(de) anarchismus.at: 11 Thesen über Kritik an linksradikaler Politik, Organisierung und revolutionäre Praxis

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Thu Jul 14 11:10:32 CEST 2016


Für eine grundlegende Neuausrichtung linksradikaler Politik – Kritik & Perspektiven um 
Organisierung und revolutionäre Praxis. Ein Debattenbeitrag aus der radikalen Linken 
Einleitung ---- Neben einer stillen Ohnmacht, die viele von uns derzeit vor dem 
Hintergrund der sich rasant verschärfenden Angriffe des kapitalistischen Systems und der 
fehlenden Stärke linker Bewegungen befällt, nehmen wir in den letzten Jahren aber auch 
hoffnungsvoll eine neue Suchbewegung unter Linken und Linksradikalen wahr. Die Frage nach 
einer möglichen tatsächlichen Alternative zum Kapitalismus wird wieder stärker diskutiert 
– oder die Diskussion darüber zumindest stärker eingefordert – ebenso wie die Diskussion 
über die Frage, mit welchen konkreten Mitteln und Methoden eine tatsächliche Überwindung 
des kapitalistischen Systems denkbar sein könnte. Diese Suchbewegungen zeigen sich in den 
zahlreichen Diskussionen, die wir egal wohin wir kommen, mit Genoss_innen führen, den 
zahlreichen Strategiepapieren, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden und der in 
ihnen geäußerten Kritik an unserer bisherigen Politik sowie der Suche nach Strategien, die 
den aktuellen Entwicklungen entsprechen.

Die vorliegenden elf Thesen verstehen wir als einen Beitrag zu dieser Diskussion und der 
Suche nach einer Neuausrichtung linksradikaler Politik. Wir sind (bisher) ein kleiner 
Zusammenhang aus Personen, die aus unterschiedlichen ideologischen Traditionen 
(marxistisch, marxistisch-leninistisch, autonom, anarchistisch und libertär kommunistisch) 
und geographischen Hintergründen (BRD, Türkei, Iran, Kurdistan) kommen. Wir sind uns auf 
den üblichen Aktionen und Bündnistreffen in Bremen begegnet und sind zunehmend über die 
Frage in Diskussion gekommen, wie eine konkrete Gesellschaftsveränderung in der hiesigen 
Gesellschaft aussehen könnte und welcher konkreten Schritte es hierfür bedarf. Gemeinsam 
war uns die Unzufriedenheit mit unserer bisherigen Politik und die fehlenden Perspektiven 
sowohl der radikalen deutschen als auch migrantischen Linken in der BRD. Aus diesen 
anfangs eher lockeren Begegnungen ist inzwischen ein fester Zusammenhang geworden. Neben 
unseren eigenen Erfahrungen haben wir auch einige der veröffentlichten Strategiepapiere 
und Analysen anderer Gruppen gemeinsam gelesen und diskutiert.

Aus unseren Diskussionen sind die vorliegenden Thesen entstanden. Wir haben versucht, in 
ihnen auszudrücken, was unsere Kritik an unserer bisherigen Politik bzw. der Politik von 
weiten Teilen der in der Bundesrepublik lebenden radikalen Linken ist. Darüber hinaus 
enthalten sie auch unsere Gedanken zu der Frage, welche konkreten Veränderungen unserer 
Praxis wir für notwendig erachten. Die Analyse der aktuellen gesellschaftlichen 
Entwicklungen bildete zwar eine wichtige Grundlage für unsere Diskussionen und Ergebnisse, 
in der Ausformulierung der Thesen haben wir uns jedoch stärker auf die Frage konzentriert, 
welche Rückschlüsse wir daraus für eine konkrete Veränderung der Praxis ziehen. Auch weil 
wir das Gefühl haben, dass diese konkreten Schritte in den meisten der veröffentlichten 
Strategiepapiere zu kurz gekommen sind.

Wir sehen die Thesen nicht als der Weisheit letzter Schluss, sondern als eine 
Zusammenfassung unseres bisherigen Diskussionsstandes. Viele Fragen werden dabei von uns 
eher aufgeworfen als beantwortet. Mit der Veröffentlichung möchten wir uns der laufenden 
Debatte anschließen und mit allen denjenigen in Austausch treten, die an ähnlichen Punkten 
stehen oder ähnliche Fragen diskutieren. Entsprechend freuen wir uns über eure Kritik, 
Rückmeldungen, Ergänzungen, weitere Diskussionsbeiträge, Einladungen zu Austauschtreffen etc.

Wenn ihr an einer Antwort oder eigenen Papieren arbeitet, dann gebt uns gerne eine kurze 
Rückmeldung. Wir selbst haben dies leider nicht gemacht, so dass diejenigen Gruppen, deren 
Papiere uns sehr inspiriert haben, nun erst knapp ein Jahr später eine Reaktion von 
unserer Seite erhalten. Darüber hinaus halten wir persönliche Treffen im Rahmen der 
allseitigen Mobilität als die sinnvollere und wichtigere Ergänzung zu der Veröffentlichung 
von Strategiepapieren.

Wir selbst planen unsererseits, Interessierte zu weiteren Austauschtreffen einzuladen, um 
die Diskussion um Organisierung und revolutionäre Praxis in der BRD zu intensivieren. 
Unser Ziel darüber hinaus ist, der Beginn eines tatsächlichen Organisierungsprozesses.
Revolutionäre Politik in der Bundesrepublik

Wir sind uns bewusst, dass sich in unrevolutionären Zeiten keine revolutionäre Praxis in 
der Masse führen lässt. Trotzdem sind wir der Meinung, dass die Realität revolutionärer 
Politik in der bundesdeutschen Gesellschaft nicht mit den Potentialen übereinstimmt. Und 
dies hat auch etwas mit der bisherigen Ausrichtung linksradikaler Politik zu tun. Wir 
können zwar keine direkte revolutionäre Entwicklung erwarten, aber wir können wesentlich 
mehr dafür tun, dass sich dieses Potential entwickelt und uns besser vorbereiten. Und dies 
trotz – oder gerade wegen – der Tatsache, dass sich immer mehr Menschen 
rechtspopulistischen und rassistischen Ideologien zuwenden, in denen die autoritäre und 
militarisierte Umgestaltung der Gesellschaft in einer neuen Dimension zugespitzt wird.

Vor dem Hintergrund der rassistischen und nationalistischen Mobilisierungen und dem Fehlen 
breiter sozialer Bewegungen in der BRD ist eine verbreitete Reaktion der hiesigen 
radikalen Linken, die Möglichkeit echter revolutionärer Veränderungen in dieser 
Gesellschaft als naiv oder illusionär abzustreiten und die bundesdeutsche Gesellschaft als 
reaktionär und unveränderbar abzustempeln. Diesem Aspekt sowie seiner Kritik widmet sich 
die erste These "Revolutionäre Politik heißt, um das Potential der Gesellschaft zu 
wissen". Im Zentrum unserer Analysen stand zudem die Feststellung, dass die fehlende 
Organisierung von radikalen Linken eine der zentralen Ursachen für ihre Strategie- und 
Wirkungslosigkeit ist. Entsprechend nimmt die zweite These "Die Basis einer 
gesellschaftlichen Kraft ist die Organisierung" einen zentralen Platz ein. In den ihr 
folgenden Thesen versuchen wir, einige Grundlagen einer möglichen Organisierung von 
radikalen Linken sowie einer revolutionären Praxis näher zu umreißen. Aufgrund der 
Zusammensetzung unserer Gruppe sowie unserer gemeinsamen Analysen spielt 
"Internationalismus als strategischer Leitfaden" für uns eine wichtige Rolle, sowohl für 
den Organisierungsprozess an sich als auch im Hinblick auf die strategische Ausrichtung 
unserer politischen Praxis (These 3). Die von uns für relevant erachtete Praxis versuchen 
wir in der vierten These "Neuausrichtung linksradikaler Politik" zu konkretisieren. Dabei 
gehen wir in der fünften These "Das Leben mit einbeziehen" nochmal etwas genauer auf die 
Frage ein, inwiefern der Auf – und Ausbau linksradikaler Projekte als Strategie der 
Gesellschaftsveränderung aus unserer Sicht sinnvoll ist. Der Kritik an der oftmals 
subkulturellen, selbstbezogenen und identitären Ausrichtung linksradikaler Politik sowie 
der Frage, wieso sich dies trotz vielfältiger, jahrzehntelanger Kritik nicht verändert, 
gehen wir in der sechsten These "Raus aus der Subkultur" nach. Dem schließen sich 
Überlegungen zur Frage der revolutionären Lebensführung bzw. der Entwicklung einer 
revolutionären Kultur in linksradikalen Strukturen in der siebten These "Revolutionäre 
Kultur statt neoliberale Werte" an. Mit dem Niedergang der linken Bewegungen in den 90er 
Jahren ist auch die Auseinandersetzung mit echten Alternativen zum Kapitalismus in weiten 
Teilen der radikalen Linken in den Hintergrund gerückt. In unserer achten These 
"Alternativen aneignen und verbreiten" erklären wir, warum wir die Diskussion um und Suche 
nach möglichen alternativen Gesellschaftsmodellen als ein zentrales Element linksradikaler 
Politik begreifen. Sowohl bei der Suche nach alternativen Gesellschaftsmodellen als auch 
bei der Bestimmung unserer Praxis und Strategie spielt für uns die Auseinandersetzung mit 
revolutionären Theorien eine große Rolle. Dabei besteht jedoch die Tendenz (die sich auch 
aktuell wieder stärker zeigt), sich ausschließlich einzelnen geschlossenen Theoriegebäuden 
zu zuwenden und dadurch die Grabenkämpfe aus der Geschichte ohne materielle Notwendigkeit 
zu wiederholen. In der neunten These setzen wir uns deshalb mit dem "Umgang mit Theorie 
und revolutionären Theorietraditionen" auseinander. Schließlich kommen wir in der zehnten 
These auf die Bedeutung von Bildung sowohl als festem Bestandteil innerhalb einer 
organisierten radikalen Linken als auch langfristig im Rahmen des Aufbaus eines 
alternativen Bildungssystem i.S. von Akademien von unten zu sprechen. Obwohl die in 
unseren Thesen formulierte Kritik und beschriebene Notwendigkeit zur grundlegenden 
Veränderung linksradikaler Politik nicht neu ist, hat sich bisher herzlich wenig an 
unserer Politik geändert. Deshalb steht in der elften und letzten These "Es braucht den 
bewussten Bruch mit dem Gewohnten unserer bisherigen Praxis" nochmal die Frage im 
Mittelpunkt, wie wir vermeiden können, dass unsere geäußerten Kritiken, Strategiepapiere 
und Diskussionsergebnisse nicht nur Papiertiger bleiben, sondern auch in einer veränderten 
Praxis ihren Niederschlag finden.

Bevor die Thesen beginnen, möchten wir an dieser Stelle eine kurze Bemerkung zu der Frage 
nach der Bedeutung unterschiedlicher Unterdrückungsformen voranstellen. Dies schien uns 
notwendig, da wir in den Thesen häufig vom „Kampf gegen den Kapitalismus“ oder „dem 
herrschenden kapitalistischen System“ schreiben ohne andere Unterdrückungsformen explizit 
zu benennen. Wenn wir in den elf Thesen insgesamt tatsächlich (zu) wenig auf die 
spezifischen Fragen des Kampfes gegen das Patriarchat oder rassistische Strukturen 
eingehen, so heißt das nicht, dass wir darin prinzipiell keine Notwendigkeit sehen oder 
diese als nachrangig betrachten. Vielmehr teilen wir die Ansicht, dass die 
gesellschaftliche Totalität nicht im Kapitalverhältnis aufgeht bzw. sich mit der 
Überwindung des Kapitalverhältnisses nicht alle anderen Unterdrückungsformen von selbst 
aufheben. Es ist wohl überflüssig, zu betonen, dass Patriarchat und Rassismus (ebenso wie 
andere Unterdrückungsformen) lange existierten, bevor sich der Kapitalismus entwickelt 
hat. Gleichzeitig befinden wir uns heute in der historischen Phase des Kapitalismus, der 
als herrschendes Organisationsprinzip der Gesellschaft alle anderen Unterdrückungsformen 
verbindet, überlagert, verstärkt, verformt bzw. teilweise sogar verringert.

Entsprechend sind die (häufig voneinander getrennt geführten) Kämpfe gegen die 
unterschiedlichen Unterdrückungsverhältnisse im kapitalistischen System nur zusammen zu 
denken und zu führen. Die Geschichte zeigt uns an zahlreichen Beispielen, dass die 
Trennung der unterschiedlichen Kämpfe voneinander zum Scheitern verurteilt ist. So wird 
der Kampf gegen das Patriarchat ohne antikapitalistische Perspektive vom System 
verschluckt und läuft zwangsweise ins Leere. Und auf der anderen Seite haben wir in vielen 
revolutionären Bewegungen der Vergangenheit gesehen, dass Frauen trotz ihrer Beteiligung 
an der Revolution in deren Folge letztlich doch wieder an den Herd verbannt wurden. Die 
Überwindung des patriarchalen Systems ebenso wie rassistischer Strukturen und anderer 
Unterdrückungsformen muss von Beginn an zentraler Bestandteil unseres Kampfes sein und 
auch innerhalb von unseren eigenen Strukturen thematisiert werden. Vor allem in 
traditionellen linken Gruppen findet sich die Tendenz, Revolution aus rein ökonomistischer 
Perspektive zu betrachten. Wenn wir jedoch von Kapitalismus sprechen, dann meinen wir 
damit nicht nur die ökonomische Seite, sondern alle Facetten der Ausbeutung und 
Unterdrückung in der heutigen Gesellschaft. Revolution begreifen wir in diesem Sinne als 
einen kontinuierlichen Prozess zur Überwindung aller Ausbeutungs- und 
Unterdrückungsmechanismen.
These 1 - Revolutionäre Politik heißt, um das Potential der Gesellschaft zu wissen

Es ist egal, wo wir hinschauen, ob in die aktionsorientierten und praxisbestimmenden 
Gruppen oder die theoriebezogenen und meinungsbildenden Kreise – eines ist hierzulande bei 
allen Unterschieden einem Großteil der Linksradikalen gemein: sie empfinden eine tiefe 
Abneigung gegen die Gesellschaft und fühlen sich ihr überlegen. Und tatsächlich fällt es 
auf den ersten Blick auch gar nicht schwer, Gründe zu finden, welche zumindest die 
Ablehnung der Gesellschaft nachvollziehbar erscheinen lassen. Seien es die 
nationalsozialistischen Kontinuitäten, die Autoritätsgläubigkeit, rassistische, 
nationalistische, sexistische und homophobe Tendenzen, die selbstgefällige und verlogene 
Ideologie der Vorzeigedemokratie und Hort der Menschenrechte, welche die innenpolitischen 
Verhältnisse schönfärbt, vor allem aber dazu dient, die Verantwortung deutscher Geopolitik 
für weltweites Elend, Ausbeutung und Unterdrückung auszublenden und fortzuschreiben bis 
hin zum unerschütterlichen Glauben an das eigene Opfer- und Zukurzgekommensein. Folglich 
sehen wir uns nicht nur im Kampf gegen staatliche und wirtschaftliche Machtstrukturen, 
sondern in einem Kampf gegen die Gesellschaft als Ganzes.

