(de) FDA-IFA, Gai Dao N°62 - Wie wollen wir kämpfen? -- Eine Reaktion auf ‘Wichtig ist massenhaft widerständiges Leben’ Von: Reclaim Utopia

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Wed Mar 9 12:37:31 CET 2016


Vor etwa zwei Monaten ist in der Gai Dao ein Text mit dem Titel “Wichtig ist massenhaft 
widerständiges Leben” erschienen, auf den wir an dieser Stelle reagieren wollen. Dabei 
geht es uns darum die grundlegende Stoßrichtung des Textes aufzugreifen - die Diskussion 
über mögliche Strategien anarchistischer Aktivitäten -, um so eventuell eine Debatte und 
Diskussion anzustoßen, die unserer Meinung nach seit langem überfällig ist. ---- Wir 
teilen die Einschätzung, dass derzeit das Potential für eine verstärkte Politisierung 
gelegt ist - Pegida, die Ankunft von Geflüchteten, das Spardiktat gegen Griechenland, 
Streiks der GEW oder bei der Post uvm. sind Themen, die in letzter Zeit Diskussionen weit 
über kleine Aktionskreise hinaus entfacht haben und zu denen sich große Teile der 
Bevölkerung mehr oder weniger eine Position gebildet haben oder gerade bilden wollen.

Die Stoßrichtung des Textes
ist damit überaus be-
grüßenswert, wird doch
die Strategiefrage gerade
im größeren Kontext
immer etwas vernach-
lässigt. Die Stärke einer
anarchistischer Bewe-
gung ist schließlich
ihre Vielseitigkeit und
Offenheit auch bei
strategischen Entschei-
dungen; gleichzeitig
scheint diese Offenheit im
schlechtesten Fall so
verstanden zu werden, dass
sich über Strategiefragen auch
nicht mehr ausgetauscht werden
muss. Die Frage nach dem (Un-)Sinn
von Gewalt wird zur moralischen
Grundsatzdiskussion; die offensichtliche
Differenz und Spannung zwischen einer anarcho-
syndikalistischen Position und CrimethInc. wird achselzuckend
übersehen, obwohl gerade der Austausch auch zu neuen Formen führen
könnte. Die Frage “Wie wollen wir leben?”, die in letzter Zeit oft
rhetorisch gestellt wird, kann nicht getrennt werden, von der Frage
“Wie wollen wir da hin kommen?”. Die behauptete Identität von Mittel
und Ziel, wie sie für anarchistische Positionen oft als kennzeichnend
angesehen wird, verweist bereits grundlegend auf die Strategiefrage.

Die Gefahr besteht nur darin, dem Kurzschluss zu verfallen, dass das
gleichbleibende Ziel eine herrschaftsfreie Gesellschaft ist und damit
alles über die Mittel gesagt ist. Gleichzeitig dient vorgestelltes
gleichbleibendes Ziel häufig der Ignoranz gegenüber den eigenen
Umständen der derzeitigen Existenz in bestehender Gesellschaft. Da
sich selbige häufig schlecht im Bezug auf eine Einheit von Zweck und
Mittel denken lassen, werden sie ignoriert und Widerständigkeit wird
kurzerhand auf ein Feld übertragen, das sich außerhalb der bestehenden
Verhältnisse sieht.

Doch das Ziel ist auch die Überwindung der bestehenden Verhältnisse
und diese ändern sich beständig - wenigstens deshalb
müssten unsere Mittel sich auch permanent
ändern, während sie aber tatsächlich seit
Jahrzehnten in Demonstrationen,
Vorträgen und konspirativen
Kleingruppen stagnieren. Wir
wollen deshalb den Impuls
des Artikels aufgreifen
und uns an einer
potentiellen Strategie-
diskussion beteiligen.
Dafür legen wir im
folgenden dar, wa-
rum wir es für
wichtig erachten,
dass diese Strategie-
diskussion nicht nur
in kleinen Kreisen
stattfindet, sondern
auch mit Blick auf so
etwas wie eine anarch-
istische Bewegung; daran
anschließend und daraus
resultierend soll gezeigt werden,
warum die vorgeschlagenen Akti-
onen der Kommunikationsguerilla für
uns zu wenig sind, um zum Schluss Fragen
in den Raum zu stellen, die wir bezüglich einer
eventuellen weiteren Diskussion für fruchtbar halten.

