(de) FAU-IAA Direct Action #233 - Back to the Pas

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Tue Mar 15 12:12:07 CET 2016


Anarcho-Primitivismus als vermeintlicher Lösungsansatz für Probleme der postindustriellen 
Gesellschaftsordnung ---- In Zeiten von Web 2.0, einem immer weiter steigenden 
Leistungsdruck und dem weltweiten Siegeszug des Neoliberalismus ist das Bedürfnis vieler 
Menschen nach Entschleunigung verständlich und nachvollziehbar. Im Folgenden versuche ich 
am Beispiel der Ideologie des Anarcho-Primitivismus aufzuzeigen, warum die Rückkehr in die 
Steinzeit trotz allem keine emanzipatorische Perspektive darstellen kann. ---- 
Anarcho-Primitivist*innen (A-Ps) gehen davon aus, dass sich sämtliche 
Herrschaftsstrukturen in Folge der Neolithischen Revolution entwickelt haben. Als 
Neolithische Revolution bezeichnet mensch den Wandel von einer nomadischen 
„Jäger*innen/Sammler*innen“-Gesellschaft zu sesshaften Gemeinschaften, die durch Ackerbau 
etc. ermöglicht wurden. Für A-Ps waren alle Stämme/Sippen vor der Neolithischen Revolution 
prinzipiell egalitär, was nachgewiesener Weise nicht der Fall war.

Durch den ideologisch untrennbaren Zusammenhang von Zivilisation und Herrschaft wendet 
sich der Anarcho-Primitivismus gegen jede Form der Zivilisation. Natürlich sind die 
Befürworter*innen dieser Ideologie keine homogene Gruppe und sich uneins über den 
wünschenswerten Technologiestand. Während manche Vertreter*innen z.B. Permakultur für 
vertretbar halten, wollen andere sich auf Technologien beschränken, welche bereits in der 
Jungsteinzeit zur Verfügung standen.

Ein Primitivist der ersten Stunde im Schweizer Aussteigerparadies Monte Verità
Einig ist sich mensch darüber, dass alle sozialen Zusammenhänge, welche mehr als ca. 100 
Personen beinhalten automatisch Hierarchien produzieren würden und deshalb aufzulösen 
seien. Die Ideologie entstand in den 1980er Jahren aus dem Umfeld der militanten 
Ökologie-/Tierrechtsszene in den USA. Heute ist der Anarcho-Primitivismus ironischerweise 
hauptsächlich im Internet virulent. Die anarcho-primitivistische Ideologie ist aus 
verschiedenen Gründen höchst problematisch. Zunächst einmal lässt sich die Vorstellung von 
prinzipiell egalitären „Sippenstrukturen“ der Steinzeit auf das Konzept des „Edlen Wilden“ 
zurückführen. Dieses wurde im Zuge der europäischen Aufklärung entwickelt und ging davon 
aus, dass der Steinzeitmensch in einem primitiven „Naturzustand“ lebte, wie Adam im 
Paradies frei von allen negativen Eigenschaften. Abgesehen davon, dass sie gänzlich falsch 
ist, ist diese Vorstellung eurozentristisch und rassistisch, weil es dem weißen, 
zivilisierten Europäer verallgemeinernd den unzivilisierten Wilden gegenüberstellt. Dieses 
Konzept wurde schon verwendet um die „wilde“ Welt zu kolonisieren und auszubeuten. Auch 
wenn A-Ps dies grundsätzlich ablehnen, bedienen sie sich der gleichen 
Argumentationsmuster. Desweiteren formuliert der Anarcho-Primitivismus einen globalen 
Anspruch: Solange es Nicht-Primitivist*innen gibt, würden diese durch z.B. 
Umweltverschmutzung den A-Ps das schöne Leben verunmöglichen, also ist eine Koexistenz 
nicht möglich.Eine mögliche Praxis wirft weitere Fragen auf. Allen voran: Wie soll die 
Weltbevölkerung ernährt werden? Damit hat sich Andrew Flood ausführlicher beschäftigt.

Er kommt in seiner Forschung zu dem Schluss, dass durch Jagen und Sammeln maximal 100 
Millionen Menschen ernährt werden könnten. Selbst bei dieser Schätzung, in welcher erst 
einmal über 7 Milliarden Menschen sterben müssten, würde wahrscheinlich das Ökosystem 
durch Übernutzung den Geist aufgeben. Wie die „Schrumpfung“ vonstatten zu gehen hat, da 
scheiden sich wiederum die Geister. Während vermeintlich aufgeklärte A-Ps eine freiwillige 
Geburtenkontrolle befürworten, wünscht sich der radikalere Flügel ein Massensterben durch 
Epidemien und Ähnliches. Ein Konzept liegt auch hinsichtlich der medizinischen Versorgung 
nicht vor, sondern es wird (meist) davon ausgegangen, dass die meisten Krankheiten der 
Zivilisation entspringen und auch mit dieser überwunden werden können.Es gibt mehrere 
Gründe, warum mensch sich trotz des offensichtlichen Unfugs, der in diesen Kreisen 
verbreitet wird, mit dem Anarcho-Primitivismus auseinandersetzen sollte.

Gerade bei antispeziesistischen und konsumkritischen Menschen ohne viel theoretische 
Vorkenntnis lassen sich immer wieder Schnittmengen mit dieser Ideologie feststellen. Das 
liegt einerseits am (verbal)-radikalen Duktus der A-Ps, andererseits bietet die Ideologie 
einen einfachen Lösungsansatz für komplizierte Sachverhalte. Mensch macht es sich sehr 
einfach, wenn alles, ab der Neolithischen Revolution abgelehnt wird. Dies verhindert eine 
weitere Auseinandersetzung mit den Verhältnissen. Hier lässt sich eine Parallele zum 
verschwörungstheoretischen Milieu feststellen. Dass der Primitivismus auch real eine 
Bedrohung der Zivilisation darstellen kann, sieht mensch zum Beispiel an der 
Terrorherrschaft der roten Khmer in Kambodscha, wo in vier Jahren ca. ein Fünftel der 
Bevölkerung beim Versuch eine vorindustrielle Gesellschaftsordnung herbeizuführen ums 
Leben kam. Es lässt sich zusammenfassen, dass der Anarcho-Primitismus keine 
emanzipatorische Strömung ist und sein kann. Trotzdem sollte mensch sich, vor allem in der 
Diskussion mit meist jüngeren Leuten, die Zeit und die Muße nehmen den unemanzipatorischen 
Charakter der Ideologie aufzuzeigen.

Simon Birnelm

https://www.direkteaktion.org/233/back-to-the-past


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