(de) FDA-IFA Gai Dà N°67 07.2016 - Drogen für eine befreite Ges ellsc haft? -- Gedanken zu Drogen(freihe it) und Anarchismus Von: thiel

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Mon Jul 18 12:04:40 CEST 2016


TRIGGERWARNUNG: In diesem Text wird es (auch) um psychisch erlebte Gewalt durch 
Drogenabhängigkeiten gehen. Dieser Text ist also vielleicht nicht für alle Leer*innen zu 
jedem Zeitpunkt geeignet. Es soll niemand dadurch getriggert1/verletzt werden! ---- Dieser 
Text ist nicht neutral – und das kann und soll er auch nicht sein. Dieser Text spiegelt 
meine Meinung wieder, die Meinung einer*eines drogenfreien Anarchist*in. Und um dieses 
Thema, Drogen(freiheit) und Anarchie, soll es auch gehen. Die hier vertretene Meinung soll 
zum Nachdenken anregen und wird nicht allen passen. Ich erhoffe mir durch diesen Text 
dennoch eine respektvolle Diskussion, die sich nicht in Allgemeinplätzen verliert. Das 
heißt also, lest diesen Text oder lasst es. Diese Entscheidung kann und will ich euch 
nicht abnehmen. Dennoch würde ich mich über Antworten freuen oder auch über weitere 
Artikel zum Thema.

Bei diesem Thema scheint es schwer, keinem anderen Menschen auf die
Füße zu treten. Auch scheint es schwer, einen Anfang zu finden. Daher
beginne ich einfach mit einem Stück persönlicher Geschichte, als Er-
klärung, warum ich (u.a.) drogenfrei lebe.

Als ich noch ein Kind war, konnte ich eine nahe Verwandte jeden Tag
dabei beobachten, wie sie in großem Maße Alkohol trank. Sie war
der Typ agressive*r Trinker*in, heißt, sie war gemein, brutal
und hat ihre Kinder (und auch den Rest unserer
Familie, der zusammen in einem Haus lebte)
schlecht behandelt oder mehr noch, unterdrückt.
Es war schwer, damit umzugehen, kein Hilfs-
angebot wurde angenommen und schließlich
hat es meine Familie kaputt gemacht.

Bei mir hat das ein sehr ambivalentes Ver-
hältnis zu Alkohol hinterlassen. Einerseits
habe ich als Jugendlicher selbst getrunken
und Gras konsumiert. Das gehörte irgendwie
dazu. Gleichzeitig hatte ich aber auch immer
ein seltsames Gefühl dabei, hatte Panik, an-
fälliger für die Effekte der Drogen zu sein. Ich
hatte immer Angst abzurutschen und dachte immer
mehr an diese nahe Verwandte. Irgendwann traf ich
dann eine Person, die Straight Edge lebte, ich war neugierig
und hatte gute Gespräche zu diesem Thema. Irgendwann beschloss ich
dann, selber Edge zu sein. Das ist jetzt neun Jahre her. Ich würde mich
heute nicht mehr unbedingt als Edge bezeichnen, denn die (berechtigte)
Kritik an den konservativen Tendenzen von Straight Edge würde einen
eigenen Artikel füllen. Dennoch fühle ich mich den progressiven Ideen
davon (und auch diese gibt es) immer noch verbunden und lebe immer
noch drogenfrei. Mein Umgang mit den Thema Drogen verläuft in
verschiedenen Phasen. Ich habe Phasen von völligem Verständnis für
Drogenkonsument*innen und Phasen, in denen ich sauer bin, wenn ich
Leute nur mit einem Bier in der Hand sehe. Und auch meine anar-
chistischen Ideale können das nicht immer für mich klären, trotz des
Wissens, dass Selbstbestimmung wichtig ist und es ein „Recht auf
Rausch“ gibt (oder wohl: geben sollte). Und hier bin ich jetzt, schreibe
diesen Artikel und weiß selbst nicht, in welcher Phase ich gerade
stecke.

Dieses Thema ist immer präsent. Sei es in Form von legalisierten
Drogen (Alkohol & Zigaretten) oder in Form von illegalisierten Drogen
(alles andere). Es bestimmt den Alltag vieler Menschen, sei es weil sie
abhängig davon sind, weil sie nicht mehr ohne können, weil sie
„vergessen wollen“ oder weil sie Lust auf Rausch und Erfahrung haben.
Viele Drogen werden ganz selbstverständlich konsumiert. Besonders
Alkohol gehört dazu, wenn Menschen sich mit Freund*innen treffen,
wenn sie sozial sein oder entspannen wollen. Ähnlich sieht es mit
Zigaretten aus, auch diese sind allgegenwärtig. Und genau hier beginnt
das Problem.

