(de) fda-ifa: Antiautoritärer Aufruf zur Frauen*kampfdemo am 12.03. in Köln von Anarchistische Initiative Kaiserslautern / Kusel
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Tue Mar 15 12:12:21 CET 2016
Aufruf zum bunten, antiautoritären Block, am 12.03.2016 in Köln, anlässlich des globalen
Frauen*tages ---- Wir schreiben das Jahr 2016 und finden uns in einer autoritären
Gesellschaft wieder, in der die Schlagworte “Solidarität” und “Selbstbestimmung” kaum im
alltäglichen Leben vorkommen. Sie erscheinen nur versteckt und abgewandelt in hohlen
Phrasen und sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt werden. ---- Umso mehr lassen
sich überall sexistische, rassistische und patriarchale Strukturen erkennen, die
verschiedene, miteinander verknüpfte und sich überschneidende Unterdrückungsmechanismen
darstellen – auch in dem von uns gelebten Alltag. Dies schränkt die Freiheit und
Entfaltung des einzelnen Individuums ein und trägt dazu bei, Herrschaftsstrukturen zu
festigen.
Nachdem an Silvester in Köln massenhaft Frauen* mit sexualisierter Gewalt angegriffen und
auch bestohlen wurden, löste dies eine riesige Debatte in der Politik und den Medien im
ganzen Land aus. Vorfälle wie diese wurden jedoch als Import einer “fremden” Kultur
abgetan, da es sich bei den übergriffigen Männern überwiegend um Migranten aus
arabisch-muslimischen Ländern gehandelt habe.
Völlig verblendet von rassistischen Denkmustern, nutzen viele Politiker*innen daher diese
Möglichkeit, um unter dem Deckmantel der “Sicherheit” nun verstärkt Überwachung und
verdachtsunabhängige Polizeikontrollen zu veranlassen. Dabei werden meist männliche
Personen mit Migrationshintergrund kontrolliert und damit einem Generalverdacht
unterstellt. In einem derart aufgeheizten rassistischen Klima wird gleichzeitig das
Asylrecht weiter verschärft.
Für jene Personen,die sich als Frauen* verstehen, ändert diese Repression jedoch nichts,
denn an keinem Ausweis oder Pass der Welt kann jemals nachvollzogen werden, ob sich jemand
sexuell übergriffig verhält oder verhalten wird.
So wird weiter belästigt, begrapscht und vergewaltigt und die Ursachen dafür liegen nicht
nur in der Religion oder Sprache. Die Ursachen liegen in der HERRschaft von Menschen über
Menschen und sind eine Konsequenz des Jahrtausende alten Patriarchats, welches fast auf
dem ganzen Planeten existiert.
Die sexualisierte Gewalt in der Kölner Silvesternacht ist aus unserer Sicht untragbar und
nicht zu dulden. Wir erkennen das schreckliche Ausmaß dieser Gewalttaten an und
solidarisieren uns mit den Betroffenen der Silvesternacht. Ebenso stehen wir zu allen
weiteren Betroffenen, die sexualisierte Gewalt erfahren oder erfahren haben. Das Erleben
sexualisierter Gewalt kann für Betroffene gravierende Auswirkungen haben: Für viele wird
das Vertrauen in Sicherheit und zwischenmenschliche Beziehungen erschüttert. Ein sexueller
Übergriff ist eine massive Verletzung der körperlichen und sexuellen Integrität.
Sexualisierte Gewalt stellt darüber hinaus einen Eingriff in die Bewegungsfreiheit
weiblich gelesener Personen dar, indem gerade bei diesen Menschen die Angst vor erneuten
Übergriffen geschürt wird und sie selbst durch ihr öffentliches Verhalten
mitverantwortlich gemacht werden. Immer wieder werden Warnungen laut, z.B. nachts nicht
alleine auf die Straße zu gehen. Dies spricht Menschen, die sich als Frauen* verstehen,
ihre Handlungsfähigkeit und ihr Recht auf uneingeschränkte Bewegungsfreiheit ab und ist
aus unserer Sicht genau der falsche Ansatzpunkt. Vor allem, da die meiste sexualisierte
Gewalt an Frauen von Männern aus dem direkten sozialen Umfeld ausgeht.