Die Gesellschaft auf diese Weise abzuschreiben (und abzuspalten), heißt jedoch nichts 
anderes, als sich – bewusst oder unbewusst – von jedem Anspruch auf eine radikale und 
emanzipative Gesellschaftsveränderung zu verabschieden. Denn die tatsächliche Überwindung 
kapitalistischer, patriarchaler und staatlicher Strukturen kann weder für die Gesellschaft 
erkämpft noch ohne oder gegen sie durchgesetzt werden. Vielmehr ist Revolution nur als 
kontinuierlicher Prozess zu verstehen, der von breiten Teilen der Bevölkerung getragen und 
erkämpft wird. Andernfalls verkommt Revolution zu einem Herrschafts- und Zwangsprojekt von 
oben oder linksradikale Politik zu Elitarismus, weil der Kampf für die Gesellschaft den 
Kampf in und mit ihr ersetzt.

Da Revolution nur als gesellschaftliche Bewegung von unten gedacht werden kann, haben 
viele Linksradikale die Möglichkeit revolutionärer Bewegungen in der hiesigen Gesellschaft 
weitgehend abgeschrieben (auch wenn sie weiterhin verbal an der Abschaffung von Staat und 
Kapitalismus festhalten). Soziale Kämpfe und revolutionäre Erhebungen mögen an anderen 
Orten der Welt entstehen, die bundesdeutsche Gesellschaft ist für viele radikale Linke 
hingegen fast schon qua Definition reaktionär und tendenziell faschistisch. Dadurch wird 
linksradikale Politik zwangsläufig reformistisch und bleibt (günstigenfalls) ein Korrektiv 
für Missstände des kapitalistisch-parlamentarischen Systems.

Ein genauerer Blick auf die Gründe für die linksradikale Ablehnung der Gesellschaft zeigt, 
dass sie (neben individuellen Motiven, siehe dazu These 6) auf einem falschen Verständnis 
der Wechselwirkung von Staat, Gesellschaft und Individuum beruht ebenso wie auf einem 
fehlenden Geschichtsbewusstsein. Tatsächlich spiegeln sich darin vielfach Bestandteile 
bürgerlicher Ideologie wider. So zum Beispiel in der Gleichsetzung von Strukturen und 
Individuen beim Versuch, die Ursachen für reaktionäre Ideologien und Unterdrückung zu 
untersuchen. Wird z.B. Rassismus nur als individueller Affekt betrachtet und die zugrunde 
liegende soziale Struktur vernachlässigt, bleibt als Erklärung nur die Annahme der 
moralischen Deformation des Individuums – die individuelle Unmenschlichkeit („der Mensch, 
zumal der Deutsche, ist schlecht“) – und die Möglichkeiten politischer Einflussnahme 
werden – wenn überhaupt – auf persönliche Verhaltensappelle reduziert. Die Gleichsetzung 
von Strukturen und Individuen (anstatt sie als dialektisches Verhältnis zu begreifen) 
führt darüber hinaus zu der in linksradikalen Kreisen weit verbreiteten – und in den 
spezifischen historischen Bedingungen der BRD begründeten – Gleichsetzung von Gesellschaft 
und Staat. Durch diese Gleichsetzung wird der Kampf gegen den kapitalistischen Staat 
automatisch zu einem Kampf gegen die Gesellschaft an sich. Die daraus hervorgehende 
Selbstisolation der radikalen Linken hat zur Folge, dass wir uns in unserem Kampf gegen 
das System alleine und ohnmächtig wiederfinden und Revolution in unserer Praxis unmöglich 
erscheint.

Um das grundlegende Potential für emanzipative Veränderungen auch in der bundesdeutschen 
Gesellschaft zu erkennen, ist es wichtig, dass wir zwischen Strukturen und Individuen und 
zwischen Staat und Gesellschaft unterscheiden und uns selbst als ein Teil der gespaltenen 
und widersprüchlichen Gesellschaft begreifen.

Gleichzeitig ist es notwendig, aus der historischen Unmittelbarkeit herauszutreten und 
unseren historischen Blick zu weiten. Die Erfahrungen der Niederlagen und das Ausbleiben 
von positiven Kämpfen und Bezugspunkten in den letzten Jahrzehnten lässt diese Erfahrungen 
als eine endgültige, unbesiegbare Realität erscheinen. Gleichzeitig bildet die 
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Kontinuitäten für viele radikale 
Linke in der Bundesrepublik einen wichtigen Ausgangspunkt der Politisierung. Die (wichtige 
und dringend notwendige) Auseinandersetzung mit dem Faschismus und seinen Folgen bleibt 
jedoch häufig der einzige historische Bezugspunkt, während das Wissen über die 
zahlreichen, vergangenen revolutionären Bewegungen und Kämpfe in der hiesigen Gesellschaft 
weitgehend verloren gegangen ist. Eine Ausweitung unseres historischen Blickes und die 
Auseinandersetzung mit den widerständigen Momenten auch in diesen Breitengraden zeigt, 
dass innerhalb der Gesellschaft sowohl autoritäre und faschistische Tendenzen als auch 
emanzipative und revolutionäre vorhanden sind.

Bewegungen wie 15M, die Gezi-Proteste, die Aufstände im „arabischen Frühling“ aber auch 
die Besetzungen und der Widerstand gegen die neue Arbeitsrechtsreform in Frankreich sind 
die aktuellsten Beispiele dafür, dass auch in Gesellschaften, in denen selbst Linke vor 
Ort keinerlei Potential zur Veränderung mehr gesehen haben, plötzliche soziale Bewegungen 
entstehen können. Dieses Potential wird tendenziell zunehmend, weil die aggressive 
Entwicklung des Neoliberalismus weltweit dazu führt, dass die zerstörerische Kraft des 
Kapitalismus und seine immanenten Widersprüche3 immer offensichtlicher werden. 
Gleichzeitig finden sich immer mehr Menschen in prekären Arbeits- und Lebensbedingungen 
wieder, verarmen oder werden marginalisiert. Auch gesellschaftliche Gruppen, die bisher 
teilweise vom Kapitalismus profitiert haben, verlieren zunehmend ihre Privilegien oder 
bekommen die Folgen seiner krisenhaften Entwicklung am eigenen Leib zu spüren. Dadurch 
wächst die Anzahl derjenigen, die ein existentielles Interesse an der Veränderung der 
Verhältnisse haben, beständig. Diese Tatsache führt nicht automatisch oder zwangsläufig 
zur Entwicklung von emanzipativen sozialen Protesten oder gar revolutionären Erhebungen. 
Dennoch bildet die wachsende Unzufriedenheit mit der eigenen Lage und den herrschenden 
Verhältnissen die Grundlage dafür, dass Menschen das Bedürfnis und die Bereitschaft zur 
Veränderung entwickeln. Wenn die radikale Linke dieses Potential nicht ernst nimmt, selbst 
keine Perspektive entwickelt und sich der gefühlten Ohnmacht hingibt, macht sie sich 
mitverantwortlich, dass reaktionäre und rechte Bewegungen als vermeintliche Lösungsansätze 
an Stärke gewinnen.

Wenn das Ziel unseres politischen Handelns die tatsächliche Überwindung der 
kapitalistischen, patriarchalen und staatlichen Verhältnisse ist, dann müssen wir deshalb 
zu aller erst das Wissen um die Möglichkeit der emanzipativen Gesellschaftsveränderung 
auch in dieser Gesellschaft in uns selbst und in der Gesellschaft wieder stärken und 
verbreiten. Das bedeutet auch, die allgemeine menschliche Fähigkeit zur Entfaltung, 
Entwicklung und Befreiung anzuerkennen und ernst zu nehmen.
These 2 - Die Basis einer gesellschaftlichen Kraft ist die Organisierung

Innerhalb der radikalen Linken, unter linken Akademiker _innen sowie allgemein unter 
jungen politischen Aktivist_innen innerhalb der BRD (aber auch in vielen anderen 
westlichen Staaten4) herrscht eine weit verbreitete Organisierungsfeindlichkeit bzw. wird 
in Organisierung zumindest keine Notwendigkeit gesehen. Vielmehr gibt es viele kleine, 
voneinander getrennt geführte und teilweise gegenseitig gespaltene Gruppen und Kämpfe.

Einer der wichtigsten Gründe für die Organisierungsfeindlichkeit unter Linksradikalen 
liegt unserer Meinung nach darin, dass das Wissen um radikaldemokratische, antiautoritäre 
Formen der Organisierung weitgehend verloren gegangen ist. Wenn vom Aufbau revolutionärer 
Organisationen gesprochen wird, dann assoziieren die meisten damit dogmatische Kader-, 
Führungs- oder Zentralismuskonzepte, in denen Autorität, Hierarchie, Instrumentalisierung, 
Entfremdung der Mitglieder sowie Bürokratie reproduziert werden (und deshalb zurecht 
insbesondere in anti-autoritären Kreisen abgelehnt werden). Aber auch linksradikale 
Gruppen, die sich positiv auf Organisierung beziehen, greifen in den Debatten und 
tatsächlichen Organisierungsvorhaben fast ausschließlich auf eben jene Ansätze zurück.

Als weiterer wichtiger Grund ist der wachsende Einfluss von Theorien zu nennen, die mit 
dem Niedergang der sozialistischen Bewegungen aus einer Ablehnung orthodox marxistischer 
Theorien oder als Reaktion auf marxistische Traditionen entstanden sind (Postmodernismus, 
Poststrukturalismus, Postmarxismus)5. Sie lehnen die Möglichkeit und Notwendigkeit von 
Massenmobilisierungen sowie eines organisierten Kampfes theoretisch ab und betonen anstatt 
dessen Mikropolitik oder die Spontaneität der Massen. Unter Linksradikalen haben sich 
diese Theorien inzwischen als hegemoniale Diskurse etabliert, was den Aufbau von 
revolutionären Organisationen erheblich erschwert.

Die Notwendigkeit zum Aufbau einer revolutionären Organisation ergibt sich für uns sowohl 
aus der Analyse der Auswirkungen der kapitalistischen Verhältnisse als auch aus der 
Analyse historischer und gegenwärtiger revolutionärer Erhebungen, ihren 
Entstehungsbedingungen sowie den Gründen für ihr Scheitern.

Organisierung als Notwendigkeit, die sich aus der Analyse der kapitalistischen 
Verhältnisse ergibt

Die postfordistische Organisation der Produktionsweise hat auch der Gesellschaft neue 
Bedingungen aufgezwungen, aus denen die heutigen neoliberalen Strukturen entstanden sind. 
Die Logik des Kapitals bzw. die rein ökonomische Logik hat alle Bereiche der Gesellschaft 
eingenommen. Als Konsequenz haben sich Faktoren wie Konkurrenz, Leistungs- und 
Arbeitszwang, Individualisierung und Prekarität etabliert, die zur Spaltung und 
Atomisierung der Gesellschaft führten und führen. Unter solchen Bedingungen werden nicht 
nur gemeinsame Probleme als individuelle Probleme wahrgenommen und ihnen individuell 
begegnet. Jede und jeder ist dem kapitalistischen System nach der Zerstörung kollektiver 
sozialer Strukturen infolge der Durchsetzung des Neoliberalismus6 auch tatsächlich einzeln 
und allein ausgesetzt, sei es im Betrieb, vor dem Amt, etc. Es ist kein Wunder, dass unter 
diesen prekären Bedingungen Konkurrenz den Platz von Solidarität einnimmt und 
Individualisierung den Platz von Gemeinschaftlichkeit. Auch werden rassistische und 
nationalistische Spaltungstendenzen gestärkt. Die gesellschaftlichen Bedingungen für 
spontane emanzipative Organisierungsprozesse werden dadurch erheblich erschwert.

Weil die Hegemonie der kapitalistischen Ideen eine strukturelle Hegemonie ist, ist es 
nicht möglich, einzeln oder in gespaltenen, kleinen Gruppen gegen sie anzukämpfen. Die 
Prekarität hat auch die materiellen Bedingungen des politischen und sozialen Kampfes von 
Linksradikalen verändert. Unorganisiert und vereinzelt wächst die Gefahr, dass wir die 
herrschenden Denkweisen verinnerlichen und reproduzieren oder im Versuch aufgesogen 
werden, die eigenen Alltagsprobleme individuell zu lösen. Um vor diesem Hintergrund 
emanzipative Denkweisen zu verteidigen, zu entwickeln und auszuweiten, bedarf es eines 
organisierten, kollektiven Kampfes. Gleichzeitig bildet Organisierung die Grundlage für 
politisches Handeln, das sich an der Analyse gesellschaftlicher Bedingungen und 
Entwicklungen orientiert und daraus Strategien, Taktiken und Ziele ableitet. Die vielen 
Strategiedebatten in unseren Strukturen und die häufig geäußerte Kritik an unserer Politik 
werden keine Veränderungen zur Folge haben, solange es keinen festen organisierten Rahmen 
gibt, in dem Veränderung gemeinsam stattfinden kann.

Organisierung als Notwendigkeit, die sich aus der Analyse historischer und gegenwärtiger 
revolutionärer Erhebungen ergibt

Neben der Analyse der kapitalistischen Verhältnisse zeigt aber auch eine Analyse der 
Entstehung und des Verlaufs von revolutionären Erhebungen die Notwendigkeit für 
organisierte revolutionäre Strukturen. Wir gehen nicht davon aus, dass der Zeitpunkt 
gesellschaftlicher oder revolutionärer Erhebungen durch revolutionäre Organisationen 
bestimmt oder vorhergesagt werden kann. Dieser hängt auch von den materiellen und 
historischen Bedingungen ab.

Die Geschichte zeigt aber, dass revolutionären Erhebungen ebenso wie radikalen Kämpfen 
häufig jahrzehntelange, kontinuierliche, geduldige, organisierte Arbeit vorausgegangen 
ist. Sehr anschaulich wird dies z.B. in der russischen Revolution von 1905, der spanischen 
Revolution von 1936 oder den aktuellen Entwicklungen in Rojava.

Dies macht deutlich, dass revolutionäre Organisationen zur Entstehung einer revolutionären 
Bewegung beitragen können. In unrevolutionären Zeiten sehen wir die Aufgaben vor allem 
darin, die Ideen und Methoden der Selbstorganisierung von unten, radikale revolutionäre 
Diskurse und Analysen in der Gesellschaft zu verbreiten, zum Aufbau selbstorganisierter 
Strukturen in allen Lebensbereichen aktiv beizutragen und aktuelle Kämpfe zu unterstützen, 
in denen für die Durchsetzung konkreter Verbesserungen gekämpft wird, sowie 
Auseinandersetzungen und Kämpfe anzustoßen und zu radikalisieren (siehe dazu ausführlich 
These 4). Zudem ist es wichtig, soziale und solidarische Strukturen im Sinne einer 
widerständigen Infrastruktur aufzubauen. Diese sind nicht nur für einen dauerhaften Kampf 
unabdingbar, sondern auch während revolutionärer Prozesse oftmals entscheidend dafür, dass 
Aufstände trotz der Angriffe des Systems weiter bestehen können.

