(de) FDA-IFA, Gai Dao N°62 - Unbehagen & Gewalt -- Ein Ausdruck des Unbehagens angesichts der Form und der Debatte über die(mangelnde) Rojava-Solidarität der Antiautoritären. Von: Paul - adastra.blogsport.eu

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Thu Mar 10 09:52:18 CET 2016


In den vergangenen Ausgaben der Gai Dào aber auch in den anderen Publikationen 
deutschsprachiger Anarchist*innen, wie etwa der Direkten Aktion oder auch der 
Graswurzelrevolution und den diversen Onlinemedien wurde ausgiebig darüber diskutiert. In 
Rojava ist eine Revolution im Gange und die deutsche Linke sowie die Antiautoritären 
gucken tatenlos zu. Die Diagnose ist oft die Gleiche: fehlendes revolutionäres 
Selbstbewußtsein, falscher Avantgardismus, das Bestreben nach ideologischer Reinheit und 
ähnliche Schandtaten würden wahlweise zu Zurückhaltung, Desinteresse oder auch Ignoranz 
führen. Nur in wenigen Fällen wird als quasi mildernder Umstand für die Anklage noch 
gelten gelassen, dass die Informationslage über die gesellschaftlichen Umwälzungen in 
Rojava mangelhaft ist.

In dem Interview aus der Novemberausgabe der Gai Dào werden diese
Vorwürfe folgendermaßen vorgetragen: die europäische Linke habe ihr
Verhältnis zu „ernsthaften“ revolutionären Prozessen verloren. Einst
starke Massenorganisationen hätten jeden Kontakt zur Bevölkerung
verloren und würden nur noch ein vermeintliches Überlegenheitsgefühl
bedienen. Bedingt dadurch würde mensch sogar selbst zum
Klassenfeind (das ging schnell). Und abschließend, würde eine
Unfähigkeit zur Selbstkritik die eigene Tatenlosigkeit begründen.

Dem gegenüber möchte ich hier eine Perspektive schildern, welche
wohl als dezidiert europäisch wahrgenommen werden wird, aber
eventuell verständlich macht, warum angesichts der aktuellen
Solidaritätskampagne für Rojava nicht jede*r in helle Begeisterung
verfällt.

Ich komme aus dem Ostteil Deutschlands. Alle Revolutionären
Massenorganisationen, die es hier einmal gab wurden 1933 zerschlagen.
Danach gab es so etwas wie eine revolutionäre Bewegung nicht mehr.
Stattdessen gab es ein militaristisches Regime welches sich sowohl
revolutionär als auch sozialistisch nannte. Es gab eine Wehrpflicht und
jede Menge uniformierte Organisationen die zu allen möglichen
Anlässen mit Maschinengewehren (meistens des Typs Kalaschnikow)
unter wehenden roten Fahnen durch die Straßen marschierten.

Anarchist*in, Libertäre*r oder Ähnliches zu sein bedeutete für viele in
aller erster Linie der Wehrpflicht zu entkommen, sich vor der
Nationalen Volksarmee (oder im Westen der Bundeswehr) zu drücken
und jede Menge Ärger in Kauf zu nehmen. Etwa wenn man sich im
Betrieb den „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ entzog oder im
Schulunterricht das Handgranatenschmeißen verweigerte. Auch viele
derjenigen, die wie ich, das Glück hatten dem sozialistischen Arbeiter-
und Bauernstaat durch späte Geburt zu entkommen, wurden durch
diese Erfahrungen geprägt. Dieser relativ kleine und gesellschaftlich
marginalisierte Personenzusammenhang, der sich hierzulande etablierte
und immer wortgewaltig als „anarchistische Szene“ bezeichnet wird,
hat diese Erfahrungen unter dem Schlagwort „Antimilitarismus“
kollektiviert und bis heute erhalten.

Wenn heute der Vorwurf erhoben wird, dem Krieg im Nahen Osten
tatenlos zuzusehen, dann kann dies nicht von der Hand gewiesen
werden. Persönlich gesehen, sind der Besuch von
Solidaritätskundgebungen und das Leisten von Geldspenden für mich
ein relativ hoher Aufwand, gemessen an der Tragödie in Syrien und der
Grausamkeit von Daesh sind sie aber wirklich nicht viel mehr als ein
tatenloses Zuschauen.

Aber was ist die Alternative? Für Außenstehende, die nicht auf eigene
Erfahrungen aus Kurdistan-Rundreisen zurückgreifen können, ist es nur
schwer bis unmöglich einen positiven Eindruck der emanzipatorischen
Umwälzungen in Rojava zu erhalten. Das alles überwiegende und
bestimmende Bild der Solidaritätskampagne, das nach Außen und in
diesem Fall in die deutschsprachige Szene hinein kommuniziert wird,
muss zwangsläufig Zweifel hervorrufen.

Immer wieder die gleichen Darstellungen von Frauen und Kerlen mit
Kalaschnikow-Gewehren auf Indymedia. Wahlweise auch einfach nur
das stilisierte Gewehr, als ob es eine Art magische Wirkung an sich
hätte. Das Posieren auf Facebook mit deutscher Antifafahne vor
Panzern und Maschinengewehren. Das alles mag auf einige sicher
motivierend und mobilisierend wirken. Mich – und vielleicht auch
einige andere – schreckt es jedoch ab.

Eine Revolutionsromantik zu bedienen, die einer Kriegsverherrlichung
gleichkommt, kann auf Dauer keine gute Werbung für ein
emanzipatorisches Projekt sein. Selbst die Gai Dào kommt in ihrer
Rojava-Debatte nicht ohne Maschinengewehre und romantisierende
Soldatenfotos im Licht der Abendsonne aus. Die von Zaher Baher in
der Septemberausgabe berechtigterweise eingeforderte „kritische
Solidarität“ kann durch das Abwiegeln eben dieser Kritik (wie in
besagtem Interview in der Novemberausgabe) nur mühsam gedeihen.


paul bloggt aufadastra.blogsport.eu


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