(de) FAU-IAA Direct Action #233 - Gruppe Tresantis: „Die Anti-Atom-Bewegung – Geschichte und Perspektiven“

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Mon Mar 14 10:47:59 CET 2016


Eine Buchbesprechung ---- Das Tresantis-Kollektiv, laut eigener Beschreibung „Querköpfe 
die an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten eng mit dem Widerstand 
gegen Atomanlagen verbunden waren und sind“, hat ein solides Buch abgeliefert. Die 
Herausgeber*innen selbst vertreten den Anspruch einer Anti-Atom-Bewegung, die untrennbar 
mit anti-autoritärer, anti-staatlicher und anti-kapitalistischer Grundhaltung verbunden 
ist. Über mehrere Jahre hinweg hat das Kollektiv Beiträge von Aktivist*innen gesammelt, 
deren subjektive Berichte nun in dem über 380 Seiten starken Werk vorliegen. In dem reich 
bebilderten Buch kommen die unterschiedlichsten Protagonist*innen zu Wort, die mit ihren 
Beiträgen einen Überblick über 40 Jahre Anti-Atom-Bewegung geben. ---- Quelle: Assoziation 
A ---- Beginnend mit der Beschreibung einer „Fortschrittseuphorie und Technikgläubigkeit 
im Atomzeitalter“ schildern Augenzeug*innen ihre Erfahrungen Anfang der siebziger Jahre in 
Wyhl am Kaiserstuhl, dem Geburtsort der deutschen Anti-AKW-Bewegung. Im 
biografisch-erzählerischen Stil werden Zusammenhänge hergestellt, die Erfahrungen in der 
Auseinandersetzung mit der Staatsmacht ebenso geschildert wie die Entwicklung einer 
sozialen Gegenstruktur. Eine Stilistik, die lebendig und subjektiv daherkommt und trotzdem 
informiert. Das Buch liefert eine Fülle von Eindrücken und Fakten, bleibt jedoch durch 
eine gute Aufbereitung unterhaltsam und lesbar.

Es ist im positiven Sinne kein trocken-analytisches Geschichtsbuch, sondern es erzählt 
Geschichten: Die Örtlichkeiten des Protestes und des Widerstands – Wyhl, Brokdorf, 
Grohnde, Kalkar und Wackersdorf – werden ebenso wie das Desaster von Tschernobyl im ersten 
Teil bearbeitet. Hier finden sich thematisch auch die zivile und militärische Nutzung, 
beleuchtet am vertuschten Unfall in Gesthacht/Krümmel, und eine kritische Betrachtung der 
Grünen.Im zweiten Teil des Buchs geht es um die wendländische Protestkultur, Gorleben, die 
freie Republik, entstanden aus der besetzten Bohrstelle 1004, und eine Fülle von Aktions- 
und Widerstandsformen. Die Geschichte/n um die Auflehnung gegen das Atommülllager und 
gegen die Castortransporte nehmen im Buch den weitaus größten Raum und eine zentrale 
Stellung ein. Die persönlichen Erfahrungen der zahlreichen Autor*innen, die sowohl unter 
Klarnamen als auch unter Pseudonym firmieren (folgerichtig immer dann, wenn es um die 
detailreiche Schilderung von Sabotage und anderen kriminalisierbaren Widerstandsaktionen 
geht), sind das Highlight des Bandes.Im letzten und dritten Teil des Buches geht es um 
Vermischtes: Fukushima, den sogenannten Atomausstieg, politisches Klettern, Strategien der 
Repression zu begegnen und die Schwierigkeiten mit nuklearen Hinterlassenschaften 
umzugehen. Hier, im Schlussteil, zeigt sich eine Schwäche des Buches: Es wird dem starken 
Titel „Die Anti-Atom-Bewegung – Geschichte und Perspektiven“ so nicht gerecht. Positiv 
gesehen liegt dies jedoch weniger am Kerngehalt des Produkts, sondern an dem zu 
ambitionierten Titel.

Bei dominierender Retrospektive kommt die Perspektive zu kurz. Zu wenig ist zu lesen 
bezüglich staatlichem Atommülllagermanagement, Rückbauschwierigkeiten und strategischer 
Einbindungsversuche wie z.B. der Atomlagersuchkommission, um nur Weniges zu nennen. Auch 
zur internationalen Situation und dem dort vollzogenen z.T. massiven Ausbau von atomarer 
Technik findet sich kaum etwas. Auch ist es weniger ein Geschichtsbuch, sondern vielmehr 
ein Band von Geschichten aus einer ganz bestimmten Widerstandsperspektive. Es wird nicht 
von außen beschrieben und erklärt, sondern von innen heraus berichtet. Von Menschen, die 
eben nicht den Schwerpunkt auf Parteiarbeit, Resolutionen und Menschenketten legen, 
sondern auf selbstbestimmten kreativen Widerstand. Militanz an der richtigen Stelle und 
zum richtigen Zeitpunkt und in einer Dosis, die ein gesamtsolidarisches Handeln weiter 
ermöglicht, war und ist ein wichtiges Element. Gut platziert wird sie zum Moment der 
Freiheit, die aufmacht und Grenzen überschreitet. Aber das ist eben nicht die ganze 
Anti-Atom-Bewegung. Die war und ist, auch wenn sich viele von den Abschaltungen haben 
einlullen und beruhigen lassen, größer und wird von weiteren Spektren getragen. Die 
Anti-Atom-Bewegung war nie eine Monokultur, im Gegenteil, ihre Stärke lag immer darin, 
dass sie sich aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen und den 
unterschiedlichsten Aktionsformen zusammensetzte. Das zum Teil nervenzerfetzende Ringen um 
den nächsten Schritt, die richtige Strategie, macht einen Teil dieser Geschichte aus und 
findet sich auch in dem einen oder anderen Artikel – aber eben nur aus einer Sicht.

Die Gewichtung des Buches im beschriebenen Sinne erfolgt nicht nur thematisch, sondern 
auch geografisch selektiv, lässt so einiges außer Acht und birgt die Gefahr, viele zähe 
und verschleißende Kämpfe anderenorts zu peripheren Sekundärereignissen werden zu lassen. 
Das ist schade und wird der Realität nicht gerecht. Die Bewegung, auch die kreativ 
militante, ist ebenso in Grafenrheinfeld, Asse, Schacht Konrad, Biblis, Neckarwestheim, 
Ohu und anderswo zu finden und auch diese Liste ist nur eine lückenhafte Auswahl. Trotz 
der Kritik – eher am zu ambitionierten Titel, als am Inhalt – es ist ein absolut 
lesenswertes Buch, informativ und berührend.

Michael Wilk

Das Buch:

Gruppe Tresantis (Hg.): Die Anti-Atom-Bewegung – Geschichte und Perspektiven, ASSOZIATION 
A, 2015 anti-atom-aktuell.de/Buch

https://www.direkteaktion.org/233/gruppe-tresantis-201edie-anti-atom-bewegung-2013


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