Auch die Analyse historischer und gegenwärtiger Aufstände zeigt, dass das Vorhandensein 
von organisierten Strukturen für den Verlauf von Aufständen von elementarer Wichtigkeit 
ist. Bewegungen scheitern in sozialen Kämpfen ebenso wie in revolutionären Situationen, 
wenn sie nicht über eigene ständige organisierte Strukturen verfügen. Zwar sind die 
Spontaneität der Massen in Kombination mit den materiellen Bedingungen maßgeblich für das 
Ausbrechen revolutionärer Situationen, die Organisiertheit ist jedoch wichtig für deren 
Erfolg und Fortbestehen. Andernfalls überlassen wir den Erfolg spontaner Erhebungen völlig 
ihrer spontanen Durchsetzungskraft gegenüber den organisiert vorgehenden Angriffen des 
Systems.

Die für viele überraschend aufgebrochenen Erhebungen in den letzten Jahren wie die grüne 
Bewegung im Iran, die Aufstände des arabischen Frühlings in Ägypten, Tunesien, Syrien, die 
Gezi-Proteste in der Türkei, die Massenproteste des 15M in Spanien, die 
Anti-Austeritätsproteste in Griechenland haben zwar gezeigt, dass innerhalb dieser 
Bewegungen spontan Methoden und Elemente der Selbstorganisierung von unten entwickelt und 
angewandt wurden und ähnliche Basisstrukturen wie Stadtteilkomitees entstanden sind. 
Gleichzeitig waren diese spontanen Erhebungen aber massiven Angriffen durch die alten 
Regimes, reformistische oder konterrevolutionäre Kräfte ausgesetzt, die ihrerseits 
organisiert vorgingen und versuchten, die Bewegungen zu spalten, zu instrumentalisieren, 
zu zerschlagen etc. Wenn Menschen in spontanen Erhebungen erst anfangen, sich die 
Kenntnisse, die Strukturen und die Erfahrung von Selbstorganisierung sowie das politische 
Bewusstsein und eine revolutionäre Analyse anzueignen, wenn sie am meisten den Angriffen 
der konterrevolutionären Kräfte ausgesetzt sind, führt das dazu, dass sie nicht in der 
Lage sind, langfristig zu bestehen.

Die Bewegungen im Iran, der Türkei, Ägypten etc. haben allesamt gezeigt, wie groß die 
Sehnsucht der Menschen nach Solidarität und Gemeinschaftlichkeit ist und was für ein 
Potential an gegenseitiger Unterstützung, Kreativität und Solidarität sich in diesen 
Bewegungen entfaltet hat. Damit solche Aufstände oder Bewegungen aber nicht nur 
wellenartig entstehen und sich wieder zurück ziehen, zerschlagen oder instrumentalisiert 
werden, braucht es organisierte revolutionäre Strukturen. Ihre Rolle sehen wir darin, von 
Beginn an dazu beizutragen, revolutionäre Diskurse zu stärken, Wissen und Methoden weiter 
zu geben, solidarische soziale Strukturen zur Verfügung zu stellen und so die Gefahren der 
Spaltung und der Angriffe zu verringern. Es ist fatal zu glauben, unorganisierte oder 
spontan organisierte Bewegungen könnten sich gegen die organisierten, machtvollen Angriffe 
des Systems auf Dauer zur Wehr setzen oder diesen Stand halten.

Durch die fehlende Organisierung verfügt linksradikale Politik heutzutage zudem kaum über 
eine öffentliche Sichtbarkeit, Ansprechbarkeit und damit Anschlussfähigkeit. Dies führt 
den Verlust der gesellschaftlichen Relevanz linksradikaler Gruppen fort, was wiederum die 
Spaltung zwischen der Gesellschaft und Linksradikalen vertieft. Ein weiterer Aspekt 
fehlender Organisierung ist, dass Erfahrungen zwischen Generationen von Aktivist_innen 
nicht weitergegeben werden können und alle immer wieder von vorne beginnen. Ebenso fehlt 
die Möglichkeit organisierte Bildungs- und Jugendarbeit zu betreiben und dadurch eine über 
das (lokal-)mikroskopische hinausreichende Breitenwirkung zu entfalten. Last but not least 
sind organisierte Strukturen auch sinnvoll, um einzelne lokale oder (Teilbereichs-)Kämpfe 
miteinander in Verbindung zu setzen und somit dazu beizutragen, dass das Bewusstsein über 
die zugrunde liegenden, gemeinsam erlebten gesellschaftlichen Ursachen gestärkt wird.

Was wollen wir?

Wir denken die Frage von Organisierung muss auf zwei miteinander verbundenen Ebenen 
angegangen werden: Zum einen halten wir den Aufbau einer nicht-hierarchischen, 
überregionalen, revolutionären Organisation von Menschen für notwendig, die sich dem 
Gedanken und den Methoden der gesellschaftlichen Selbstorganisation und Emanzipation 
verschrieben haben.

Zum anderen streben wir den Aufbau von Strukturen gesellschaftlicher Selbstorganisation in 
allen gesellschaftlichen Bereichen und Kämpfen an, so dass der Gedanke und die Methoden 
der Selbstorganisation von unten immer selbstverständlicher werden und auch in Protest- 
und Widerstandsbewegungen immer schwerer zu beseitigen sind (sowohl durch Eingriffe von 
außen wie auch durch selbsternannte Führer_innen von innen). Auf diese zweite Ebene der 
Organisierung gehen wir in These 4 ausführlich ein.

Aufbau einer revolutionären Organisation

Wir sind nicht in der Lage, in diesem Text eine konkrete Skizze einer revolutionären 
Organisation zu entwerfen. Dies muss im gemeinsamen Aufbauprozess und aus einer 
gemeinsamen Praxis und Diskussion entstehen. Dennoch erachten wir es für notwendig, dass 
sich Menschen organisieren, die in grundlegenden Fragen übereinstimmen. Wir streben i.d.S. 
keine Organisierung von heterogenen linksradikalen Gruppen auf minimalem gemeinsamen 
Nenner an. In den folgenden Thesen versuchen wir verschiedene Aspekte und Komponenten zu 
benennen, die wir für den Aufbauprozess und die politische Ausrichtung einer solchen 
Organisation für zentral halten.

Wenn wir vom Aufbau einer politischen Organisation sprechen, dann ist zu allererst zu 
betonen, dass wir hierarchische Organisationsformen und Führungskonzepte für 
gesellschaftliche Emanzipation und Selbstbestimmung für vollkommen untauglich halten. 
Historisch hat sich immer wieder gezeigt, dass sie zur Unterdrückung der 
selbstorganisierten und emanzipatorischen Momente revolutionärer Bewegungen dienten und 
zur (Wieder-) Herstellung neuer Klassenherrschaft. Die Aufgabe der von uns angestrebten 
revolutionären politischen Organisation sehen wir dementsprechend weder darin, die Führung 
von Protest- , und Widerstandsbewegungen oder gar Revolutionen zu übernehmen noch für 
Menschen zu sprechen.

Aus der Ablehnung hierarchischer Führungskonzepte ergibt sich, dass wir uns auf Strategien 
und Organisationsformen rückbesinnen oder diese neu entwickeln müssen, in denen Menschen 
Erfahrungen mit Selbstbestimmung, Selbsttätigkeit und freiem, eigenständigen Denken 
sammeln können. Die Strukturen dieser Organisation müssen die freie Initiative der Basis 
schützen, statt sie einer Führung auszuliefern. Einige grundlegende Prinzipien für die 
Struktur und den Aufbau einer solchen Organisation sind für uns deshalb: die Autonomie der 
Basisorgane in allen nur sie betreffenden Fragen, die Entscheidungsmacht bleibt bei der 
Basis, Delegation mit imperativen Mandat, Rechenschaftspflicht und jederzeitige 
Rückrufbarkeit der Delegierten. Wie eine Organisation im Konkreten jedoch aussieht, wird 
auch abhängig sein, von den sich aus der Praxis und den konkreten materiellen Bedingungen 
ergebenden Notwendigkeiten.

Wir streben eine Organisierung auf der Basis gemeinsam geteilter Analysen, Strategien, 
Haltungen und Grundsätze an. Entsprechend organisieren wir uns trotz unserer 
unterschiedlichen Hintergründe und gesellschaftlichen Positioniertheiten bewusst in einer 
gemeinsamen Struktur. Wir sehen die gemeinsame Organisierung als Notwendigkeit um die 
politische Getthoisierung von migrantischen und nicht-migrantischen radikalen Linken zu 
überwinden und gegen die gesellschaftlichen Spaltungslinien zu arbeiten (siehe dazu auch 
These 3). Unsere Stärke liegt unserer Meinung nach in der gemeinsamen Organisierung. 
Dennoch werden wir es unterstützen, wenn bestimmte Gruppen, die von einzelnen 
Unterdrückungsverhältnissen betroffen sind, sich innerhalb der Organisation auch autonom 
organisieren7.

Dem Aufbauprozess einer revolutionären Organisation stehen verschiedene Faktoren entgegen. 
Als wichtigster Faktor ist die bereits beschriebene Organisierungsfeindlichkeit und das 
fehlende Interesse an Organisierung unter radikalen Linken zu nennen. Die Erfahrung 
mindestens der letzten 35 Jahre linksradikaler Bewegung in der Bundesrepublik zeigt, dass 
der Prozess der Organisierung bewusst voran getrieben werden muss. Das Konzept der 
Vernetzung, die allmählich zum organischen Zusammenwachsen revolutionärer Zusammenhänge 
führen soll, hat sich in 35 Jahren nicht einmal bewahrheitet und erscheint uns deshalb 
ungeeignet. Bundesweite Diskussionen sind für uns nur Mittel der Verständigung unter 
ähnlich orientierten Aktiven aber kein Ersatz für den tatsächlichen Organisierungsprozess.

In Organisierungsprozessen stoßen wir jedoch auch an verinnerlichte kapitalistische und 
individualistische Denk- und Verhaltensweisen vieler radikaler Linker, die kollektiven 
Prozessen entgegen stehen oder diese erschweren. Sich zu organisieren, heißt, 
Kompromissfähigkeit zu entwickeln, kollektiv denken zu lernen und sich auch zurück nehmen 
zu können. Damit meinen wir nicht, eigene Überzeugungen und Standpunkte aufzugeben. 
Vielmehr gilt es zu unterscheiden zwischen grundsätzlichen Überzeugungen, über die es zu 
diskutieren und notfalls zu streiten gilt und der Tatsache, dass man nicht immer alles mit 
entscheiden, bestimmen oder beeinflussen muss. In der radikalen Linken sind egoistische 
Tendenzen und die Eigenschaft, immer die Unterschiedlichkeit zu betonen, stark verbreitet. 
Diese sind das Produkt der verinnerlichten neoliberalen Normen ebenso wie eine Folge 
jahrhundertelanger autoritärer Prägung. Daraus ergeben sich psychologische Faktoren, wie 
die Suche nach Anerkennung und Wertschätzung über Leistung und Profilierungsstreben, die 
Organisierungsprozesse deutlich hemmen können. Der Aufbau einer Organisierung erfordert es 
dagegen, sich immer wieder auf die Suche nach dem Gemeinsamen zu begeben, statt vorwiegend 
das Trennende zu suchen.

Uns ist bewusst, dass der Aufbau einer Organisation, sei sie auch auf basisdemokratischen 
nicht-hierarchischen Elementen aufgebaut, Gefahren birgt. Hier sehen wir die Entwicklung 
zu Bürokratismus und Organisationsegoismus, denen sich nur durch Bewusstmachung und 
ständiger selbstkritischer Auseinandersetzung entgegen wirken lässt – die aber eben auch 
tatsächlich geschehen muss. Um eine abgehobene und selbstbezügliche Organisationsstruktur 
zu verhindern, muss der Kern des Aufbaus einer überregionalen Organisation die lokale und 
regionale Verankerung der beteiligten Gruppen im Alltag und in alltagsbezogenen Kämpfen sein.

Der Aufbau einer nicht-hierarchischen Organisation bedeutet für uns nicht, dass alle 
Mitglieder alles gleich gut können und alle alles machen müssen. Vielmehr ist das Ziel, im 
Bewusstsein der bestehenden Unterschiede an Zeit, Fähigkeiten etc., Strukturen aufzubauen, 
die ein Gleichgewicht schaffen zwischen der Möglichkeit zur Selbstentwicklung auf der 
einen und der Effizienz der Gruppe auf der anderen Seite. Es müssen also nicht alle alles 
können, aber es muss prinzipiell die Möglichkeit bestehen, Fähigkeiten zu entwickeln und 
Wissenstransfer zu ermöglichen. Die Basis ist auch hier, dass alle Mitglieder mit den 
grundlegenden Inhalten und Ergebnissen übereinstimmen und grundlegende Entscheidungen 
kollektiv getroffen werden.
These 3 - Internationalismus als strategischer Leitfaden

Unter Internationalismus wird häufig ausschließlich die Solidarität mit und Unterstützung 
von Kämpfen und Bewegungen an anderen Orten der Welt verstanden. Die internationalistische 
Praxis von Gruppen beinhaltet entsprechend meist vorwiegend die Verbreitung von 
Informationen, die Durchführung öffentlichkeitswirksamer Aktionen sowie das Sammeln von 
Spendengeldern. Diese Form des Internationalismus unterliegt bestimmten Konjunkturphasen – 
von den Palästinagruppen, über die Lateinamerika-Soli bis hin zu den Solidaritätskomitees 
für Rojava heutzutage.

Durch die fehlenden eigenen Kämpfe und die Bewegungsstarre in der hiesigen Gesellschaft, 
projizieren viele der Aktivist_innen ihre gesammelten Hoffnungen, Sehnsüchte und Wünsche 
auf die jeweiligen revolutionären Bewegungen. Durch die Idealisierung und Romantisierung 
der Bewegungen wenden sich viele der Aktivist_innen jedoch enttäuscht ab, sobald sie die 
ersten Widersprüche bemerken.

Diese Romantisierung revolutionärer Bewegungen durch einen Teil der radikalen Linken löst 
auf der anderen Seite gegenläufige Tendenzen innerhalb anderer Teile der Linksradikalen 
aus. Hier werden die negativen Aspekte der jeweiligen revolutionären Bewegungen meist 
übertrieben betont und das konkrete Potential ignoriert. Beide Tendenzen führen früher 
oder später zur Entsolidarisierung (eine von Beginn an, eine nach der Desillusionierung 
einige Zeit später) – bis eine neue revolutionäre Bewegung am Horizont auftaucht.