Bei einer Allgegenwärtigkeit von Drogen und Drogenkonsum, besteht
einfach immer die Möglichkeit, dass dies Menschen miterleben müssen
(durch Zuschauen oder unfreiwilliges passives Konsumieren im Falle
von Rauchen), die schlechte Erfahrungen mit Drogen gemacht haben.
Dies können Ex-Drogenabhängige sein, die es geschafft haben, wieder
„clean“ zu werden. Für sie kann es sehr schwierig sein, mit einer per-
manenten Präsenz von Drogen konfrontiert zu werden, weil es z.B.
Freund*innen / Verwandte / ihnen nicht bekannte Menschen weiter
konsumieren. Dies kann zu Rückfällen führen und die Leute ihrer
(möglicherweise) wiedergewonnenen Lebensqualität berauben (weil es
endlich mal um was anderes als „den Stoff“ geht) oder sie vielleicht
sogar ihr Leben kosten. Es kann aber auch einfach Menschen treffen,
die in ihrer Familie / ihrem Freundeskreis mit Drogenmissbrauch zu tun
hatten. Vielleicht haben sie Gewalt erfahren, weil die*der Konsument*in
gewalttätig wurde oder sie haben einen nahestehenden Menschen daran
zugrunde gehen sehen. Es kann aber auch medizinische Gründe geben.
Für Asthmatiker*innen kann es schädlich sein, ständig passiv mit-
rauchen zu müssen. Auch schwangere Personen oder Leute mit Kindern
werden ausgeschlossen, wenn sie sich potentiell schädigendem Ver-
halten entziehen wollen. Andere finden Drogen vielleicht einfach ohne
tiefsitzende Gründe unangenehm.

Manche dieser Beispiele sind vielleicht überspitzt, können aber durch-
aus zutreffen, denn Drogen, auch wenn sie bei manchen Menschen
durchaus empowernd wirken können, können abhängig machen und
Leben zerstören. Sie sind eben nicht für alle zu jeder Zeit gut. Und das
sollte uns durch den Kopf gehen, wenn wir wie selbstverständlich mit
Drogen agieren.

In den meisten anarchistischen/ linksradikalen Räumlichkeiten – und
dies soll nur ein Beispiel für unsere Gesellschaft sein, denn diese
existieren eben nicht außerhalb von ihr –
gibt es zumeist keinerlei Verständnis da-
für, dass Räume, in denen geraucht wird
oder andere Drogen konsumiert werden,
ausschließend sind. Menschen, die Pro-
bleme mit Drogen haben – egal warum –
können an solchen Räumen nicht teil-
haben. Sie werden von vorneherein aus
diesen Räumen verdrängt oder durch Er-
lebtes schlimmstenfalls getriggert. Und wenn
Räumlichkeiten doch mal rauchfrei oder komplett
drogenfrei sind, dann beschweren sich viele, dass sie dort
gar nicht rauchen/trinken dürften und ver-
weisen dann ihrerseits wie selbst-
verständlich auf einen potentiellen
Ausschluss ihrerseits. Ein Ausschluss,
der ihnen im anderen Fall wahr-
scheinlich nicht so schnell in den
Kopf kommt.

