(de) fda-ifa gai dao #63 - SocialCenter4All – der Versuch Solidarität zu politisieren Von: SC4A

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Wed Mar 16 09:57:41 CET 2016


Wenn wir uns momentan in der Bundesrepublik umschauen, dann erinnert uns vieles an Anfang 
der 1990er Jahre. Die Angriffe gegen Unterkünfte haben sich in den letzten 5 Jahren 
verfünfhundertfacht, mit Pegida und seinen Ablegern gibt es wöchentlich rassistische 
Aufmärsche, denen eine antifaschistische Bewegung bisher nur bedingt etwas entgegensetzen 
konnte. Der Mob tobt wieder durch die Straße und glorifiziert sich als der „Retter des 
Abendlandes“. ---- Gleichzeitig verschärft die Bundesregierung die Asylrechte im 
6-Monatstakt bis quasi zur Abschaffung. Die linksradikale Antira-Bewegung ist zu klein um 
dem adäquat politisch Paroli zu bieten. Sie hinkt derzeit allem hinterher und ihr 
Handlungsspielraum zeichnet sich durch reagieren statt agieren aus.

Die selbstorganisierten
Refugeeproteste 2013 /
2014 und der kurz-
zeitige Aufschwung in der Antira-Bewegung sind lediglich Erinner-
ungen.

Aber eines ist so gar nicht 90er: In unzähligen Städten bilden sich eher
auf bürgerlicher Basis „Refugees 2elcome“-Bündnisse und Gruppen. In
diesen versuchen viele engagierte Menschen ganz direkt den Geflüch-
teten zu helfen und organisieren die unterschiedlichsten Angebote.

Vom Sprachkurs über Rechtsberatungen bis hin zu Schlafplatz- oder
Jobbörsen ist alles dabei. Einen besonderen Wert erhält diese Arbeit,
weil sie in fast allen Orten komplett selbstorganisiert abläuft. In Berlin
führte das letztendlich dazu, dass die komplette Versorgung der
Geflüchteten am Lageso in den ersten Monaten von Ehrenamtlichen
gestellt wurde. Die politisch Verantwortlichen versuchten ein Bild der
Überforderung der Ämter zu zeichnen, grotesk wurde es z.b. im
Sommer 2015, wo es scheinbar noch nicht einmal mehr möglich war
Menschen mit Wasser zu versorgen. Das bringt bis heute z.B. „Moabit
hilft“ in eine unangenehme Situation. Einerseits kommen sie ehren-
amtlich für eine Versorgungsleistung auf, welche eigentlich der Staat
stellen müsste,andererseits macht der Berliner Senat ihnen auch klar,
dass wenn sie es nicht
täten, er diese trotzdem
nicht stellen wird.

Als Nacht für Nacht
rund 500 Geflüchtete
vor dem LAGeSo und
in den anliegenden
Parks schlafen muss-
ten, versuchten einige
Menschen dem etwas
entgegen zu setzen. Mit
Aktivist*innen aus
verschiedenen Spek-
tren, welche bereits Er-
fahrungen bei den Protesten auf dem O-Platz und in der besetzten
Schule der Ohlauerstraße gemacht hatten, oder ihr Engagement in
den„Refugees Welcome“ Bündnissen zeigen, wurde schließlich entschie-
den ein leerstehendes Gebäude in der Nähe des Lagesos zu besetzen. Es
entstand die Idee einer selbstverwalteten Notübernachtung in Ver-
knüpfung mit einem sozialen Zentrum. Durch die temporäre Übernach-
tungsmöglichkeit sollte eine direkte Hilfe aus dem Projekt entstehen
und mit dem sozialen Zentrum ein Ort geschaffen werden, wo die zahl-
reichen Unterstützungsgruppen sich fernab staatlicher Eingriffe treffen
und austauschen können. So würde ein Raum entstehen in dem kurz-
fristig Hilfe geleistet werden kann,in dem mittelfristig neue Netzwerke
aufgebaut und langfristig ein starke politische Gegenposition entwickelt
wird.