Insbesondere bei Bewegungen, in denen organisierte Strukturen eine wichtige Rolle spielen, 
die über eigene gewachsene Inhalte und Strategien verfügen, wird zudem häufig nach dem 
Alles-oder-nichts-Prinzip verfahren. Solidarität findet nur dann statt, wenn die Theorie 
und Praxis der Organisation ganz mit der eigenen übereinstimmt. Solidarität wird so zur 
„bedingungslosen Solidarität“ und mit Loyalität verwechselt. Beide Haltungen verhindern 
wechselseitige Impulse, gemeinsame (Lern-) prozesse und Entwicklung auf der Basis echter 
aber kritischer Solidarität. Ein Beispiel hierfür ist die Haltung der radikalen Linken 
gegenüber den Entwicklungen in Rojava: Während die einen die kurdische Bewegung und die 
gesellschaftlichen Umbrüche in Rojava (Nordsyrien) idealisieren, gibt es von anderen nur 
vernichtende (und in ihrem Kern häufig eurozentristische) Kritik8. Ein kritischer 
solidarischer Austausch auf Augenhöhe findet sich auf beiden Seiten nur selten.

In fast allen Teilen der radikalen Linken wird internationalistische Solidarität – so sie 
denn überhaupt Teil der politischen Praxis ist – als Nebenprinzip betrachtet. Entsprechend 
ist Internationalismus in vielen Gruppen ein Zusatzprojekt, das aus einer moralischen 
Verpflichtung hervorgeht und nicht als Notwendigkeit, die sich aus einer strategischen 
Analyse ergibt. Eine Analyse, welche die globale Situation mit der nationalen Ebene in 
Verbindung bringt und wichtige Entscheidungen für die Art der Organisierung mit sich bringt.

Was wollen wir?

Wir sehen Internationalismus als eine strategische Notwendigkeit, die sich aus der Analyse 
der historisch-materiellen Bedingungen ableitet. Aus dieser Analyse ergeben sich 
Rückschlüsse sowohl für die politische und strategische Ausrichtung als auch für den 
Aufbau einer revolutionären Organisation.

Internationalismus als strategische Notwendigkeit

Da Kapitalismus ein global organisiertes System ist, muss der Kampf gegen die herrschenden 
kapitalistischen Verhältnisse ebenfalls global geführt werden. Dies trifft insbesondere 
auf die heutige historische Phase des Kapitalismus zu, in der seine globalen Eigenschaften 
und die Herrschaft des Kapitals deutlich stärker entwickelt sind als früher. Auch 
Imperialismus taucht nicht mehr nur als Konkurrenz zwischen Großmächten auf sondern vor 
allem in Form globaler Regulierungen der Kapitalverhältnisse (EU, IWF, TTIP etc.) und 
grenzübergreifenden Unterdrückungsmechanismen (NATO, Frontex etc.). Durch die globale 
Organisierung des Kapitals sind auch die Lebens- und Kampfbedingungen an unterschiedlichen 
Orten voneinander abhängig. Als ein deutliches Beispiel hierfür kann die Situation in 
Griechenland genannt werden.

Durch das fast völlige Fehlen von sozialen Kämpfen in der Bundesrepublik in den letzten 
Jahrzehnten konnte die Bundesregierung weitreichende Umstrukturierungen auf dem 
Arbeitsmarkt (aber auch in anderen Bereichen) vornehmen. Dadurch wurde nicht nur die 
Konkurrenz innerhalb der EU verstärkt sondern auch das Herrschaftsprojekt der EU gegen die 
Interessen der Bevölkerungen insgesamt ausgebaut. Diese Entwicklungen haben die Lebens-und 
Kampfbedingungen v.a. in der europäischen Peripherie massiv verschlechtert. Das Scheitern 
des isolierten Kampfes der griechischen Bevölkerung gegen die Austeritätspolitik 2015 hat 
gezeigt, dass die Stärke von sozialen und politischen Bewegungen davon abhängt, inwiefern 
sich eine gegenseitige Bezugnahme unterschiedlicher weltweiter Kämpfe entwickelt und sich 
dadurch zunehmend eine internationalistische Dynamik verselbständigt.

Am Beispiel Griechenland wird deutlich, dass das Fehlen von antikapitalistischen Kämpfen 
in den kapitalistischen Zentren wie der BRD ein wichtiger Faktor ist, der die Bedingungen 
revolutionärer Bewegungen an anderen Orten der Welt beeinflusst. Dies gilt insbesondere 
auch für Kämpfe in Ländern des globalen Südens, da der Einfluss der 
westlich-industrialisierten Staaten hier massiv ist9. Deshalb erschöpft sich 
Internationalismus für uns nicht in „passiver“ Solidarität mit den Kämpfen an anderen 
Orten der Welt, sondern beinhaltet v.a. auch die Stärkung internationalistisch 
ausgerichteter Kämpfe in der bundesdeutschen Gesellschaft. Am Beispiel Griechenland haben 
wir gesehen, dass sich diese breiten solidarischen Kämpfe nicht entwickelt haben. Ganz im 
Gegenteil blieb der Versuch einzelner linker und linksradikaler Gruppen, die Solidarität 
mit den Anti-Austeritätskämpfen der griechischen Bevölkerung auch hier auszuweiten, 
weitgehend erfolglos. Hier stellt sich die Frage, welche Faktoren der Entstehung 
internationalistisch ausgerichteter Kämpfe in der Bundesrepublik im Wege stehen.

Gründe für das Ausbleiben von Kämpfen in der bundesdeutschen Gesellschaft

An dieser Stelle sollen einige Faktoren kurz und grob geschildert werden. Die Analyse ist 
jedoch bei weitem nicht vollständig.

Die Situation in der Bundesrepublik unterscheidet sich von der in anderen westeuropäischen 
Staaten insbesondere dadurch, dass hierzulande schon lange keinerlei Klassenbewusstsein 
mehr existiert. Und das, obwohl seit den 90er Jahren permanente massive Angriffe auf die 
untersten Schichten der Gesellschaft und zuvor erkämpfte soziale Errungenschaften 
stattgefunden haben. Zu diesen Entwicklungen hat wesentlich das Prinzip der 
Sozialpartnerschaft beigetragen. In dem von den Großgewerkschaften und der 
Sozialdemokratie ausgehandelten Klassenkompromiss wurde die nationale Standortlogik zum 
aufhebenden Argument des Klassenwiderspruchs zwischen Kapital und Arbeit erklärt. Dabei 
wurden die Stimmen und Bedürfnisse vieler Lohnabhängiger vernachlässigt und unterdrückt, 
Spaltung vorangetrieben, eine Vertiefung und Radikalisierung von Klassenkämpfen verhindert 
und dadurch die Hauptinteressen und -bedürfnisse der Entwicklung des deutschen Kapitals 
gesichert.

Die Besonderheit der bundesdeutschen Situation zeichnet sich auch dadurch aus, dass die 
Bundesrepublik wirtschaftlich in der Lage war, am Prinzip der Sozialpartnerschaft trotz 
der zunehmenden Durchsetzung des Neoliberalismus seit den 80er Jahren festzuhalten. Dies 
ist in erster Linie auf Zugeständnisse der Gewerkschaften und deren Kontrolle über die 
organisierten Lohnabhängigen zurück zu führen, bei gleichzeitiger aggressiver 
Unternehmenspolitik. Denn Sozialpartnerschaft bedeutet nicht die Reduktion sozialer 
Widersprüche. Vielmehr wurde durch die Beteiligung von Teilen der Lohnabhängigen an den 
Gewinnen des Kapitals, die Spaltung der Arbeiter_innenklasse insgesamt vorangetrieben. So 
zeigte sich die Rolle der Gewerkschaften bei Umstrukturierungen und Deregulierungen v.a. 
in der Spaltung der Lohnabhängigen durch Bestandssicherung für einige Teile auf Kosten 
anderer (Festangestellte vs. Befristete vs. Leiharbeiter_innen vs. Erwerbslose sowie 
zugleich innerhalb der einzelnen Gruppen).

Damit einhergehend folgte die Spaltung der Lohnabhängigen in (halbwegs) abgesicherte 
(vorwiegend deutsche bzw. „gut integrierte“ migrantische) Lohnabhängige auf der einen und 
einem immer größeren Anteil prekär beschäftigter Lohnabhängiger (darunter zahlreiche 
Migrant_innen) in schlechten Arbeitsverhältnissen auf der anderen Seite11. Mit der 
Vertiefung des Neoliberalismus wurde durch zunehmende Flexibilisierung, Maßnahmen wie 
Agenda 2010 und die Ausweitung der Leiharbeit, der Niedriglohnbereich erheblich 
ausgeweitet und der Druck auf Erwerbslose und Lohnarbeiter _innen extrem verstärkt12. 
Ebenso wurden fast alle Bereiche der Gesellschaft ökonomischen Gesichtspunkten 
untergeordnet, so dass Menschen überall zunehmend unter Leistungsdruck, Zwang zur 
Selbstoptimierung und Konkurrenz stehen. Die durch prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen 
erzeugten existentiellen Ängste sind einer der Gründe, warum sich Lohnabhängige aus den 
unteren Segmenten schwer für Kämpfe mobilisieren lassen.

Eine weitere Besonderheit an der Situation in der Bundesrepublik ist, dass trotz der 
massiven Angriffe auf die Arbeits – und Lebensbedingungen, Lohnabhängige anders als in 
anderen Staaten immer noch auf die verbleibenden Reste der sozialen Sicherungssysteme 
zurückgreifen können. Dadurch sind sie abhängig vom Staat, seiner Kontrolle unterworfen 
und unter Druck gesetzt, was die Beteiligung an Kämpfen ebenfalls erschwert.

Die kontrollierte und politisch gesteuerte Migration (hier v.a. EU-Arbeitsmigration) 
spielt darüber hinaus eine wichtige Rolle für die Spaltung des Arbeitsmarktes und die 
Entwicklung der Interessen des bundesdeutschen Kapitals. Migrationspolitik schafft billige 
Arbeitsreserven (und ermöglicht so eine Produktion mit niedrigen Löhnen) und erfüllt 
spezifische Bedürfnisse des Arbeitsmarktes (durch binationale Arbeitsabkommen). Ein 
zentraler Mechanismus ist hierbei die Verknüpfung des Aufenthaltsrechtes an das 
Vorhandensein von Lohnarbeit, durch den viele Migrant_innen dazu gezwungen sind, unter den 
prekärsten Bedingungen und zu jeglichem Lohn zu arbeiten.

All diese bisher genannten Faktoren der Spaltung werden überlagert (und teilweise 
reproduziert) von rassistischen und nationalistischen Diskursen und dem Konstrukt einer 
nationalen Gemeinschaft. Durch Medien, Politik etc. wird der Bevölkerung vermittelt, dass 
bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Flüchtlinge, EU-Bürger_innen etc. die Ursache des 
Problems seien. Dadurch wird eine Erkenntnis über die tatsächlichen Ursachen der 
Verschlechterung der Klassenlage sowie über die Ursachen der Spaltung verhindert. Diese 
massive rassistische und nationalistische Propaganda führt nicht nur zur Spaltung 
innerhalb der Lohnabhängigen in der Bundesrepublik, sondern auch zur Spaltung auf 
internationaler Ebene (siehe am Beispiel Griechenland) und wirkt so der Entwicklung von 
internationalistischen Kämpfen entgegen.

Rückschlüsse für einen aktiven Internationalismus

Die bisherigen Überlegungen machen deutlich: die Hindernisse bzw. Voraussetzungen für die 
Entstehung von internationaler Solidarität und Beteiligung an internationalen Kämpfen sind 
dieselben, wie für die Entstehung emanzipatorischer Klassenkämpfe in der hiesigen 
Gesellschaft. Wesentlich für beide ist, dass die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft 
und die Unvereinbarkeit von Interessengegensätzen verschiedener Klassen wieder ins 
gesellschaftliche Bewusstsein gebracht werden. Auch gilt es die Gemeinsamkeit und 
Verbindung von unterschiedlichen Kämpfen herauszustellen und zusammen zu denken – sowohl 
international als auch hinsichtlich verschiedener Unterdrückungsverhältnisse (Kämpfe gegen 
rassistische, sexistische, klassistische etc.- Unterdrückung) und unterschiedlicher 
sozialer Kampffelder (Arbeit, Wohnen, Reproduktion, Gesundheit, Bildung etc.).

Gleichzeitig können aus der Analyse der Verhältnisse auch Rückschlüsse darüber gezogen 
werden, wo in der Bundesrepublik am ehesten Potentiale zu finden sind, die ein 
existentielles Interesse an einer sozialen und politischen Veränderung haben (siehe dazu 
auch These 4). Wir denken, es ist wichtig diese Frage in einer ausführlichen, gemeinsamen 
Debatte zu diskutieren, damit linksradikale Politik einem politischen Weg folgt und nicht 
beliebig wird. Wir selbst sehen das Potential zur Veränderung hauptsächlich unter 
denjenigen Menschen, die von prekären Arbeits- und Lebensbedingungen betroffen sind (ohne 
zu leugnen, dass auch diese von rassistischen, sexistischen, nationalistischen und 
religiös-fundamentalistischen Tendenzen durchdrungen und existentiellen Ängsten ausgesetzt 
sind). Zudem ist auch die Mittelschicht nicht mehr stabil, sondern in weiten Teilen 
ebenfalls von zunehmender Unsicherheit und Flexibilisierung bedroht. Dadurch nimmt die 
Anzahl von Menschen, die ein existentielles Interesse an Veränderung haben, prinzipiell 
zu. Als radikale Linke müssen wir deshalb diskutieren, wie es gelingen kann, dass Menschen 
ihre eigene prekäre Lage in Verbindung mit den strukturellen Ursachen und der Situation 
anderer bringen, um rassistischer und nationalistischer Spaltung entgegen zu wirken und 
solidarische antikapitalistische Kämpfe zu entwickeln.

Internationalismus und der Aufbauprozess einer revolutionären Organisation

Der zweite Aspekt, der sich in Bezug auf Internationalismus aus den o.g. Überlegungen 
ergibt, bezieht sich auf die Art und den Aufbauprozess einer revolutionären Organisation.

