(de) anarchistisches kollektiv köln: Aufruf zum bunten, antiautoritären Block, am 12.03.2016 in Köln, anlässlich des globalen Frauen*tages

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Fri Mar 4 15:45:45 CET 2016


Wir schreiben das Jahr 2016 und finden uns in einer autoritären Gesellschaft wieder, in 
der die Schlagworte “Solidarität” und “Selbstbestimmung” kaum im alltäglichen Leben 
vorkommen. Sie erscheinen nur versteckt und abgewandelt in hohlen Phrasen und sind das 
Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt werden. ---- Umso mehr lassen sich überall 
sexistische, rassistische und patriarchale Strukturen erkennen, die verschiedene, 
miteinander verknüpfte und sich überschneidende Unterdrückungsmechanismen darstellen – 
auch in dem von uns gelebten Alltag. Dies schränkt die Freiheit und Entfaltung des 
einzelnen Individuums ein und trägt dazu bei, Herrschaftsstrukturen zu festigen. ---- 
Nachdem an Silvester in Köln massenhaft Frauen* mit sexualisierter Gewalt angegriffen und 
auch bestohlen wurden, löste dies eine riesige Debatte in der Politik und den Medien im 
ganzen Land aus. Vorfälle wie diese wurden jedoch als Import einer “fremden” Kultur 
abgetan, da es sich bei den übergriffigen Männern überwiegend um Migranten aus 
arabisch-muslimischen Ländern gehandelt habe.

Völlig verblendet von rassistischen Denkmustern, nutzen viele Politiker*innen daher diese 
Möglichkeit, um unter dem Deckmantel der “Sicherheit” nun verstärkt Überwachung und 
verdachtsunabhängige Polizeikontrollen zu veranlassen. Dabei werden meist männliche 
Personen mit Migrationshintergrund kontrolliert und damit einem Generalverdacht 
unterstellt. In einem derart aufgeheizten rassistischen Klima wird gleichzeitig das 
Asylrecht weiter verschärft.

Für jene Personen,die sich als Frauen* verstehen, ändert diese Repression jedoch nichts, 
denn an keinem Ausweis oder Pass der Welt kann jemals nachvollzogen werden, ob sich jemand 
sexuell übergriffig verhält oder verhalten wird.

So wird weiter belästigt, begrapscht und vergewaltigt und die Ursachen dafür liegen nicht 
nur in der Religion oder Sprache. Die Ursachen liegen in der HERRschaft von Menschen über 
Menschen und sind eine Konsequenz des Jahrtausende alten Patriarchats, welches fast auf 
dem ganzen Planeten existiert.

Die sexualisierte Gewalt in der Kölner Silvesternacht ist aus unserer Sicht untragbar und 
nicht zu dulden. Wir erkennen das schreckliche Ausmaß dieser Gewalttaten an und 
solidarisieren uns mit den Betroffenen der Silvesternacht. Ebenso stehen wir zu allen 
weiteren Betroffenen, die sexualisierte Gewalt erfahren oder erfahren haben. Das Erleben 
sexualisierter Gewalt kann für Betroffene gravierende Auswirkungen haben: Für viele wird 
das Vertrauen in Sicherheit und zwischenmenschliche Beziehungen erschüttert. Ein sexueller 
Übergriff ist eine massive Verletzung der körperlichen und sexuellen Integrität. 
Sexualisierte Gewalt stellt darüber hinaus einen Eingriff in die Bewegungsfreiheit 
weiblich gelesener Personen dar, indem gerade bei diesen Menschen die Angst vor erneuten 
Übergriffen geschürt wird und sie selbst durch ihr öffentliches Verhalten 
mitverantwortlich gemacht werden. Immer wieder werden Warnungen laut, z.B. nachts nicht 
alleine auf die Straße zu gehen. Dies spricht Menschen, die sich als Frauen* verstehen, 
ihre Handlungsfähigkeit und ihr Recht auf uneingeschränkte Bewegungsfreiheit ab und ist 
aus unserer Sicht genau der falsche Ansatzpunkt. Vor allem, da die meiste sexualisierte 
Gewalt an Frauen von Männern aus dem direkten sozialen Umfeld ausgeht.
Sexualisierte Gewalt kann nur dann am besten vermieden werden, wenn sie erst gar nicht 
ausgeübt wird. Dadurch, dass wir in dieser autoritären Gesellschaft aufgewachsen sind, 
reproduzieren und festigen wir vorgefertigte Rollenbilder und Verhaltensweisen, auch wenn 
wir uns dessen oftmals nicht bewusst sind. Es gilt daher, sich selbst zu hinterfragen und 
andere darauf aufmerksam zu machen. Aber auch die vorherrschende Sicht- und Redeweise zu 
verändern und alle gesellschaftlichen Unterdrückungsformen abzulegen.

