkret und 
sehr erfolgreich ein anderes Konzept von Wirtschaften und Eigentum umsetzt. Die arbeiten 
ganz undogmatisch und ohne anarchistisches Label an der Vision einer anderen Welt. 
Insofern hat jedes Projekt für mich einen ganz persönlichen Mehrgewinn und mir Mut 
gemacht, dass eine Transformation der Gesellschaft möglich ist.Marcel: Ich kann mich dem 
nur anschließen – die Möglichkeit zu haben, sich so mit einem Thema auseinanderzusetzen, 
das einen interessiert, hat mich unglaublich bereichert. Das versuchen wir mit dem Film ja 
auch weiterzugeben. Hinzu kommt, dass wir in Altötting parallel zum Film auch unser 
Hausprojekt gestartet haben und da ganz viele Erfahrungen zusammenkamen und sich gepaart 
haben.

Gibt es die Idee in ein paar Jahren bei den Projekten/Beteiligten nochmal vorbeizuschauen?

Moritz: Wir wollen auf jeden Fall in Rahmen einer Kinotour bei allen Projekten 
vorbeischauen. Marcel: Also nicht in ein paar Jahren, sondern im kommenden Jahr. Nach der 
Tour durch Deutschland geht es erst nach Griechenland und dann nach Spanien. Da hat sich 
auch schon ein kleines Netzwerk gesponnen.

Wie kam die Auswahl zustande?

Moritz: Das war ein ganz organischer Prozess. Wir wussten, welche unterschiedlichen 
Bereiche wir abdecken wollten und haben dann erst von zu Hause aus und dann vor Ort nach 
den passenden Projekten gesucht.

Inwieweit sind die gezeigten Projekte/ProtagonistInnen Wegbereiter einer libertären

Die Filmemacher gewinnen den Publikumspreis in München
Gesellschaft? Bzw. welche Rolle spielen sie als Wegbereiter einer libertären Gesellschaft?
Marcel: Ich denke, die Projekte und die Menschen in Projekt A sind ziemlich exemplarisch 
dafür, was an ganz verschiedenen Ecken in der Welt auf recht ähnliche Arten und Weisen 
passiert. ?Das macht auf der einen Seite Hoffnung, weil es eigentlich recht einfach ist 
loszulegen und man sehen kann, was wenige Menschen alles auf die Beine stellen können. Es 
sind zum Beispiel nicht viele Menschen, die sich um den Parko Navarinou kümmern oder die 
angefangen haben, die CIC aufzubauen. Das zeigt, dass wenn wir Menschen die Veränderung in 
der Welt wollen, wir sie halt einfach machen müssen.?Auf der anderen Seite sieht man aber 
auch, dass die Bewegung nicht so groß ist, wie einem manchmal die reichhaltige 
anarchistische Literatur vermitteln möchte. Und dass es in der Praxis gar nicht so viele 
funktionierende Projekte gibt. So manche Idee aus den Büchern liest sich ganz gut, besteht 
aber dann den Praxistest nicht.?Deshalb war unser Ansatz ja, wirklich hinzusehen, was 
Anarchisten machen um eine andere Welt zu ermöglichen. Welche Rolle sie für eine libertäre 
Gesellschaft spielen werden, wird davon abhängen, inwieweit die Projekte funktionieren. 
Werden sie uns ernähren? Uns ein Dach über dem Kopf geben? Uns mit dem versorgen was wir 
für ein gutes Leben brauchen?

Euer Film wurde mittlerweile schon mit einem Preis ausgezeichnet.

Moritz: Ja, wir haben auf dem internationalen Filmfest München den Publikumspreis 
gewonnen. Das hat uns riesig gefreut, weil dort nicht nur Dokumentarfilme, sondern vor 
allem auch internationale Spielfilme laufen. Dass sich das Publikum dann bei 180 Filmen 
für einen kleinen anarchistischen Film entscheidet, hat uns natürlich extrem gefreut und 
auch bestärkt in dem Gefühl, dass der Film eine Relevanz hat. Wenn du sechs Jahre an einem 
Projekt arbeitest, fragst du dich das natürlich zwischendrin.

Weißt Du, wie es den AkteurInnen im Moment gerade ergeht?

Marcel: Sie arbeiten mehr oder weniger an den im Film gezeigten Projekten. Einzeln darauf 
einzugehen würde hier wahrscheinlich den Rahmen sprengen, aber wir arbeiten daran, die 
Möglichkeit zu geben sich über unsere Website zu informieren und auch die einzelnen 
Menschen unterstützen zu können und Kontakt mit ihnen aufnehmen zu können.

Was ist Dein /Euer nächstes Projekt?

Moritz: Ich hab schon eine Idee für ein nächstes Projekt. Momentan gibt es aber mit dem 
Kinostart und dem ganzen anderen Kram, den es noch zu tun gibt, einfach nicht die Zeit 
sich hinzusetzen. Insofern wird es noch etwas dauern, bis es etwas Spruchreifes gibt. Aber 
inhaltlich ist es nah dran an Projekt A.Marcel: Bei mir ist es genauso. Sobald es ein 
bisschen ruhiger wird, möchte ich an einem Drehbuch zu einem Spielfilm weiterarbeiten, das 
thematisch auch in die Richtung von Projekt A geht und mich schon länger beschäftigt. Aber 
es geistern auch einige ganz andere Ideen in meinem Kopf rum. Dokumentarisch könnte es in 
Richtung einer Welt ohne Menschen gehen. Das wär auch eine utopische Vorstellung. ;-).