In anarchistischen/ linksradikalen
Räumlichkeiten soll es doch eigent-
lich darum gehen, Menschen mit ver-
schiedenen Bedürfnissen einzubinden, ihnen einen Raum zu bieten, so
zu sein, wie sie eben sind. 2 Und hier stehen sich eben auch die
Bedürfnisse von Menschen, die Drogen konsumieren wollen oder gar
müssen, mit den Bedürfnissen von Menschen, die bei/mit Drogen eben
nicht entspannen können, unvereinbar gegenüber. Hier ist es schwierig,
eine Wertung vorzunehmen, auch wenn meine Meinung hierzu natür-
lich deutlich geworden sein wird. Dennoch möchte ich festhalten, dass
das „Einfach Machen“, was Drogenkonsum angeht, für mich nicht mit
anarchistischen Prinzipien vereinbar ist. Einfach über die Köpfe von
Minderheiten hinweg zu entscheiden, sollte von anarchistisch den-
kenden Menschen klar abgelehnt werden. Uns sollte es doch um Ein-
bindung von Menschen gehen und nicht um ihren Ausschluss, so wie es
in der kapitalistisch-demokratischen Gesellschaft der Fall ist. Natürlich
soll es auch nicht darum gehen, Drogenkonsument*innen (vor allem
die, die nicht mehr ohne Drogen leben können) auszuschließen. Den-
noch wünsche ich mir Orte und insgesamt (anarchistische) Gesell-
schaften, die eben für Menschen offen stehen, die Probleme mit Drogen
haben. Raucher*innen können vor die Tür gehen, Alkohol und andere
Drogen müssen auch nicht ständig konsumiert werden. Vielleicht sollte
auch generell darüber debattiert werden, warum diese so eine Selbst-
verständlichkeit und immer zugänglich sein müssen. Es sollte auf jeden
Fall darum gehen, dass Menschen, die Drogen konsumieren wollen,
zunächst alle anwesenden Menschen fragen sollten, ob dies für alle in
Ordnung wäre. Dieser Vorgang muss dann eben immer neu geschehen,
wenn Menschen neu dazukommen So gäbe es die Möglichkeit einen
Konsens herzustellen und eben auch die Chance für Drogenkon-
sument*innen zu wahren, Drogen weiter konsumieren zu können, so
denn alle damit einverstanden sind. Und
das muss nicht nur für anarchistische/
linksradikale Räumlichkeiten gelten. Dies
kann auch außerhalb dieser „Wohlfühl-
seifenblasen“ geschehen. Vielleicht inspi-
riert mensch ja auch noch andere
Menschen damit und bringt diese zum
Nachdenken, wie sie fortan mit ihrem
Drogenkonsum umgehen möchten. Ich
wünsche mir einfach ein Verständnis für die
Situation von drogenfreien Menschen und hoffe, dass
dies auch in anarchistischen Perspektiven mitgedacht
wird. Natürlich wünsche auch ich mir eine
Entkriminalisierung von Drogenkonsu-
ment*innen, damit Drogen legal und
sicher eingenommen werden können.

Ich wünsche mir für (m)eine
anarchistische Idee das Recht auf
Rausch – aber eben auch darauf, vom
Rausch verschont zu bleiben. Ich
möchte mich auch hier dafür
einsetzen, das Konsens und gegen-
seitiger Respekt Grundüberzeugungen werden und nicht beim Thema
„Spaß mit/durch Drogen“ vergessen werden.

Ich möchte also zum Abschluss für einen Weg hin zu einer befreiten
Gesellschaft plädieren, der sensibel mit Drogen(konsum) umgeht und in
dem sich Menschen bewusst sind, welche Auswirkungen Drogen haben
können. Anarchist*innen sollten im Hinterkopf haben, dass Drogen
betäuben und vergessen lassen und zwar auch, dass diese Gesellschaft
Menschen brutal unterdrückt und ihrer Rechte beraubt, dass die
Umwelt zerstört wird und noch viel mehr Scheiße passiert. Wenn wir
uns immer nur mit Drogen betäuben und versuchen diese Welt
auszublenden, wie wollen wir es dann schaffen, diese Welt zu ver-
ändern? Wie wollen wir es schaffen, Menschen anarchistische Ideen
näher zu bringen? Drogen können uns die Power nehmen und alles
belanglos machen. Sie können auch Abhängigkeiten schaffen und
können verhindern, das wir aktiv werden und eine „neue Welt möglich
machen“. Zudem muss bedacht werden, das es Übergriffe von Drogen-
konsument*innen auf andere Menschen geben kann, weil diese sich
durch die Drogen nicht mehr im Griff haben oder aber sich ihrem
vielleicht bereits vorhandenem, gewalttätigen Verhalten schneller hin-
geben, denn Alkoholkonsum wirkt z.B. enthemmend. Drogen können
also auch auf viele nicht beteiligte Menschen eine gefährdende,
negative Auswirkung haben. Und so etwas passt meiner Ansicht nach
nicht zu anarchistischen Überzeugungen, denn solange Menschen
Gewalt ausgeliefert sind, kann es keine befreite Gesellschaft geben.
Ich hoffe, dass diese Gedanken nicht einfach verworfen werden, nur
weil sie unbequem sein könnten oder „allen Spaß verderben“. Daher
wünsche ich mir, dass wir (wenigstens ab und zu) die Drogen beiseite
legen (vor allem immer dann, wenn es anderen damit schlecht geht),
aufeinander aufpassen und uns für unsere Ideen einsetzen – und nicht
nur unseren Rausch ausschlafen.

Ich würde mich freuen, wenn ich die*den eine*n oder andere*n zum
Nachdenken gebracht habe, denn das ist bei dem Thema schon mal viel
wert. Es ist schwer, als betroffene Person über so etwas zu schreiben
und dennoch fair zu bleiben. Ich hoffe daher, dass ich niemanden mit
diesem Text verletzt habe, die*der das anders sieht oder selbst auf
andere Art als ich von diesem Thema betroffen ist. Ich hoffe, dass dieser
Text Gedanken für eine befreite Gesellschaft liefern kann, ohne andere
Ausschlussmechanismen zu reproduzieren. Über Feedback, gerne in
Form von Artikeln in der Gai Dao, würde ich mich sehr freuen!