Individuum und Gesellschaft

Wenn das Ziel zum Teil aus der Überwindung der bestehenden
Verhältnisse besteht, dann steht unserer Meinung nach am Anfang
jeder Strategiediskussion die Frage nach dem Zustand, auf den diese
Strategie angewendet werden soll. Dass diese nicht im luftleeren Raum
entwickelt wird, erscheint uns eine zentrale Forderung an jeden
Strategievorschlag zu sein. Sie sollte also an die konkreten Bedingungen
angeschlossen werden, in denen sie diskutiert wird. Unserer Meinung
nach ist die Analyse der Situation die Voraussetzung für eine Strategie.
Kurz: Boote als Strategie der Fortbewegung eignen sich nur da, wo auch
Wasser ist, sonst liegen sie auf dem Trockenen und bewegen sich keinen
Millimeter in die Richtung ihres Ziels. (Es sei denn wir wechseln die
Strategie und tragen die Boote...) Das bedeutet andererseits für die
schon oben angesprochene Einheit von Mittel und Zweck, dass die
eigene Bedingtheit der Vorstellungskraft gesehen werden muss. Wir
glauben also nicht, dass es 1. möglich ist, sich diese herrschaftsfreie
Gesellschaft in Gänze vorstellen zu können und 2. ist für uns damit ein
Verständnis über das eigene Handeln in reiner Zweck-Mittel-Einheit
obsolet. Eine Diskussion um Strategie muss also aus einer Analyse der
Gegenwart entstehen und gleichzeitig das Kunststück wagen einer
teilweise imaginierten herrschaftsfreien Gesellschaft gerecht zu werden
oder zumindest auf sie zu verweisen.

Doch in welcher Situation befinden wir uns gerade und wie lassen sich
die Unterdrückungsverhältnisse beschreiben? Schon innerhalb einer
politökonomischen kritischen Diskussion, die häufig Beschreibungen
anderer Herrschaftsverhältnisse wie sexistisch und rassistisch
ausklammert, gibt es keine Einigkeit. Ist die Situation als kapitalistisch,
neoliberal oder postfordistisch zu beschreiben? Wird versucht alle
Unterdrückungsverhältnisse, die die aktuelle gesellschaftliche
Diskussion prägen, zusammen zu denken, ohne sie gegeneinander
aufzurechnen, wird eine Einigung auf gemeinsames Handeln noch viel
problematischer. Die Zerwürfnisse der Linken sprechen davon. Wir
glauben nicht, dass es darum geht, grundlegend dieselbe Analyse zu
haben, aber wir plädieren dafür, dass darüber diskutiert werden sollte,
wie bestimmte Strategien zu aktuellen Situationen und Verhältnissen
passen.

Doch wenn wir uns als Anarchist*innen betrachten, dann darf es nicht
nur allein um eine angemessene Strategie gehen, sondern die Suche
nach Möglichkeiten der Veränderung ist unseres Erachtens wesentlich
durch zwei Kriterien bestimmt, welche wir der anarchistischen Idee zu
Grunde legen wollen. Dies ist einmal, dass es sich immer um
gesellschaftliche Verhältnisse handelt, in denen wir interagieren und
dass das Ziel eine bewusste Gestaltung dieser ist - kurz: die
Selbstbestimmung. Diese aber gibt es nicht rein individuell, wie es der
Neoliberalismus glauben machen möchte, sondern sie ist mit
gesellschaftlicher Selbstbestimmung und Freiheit
verbunden. Bakunin brachte das im Text “Die
Commune von Paris und der Staatsbegriff”
sehr schön auf den Punkt:

“Wir sind der Überzeugung, daß
die ganze reiche geistige,
moralische und materielle
Entwicklung des Menschen
sowie seine anscheinende
Unabhängigkeit, daß das
alles Produkte des
Lebens in der Gesell-
schaft sind. Außer-
halb der Gesellschaft wäre der Mensch nicht nur nicht frei, sondern er
wäre nicht einmal zum Menschen geworden, d. h. zu einem Wesen, das
ein eigenes Bewußtsein besitzt, fühlt, denkt und spricht.” (Bakunin1
1872)