Infolge der Militärputsche und Etablierung von Unterdrückungsregimen kamen vor allem in 
den 80er Jahren viele Linke aus fast allen Kontinenten der Welt in die Bundesrepublik13. 
Aber auch heutzutage kommen kontinuierlich politische Genoss_innen aus anderen Ländern in 
die BRD. Der systematische Druck, sowie die Auswirkungen der rassistischen Verhältnisse, 
sprachlichen Barrieren und sozialen Isolation führen dazu, dass viele der politischen 
Aktivist_innen hier passiv werden14. Diejenigen, die dennoch weiter aktiv bleiben, richten 
ihr Engagement fast ausschließlich auf die Unterstützung der Genoss_innen und Kämpfe im 
Herkunftsland, sei es in organisierten Exilgruppen oder über Aktivitäten in sozialen 
Medien (wie die vorwiegend nicht organisierten Aktivist_innen der heutigen Generation). 
Obwohl z.B. Gruppen der türkischen Linken in der BRD in den 80er Jahren eine 
Doppelstrategie formuliert hatten, die sowohl Solidarität für die Kämpfe und Genoss_innen 
in der Türkei und Kurdistan als auch politische Veränderung in der Bundesrepublik 
umfasste, wurde der zweite Punkt nie ernsthaft angegangen. Die Aktivitäten konzentrierten 
sich auf Solidaritätsarbeit wie die finanzielle Unterstützung der Genoss_innen durch 
Spendensammeln, Unterstützung von inhaftierten Genoss_innen sowie Öffentlichkeitsarbeit. 
Als direkte Verbündete wurden zwar die radikalen Linken in der BRD angesehen, aufgrund der 
akuten Situation in der Türkei und Kurdistan konzentrierte sich die Zusammenarbeit jedoch 
überwiegend auf die sogenannten indirekten Verbündeten, wie sozialdemokratische Kräfte, um 
politischen Druck aufzubauen. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch das Fehlen einer 
revolutionären Bewegung in der Bundesrepublik, an die sich migrantische Gruppen hätten 
anschließen können. Unter diesen Bedingungen waren und sind Exillinke mit den Köpfen in 
der Heimat und nur mit den Füßen hier und haben keine politische Perspektive für die 
hiesige Gesellschaft. Das führt auch dazu, dass sich viele der Linken der ersten 
Generation noch heute vorwiegend mit politischen Fragen, Gedanken und Ideen von vor 30 
Jahren beschäftigen, anstatt Strategien für die heutige Zeit und Gesellschaft zu 
entwickeln. Dadurch sind sie für migrantische Jugendliche der zweiten und dritten 
Generation nicht attraktiv und die zahlreichen Erfahrungen konnten nicht weiter gegeben 
werden. Gleichzeitig bleiben durch das Fehlen einer gut organisierten, in der aktuellen 
gesellschaftlichen Realität verankerten migrantischen Linken, viele der Jugendliche 
entweder apolitisch oder schließen sich nationalen Verbänden oder Gemeinden an.

Die Neigung zur Selbstghettoisierung unter migrantischen Gruppen wurde auf der anderen 
Seite durch eine mehrheitlich weiß-deutsche radikale Linke in der Bundesrepublik gefördert 
und verstärkt, die nur wenig Interesse an den Kämpfen und der politischen Situation in 
anderen Ländern zeigte. Darüber hinaus fühlten sich migrantische linke Gruppen und 
Einzelpersonen in der hiesigen Szene häufig nicht willkommen oder wurden nicht als 
gleichberechtigte politische Genoss_innen betrachtet – und entsprechend nicht ernsthaft 
kritisiert oder als nicht radikal genug abgetan. Viele der migrantischen Linken machen bis 
heute die Erfahrung, von ihren deutschen Genoss_innen in erster Linie als „Flüchtling“ 
oder „Migrant_in“ angesehen zu werden und in eine Schublade mit rassistischen, 
faschistischen und religiös-fundamentalistischen Migrant_innen gesteckt zu werden. Aus 
dieser homogenisierenden Betrachtung folgt, dass auch die Kampfziele der migrantischen 
Linken seitens der Linksradikalen nicht ernst genommen werden, insbesondere der Kampf 
gegen rassistische, faschistische, patriarchale und religiös-fundamentalistische Tendenzen 
innerhalb von migrantischen Communities. Hier spielen Rassismus und Eurozentrismus ebenso 
eine Rolle wie verinnerlichte Gefühle der Überlegenheit innerhalb der weiß-deutschen 
radikalen Linken.

Durch die genannten Faktoren blieben und bleiben die Gruppen letztlich voneinander 
getrennt und durch fehlende Berührungspunkte werden die gegenseitige Unkenntnis und die 
jeweiligen Vorurteile aufrechterhalten bzw. verstärkt.

Eine revolutionäre Organisation von radikalen Linken muss den Kontakt zu allen in der BRD 
lebenden Linken suchen und aufbauen, um sich gemeinsam zu organisieren. Die Erfahrungen 
aus anderen Kämpfen und das Wissen über die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen 
an unterschiedlichen Orten fließen so in die Analyse der hiesigen Verhältnisse mit ein und 
stärken eine internationalistische Perspektive. Durch die gemeinsame Organisierung 
existiert zudem ein direkter Zugang zu und Kenntnis über den migrantischen Teil der 
bundesdeutschen Bevölkerung, der ein wichtiges Potential für soziale Veränderung 
darstellt. Darüber hinaus wird dadurch auch verhindert, dass Unterdrückungsformen in 
Teilen der Bevölkerung nicht ernst genommen oder ausgeklammert werden. Denn 
nationalistische, rassistische und rechte Tendenzen nehmen in der Bundesrepublik nicht nur 
innerhalb der weiß-deutschen Bevölkerung zu, sondern auch innerhalb von migrantischen 
Communities, ebenso wie islamistische Tendenzen im Rahmen der Ausbreitung des politischen 
Islam. Beide Tendenzen sind sowohl miteinander verwoben (z.B. Faschist_innen aus der BRD 
und der Türkei, die in vielen grundsätzlichen Themen übereinstimmen) als auch verstärken 
sie sich gegenseitig (Erfahrungen von Rassismus und Ausschluss fördern nationalistische 
und islamistische Tendenzen unter Migrant_innen und islamistische und nationalistische 
Tendenzen unter Migrant_innen stärken ihrerseits rechte Strömungen innerhalb der 
weiß-deutschen
Bevölkerung).

Gleichzeitig heißt Internationalismus klassischerweise auch den Kontakt zu revolutionären 
Gruppen weltweit zu suchen, deren Kämpfe zu unterstützen, von ihren Erfahrungen zu lernen 
und in Austausch auf Augenhöhe zu treten. Internationale Solidarität bedeutet für uns, die 
tatsächliche Auseinandersetzung zu suchen, eigene Kritik zu äußern, Fragen zu stellen und 
zu diskutieren. Dabei spielen Genoss_innen, die verschiedene Sprachen sprechen und in 
verschiedenen Debatten stehen eine wichtige Rolle. An ihnen ist es, Texte und 
Debattenbeiträge zu übersetzen und so das Zusammenwachsen und den Austausch von 
unterschiedlichen Bewegungen und Diskussionen zu ermöglichen. Gleichzeitig ist 
längerfristig die Frage zu diskutieren, wie die Zusammenarbeit unter verschiedenen 
revolutionären Gruppen und Organisationen über nationale Grenzen hinweg und über einen 
gegenseitigen Austausch hinaus aussehen und funktionieren kann.
These 4 - Neuausrichtung linksradikaler Politik

Seit dem Niedergang linker Bewegungen in den 90er Jahren und dem zunehmend offen zutage 
tretenden Nationalismus und Rassismus in der bundesdeutschen Gesellschaft haben sich große 
Teile der Linksradikalen von einer Politik der tatsächlichen, radikalen gesellschaftlichen 
Veränderung von unten verabschiedet. Infolgedessen haben Linksradikale auch ihre Rolle im 
Prozess der Stärkung gesellschaftlicher Organisierung von unten vernachlässigt. Diese 
Vernachlässigung spiegelt sich sowohl in der Art und Weise linksradikaler Organisierung 
als auch in den dominanten politischen Ansätzen wider. Während wir verbal radikal, 
antikapitalistisch und militant unsere Ablehnung gegen das System auf die Straße tragen, 
ist die Frage, mit welchen konkreten politischen Methoden und Strategien eine Überwindung 
der kapitalistischen und staatlichen Strukturen erreicht werden kann und wer die Subjekte 
dieser Veränderung sind, aus dem Fokus verschwunden. Dabei sind es genau diese Fragen, an 
der sich linksradikale Politik ausschließlich orientieren und messen muss, so sie sich 
denn als revolutionär begreift.

Infolge dieser Entwicklungen sind politische Ansätze ins Zentrum linksradikaler Politik 
gerückt, die auf abstrakter politischer Ebene ansetzen und sich in einzelnen, gespalteten 
Teilbereichs – und Abwehrkämpfen zerreiben, Einpunktbewegungen und Gipfelmobilisierungen 
favorisieren und als zentrale Methode Kampagnenpolitik betrachten. Während sich einzelne 
Gruppen in reine Theoriearbeit flüchten, hechtet ein Großteil der Linksradikalen von einer 
Aktion und Kampagne zur nächsten, von einem Großevent zum anderen – ohne dabei wesentlich 
zu wachsen und ohne dabei über eine nennenswerte soziale Verankerung zu verfügen. Immer 
sind wir zu wenige, immer sind wir überarbeitet, immer kurz vor dem Burnout. Dabei 
schaffen wir es durchaus ziemlich gut mit nur wenigen Leuten zu den unterschiedlichsten 
Teilbereichsthemen immer professionalisiertere Kampagnen und Veranstaltungen zu 
organisieren, mit denen wir mal besser mal schlechter in den gesellschaftlichen und 
medialen Diskurs eingreifen. Der Fokus liegt dabei jedoch auf Diskurskämpfen, die 
vorwiegend nur auf medialer Ebene oder unter Intellektuellen geführt werden und sich nicht 
aus einer gesellschaftlichen Praxis entwickeln und verbreiten15. Dieser politische Ansatz 
kann unserer Meinung nach der Hegemonie der herrschenden Ideologie jedoch nicht begegnen, 
weil es fast keinen Kontakt zwischen der politischen Praxis und der Basis der Gesellschaft 
gibt.

Zudem arbeitet sich die Linksradikale mit ihren Aktionen und Kampagnen an den immer neuen 
staatlichen Angriffen ab, sei es TTIP, die Asylgesetzgebung, Klimapolitik oder 
Sicherheitsgesetze. Neue Gesetzesvorhaben werden durch neue Aktionen und Kampagnen 
beantwortet, so dass linksradikale Politik fast ausschließlich eine Reaktion auf 
staatliche Politik bleibt bzw. dieser hinterher hinkt. Während wir denken gegen den Staat 
zu kämpfen, bleiben unsere Kämpfe in dem vom Staat vorgegebenen Rahmen und es entstehen 
keine eigenen Strukturen, Strategien, Perspektiven und alltägliche Praxen.

Auch diejenigen linksradikalen Gruppen und Organisationen, die eine Verankerung in der 
Gesellschaft für notwendig erachten, setzen dabei meist auf sozialdemokratische 
Politikansätze. Durch Bündnisse mit gesellschaftlichen Repräsentant_innen (mit 
Gewerkschaften, kirchlichen Organisationen, NGOs, Parteien, Vereinen und Verbänden) soll 
deren vermeintlicher Einfluss genutzt werden um die eigenen politischen Inhalte zu 
verbreiten. Dabei werden Bündnisse mit gesellschaftlichen Repräsentant_innen als Ersatz 
für eine echte Organisierung und einen Kampf von unten angesehen. Die Überzeugung, 
Gesellschaftsveränderung könne über demokratische Teilhabe innerhalb des Staates und der 
Zivilgesellschaft erzielt werden, reicht weit in linksradikale politische Ansätze hinein. 
Als Ursachen hierfür sehen wir u.a. das Misstrauen gegenüber der Bevölkerung und ihrem 
Potential zur Selbstorganisierung und Selbstbestimmung sowie die der Bewegungsstarre 
folgende Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit. Entsprechend hoch ist die Zahl der 
linksradikalen Aktivist_innen, die in staatlichen oder politischen Institutionen arbeiten 
(als Jugendgewerkschaftssekretär_in, wissenschaftliche Mitarbeiter_in der bürgerlichen 
Parteien, in Flüchtlingsunterkünften, NGOs, staatlich finanzierten Initiativen oder sogar 
staatlichen Behörden). Historisch betrachtet sind ganze Bewegungen auf diese Weise in den 
Institutionen assimiliert worden und dadurch verschwunden, wie z.B. weite Teile der 
Frauenbewegung der 80er Jahre oder die grüne Bewegung in der Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Reformistische und linksliberale Politikansätze sind unserer Meinung nach eines der 
größten Hindernisse und Gefahren für die Entwicklung und das Fortbestehen von 
revolutionären Bewegungen. Allein die Analyse der Rolle der Sozialdemokratie16 in der 
Bundesrepublik seit den 1900er Jahren reicht aus, um diese Einschätzung zu unterstreichen. 
Die Geschichte zeigt, dass die Sozialdemokratie sowohl institutionell als auch ideologisch 
zur Spaltung der Arbeiterklasse sowie der Spaltung der Linken diente. Ähnlich lässt sich 
die Geschichte der reformistischen Gewerkschaften in der BRD bis heute auswerten. An 
zahlreichen Beispielen wird deutlich, wie diese Gewerkschaften zur (nationalistischen und 
inneren) Spaltung der Lohnabhängigen beigetragen, die Radikalisierung und Ausweitung von 
Arbeitskämpfen verhindert17, sich in Bündnissen (z.B. Anti-Nazi-Bündnissen) im Nachhinein 
von linksradikalen Kräften distanziert und diese „fallen gelassen“ haben etc. Aber auch 
eine Analyse des Scheiterns der sozialen Aufstände an verschiedenen Orten weltweit zeigt 
die spalterische und konterrevolutionäre Rolle, die reformistische Kräfte spielten 
(innerhalb der Anti-Austeritätsbewegung in Griechenland, 15M in Spanien, die Aufstände des 
„arabischen Frühling“, grüne Bewegung im Iran etc.). Dennoch wird von einigen 
linksradikalen Gruppen immer noch eine Zusammenarbeit mit reformistischen Gewerkschaften 
etc. als strategisch sinnvoll angestrebt und der Arbeit an der Basis der Gesellschaft 
vorgezogen.

Auch die Überzeugung, „linke“ Parteien könnten im Rahmen der parlamentarischen Demokratie 
echte Veränderungen herbeiführen oder Teil einer Gesamtstrategie der 
Gesellschaftsveränderung sein, findet sich in einigen Teilen der radikalen Linken. Diese 
Hoffnung auf den Erfolg „linker“ Parteien hat sich in der Vergangenheit nicht nur immer 
wieder als falsch heraus gestellt (wie zuletzt in Griechenland und Spanien) sondern fatale 
Auswirkungen auf die realen Bewegungen von unten gehabt. Diese haben sich in der 
Konzentration auf Wahlkämpfe komplett aufgerieben und sind in ihrer Stärke verschwunden. 
(z.B. Aktivist_innen der 15M Bewegung in Podemos, türkische und kurdische Linke im 
Wahlkampf für die HDP, die Proteste der griechischen Bevölkerung in Syriza). Gleichzeitig 
ziehen „linke“ Parteien die Hoffnung in der Bevölkerung auf sich und führen dazu, dass den 
eigenen Kämpfen die Basis entzogen wird. Wenn diese Hoffnungen enttäuscht werden, ist dies 
eine Niederlage, die nachhaltige Auswirkungen hat.