Die vielfältigen Mechanismen von Herrschaft, die zu einer mehrfachen Ausbeutung und 
Unterdrückung führen, wirken auch in die Wirtschaft hinein. Im Kapitalismus stand zwar von 
Anfang an die Nutzbarmachung der menschlichen Arbeit im Vordergrund, aber das (soziale) 
Geschlecht und die Rolle im Familienverbund waren auschlaggebend für gute oder schlechte 
Arbeitsbedingungen bzw. für hohe, niedrige oder gar keine Entlohnung. So ist bis heute die 
Wiederherstellung der Gesellschaft (d.h. die soziale Reproduktion) kaum als gleichwertige 
“Arbeit” anerkannt.

Vor allem Migrantinnen* sorgen in Pflege und Betreuung für die reibungslose 
Erwerbsfähigkeit der deutschen Frauen*, aber zu rassistischen Niedrigstlöhnen und meist 
unter prekären Lebensbedingungen, und sie sind auch von sexualisierter Gewalt bedroht. 
Gleichzeitig treibt der neoliberale Sozialabbau bei Kinderbetreuung und Schulen viele 
Erwerbstätige in Lohnarbeit und Burn-Out. Andere lockt das Betreuungsgeld als “Herdprämie” 
in die staatlich geförderte Mutterrolle – ein Rückschritt in Zeiten biologistischer 
Geschlechterrollen. Vor allem für migrantische Familien bedeutet heimische Erziehung oft 
aber Schwierigkeiten beim Spracherwerb und daher mangelnde Integration. Diese bedeutet 
wirtschaftliche und gesellschaftliche Vernutzbarkeit und ist daher ein zusätzlicher 
Unterdrückungsmechanismus.

Dennoch geht es uns nicht darum, einige Managerinnen* in bessere Führungspositionen zu 
bringen oder durch geschlechtliche Vielfalt einen Regenbogen-Kapitalismus zu beschönigen. 
Der alltägliche Kampf gegen Diskriminierung und Ausbeutung endet nämlich nicht am “Equal 
Pay Day”, wenn endlich alle Geschlechter zum gleichen Lohn ausgebeutet werden. Denn die 
wachstumsgetriebene Weltwirtschaft zerstört unabhängig aller Genderidentitäten die 
Lebensgrundlagen der Menschheit und des gesamten Planeten. Dabei verstärken jedoch die 
Folgen dieser kapitalistischen Dauerkrise die rassistischen, sexistischen und kolonialen 
Ungerechtigkeiten.

Am 12.03 ist es unter anderem unser Anliegen, die Vielfalt der Bewegung rund um den Tag um 
eine antiautoritäre Sichtweise zu ergänzen: Forderungen an Vater Staat können keine Lösung 
gegen das Patriarchat sein. Zunächst erscheint es zwar einleuchtend, den Staat anzuflehen, 
er solle soziale Verbesserungen herbeiführen. Oder er solle unabhängig von den Kirchen 
eigene Schutzräume für Frauen* einrichten, diskriminierende Gesetze abschaffen (§218) oder 
für Gleichstellung in Institutionen sorgen. Doch anstatt angesichts massenhafter 
sexualisierter Gewalt für eine Verändernde Gerechtigkeit (Transformative Justice) 
innerhalb einer Gemeinschaftsverantwortung zu kämpfen, erklingt der schnelle Ruf nach 
Verschärfung des Sexualstrafrechts.