Liebe und Anarchie!

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Nachfolgend findet ihr den Text eines Flyers zum
Thema "Rauchfreie Räume schaffen". Ihr könnt
ihn auch online herunterladen, ausdrucken und
gerne verteilen:
glitzerkatapult.blackblogs.org/materialien/flyer/
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Rauchen ist eine Selbstverständlichkeit in vielen linksradikalen
Räumen. Da von staatlicher Seite vielerorts das Rauchverbot in
öffentlichen Räumen durchgesetzt wird, gilt es fast schon als
wider-ständige Praxis, das Rauchen eben nicht einzuschränken.
Uns geht es nicht darum, staatliche Verordnungen oder Verbote zu
befolgen, aber wir glauben, dass es aus einer linksradikalen Per-
spektive dennoch gute Gründe gibt, rauchfreie Räume zu schaffen.
Diskriminierungen und Ausschlüsse gibt es in dieser Gesellschaft
bereits zu oft, unser Ziel sollte es daher sein, möglichst viele
Menschen einzubeziehen. Wer sich nicht in verrauchten Räumen
aufhalten kann oder will, hat häufig keine Möglichkeit, an Küfas,
Vorträgen, Workshops oder Soli-Partys teilzunehmen.

Besonders Menschen mit Asthma und ähnlichen Erkrankungen,
schwangere Personen, Kinder und ihre Bezugspersonen werden
ausgeschlossen, wenn sie keine Nachteile hinnehmen möchten.
Andere wollen nicht ständig passiv rauchen, bekommen Kopf-
schmerzen und Atemprobleme oder sind genervt, dass im
Anschluss Kleidung und Haare weiterhin nach Rauch riechen.
Die Gründe, warum Menschen verrauchte Räume meiden, sind
vielfältig und individuell. Sie sollten Beachtung finden und ernst
genommen werden. Wir akzeptieren, dass auch Rauchen ein Be-
dürfnis bzw. eine Sucht ist und wollen das nicht infrage stellen
oder jemensch belehren. Uns geht es darum, dass die Wünsche von
möglichst vielen Menschen berücksichtigt werden.

Rauchfreie Räume sind unserer Meinung nach weniger ausschlie-
ßend, als Räume in denen geraucht werden darf. Wenn dies jedoch
nicht komplett umgesetzt werden kann oder soll, hier ein paar Vor-
schläge, wie Veranstalter*innen und Raucher*innen auf ver-
schiedene Bedürfnisse eingehen können:

*Wenn es mehrere Räume gibt, besteht die Möglichkeit, einen
Raucher*innen- und einen rauchfreien Raum zu schaffen.
*Veranstaltungsräume oder Kneipen, in denen bisher jeden Abend
geraucht wird, können rauchfreie Abende oder Zeiten anbieten
z.B. an bestimmten Wochentagen, während des Essens oder
während eines Vortrags.

*Raucher*innen könnten das Rauchen auf ein Minimum be-
schränken oder vor die Tür gehen.

*Menschen, die drinnen rauchen wollen, können die anderen
Anwesenden fragen, ob diese damit einverstanden
sind. Auf diese Weise wird mit der Norm gebrochen,
dass Rauchen selbstverständlich ist, und möglicher-
weise ein Konsens gefunden.

*Bei rauchfreien Veranstaltungen, Vorträgen und
Konzerten können nach Absprache Pausen
eingeplant werden, damit Raucher*innen
nichts verpassen.

Dies sind Anregungen und keine Pauschal-
lösungen. Wir sollten anfangen, darüber
nachzudenken, wer durch Rauchen ausge-
schlossen wird und wie wir Räume so ge-
stalten können, dass sich dort mehr
Menschen wohl fühlen können.

[1] „Triggern“ bedeutet, das Menschen an erlebte Traumata oder gemachte Erfahrungen, die 
verletzend sind, wieder erinnert werden und diese im
schlimmsten Fall erneut durchleben müssen. Trigger sind nicht nur durch exakt die selbe 
Situation möglich, sondern können durch alle ähnlichen,
neuen Erlebnisse ausgelöst werden.
[2] Natürlich sind anarchistische/ linksradikale Räume auch nur ein Spiegelbild der 
Gesellschaft und beinhalten mehr als nur den Ausschluss-
mechanismus durch Drogenkonsum. Die Liste wäre aber einfach zu lang, um all diese 
Mechanismen in diesem Text abzuarbeiten.


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