Vielen Dank für das Interview!

Drehorte, Projekte und Menschen im Film

Internationales Anarchistisches Treffen 2012 – St. Imier, Schweiz

Das größte anarchistische Treffen der jüngeren Geschichte mit ca. 3.000 TeilnehmerInnen.

Confederación General del Trabajo (CGT) – Barcelona, Spanien

Anarchosyndikalistische Gewerkschaft mit rund 60.000 Mitgliedern.

Parko Navarinou – Athen, Griechenland

Parkplatz, der 2009 besetzt und von AnwohnerInnen und AnarchistInnen zu einem öffentlichen 
Park umfunktioniert wurde.

Hanna Poddig – Deutschland

Anti-Atom-Aktivistin, die mit Ankettaktionen Atomtransporte blockiert.

Enric Duran – Spanien

Antikapitalistischer Aktivist, der 39 Banken um fast eine halbe Million Euro erleichterte 
und jetzt im Untergrund lebt.

Cooperativa Integral Catalana (CIC) –

Barcelona, SpanienVon Enric Duran mitinitiierte Kooperative mit mehr als 2.000 
Mitgliedern, die mithilfe von alternativen Währungsmodellen, eigener Produktion und 
Tauschhandel eine Transformation der Gesellschaft herbeiführen möchte.

Kartoffelkombinat – München,

DeutschlandSolidarische Landwirtschaft, die bereits nach zwei Jahren 450 Haushalte 
versorgt. Tendenz steigend. Das Kartoffelkombinat ist nach der Selbstdefinition der 
GenossInnen kein anarchistisches Projekt, im Kontext des Films ist es für uns dennoch von 
großem Interesse.

Produktionsländer: Deutschland / Spanien / Griechenland / Schweiz, Produktionsjahr: 2015, 
Länge: 84 Min.

Ein Blick auf die Regisseure von Projekt A

Moritz Springer, Regie & Buch Geboren 1979 in Starnberg, träumte als Teenager zusammen mit 
ein paar Freunden von der eigenen Südseeinsel, bereiste nach der Schule Afrika und lebt 
inzwischen mit Freunden und Familie auf dem eigenen Hof in der Nähe von Berlin. Nach 
diversen Erfahrungen auf Spielfilmsets und eigenen kurzen Projekten realisierte er 2014 
mit Journey to Jah sein Dokumentarfilmdebüt, mit dem es unter anderem den Publikumspreis 
auf dem Züricher Filmfest und den Preis der DEFA-Stiftung beim Max-Ophüls Preis gewann.

Filmographie (Auswahl)2013 Journey to Jah Dokumentarfilm – Buch & Regie 2010 Deutsch oder 
Polnisch Dokumentarfilm – Co-Regie & Co-Autor 2007 Alle anders – alle gleich Dokumentation 
– Regie 2003 Dem Chaos entsprungen Dokumentarfilm – Regie & Buch 2002 Der Zauberhut 
Kurzfilm – Regie & Buch

Marcel Seehuber, Regie & Buch Geboren 1976 in München, aufgewachsen in Altötting, 
subkulturelle Sozialisation in der DIY-Punkbewegung. Seit 1997 im Bereich Film tätig. Von 
2003 bis 2009 Studium (Kamera) an der Filmakademie Baden-Württemberg, das er mit dem 
Diplomfilm Die Maßnahme (Gewinner des First Steps Award 2009) abschloss. Lebt seit 2009 
wieder in Altötting, wo er Mitinitiator eines selbstverwalteten Hausprojekts ist und im 
Selbstversuch praktische Erfahrung in hierarchiefreier Organisation sammelt.

Filmographie (Auswahl)2009 Die Maßnahme Dokumentarfilm – Kamera2006 Die Mitarbeiter der 
Wahrheit Mockumentary – Buch & Regie2006 Die Gedanken sind frei Dokumentarfilm – Kamera 
2006 Gysi und ich Dokumentarfilm – Kamera

Regiestatement Die Logik der Maximierung des Gewinns, unendliches Wachstum auf einem 
endlichen Planeten, eine Welt hierarchischer Strukturen. Die Widersprüche in denen wir 
leben sind offensichtlich. Aber welche Möglichkeiten gibt es, die Dinge anders zu machen? 
Anarchie? Eine Theorie, die gerade durch ihre Radikalität neue Perspektiven eröffnet. […] 
PROJEKT A soll Mut machen, Diskussionen anstoßen und zeigen, dass es an der Zeit ist, die 
Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen. Die Notwendigkeit zur Veränderung unserer Welt 
ist offensichtlich, nicht nur für Anarchisten.(Der vollständige Text findet sich unter 
www.projekta-film.org

Du willst Projekt A in Deiner Stadt zeigen? Na klar!

Am 4.2.2016 hat der Film in Berlin Premiere. Vielleicht gibt’s auch in Deiner Stadt ein 
Kino das in Frage kommt. Den Film kann beim Verleih „Drop-Out Cinema“ 
(www.dropoutcinema.org) bestellt werden. Es ist nicht nötig das Kino zu mieten!

https://www.direkteaktion.org/233/realexistierender-anarchismus


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