Nach dem bisher Gesagten, lässt sich feststellen, dass die unterschiedlichen politischen 
Ansätze der radikalen Linken – militante Aktionen, Bündnisse mit gesellschaftlichen 
Akteuren, Kampagnen etc. – eines gemeinsam haben: sie spiegeln die grundlegende 
Perspektivlosigkeit und die Erfahrungen der Niederlage der linken Bewegung wider. Zudem 
fehlt ihnen eine tatsächliche revolutionäre Strategie und Perspektive von unten.

Was wollen wir?

Wir sind der Meinung es braucht eine grundsätzliche, tiefgreifende Veränderung und 
Neuausrichtung linksradikaler Politik. Wir denken, die zentrale Aufgabe linksradikaler 
Politik ist es, selbstorganisierte Strukturen an der Basis der Gesellschaft zu schaffen 
und zu stärken, die im Alltag der Menschen verankert sind, über einzelne Kämpfe hinaus 
reichen und auf das verweisen, was wir in Zukunft anstreben. Denn eine tatsächliche 
Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen und damit die Überwindung des 
kapitalistischen Systems und Staates kann nur dann stattfinden, wenn Menschen überhaupt 
erst einmal wieder die Erfahrung mit Selbstorganisierung und darin mit Selbstwirksamkeit 
und Solidarität machen. Insbesondere in der Bundesrepublik ist der bürgerliche Staat tief 
verwurzelt. Er durchdringt fast alle Bereiche der Gesellschaft und regelt fast alle 
zwischenmenschlichen Beziehungen. Entsprechend groß ist die Obrigkeitsgläubigkeit, während 
es kaum eine Vorstellung darüber gibt, wie sich eine Gesellschaft ohne zentrale staatliche 
Kontrolle und Regulierung selbst organisieren kann.

Wir müssen also Strukturen stärken und aufbauen, in denen wir als Gesellschaft lernen, wie 
wir unser Leben ohne Vermittlung des Staates selbst organisieren und Probleme in unserem 
Alltag eigenständig miteinander aushandeln können. Dadurch wirken wir nicht nur der 
zunehmenden Entpolitisierung der Gesellschaft entgegen, sondern auch dem tief verwurzelten 
Glauben, Menschen müssten kontrolliert und regiert werden. Zudem können von solchen 
Strukturen ausgehend solidarische Kämpfe in den unterschiedlichen Bereichen unseres 
Alltages entwickelt und geführt werden (gegen Angriffe auf der Arbeit, gegen Unterdrückung 
auf dem Amt, gegen Zwangsräumungen etc.) . Wir müssen Orte schaffen, an denen die 
kapitalistischen und nationalistischen Werte, Normen, Denkweisen und Strukturen infrage 
gestellt und verändert werden können. Orte, an denen neue Erfahrungen möglich sind. Orte, 
an denen sich emanzipative Werte und Denkweisen herausbilden können. Der Aufbau von 
selbstorganisierten Strukturen ermöglicht in diesem Sinne eine echte, unmittelbare 
emanzipative Veränderung und Verbesserung des eigenen Lebens und nicht nur eine 
Veränderung auf abstrakter politischer Ebene.

Selbstorganisierte solidarische Strukturen können uns zudem dabei helfen, uns kollektiv 
gegen Angriffe der kapitalistischen Verhältnisse zumindest teilweise zu schützen. Sie 
schaffen gleichzeitig die Voraussetzung, dass die Unterdrückten kritische Denkweisen 
gegenüber den herrschenden Verhältnissen des Kapitalismus entwickeln können. In Zeiten von 
Massenprotesten, Aufständen sowie Phasen staatlichen Umbruchs können bereits verankerte 
selbstorganisierte Strukturen zum anderen eine wichtige Funktion für einen revolutionären 
Prozess erfüllen.

Den Aufbau von selbstorganisierten Strukturen halten wir letztlich überall dort für 
sinnvoll und notwendig, wo sich unser Alltag vollzieht. Offenkundige Felder sind 
Erwerbstätigkeit (Betrieb, Ämter), Wohnen (Haus, Straße, Stadtteil), Reproduktion 
(insbesondere Kinder und Pflege) sowie Lebensgrundlagen (solidarische Netzwerke, 
Lebensmittelproduktion, Gesundheit) etc. Da viele Lohnabhängige vor allem im prekären 
Niedriglohnbereich keine festen Arbeitsplätze mehr haben, sondern häufig den Betrieb 
wechseln und dadurch vereinzelt sind, werden die Bedingungen für Selbstorganisierung und 
Entwicklung von Kämpfen hier zunehmend schwieriger. Vor diesem Hintergrund spielt der 
Aufbau von selbstorganisierten Strukturen in Stadtteilen eine besondere Rolle. Diese 
können dann Ausgangspunkt von Kämpfen auch in anderen Bereichen werden.

Wenn wir vom Aufbau selbstorganisierter Strukturen in allen Bereichen des Alltages 
sprechen, dann stellt sich die Frage, wer als Subjekt dieser Organisierung zu sehen ist. 
Wir sind der Ansicht, dass es kein revolutionäres Subjekt per se oder die Klasse für sich 
gibt. Dennoch sind wir der Ansicht, dass wir für eine politische Strategie der 
Gesellschaftsveränderung eine Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und ihrer 
Widersprüche brauchen, um daraus abzuleiten, wo diejenigen Kräfte und Potentiale sind, die 
ein eigenständiges materielles Interesse und eine existentielle Motivation an 
gesellschaftlicher Veränderung haben. Dadurch ergeben sich für uns Schwerpunkte, wo wir 
die meisten Chancen sehen zu intervenieren und zu kämpfen (siehe dazu These 3). 
Gleichzeitig bedeutet die Tatsache, dass es kein revolutionäres Subjekt an sich gibt, dass 
das Bewusstsein für die eigene Lage, ein Verständnis über den Zusammenhang der eigenen 
Situation mit grundlegenden Strukturen sowie das Begreifen der Gemeinsamkeit der eigenen 
Situation mit der Situation anderer, in gemeinsamen Kämpfen und Prozessen erst aktiv 
entwickelt werden muss. „Erst wenn der Widerspruch zwischen den eigenen Interessen und 
Bedürfnissen und denen des Kapitals von den Kämpfenden auf die gesellschaftliche Totalität 
bezogen wird […], das heißt die eigene Position innerhalb dieser verortet wird, 
konstituieren sich potenzielle Träger*innen“18 einer sozialen und politischen Revolution.

Beim Aufbau der langfristigen Strukturen müssen wir völlig neu beginnen und können kaum 
auf etwas Bestehendes zurückgreifen. In die Gesellschaft hinein wirken, heißt für uns 
nicht, Bündnisse mit deren Vertreter _innen zu bilden, sondern Strukturen zu schaffen, in 
denen sich Menschen als Subjekte selbst organisieren. Das bedeutet für uns, wir müssen 
raus aus dem Gewohnten, raus aus der Szene und uns vor allem dort aufhalten, wo unser 
Alltag stattfindet. Gleichzeitig müssen wir selbst unseren eigenen Alltag – unsere eigenen 
Arbeits- und Lebensbedingungen – wieder als politisch begreifen und in unseren Kampf 
integrieren. Dabei sehen wir die Aufgabe von radikalen Linken nicht darauf beschränkt, 
Politik der ersten Person zu betreiben, sondern es geht auch darum in Kämpfe zu 
intervenieren und aktiv den Aufbau von Strukturen voranzutreiben. Diese Arbeit ist 
anstrengend, kleinteilig, braucht Geduld und wird vielleicht nicht direkt sichtbare 
Ergebnisse bringen. Aber Ereignisse wie in Rojava oder Spanien zeigen uns, dass 
gesellschaftliche Umbrüche nicht vom Himmel fallen, sondern die Folge jahrzehntelanger 
Arbeit revolutionärer Organisationen an der Basis der Gesellschaft sind.

Wenn wir selbstorganisierte Strukturen z.B. in Stadtteilen oder im Arbeitsbereich aufbauen 
und dort Kämpfe führen, werden wir allen möglichen Schwierigkeiten begegnen. Dazu gehört 
v.a. auch die Gefahr, dass Proteste und selbstorganisierte Strukturen über die 
vielfältigen Formen der Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung in den staatlichen Apparat 
eingebunden werden (z.B. Bürgerbeteiligungsverfahren, runde Tische, Mediationsverfahren, 
Stadtteilbeiräte, Mitbestimmung am Arbeitsplatz) oder sich auf sozialdemokratische Formen 
des Protestes beschränken oder beschränkt werden (wie z.B. durch Gewerkschaften, NGOs, 
zivilgesellschaftliche Institutionen). Vor dem Hintergrund der o.g. Erfahrungen und 
Analysen lehnen wir eine Zusammenarbeit mit reformistischen Gewerkschaften und „linken“ 
Parteien als grundlegende Strategie linksradikaler Politik ab. Vielmehr müssen wir die 
historischen und gegenwärtigen Erfahrungen auswerten und die Frage diskutieren, wie 
revolutionäre Ideen und kollektive Ansätze der Selbstorganisierung gegen 
sozialdemokratische Ideen aufgebaut und verteidigt werden können. Hier schließen sich 
weitere Fragestellungen an: Wodurch entwickeln Menschen das Bewusstsein, ihre 
Alltagsprobleme in einem größeren Kontext zu betrachten, mit den Problemen anderer in 
Verbindung zu setzen und eine gesamtgesellschaftliche Analyse und Perspektive zu 
entwickeln? Wie kann es gelingen mit Menschen über lokale Themen hinaus Verbindung zu 
schaffen? Was heißt echte Veränderung? Wie können wir soziale Bewegungen von unten stärken 
und radikalisieren? Wie kann eine Politisierung von Alltagsproblemen (Arbeitsverhältnisse, 
Hartz IV, Mieten, Erziehung und Pflege etc.) gelingen? Wie kann das Abdriften in 
Sozialarbeit vermieden oder das völlige Aufgehen linksradikaler Strukturen und Kräfte in 
individuelle Unterstützung verhindert werden (siehe Flüchtlingsproteste)? Wie kann der 
Aufbau einer Kultur der Selbstorganisation in der BRD aussehen? Was sind mögliche 
Schwierigkeiten? Wie gehen wir mit den staatsnahen Formen des Sozialmanagements in den 
Stadtteilen und der Idee der Zivilgesellschaft bzw. entpolitisierten Hilfspolitik um? All 
diese Fragen bedürfen einer kontinuierlichen Analyse und Diskussion.

Das bisher Gesagte bedeutet nicht, dass wir die jetzigen politischen Ansätze wie 
Kampagnenpolitik und punktuelle Interventionen grundsätzlich ablehnen. Vielmehr sollten 
wir solche Mittel als eine unter vielen Taktiken zur Umsetzung der oben genannten 
Strategie nutzen.
These 5 - Das Leben mit einbeziehen

In einigen der veröffentlichten Texten wird als eine der wesentlichen Strategien zur 
Gesellschaftsveränderung der Aufbau und die Vernetzung von linksradikalen, 
selbstorganisierten kollektiven Strukturen benannt. Wir haben an dieser Strategie einige 
Zweifel. Wir teilen die (darin immanente) Kritik, dass viele der Aktivist_innen der 
radikalen Linken zwischen politischer Arbeit auf der einen und eigenen Arbeits- und 
Lebensbedingungen auf der anderen Seite trennen und sich selbst nicht als politisches 
Subjekt betrachten. Entsprechend finden wir die Forderung richtig, die eigene 
Lebensrealität als politisch zu begreifen und uns darin zu organisieren. Ein großer Teil 
der linksradikalen Szene interpretiert diese Erkenntnis jedoch ausschließlich als 
Aufforderung, „eigene“ selbstverwaltete Räume, Projekte, Kollektive zu gründen und 
auszubauen. Entsprechend viele sind in Haus- und Projektgruppen aktiv.

Wenn wir vom Aufbau selbstorganisierter Strukturen sprechen, dann meinen wir damit aber 
nicht primär den Aufbau selbstverwalteter linker Szeneorte und -projekte. Wir halten 
kollektive selbstverwaltete Formen des Wohnens und Arbeitens für eine legitime Form 
gemeinschaftlicher Lebensgestaltung im Kapitalismus, die einerseits mehr Selbstbestimmung 
und Unabhängigkeit im individuellen Alltag und andererseits wichtige Erfahrungen mit 
Selbstverwaltung ermöglichen. Entsprechend gehören bestehende selbstverwaltete 
linksradikale Projekte für uns zu einer Tradition, die es zu unterstützen und verteidigen 
gilt und von deren Erfahrungen wir viel lernen können.

Wir teilen jedoch nicht die Ansicht, durch eine Organisierung und Ausweitung bestehender 
linker selbstverwalteter Orte könne eine gesamtgesellschaftliche Perspektive aufgezeigt 
werden. Dafür entsprechen viele der linken selbstverwalteten Projekte zu sehr 
ausschließlich den Lebensvorstellungen und Bedürfnissen einer relativ kleinen Gruppe 
linksradikal sozialisierter Menschen und sind nicht anschlussfähig an eine breitere 
Öffentlichkeit. Sie laufen dadurch automatisch Gefahr isolierte Inseln im Kapitalismus zu 
bleiben, im schlechtesten Fall entpolitisiert als Inseln des „Schöner Wohnens“ oder 
Ausdruck eines linksradikalen lifestyles. Gleichzeitig benötigt der Aufbau und Betrieb von 
eigenen, eher szenefokussierten Zentren, Wohnprojekten etc. häufig viel Zeit und 
Arbeitskapazität. Dadurch werden Kräfte von gesellschaftlichen und politischen Kämpfen 
abgezogen und der Fokus einer gesamtgesellschaftlichen Strategie geht verloren.

Wir sehen ein gesellschaftsveränderndes Potential selbstorganisierter Strukturen vielmehr 
eher dort, wo unter Mieter_innen eines Wohnblocks, Anwohner_innen eines Straßenzuges oder 
der Belegschaft eines Betriebes solidarische Strukturen gegenseitiger Hilfe und 
selbstorganisierte Kämpfe entstehen. Strukturen, die für die Bevölkerung offen sind, wie 
z.B. politisch-kulturelle/soziale Zentren etc. Diese Strukturen dürfen kein Ausdruck 
subkultureller Identität sein, sondern müssen sich an den existentiellen Bedürfnissen der 
Betroffenen orientieren.

Wir schließen uns deshalb der im Text von lower class magazine benannten Notwendigkeit an, 
dass wir die von uns anvisierten selbstorganisierten Strukturen und Orte immer wieder auf 
ihre „Breschenhaftigkeit“19 überprüfen müssen. Wir müssen herausarbeiten, welche Faktoren 
selbstorganisierte Strukturen zu widerständigen Stützen machen und wodurch sie sich auf 
der anderen Seite entpolitisieren.
These 6 - Raus aus der Subkultur

Wir haben in den letzten Thesen ausgeführt, dass im Zentrum linksradikaler Politik die 
Stärkung von gesellschaftlichen Organisierungsprozessen und Kämpfen von unten stehen muss. 
Eine wesentliche Voraussetzung hierfür ist, die bestehende Spaltung zwischen 
linksradikaler Bewegung und Gesellschaft aufzuheben.