Sexualisierte Gewalt kann nur dann am besten vermieden werden, wenn sie erst gar nicht
ausgeübt wird. Dadurch, dass wir in dieser autoritären Gesellschaft aufgewachsen sind,
reproduzieren und festigen wir vorgefertigte Rollenbilder und Verhaltensweisen, auch wenn
wir uns dessen oftmals nicht bewusst sind. Es gilt daher, sich selbst zu hinterfragen und
andere darauf aufmerksam zu machen. Aber auch die vorherrschende Sicht- und Redeweise zu
verändern und alle gesellschaftlichen Unterdrückungsformen abzulegen.
Die vielfältigen Mechanismen von Herrschaft, die zu einer mehrfachen Ausbeutung und
Unterdrückung führen, wirken auch in die Wirtschaft hinein. Im Kapitalismus stand zwar von
Anfang an die Nutzbarmachung der menschlichen Arbeit im Vordergrund, aber das (soziale)
Geschlecht und die Rolle im Familienverbund waren auschlaggebend für gute oder schlechte
Arbeitsbedingungen bzw. für hohe, niedrige oder gar keine Entlohnung. So ist bis heute die
Wiederherstellung der Gesellschaft (d.h. die soziale Reproduktion) kaum als gleichwertige
“Arbeit” anerkannt.
Vor allem Migrantinnen* sorgen in Pflege und Betreuung für die reibungslose
Erwerbsfähigkeit der deutschen Frauen*, aber zu rassistischen Niedrigstlöhnen und meist
unter prekären Lebensbedingungen, und sie sind auch von sexualisierter Gewalt bedroht.
Gleichzeitig treibt der neoliberale Sozialabbau bei Kinderbetreuung und Schulen viele
Erwerbstätige in Lohnarbeit und Burn-Out. Andere lockt das Betreuungsgeld als “Herdprämie”
in die staatlich geförderte Mutterrolle – ein Rückschritt in Zeiten biologistischer
Geschlechterrollen. Vor allem für migrantische Familien bedeutet heimische Erziehung oft
aber Schwierigkeiten beim Spracherwerb und daher mangelnde Integration. Diese bedeutet
wirtschaftliche und gesellschaftliche Vernutzbarkeit und ist daher ein zusätzlicher
Unterdrückungsmechanismus.
Dennoch geht es uns nicht darum, einige Managerinnen* in bessere Führungspositionen zu
bringen oder durch geschlechtliche Vielfalt einen Regenbogen-Kapitalismus zu beschönigen.
Der alltägliche Kampf gegen Diskriminierung und Ausbeutung endet nämlich nicht am “Equal
Pay Day”, wenn endlich alle Geschlechter zum gleichen Lohn ausgebeutet werden. Denn die
wachstumsgetriebene Weltwirtschaft zerstört unabhängig aller Genderidentitäten die
Lebensgrundlagen der Menschheit und des gesamten Planeten. Dabei verstärken jedoch die
Folgen dieser kapitalistischen Dauerkrise die rassistischen, sexistischen und kolonialen
Ungerechtigkeiten.
Am 12.03 ist es unter anderem unser Anliegen, die Vielfalt der Bewegung rund um den Tag um
eine antiautoritäre Sichtweise zu ergänzen: Forderungen an Vater Staat können keine Lösung
gegen das Patriarchat sein. Zunächst erscheint es zwar einleuchtend, den Staat anzuflehen,
er solle soziale Verbesserungen herbeiführen. Oder er solle unabhängig von den Kirchen
eigene Schutzräume für Frauen* einrichten, diskriminierende Gesetze abschaffen (§218) oder
für Gleichstellung in Institutionen sorgen. Doch anstatt angesichts massenhafter
sexualisierter Gewalt für eine Verändernde Gerechtigkeit (Transformative Justice)
innerhalb einer Gemeinschaftsverantwortung zu kämpfen, erklingt der schnelle Ruf nach
Verschärfung des Sexualstrafrechts.