In dieser unserer ersten Besetzung in der Englischen Straße reagierten
wir schließlich auf die Situation am LAGeSo. Mit unserem kurzfristig
erstellten Konzept planten wir in unmittelbarer Nähe einen Raum zu
öffnen, in dem der damals anstehende Winter nicht das Leben der
Menschen bedroht hätte. Die Bullen haben uns nach 6 Stunden raus
geschmissen und auf der spontanen Solidemo auch noch ordentliche die
Knüppel schwingen lassen.

Auf die Besetzung gab es ein durchweg positives Echo und Initiativen
aus anderen Städten mit ähnlichen Konzepten äußerten sich durchweg
solidarisch oder fassten die Idee der Besetzung auch auf.

Die zweite Besetzung war die ehemalige Post in Neukölln. Das Gebäude
steht seit über 13 Jahren leer und wäre mit Kantine und
Raumprogramm mehr als geeignet gewesen. Als jahrelang städtisches
Gebäude wurde davon ausgegangen, dass die Erfolgschancen
wesentlich höher sind, es stellte sich aber im Nachhinein heraus, dass
die Post unter der Hand teilweise an private Eigner verkauft worden
war.

Obwohl das mediale Echo durchweg positiv ist, waren bei den
konkreten Besetzungen weniger Menschen vor Ort als notwendig
gewesen wären um wirklich das Haus zu halten. Das mag mit der
spontanen Aktionsform oder mit der geschlossenen Mobilisierung zu
tun haben, aber es gab von vielen einen Diskussionsbedarf über das
Konzept eines solchen Zentrums.

Unser Standpunkt ist klar, es bedarf einer anderen Art von Gesellschaft
um eine wirkliche Willkommenskultur zu schaffen, eine Gesellschaft, in
welcher Integration verstanden wird als ein Konzept, welches alle
Menschen beinhaltet und aus allen gemeinsamen Erfahrungen und
Individuen das gemeinsame Zusammenleben erwächst. Wir sind gegen
die Lagerisierung und Katerlogisierung von Menschen und die
mittelfristige Einteilung von Schutzsuchenden in für das kapitalistische
System verwertbare oder nicht verwertbare Kategorien. Wir brauchen
einen Ort, an welchem Geflüchtete, Unterstützer*innen, lokale
Kiezbevölkerung und emanzipatorische Gruppen zusammenkommen
können um direkte Solidarität und Austausch untereinander zu leisten;
einen Ort, an welchem Unterstützung nicht staatlich beeinflusst wird
und die Bewegungsfreiheit der Menschen im Vordergrund steht; einen
Ort, wo auch radikale Praxis ihren Platz hat und Kämpfe vereint
werden können.

Diese Ort soll ein Raum sein, wo jede*r sich finden kann und wir
werden ihn nur gemeinsam schaffen können. Deswegen wollen wir am
5.3.16 gemeinsam darüber diskutieren, wie ein Konzept aussehen kann
und welche Ansätze es geben muss. In fünf Arbeitsgruppen sollen
Vorschläge eingebracht und Überlegungen ausgetauscht werden wie ein
BerlinerSC4A entstehen kann.


Die Pausen und das gemeinsame Essen bieten Raum zum Kennenlernen
und zum Austausch. Im Abschlussplenum wollen wir die Ergebnisse festhalten:

Was sind unsere nächsten Schritte für ein SC4A?

Was können die Anwesenden dazu beitragen?

Und: Wo wirst Du an dem Tag sein, an dem das soziale Zentrum
eröffnet?

Um die Arbeitsgruppen inhaltlich zu bereichern, haben wir bereits
aktive Gruppen aus Berlin eingeladen, die sich als „Experten“ einbringen
werden.

* Unterbringung: Bündnis gegen Lager
* Bildung: FAU Bildungssektion, FreieSchule, Multitude e.V.
* Beratung: Initiative Rechtsberatung am LAGeSo
* Partizipation & Organisation: Zwangsräumungen verhindern, Corasol, Stadt von Unten
* Bedarf: Moabit Hilft,MOVE_projekt

Samstag, 5.März ab 12Uhr in der SFE Berlin, Gneisenaustraße 2a

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Quelle und weitere Infos

https://socialcenter4all.blackblogs.org/


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