Diese Spaltung wird in der Bundesrepublik im Wesentlichen durch eine linksradikale Politik 
hervorgerufen, die sich durch subkulturelle Zugehörigkeit, politische Selbstbezogenheit 
auf die eigene „Szene“ und (bewusste oder unbewusste) Abgrenzung von der 
Mehrheitsgesellschaft auszeichnet. Schon für politisch interessierte Menschen ist es nicht 
einfach, mit „der Szene“ in Kontakt zu kommen und es braucht einige Anstrengung um von 
dieser akzeptiert zu werden. Viele von uns haben diese Erfahrungen in der Vergangenheit 
selbst gemacht. Für breitere Kreise bleibt die Szenepolitik nicht greifbar, unrelevant und 
unattraktiv. Dies liegt u.a. auch daran, dass Zugehörigkeit nicht in erster Linie über 
gemeinsame politische Positionen und Zielsetzungen hergestellt wird, sondern vielfach über 
typische Kriterien einer Subkultur, wie kulturelle und sprachliche Codes, Kleidungsstile, 
Verhaltensnormen etc. Die politische und subkulturelle Einigelung ist einer der Faktoren, 
warum linksradikale Politik weitgehend marginal und gesellschaftlich irrelevant bleibt.

Obwohl durch einzelne Zusammenhänge schon seit Jahrzehnten immer wieder eine 
Auseinandersetzung mit der Verschlossenheit und Selbstfokussierung der Szene eingefordert 
wird, hat sich daran bis heute nichts grundlegend verändert. Auch innerhalb der Szene 
werden die ausgrenzenden und elitären Mechanismen regelmäßig beklagt (siehe These 7). Die 
Trennung zwischen Gesellschaft und linksradikaler Szene scheint also keineswegs durchweg 
erwünscht zu sein. Wenn sich trotzdem seit Jahrzehnten an diesem Paradox so wenig rütteln 
lässt, stellt sich die Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass die Trennung zwischen 
Gesellschaft und Linksradikalen aufrechterhalten bleibt.

Linksradikale Subkultur als Wert an sich

Nach wie vor sind es hauptsächlich junge Menschen, die den Weg in die linksradikale Szene 
suchen. Eine wichtige Motivation ist für sie nicht allein die Ablehnung gesellschaftlicher 
Unterdrückungsmechanismen sondern vor allem auch die Ablehnung vorherrschender kultureller 
Denk- und Verhaltensweisen. Die Entwicklung und Ausgestaltung linksradikaler Subkultur 
spielt vor diesem Hintergrund eine wichtige Rolle. Durch die Identifikation mit der 
politischen „Szene“ wird das Gefühl von Zugehörigkeit erzeugt und die eigene Ohnmacht und 
Einsamkeit verringert. Darüber hinaus bieten linksradikale Räume trotz der engen 
Konventionen, die in ihnen gelten, einen vergleichsweise geschützten Rahmen um gewisse 
Persönlichkeitsaspekte zu entwickeln und auszuleben, die gesellschaftlich stigmatisiert 
sind (Umgang mit der eigenen Genderrolle, sexuelle Orientierung etc.).

Diese Faktoren haben zur Folge, dass die linksradikale „Szene“ für diejenigen, die sich 
ihr zugehörig fühlen, vor allem eine soziale und emotionale Bedeutung hat. Der genannte 
subjektive Vorteil des Szenelebens besteht erst einmal unabhängig von ihrer 
gesellschaftspolitischen Relevanz. Dadurch drängt sich die Notwendigkeit einer 
gesellschaftlichen Auseinandersetzung nicht unmittelbar auf, denn das Szenedasein lässt 
sich als Rückzug in eine gesellschaftliche Nischenexistenz leben, als eine Art 
Aussteiger_innentum. Damit wird der Erhalt der Subkultur zum Wert an sich.

Durch die Sozialisierung in linksradikalen Strukturen wird zudem die Illusion geschaffen, 
linke Orte stünden außerhalb der gesellschaftlichen Einflüsse bzw. ihrer 
Entstehungsbedingungen (z.B. zunehmende kapitalistische, sexistische, rassistische, 
nationalistische, faschistische Tendenzen etc.) Diese Selbstwahrnehmung befördert die 
Trennung zwischen linksradikaler Szene und Gesellschaft und bringt ein elitäres 
Bewusstsein hervor. Darin wird die eigene Szene zum Hort von Aufklärung und Emanzipation 
stilisiert, während die Gesellschaft „da draußen“ als Inbegriff des reaktionären 
Niedergangs erscheint.

Die fehlende Offenheit linksradikaler Strukturen hat sicherlich auch mit der Angst vor 
Überwachung und Spitzeln zu tun, die nach den zahlreichen Enttarnungen von Spitzeln in der 
letzten Zeit nicht völlig unbegründet ist. Dennoch wird häufig eine Konspirativität und 
Verschlossenheit an den Tag gelegt, die in keinerweise der Militanz der politischen Praxen 
entspricht. Wir denken, es ist wichtig, das Niveau der Konspirativität an die Art der 
politischen Praxen anzupassen. Wenn wir selbstorganisierte Strukturen im Stadtteil 
aufbauen oder in breitere soziale Kämpfe intervenieren wollen, ist es fatal, wenn jede und 
jeder Unbekannte in unseren Strukturen kritisch gemustert, ignoriert oder ungefragt zum 
Gehen aufgefordert wird. Gleichzeitig ist der Umgang mit konkreten Verdachtsmomenten in 
organisierten Strukturen einfacher, weil es konkrete Methoden und Verantwortlichkeiten 
gibt, wie entsprechende Personen überprüft werden können.

Für die Reproduktion der linksradikalen Szene als isolierter, von der Gesellschaft 
getrennter Subkultur spielen aber auch psychosoziale Faktoren eine Rolle. Das Unvermögen 
und die Unbeholfenheit vieler Linksradikaler im Kontakt mit der breiteren Bevölkerung sind 
auch Ausdruck von Ängsten, Unsicherheiten, Vereinsamung, Scham, Schüchternheit, 
Unbeholfenheit, fehlender Erfahrung und Vermeidung. Auch fehlt häufig die Fähigkeit, mit 
Andersdenkenden auf Augenhöhe in Kontakt zu treten, zu kommunizieren und mit Widersprüchen 
umzugehen. Dies spiegelt neben individuellen, lebensgeschichtlichen Erfahrungen auch die 
gesamtgesellschaftlichen Bedingungen wider, in denen die Entwicklung einer respektvollen 
und konstruktiven Streitkultur zwischen Gleichgestellten sowie die Fähigkeit, Menschen auf 
Augenhöhe zu begegnen, nur selten gelehrt und gestärkt werden.

Während andernorts linksradikale Zusammenhänge versuchen, derartigen Schwächen durch 
kollektive Reflexion, Bildung und Auseinandersetzung zu begegnen, wird dies in der 
hiesigen Szene völlig vernachlässigt oder den einzelnen selbst überlassen. Auch darin 
zeigt sich wohl der geringe Stellenwert, welcher der Gesellschaftsveränderung innerhalb 
linksradikaler Politik hier beigemessen wird.

Die psychosozialen Gründe, die das Heraustreten aus der gemütlichen Szene verhindern oder 
erschweren, werden häufig nicht als Problem erkannt oder benannt und können dadurch nicht 
überwunden werden.

Was wollen wir?

Revolutionäre Kämpfe und Umwälzungen können der Gesellschaft nicht von einzelnen 
politischen Gruppierungen oder Führer_innen aufgezwungen werden. Diese können nur 
erfolgreich sein, wenn sie Ausdruck einer breiten gesellschaftlichen Bewegung sind.

Entsprechend kann revolutionäre Politik nichts anderes bedeuten, als sich innerhalb der 
Gesellschaft zu bewegen, den Kontakt zur Bevölkerung zu suchen und sich auch auf die 
Widersprüche einzulassen, die wir dort vorfinden. Hierfür ist es notwendig die 
Selbstisolierung und subkulturelle Ausrichtung linksradikaler Politik hinter sich zu 
lassen, sich als Teil der Gesellschaft zu verorten und mit Menschen beständig in einen 
„geduldigen Dialog20“ zu treten.

Wir sind der Ansicht, es bedarf eines bewussten Lernprozesses, um sich die Fähigkeit 
anzueignen bzw. weiter zu entwickeln, andersdenkenden Menschen auf Augenhöhe zu begegnen 
und eigene Analysen und Standpunkte verständlich zu vermitteln. Das erfordert Prozesse auf 
zwei Ebenen: Zum einen die Auseinandersetzung mit eigenen Ängsten und Unsicherheiten und 
zum anderen die Diskussion der Frage, wie revolutionäre Inhalte so vermittelt werden 
können, dass sie als relevant betrachtet und empfunden werden.

Das Heraustreten aus den gewohnten Kreisen und der Geborgenheit einer uns ständig 
bestätigenden Kultur ist bei einigen mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Der 
politische Prozess muss entsprechend einen Raum für die Auseinandersetzung mit uns selbst 
und die Entwicklung unserer eigenen Persönlichkeit schaffen, so dass wir lernen uns freier 
in der Gesellschaft zu bewegen. Das geht wie alle Selbstveränderung am besten, wenn wir 
nicht auf uns allein gestellt sind, sondern Erfahrungen gemeinsam machen und auswerten 
können, gemeinsam verschiedene Vorschläge erproben etc. Gleichzeitig ist eine der 
Voraussetzungen, dass wir in diesen gemeinsamen Kreisen eine Atmosphäre schaffen, in der 
wir offen und ehrlich, ohne Angst vor Statusverlust, Spott etc., Unsicherheiten, Ängste 
und (Selbst-)Kritik äußern können (siehe dazu auch These 7).

Der zweite Aspekt beinhaltet die Frage, wie kritische Analysen und revolutionäre Ideen in 
einer Form zum Ausdruck gebracht werden können, die für andere nachvollziehbar, relevant 
und verständlich ist. Damit ist nicht gemeint, sich Methoden anzueignen, um die 
Aufmerksamkeit anderer zu fesseln und attraktiv zu erscheinen (i.S. psychologischer 
Manipulation).
Vielmehr bedarf es Begegnungen, die das Gegenüber nicht politisch instrumentalisieren 
sondern die Auseinandersetzung auf Augenhöhe suchen und ehrliches Interesse am Gegenüber 
beinhalten. Das schließt Bereitschaft zur Selbstveränderung ebenso mit ein wie die 
Anerkennung, dass es bereichernde Erfahrungen in den verschiedensten Lebensweisen geben 
kann. Gleichzeitig heißt dies auch, zu lernen, Widersprüche in Gesprächen auszuhalten und 
zu begegnen und nicht beim ersten unaufklärerischen Gedanken des Gegenübers das Gespräch 
zu beenden.

Wenn wir davon sprechen, kommunikationsfähig zu werden, dann meinen wir damit weder, die 
eigene Position ohne Grund aufzugeben, noch „mehr Toleranz“ für reaktionäre Positionen zu 
entwickeln. Ebenso geht es uns nicht darum, eine radikale Analyse aus strategischen 
Gründen zu verstecken.
These 7 - Revolutionäre Kultur anstatt neoliberale Werte

Obwohl wir uns gerne von den in der Mehrheitsgesellschaft vorherrschenden Werten und 
Umgangsformen abgrenzen, sieht die Realität in unseren eigenen Strukturen nicht sehr viel 
anders aus. Eine revolutionäre Kultur, die auf das verweist, was wir politisch vertreten 
und fordern, ist auch in unseren Strukturen nicht zugegen. Vielmehr sind Coolness, 
Distanziertheit, Abwehr, gegenseitige Abgrenzung, Leistungs- und Konkurrenzdenken, 
Konfliktunfähigkeit und das Messen um die radikalsten Ideen und das militanteste Auftreten 
weit verbreitet. Diese Verhaltensweisen spiegeln die Zurichtung der Gesellschaft durch 
neoliberale Werte im Inneren der Szene wider.

Denn das Leben in der neoliberalen Welt führt einerseits zur Prekarität in einer 
atomisierten Gesellschaft, die von ständigem Leistungszwang geprägt ist und andererseits 
zur Kommodifizierung der menschlichen Verhältnisse. Dadurch sehen und begegnen sich die 
Leute selbst und andere als Waren. Als Konsequenz fühlen sich Menschen zunehmend leer, 
austausch- und wegwerfbar. Viele Menschen – auch radikale Linke – versuchen das innerliche 
Bedürfnis nach Anerkennung individuell durch Leistung, Selbstdarstellung und Profilierung 
zu erfüllen. Aber das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung sowie das Gefühl wertvoll zu 
sein, muss durch die Schaffung einer emanzipativen Kultur im kollektiven Leben und Kampf 
gegen die o.g. Ursachen erfüllt werden. Eine Kultur, in der niemand als eine wegwerfbare 
Ware behandelt wird, sondern sich die Menschen gegenseitig gegen die Angriffe der 
kapitalistischen Prekarität unterstützen können und in der Empathie als ein Mittel zur 
gegenseitigen Anerkennung dient.

Als radikale Linke neigen wir dazu, die Einflüsse der herrschenden Normen des 
kapitalistischen Systems auf unsere Denk- und Verhaltensweisen sowie auf unsere Gefühle zu 
übersehen. Entsprechend spielt die Arbeit an uns selbst und die Entwicklung einer 
emanzipatorischen Kultur in unseren politischen Kämpfen keine Rolle spielt.

Diese Vernachlässigung hat auch Konsequenzen für den Aufbau einer revolutionären Bewegung. 
Wenn wir uns selbst nicht entwickeln, kritisieren und verändern, dann tauchen die 
zahlreichen verinnerlichten Verhaltens- und Denkweisen des Systems als Hindernisse im 
Aufbau eines revolutionären Prozesses auf. So werden z.B. individualistische und 
egoistische Verhaltensweisen einen Organisierungsprozess ebenso erschweren wie die in 
linksradikalen Kreisen und für Subkulturen typischen Verhaltensweisen, wie Behauptung der 
eigenen Position, Statusdenken, Profilierung und Selbstdarstellung, Konkurrenz, 
Elitarismus nach innen und außen etc.

Was wir wollen?