Das Einfordern gegenüber dem starken Staat verschiebt aber die eigene Position in eine
unterwürfige Rolle. Dies bringt mit sich, dass jede Form von Selbstorganisation und eine
daraus sich möglicherweise entwickelnde Selbstermächtigung nicht zu Stande kommen kann.
Wenn wir an ihn Forderungen stellen, geben wir Verantwortung ab und bieten dem Staat immer
wieder die Möglichkeit Konflikte zu befrieden. Dies gelingt ihm, indem er teilweise diese
Forderungen erfüllt, aber die Vorherrschaft in der Debatte an sich reißt und somit soziale
Bewegungen vereinnahmt und lähmt.
Gerade durch diese staatliche Vereinnahmungen kommt es in der BRD schon lange nicht mehr
zu großen emanzipatorischen Bewegungen, die dem Staat gefährlich werden könnten, indem sie
tatsächlich sozialrevolutionäre Prozesse anstoßen. Wenn wir also die Grabesruhe des
„sozialen Friedens“ beenden wollen, heißt das nicht, dass wir anderen vorschreiben, was
sie zu tun und zu lassen haben. Sondern, dass wir aus einer bekannten Erfahrung aus dem
Anti-Atom-Widerstand im Wendland lernen möchten:
“Es gibt bekanntermaßen verschiedene Aktionsformen. Wir machen unsere, Andere machen ihre.
Ihr Zusammenspiel wird unsere Stärke sein.“
Lasst uns also nicht kalkulierbar, vorgeplant und staatstreu handeln, sondern zusammen
über den Tellerrand gucken und andere Kämpfe, in denen wir stecken, miteinbeziehen.
Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass “Solidarität” und “Selbstbestimmung” nicht länger
hohle Phrasen bleiben: Begegnen wir uns gegenseitig auf Augenhöhe und reißen wir die
HERRschenden Grenzen ein – auch in den Köpfen!
Deshalb rufen wir, einige Gruppen aus der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen
(und andere), anlässlich des Weltfrauentages (8.März) zu der bundesweiten Demo am
12.03.2016 in Köln auf. Kommt zum Treffpunkt auf dem Roncalliplatz am Dom. Beteiligt euch
an dem vorne gehenden FLTI*-Block oder unterstützt den antiautoritären, “bunten Block”.
Dieser Aufruf versteht sich als Ergänzung mit positivem Bezug zu dem Aufruf des
anmeldenden Bündnis, das sich aus verschiedenen Gruppen und Organsiationen zusammensetzt.
Dennoch möchten wir mit einem eigenen Aufruf antiautoritäre Akzente setzen.
Unterstützer*innen (wird aktualisiert):
Anarchistische Gruppe Dortmund
Anarchistisches Kollektiv Köln
Anarchistische Initiative Kaiserslautern
Anarchistisches Forum Köln
Allgemeines Syndikat Köln (FAU-IAA)
Lava München – Anarchistische Assoziation
Anarchistisch Syndikalistische Jugend Bonn
Infos zum Tag selbst findet ihr hier: reclaimfeminism.org
Anreise Möglichkeiten (wird aktualisiert):
Wer aus Kaiserslautern mit will schreibt an die Anarchistische Initiative
Wer aus Bonn anreisen will, kann sich an die ASJ Bonn wenden: asjbonn at riseup.net
Anreise aus Dortmund mit dem Zug, Treffpunkt: 10.30 Uhr Bahnhof, Nordausgang vor Cinestar
(12.03.), organisiert von derAnarchistischen Gruppe Dortmund und Autonomen Antifa 170
Anreise aus Schwerte mit dem Zug, Treffen: 9:40 Uhr – Schwerter Bahnhofsvorplatz Abfahrt
von Schwerte nach Dortmund: 12.03. um 9:50 Uhr von Gleis 5! Organisiert vom
Anarchistischen Forum Schwerte
Anreise aus Bochum mit dem Zug, PÜNKTLICH 10:45h Gleis 3 Hbf Bochum
Kontakt zur Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA-IFA)
http://fda-ifa.org/antiautoritaerer-aufruf-zur-frauenkampfdemo-am-12-03-in-koeln-2/
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