Menschen entstehen also erst aus gesellschaftlichen Verhältnissen und
sind somit in einem sozialen Kontext zu verorten, der prinzipiell über
uns als Individuen hinausweist. Insofern kann die individuelle Freiheit
nicht gegen die gesellschaftliche verwirklicht werden, sondern nur mit
ihr. Anknüpfend an Mühsam würden wir deshalb behaupten, dass
niemand frei ist, solange es nicht alle sind. Freiheit als
gesellschaftlichen Zustand zu begreifen, grenzt den Anarchismus
deutlich von wirtschaftsliberalen Vorstellungen ab und zeigt gleichzeitig
seine Nähe zu kommunistischen Ideen. Den Einzelnen jedoch nicht
einer behaupteten Allgemeinheit unterzuordnen, sondern sich dem
potentiellen Widerspruch von Individuum und Gemeinschaft
offenzuhalten und sich bewusst zu machen, das ist es, was den
Anarchismus von autoritären Ausprägungen des Kommunismus
unterscheidet. Jedoch soll es an dieser Stelle nicht ausführlicher um die
Differenz von Anarchismus und Kommunismus gehen, sondern nur so
viel gesagt sein: Vielleicht hätte das Aushalten und Austragen der
Spannungen zwischen Anarchismus und Kommunismus in der Ersten
Internationalen manchen Fehler erspart.

Doch zurück zur Frage der Strategie und damit auch zum Text
“Massenhaft widerständiges Leben”. Welches Bild habt ihr vor Augen,
wenn ihr an eine Masse denkt? Zumindest uns erscheint ein loser
Haufen einzelner Menschen auf einem großen Platz, in einer Straße;
eine irgendwie zusammengehörende, aber doch nicht fest miteinander
verbundene Ansammlung von Individuen. Der Masse kann sich in
jedem Augenblick entzogen werden und sie besteht nur so lange, wie
sie ein gemeinsamer Anlass zusammenbringt. Der “Verein von
Einzelnen” (Stirner) scheint dieses Bild zu repräsentieren.2 Darin sehen
wir die individuelle Freiheit auf einem scheinbaren Maximum - doch ist
sie das wirklich? Betrachten wir das Bakunin-Zitat erneut, so wird
deutlich, dass bestimmte menschliche Freiheit allein überhaupt nicht
möglich gewesen wären (z.B. zu fliegen, schnell zu reisen, diesen Text
an einem Computer zu schreiben). Sprache und Denken als innerer
Dialog, welche beide wesentlich auf ein Anderes gerichtet sind, wären
nicht entstanden und uns würde überhaupt die Fähigkeit fehlen, über
Freiheit nachzudenken. Individuelle Freiheit kann somit nicht ohne die
gesellschaftliche Freiheit verstanden werden.

Aktivismus, der dies vernachlässigt und seine eigene
Freiheit absolut setzt, läuft Gefahr der liberalen
Ideologie der autonomen Marktteil-
nehmer*innen das Wort zu reden.
Denn wenn sich jede*r als unab-
hängig von der Gesellschaft
und damit ihr äußerlich
betrachtet, dann kann
diese nur als Beschrän-
kung der eigenen Frei-
heit aufgefasst werden.
Vielmehr sollte dar-
auf reflektiert wer-
den, was die Voraussetzungen der eigenen Lebensweisen sind; so wird
deutlich, dass individuelle Lösungen keine langfristige herrschaftsfreie
Perspektive bieten. Diese liegt unserer Meinung nach in einer möglichst
vollständigen kollektiven Organisation der Lebensgrundlagen. Dabei
wollen wir zu bedenken geben, dass allerdings auch Kollektive schnell
in einen schlechten Isolationismus verfallen können. Verwiesen sei
dabei auf vermeintlich autonome Kommunen, in denen Austeiger*innen
sich als der Gesellschaft enthoben betrachten; verwiesen sei auch auf
autonome Wohnprojekte, die sich in bisher wenig gentrifizierte
Stadtgebiete begeben und sich als Insel im feindlichen Viertel
betrachten. Soll der Anarchismus aber nicht zu einer Angelegenheit
werden, die Menschen sich leisten können müssen, dann muss es darum
gehen, Möglichkeiten auszuweiten und somit kollektive
Selbstbestimmung zu fördern. Weil also unserer Meinung nach Freiheit
nur im Wechselverhältnis von gesellschaftlicher und individueller
Freiheit denkbar ist, halten wir es für unumgänglich, dass der
Aktivismus stets über die bestehenden aktive Einheit hinausweisen
muss - über das Individuum, über die Kleingruppe, über die Kommune.
Wir reden der Kritik an bloßer Selbstbestätigung in „Wichtig ist
massenhaft widerständiges Leben“ hiermit also das Wort. Wir wollen
aber gleichermaßen anmerken, dass alle angesprochenen Aktionen sich
lediglich auf das Bewusstsein anderer Menschen beziehen. Tendenziell
vernachlässigt sehen wir damit die Reflektion über die eigene
Einbettung in bestehende gesellschaftliche Strukturen.