Das Einfordern gegenüber dem starken Staat verschiebt aber die eigene Position in eine 
unterwürfige Rolle. Dies bringt mit sich, dass jede Form von Selbstorganisation und eine 
daraus sich möglicherweise entwickelnde Selbstermächtigung nicht zu Stande kommen kann. 
Wenn wir an ihn Forderungen stellen, geben wir Verantwortung ab und bieten dem Staat immer 
wieder die Möglichkeit Konflikte zu befrieden. Dies gelingt ihm, indem er teilweise diese 
Forderungen erfüllt, aber die Vorherrschaft in der Debatte an sich reißt und somit soziale 
Bewegungen vereinnahmt und lähmt.

Gerade durch diese staatliche Vereinnahmungen kommt es in der BRD schon lange nicht mehr 
zu großen emanzipatorischen Bewegungen, die dem Staat gefährlich werden könnten, indem sie 
tatsächlich sozialrevolutionäre Prozesse anstoßen. Wenn wir also die Grabesruhe des 
„sozialen Friedens“ beenden wollen, heißt das nicht, dass wir anderen vorschreiben, was 
sie zu tun und zu lassen haben. Sondern, dass wir aus einer bekannten Erfahrung aus dem 
Anti-Atom-Widerstand im Wendland lernen möchten:

“Es gibt bekanntermaßen verschiedene Aktionsformen. Wir machen unsere, Andere machen ihre. 
Ihr Zusammenspiel wird unsere Stärke sein.“

Lasst uns also nicht kalkulierbar, vorgeplant und staatstreu handeln, sondern zusammen 
über den Tellerrand gucken und andere Kämpfe, in denen wir stecken, miteinbeziehen.
Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass “Solidarität” und “Selbstbestimmung” nicht länger 
hohle Phrasen bleiben: Begegnen wir uns gegenseitig auf Augenhöhe und reißen wir die 
HERRschenden Grenzen ein – auch in den Köpfen!

Deshalb rufen wir, einige Gruppen aus der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen 
(und andere), anlässlich des Weltfrauentages (8.März) zu der bundesweiten Demo am 
12.03.2016 in Köln auf. Kommt zum Treffpunkt auf dem Roncalliplatz am Dom. Beteiligt euch 
an dem vorne gehenden FLTI*-Block oder unterstützt den antiautoritären, “bunten Block”.
Dieser Aufruf versteht sich als Ergänzung mit positivem Bezug zu dem Aufruf des 
anmeldenden Bündnisses, das sich aus verschiedenen Gruppen und Organisationen. Dennoch 
möchten wir mit einem eigenen Aufruf antiautoritäre Akzente setzen.
Es rufen auf:
Anarchistische Gruppe Dortmund
Anarchistisches Kollektiv Köln
Anarchistische Forum Köln
Anarchistische Initiative Kaiserslautern
Infos zum Tag selbst findet ihr hier: reclaimfeminism.org
Anreise Möglichkeiten:
Wer aus Kaiserslautern mit will schreibt an die Anarchistische Intiative 
(anarchistische-initiative-kl.blogspot.d…
Anreise aus Dortmund mit dem Zug, Treffpunkt: 10.30 Uhr Nordausgang vor Cinestar (12.03.), 
organisiert von der Anarchistischen Gruppe Dortmund und Autonomen Antifa 170
Kontakt zur Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA-IFA)
www.fda-ifa.org

http://akkoeln.tumblr.com/


More information about the A-infos-de mailing list