Dies ist für uns auch der Grund, warum wir eine Strategiediskussion
allein in Kleingruppen für nicht zielführend halten, weil sie tendenziell
dazu führt, die gesellschaftliche Bedingtheit und den eigenen Kontext
zu vernachlässigen. Wie ausgeführt erachten wir es aber als
Kennzeichen des Anarchismus die gesellschaftliche Bedingtheit der
individuellen Freiheit mitzudenken und somit wäre die Debatte, um
eine angemessene Strategie unserer Meinung nach auch im größeren
Kontext zu führen, beispielsweise einer anarchistischen Bewegung. Um
nicht falsch verstanden zu werden, wollen wir an dieser Stelle betonen,
dass damit nicht gemeint ist, dass am Ende alle dieselbe Strategie
verfolgen müssen - eine Diskussion führen, bedeutet für uns zunächst
die unterschiedlichen Standpunkte darlegen und begründen.

Allein machen sie dich ein...

Vielleicht wurde durch den vorhergehenden Abschnitt bereits deutlich,
weshalb wir mit dem Text “Wichtig ist massenhaft widerständiges
Leben” mehrere Probleme haben. Zusammengefasst können wir diese
folgendermaßen benennen: er postuliert unserer Meinung nach ein rein
autonomes Handeln und verdeckt damit aktiv die Bedingungen, auf
denen dieses maßgeblich beruht. Dies macht sich bereits in der Analyse
gegenwärtiger Gruppenprozesse deutlich: So wird behauptet, dass sich
Aktivist*innen vor allem deshalb zurückziehen, weil die Aktionen
zunehmend der Selbstbespaßung und Selbstdarstellung dienen. Dem
stimmen wir zum Teil zu; wollen aber hinzufügen, dass unserer
politischen Erfahrung nach ein nicht unerheblicher Teil der Aktivitäten
auch zurückgeht, weil Menschen lohnarbeiten oder reproduktiv
arbeiten müssen. Das bedeutet politischer (und nebenbei bemerkt auch
künstlerischer) Aktivismus wird zu einem Zeitvertreib, den Menschen
sich leisten können müssen. Das heißt nicht, dass wir uns jetzt schuldig
fühlen müssen für ein vermeintliches Privileg, das wir haben, sondern
wir müssen uns fragen, wie können wir das einerseits ändern und
andererseits wie können wir das unter den gegenwärtigen
Verhältnissen?

Diese Frage wollen wir bereits an dieser Stelle als eine zentral für die
weitere Diskussion festhalten, ohne uns im Text aber ihrer
Beantwortung zu widmen. Bevor wir auf weitere Fragen eingehen, soll
noch ein zweiter Aspekt des Textes in ein kritisches Licht gerückt
werden. Denn auch die vorgeschlagenen Aktionen scheinen lediglich
auf sehr konkrete gesellschaftliche Situationen zu fokussieren, nicht
aber auf einen breiteren Kontext, in dem sie unserer Meinung nach aber
verortet werden müssen. Weil die Institutionen der Polizei oder des
Arbeitsamtes eben nicht erst in einer bestimmten Situation entstehen,
ist es auch nicht ausreichend sie stets nur in diesen konkreten
Situationen mit Kritik zu konfrontieren. Vielmehr liegt in der
fortlaufenden spontanen Auseinandersetzung mit ihnen die Gefahr, sie
zu bestätigen und damit zu ihrem Erhalt beizutragen. Nirgends ist das
unserer Meinung nach so offensichtlich wie bei der Institution der
Polizei. Ein isolierter Angriff auf diese, läuft Gefahr das Gefühl der
Unsicherheit innerhalb der Bevölkerung zu verstärken und somit den
Ruf nach mehr Überwachung zu befeuern. Deshalb ist ein solcher
Angriff nicht grundlegend abzulehen, aber die Konsequenzen sollten
sich bewusst gemacht werden. Um die Institution der Polizei aus dem
eigenen Kiez zu bekommen, sollte zusätzlich aber danach gefragt
werden, warum es das Gefühl der Sicherheit braucht und wie dieses
Bedürfnis vielleicht auch auf herrschaftsfreieren Wegen befriedigt
werden könnte. (Vorher sollte natürlich auch reflektiert werden, ob es
überhaupt dieses Gefühl der Sicherheit ist, was Menschen die Gewalt
ablehnen lässt.)

Somit bietet der von uns kritisierte Text vielleicht einen interessanten
Überblick über mögliche Aktionsformen, schafft es unserer Meinung
nach aber nicht, diese in ihrem spezifischen Kontext zu verorten. Damit
besteht die Gefahr entweder wirkungslos zu bleiben oder im
schlechtesten Fall sogar kontraproduktiv zu sein. Gleichzeitig reflektiert
er nicht auf seine eigenen Voraussetzungen und ist geneigt alle jene
auszuschließen, die nicht spontan konfrontativ sein können oder
wollen. Das heißt, das widerständige Leben wird auf eine rein
individuelle Entscheidung reduziert, was schließlich seine Einreihung
ins neoliberale Angebot problemlos möglich macht: neben der Karriere
im Management, können wir uns alternativ also auch als Aktivist*innen
selbst verwirklichen (und hoffentlich auch vermarkten). Das heißt,
allein zu agieren ist nicht nur aufgrund der Erfolgschancen fragwürdig,
sondern zusätzlich auch geneigt eben jenes Bild nachzuzeichnen, in
dem der*die Held*in allein gegen den Rest der Welt kämpft - und das
wäre eben jene Vorstellung der Verwirklichung der individuellen
Freiheit gegen die gesellschaftliche.

...und den Kopf voller Fragen.

Dieser Text versteht sich als Anfang einer potentiellen Diskussion.
Deswegen haben wir vieles nur anschneiden können; vieles haben wir
ganz weggelassen. Nichtsdestotrotz hoffen wir unsere Kritik deutlich
gemacht zu haben, um vielleicht so das Feld zu öffnen für weitere
Positionen und einen Austausch darüber. In dessen Verlauf halten wir
die folgenden Fragen für zentral und verstehen deren Einbringen als
Vorschlag für eine Struktur innerhalb der Debatte - auch wenn die
einzelnen Aspekte natürlich nicht klar voneinander zu trennen sind:

- Welche Phänomene stehen einer herrschaftsfreien Gesellschaft im
Weg? Und wie sind diese strukturiert; wie treten sie uns entgegen; was
sind ihre Wirkungsmechanismen? Und wie hängen sie zusammen?
- Was heißt ‘politischer Aktivismus’ und auf welchen Bedingungen baut
er auf? Ist er ein Privileg und wenn ja wie kann dieses ausgeweitet
werden? (Wir glauben, dass ein Privileg selten dadurch abgeschafft
wird, dass wir es uns verweigern, sondern dass andere es sich nehmen;
zu fragen wäre danach, wie dabei unterstützt werden kann.)

- Welche Schritte gilt es zu nehmen, um ein selbstbestimmtes und
herrschaftsfreies Leben zu verwirklichen?

- Und ganz nebenbei: was heißt ‘selbstbestimmt’ und ‘herrschaftsfrei’
eigentlich?

In diesem Sinne hoffen wir, von euch zu hören!

Endnoten

1 abrufbar unter https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/michail-bakunin/18-
bakunin-die-commune-von-paris-und-der-staatsbegriff

2 Um Missverständnissen vorzubeugen, soll an dieser Stelle eingeräumt sein, dass wir uns
bewusst sind, dass auch Stirner vielschichter zu lesen ist, als wir dies hier nahelegen. Da er
vielen aber als Vertreter eines Individualanarchismus im schlechten - nämlich wirklich rein
liberalen - Sinne ein Begriffist, wollten wir hier den Bezug herstellen.


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