Wir streben nicht nur eine Veränderung der wirtschaftlichen und politischen Strukturen an, 
sondern begreifen Revolution auch als radikale Veränderung des individuellen und 
gesellschaftlichen Seins und damit der Art und Weise, wie wir unsere Beziehungen 
gestalten, miteinander kommunizieren und uns zu einander verhalten. Emanzipation auf 
gesellschaftlicher Ebene heißt, die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Strukturen zu 
schaffen, dass sich alle Menschen frei von Ausbeutung und Unterdrückung entfalten können, 
ihr Leben selbst bestimmen und dementsprechend selbstbestimmt an der Gestaltung des 
gesellschaftlichen Ganzen mitwirken können. Eine revolutionäre Kultur zeichnet sich aus 
durch Offenheit, respektvollen Umgang, Empathie, Interesse, echte Freiheit, Solidarität, 
Gemeinschaftlichkeit (Kollektivität), der Fähigkeit Zuhören zu können, Herzlichkeit sowie 
Humor. Das heißt, sie entsteht durch Verhaltensweisen, welche die Selbstbestimmung und 
Selbstentfaltung aller Einzelnen in der Gemeinschaft ermöglichen. Der Gradmesser für eine 
linksradikale Identität ist für uns entsprechend weder die Radikalität der vertretenen 
Theorie noch die revolutionäre Vergangenheit, sondern vor allem das tatsächliche Verhalten 
in unserem politischen, familiären oder sozialen Umfeld.

Eine revolutionäre Kultur entsteht nicht durch die pure Abwesenheit von falschen Denk- und 
Verhaltensweisen („wir sind antikapitalistisch, antirassistisch, antisexistisch etc.“). 
Vielmehr müssen die entsprechenden Alternativen aktiv geschaffen und ins Leben gerufen 
werden. Das heißt die Veränderung und Entwicklung unserer eigenen Persönlichkeit sowie die 
konkrete Verwirklichung emanzipatorischer und solidarischer Umgangsweisen in unseren 
Strukturen müssen fester Bestandteil unserer politischen Arbeit werden. Denn revolutionäre 
Politik beginnt als allererstes bei uns selbst.

Als Organisation und Bewegung müssen wir uns entsprechend auf die Suche nach kollektiven 
Methoden der Selbstveränderung begeben. Orientierungspunkte und Erfahrungen können wir 
dabei z.B. aus den Plattformen der kurdischen Bewegung ziehen, den Selbsthilfegruppen der 
autonomen Frauenbewegung sowie kollektiven Therapieansätzen.

Ob wir eine gesellschaftliche Kraft werden, hängt unserer Ansicht nach auch davon ab, 
inwiefern es uns im Hier und Jetzt bereits gelingt, eine andere Kultur des Alltagslebens 
zu schaffen und inwiefern sich Menschen in den Strukturen gesehen, willkommen geheißen und 
einbezogen fühlen. Das Erleben solch einer anderen Kultur ist das wirksamste Mittel um dem 
Glauben an die Unveränderlichkeit der Dinge entgegen zu treten und Menschen das Wissen um 
die Möglichkeit wirksamen, selbstbestimmten und gemeinschaftlichen Handelns zu vermitteln. 
Dies zeigt sich z.B. in den Erfahrungen aus Kämpfen – selbst wenn sie nicht erfolgreich 
waren – aus denen Menschen in Bezug auf die Erfahrung der Solidarität, der 
gemeinschaftlichen Selbstermächtigung etc. oft gestärkt hervorgehen.
These 8 - Wissen um Alternativen aneignen und verbreiten

Wir sind der Ansicht, dass es in der Gesellschaft nicht an Unzufriedenheit und Unmut über 
die herrschenden Verhältnisse fehlt. Der Glaube an die Glücksversprechen des Kapitalismus, 
an Wohlstand und Fortschritt sind brüchig geworden – die zerstörerische Kraft dieses 
Systems tritt an immer mehr Stellen offen zutage, sei es im wachsenden Elend und der 
zunehmenden Verarmung von immer mehr Menschen, den sich verschlechternden 
Arbeitsbedingungen (Prekarität, steigender Leistungszwang etc.), der massiven 
Umweltzerstörung als auch in der ständigen Kriegstreiberei. Jedoch verhindert die 
voranschreitende Entpolitisierung und Spaltung der Gesellschaft (z.B. durch Rassismus und 
Nationalismus), dass Menschen ihre Unzufriedenheit in Zusammenhang mit den 
gesellschaftlichen Strukturen bringen. Als zentrale Gefühle innerhalb der heutigen 
Gesellschaft nehmen wir Unsicherheit und Angst sowie Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit wahr.

Dies liegt u.a. auch daran, dass kollektive Kämpfe sowie eine gesellschaftliche 
Perspektive jenseits des kapitalistischen Systems spätestens seit dem Zusammenbruch des 
realen Sozialismus als aussichtslos erscheinen. There is no alternative hat sich als 
ideologischer Ansatz tief in unsere Köpfe und Herzen eingeschrieben. Diese Utopie- und 
Perspektivlosigkeit hat sich auch unter Linken und Linksradikalen ausgebreitet. Die 
Beschäftigung mit und die Suche nach gesellschaftlichen Perspektiven spielt in 
linksradikaler Politik fast keine Rolle. Aber wie wollen wir eine revolutionäre Politik 
betreiben und Menschen dazu bewegen, sich zu organisieren, sich zu wehren und zu kämpfen, 
wenn wir selbst keine Perspektiven haben?

Für die Perspektivlosigkeit innerhalb der Linksradikalen sind historisch-materielle 
Bedingungen ebenso wie ideologische Tendenzen verantwortlich. Einerseits ist der 
Niedergang von linken Bewegungen, (sozialistischen) Modellen und Ideen seit den 80er 
Jahren, die zum Ende der Systemkonfrontation geführt haben, als Ursache zu nennen. 
Andererseits spielt das Auftauchen und die Hegemonie von neuen Theorien, wie 
Poststrukturalismus/ Postmodernismus/ Postmarxismus eine Rolle, die sich paradoxerweise 
(ähnlich wie der Neoliberalismus) anti-ideologisch gegen große Analysen, große Denkweisen 
und allgemeine Lösungen positionieren. Durch die Dekonstruktion aller Begriffe ist das 
Gesamtbild des Systems und des revolutionären Kampfes bei den meisten Linksradikalen in 
Westeuropa verloren gegangen und wurde durch orientierungslosen Aktivismus ersetzt. 
Interessanterweise wurde die kapitalistische Logik der Arbeitsteilung, Spezialisierung und 
Professionalisierung auch in der linksradikalen politischen Szene verinnerlicht und 
übernommen. Als Folge sind nicht nur gemeinsame Kampfformen und die Notwendigkeit der 
Organisierung delegitimiert worden, sondern es wurde auch die gemeinsame Suche nach 
gesellschaftlichen Alternativen und Perspektiven vernachlässigt.

Was wollen wir?

Die Auseinandersetzung mit der Theorie und Praxis gesellschaftlicher Alternativen, 
Perspektiven und Utopien muss wieder einen zentralen Platz in unserer politischen Praxis 
einnehmen. Es gibt keine Rezepte, wie eine alternative Gesellschaft im einzelnen aussehen 
muss, sondern wir gehen davon aus, dass es an jedem Ort und in jeder Gesellschaft eine 
eigene Suchbewegung braucht. Dennoch wirken an unterschiedlichen Orten ähnliche Strukturen 
und es zeigen sich ähnliche Entwicklungen, so dass der Austausch zwischen verschiedenen 
Bewegungen und Kämpfen weltweit auch für die Entwicklung lokaler Perspektiven und Kämpfe 
wichtig ist. Bei der Entwicklung einer gesellschaftlichen Perspektive müssen wir nicht bei 
null anfangen. Es gibt viele wichtige und lehrreiche Bezugspunkte in vergangenen und 
gegenwärtigen Bewegungen sowie in Gesellschaftstheorien, die sich mit der Frage einer 
freiheitlichen Organisierung von Gesellschaft beschäftigen. Diese Ereignisse können wir 
anhand von verschiedenen Fragestellungen analysieren, sowohl im Hinblick darauf, welche 
Hinweise sie uns für alternative Formen der Organisierung von Gesellschaft liefern als 
auch im Hinblick auf Potentiale und Gefahren bei der Entstehung und Entwicklung 
revolutionärer Bewegungen. Hierfür ist es wichtig, nicht nur den Ablauf der revolutionären 
Ereignisse selbst zu analysieren, sondern auch die langfristigen Faktoren, die zur 
Entstehung der revolutionären Bewegungen beigetragen haben.

Bei der Betrachtung und Analyse vergangener Bewegungen und Ereignisse besteht jedoch auch 
die Gefahr, dass wir uns erneut in (unnötigen) ideologischen Grabenkämpfen um deren 
Auslegung oder Interpretation verstricken. Wir haben das spaltende Potential und die 
Fallstricke dieser Diskussionen in unserem eigenen Zusammenhang mehrmals erlebt. Während 
wir in den Diskussionen über konkrete Fragestellungen und Analysen sehr ähnlich denken und 
daraus unsere Stärke ziehen (im Hinblick auf konkrete Analysen aktueller 
gesellschaftlicher Entwicklungen, Diskussionen darüber, wie wir uns eine Organisation von 
Gesellschaft grundsätzlich vorstellen und welche konkreten politischen Methoden und 
Schritte wir für richtig und wichtig erachten), kamen in Diskussionen über die 
Interpretation vergangener Ereignisse immer wieder unsere unterschiedlichen ideologischen 
(marxistisch-leninistisch, marxistisch, anarchistisch und libertär kommunistisch) und 
geographischen (kapitalistische Zentren, Länder der Peripherie) Vergangenheiten als 
trennendes Moment zum Vorschein. Dabei waren es häufig bestimmte Begriffe, die bei uns 
jeweils unterschiedliche Assoziationen weckten oder die wir unterschiedlich definierten. 
Nach längeren Diskussionen zeigte sich meist, dass wir prinzipiell über dasselbe redeten, 
aber unterschiedliche Wörter und Begriffe dafür benutzen. Diese Auseinandersetzungen haben 
uns viel Energie gekostet, aber gleichzeitig waren sie auch lehrreich. Sie haben uns 
gezeigt, wie wichtig es ist, über das Konkrete zu sprechen, bei einem vermeintlichen 
Dissens nicht gleich in dogmatische Angriffs- oder Verteidigungshaltung zu wechseln, 
sondern zu versuchen, die Positionen des Gegenüber tatsächlich zu verstehen. Das bisher 
gesagte, soll nicht bedeuten, über alle grundlegenden ideologischen Unterschiede 
hinwegzusehen, sondern vielmehr die Diskussionen zu öffnen und auch die eigene Position 
mit der nötigen Distanz betrachten zu können.

Wir denken diese Erfahrungen sind auch für eine linksradikale Bewegung wichtig, die in 
eine Vielzahl von Richtungen aufgespalten ist, deren Vertreter_innen teilweise mit einer 
erstaunlichen Vehemenz die jeweils eigene ideologische Richtung vertreten und alle anderen 
Richtungen im selben Atemzug verteufeln. Ein zweiter Aspekt, der uns hierbei wichtig 
erscheint, ist die Frage der revolutionären Lebensführung und Kultur, auf die wir bereits 
in These 7 näher eingegangen sind. Häufig erleben wir die härtesten Grabenkämpfe zwischen 
den Vertreter_innen einzelner ideologischer Richtungen auf abstrakt theoretischer Ebene, 
während beide Seiten dieselben unemanzipativen Verhaltensweisen in der konkreten 
politischen Praxis oder individuellen Lebensgestaltung zeigen.
These 9 - Umgang mit Theorie und revolutionären Theorietraditionen

Im Umgang mit Theorie gibt es innerhalb der radikalen Linken unterschiedliche Tendenzen: 
zum einen die eher praxisorientierten oder aktionistischen Gruppen und Einzelpersonen, die 
eine gewisse Theoriefeindlichkeit an den Tag legen, sei es als Reaktion auf einen 
theoretischen Dogmatismus (besonders in vergangenen sozialistischen Traditionen), als 
Symptom einer generellen Entpolitisierung oder als Folge der verbreiteten Diskurse seitens 
postmoderner „Theorien“ gegen Theorien allgemein. Zum anderen die zahlreichen 
Theoriegruppen aber auch linken Akademiker _innen, die einen Fetisch der Theorie betreiben 
und deren theoretische Diskussionen oder Veröffentlichungen häufig mehr selbst 
referentiell sind als Teil einer politischen Praxis. Theoriearbeit wird so zur bequemen 
Zuflucht in Zeiten von Bewegungstiefs und erlaubt eine wohlfeile Radikalität im 
Abstrakten. Und als drittes nehmen wir gerade in diesen Zeiten verstärkt (wieder) eine 
ausschließliche Hinwendung zu und dogmatische bis nostalgische Orientierung an einzelnen 
Theorietraditionen wahr, die komplett übernommen und verteidigt werden, als wäre die 
Geschichte stehen geblieben. Wie ein zerrissenes Filmband, dass irgendwo zusammen geklebt 
wird, mit der Hoffnung, die Geschichte würde einfach weiterlaufen. Dabei kommt es immer 
häufiger zu Grabenkämpfen (bis hin zu Schlammschlachten) zwischen Vertreter_innen der 
einzelnen Gruppen und Richtungen, die eine Wiederholung der Geschichte ohne 
historisch-materielle Notwendigkeit fortführen. Indem der eigene Erkenntnisrahmen von 
vornherein auf eine „Schule“ begrenzt wird, wird die Chance verpasst, aus dem Reichtum der 
bisherigen Erfahrungen, Erkenntnisse und Analysen zu schöpfen und so die Theorie immer 
wieder zu erneuern und zu bereichern.

Was wollen wir?

Die Auseinandersetzung mit herrschaftskritischen Theorien ist für uns eine grundlegende 
Notwendigkeit für die Reflexion unserer Praxis, die Analyse der dominanten Verhältnisse 
und die Ableitung von Strategien der Gesellschaftsveränderung. Revolutionäre Theorie 
entwickelt sich kontinuierlich in revolutionären Kämpfen unter bestimmten historischen 
Bedingungen aus einer Synthese bisheriger Theorien und hilft ihrerseits den Kampf weiter 
zu entwickeln. In diesem Sinne ist das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis immer ein 
dialektisches. Das bedeutet auch, dass wir keine geschlossenen revolutionären Theorien und 
Praxen einfach “übernehmen” können. Vielmehr gilt es diese immer weiterzuentwickeln, gemäß 
dem zapatistischen Motto “fragend schreiten wir voran” („caminamos preguntando“?).

Das heißt für uns, mit jeglichem monopolistischen Anspruch auf die revolutionäre 
Initiative und auf die theoretische und praktische Führung zu brechen und die Grabenkämpfe 
der Geschichte nicht in stiller Gefolgschaft eins zu eins zu wiederholen. Vielmehr müssen 
wir Theorien vor dem Hintergrund der heutigen Notwendigkeiten und Bedürfnisse als auch vor 
den heutigen Erkenntnismöglichkeiten heraus neu lesen. Vergangene Auseinandersetzungen 
wurden auch oft überlagert von bewegungsinternen Machtkämpfen. Deshalb ist es heute nötig, 
methodologische Denkweisen, empirische Erkenntnisse, schlüssige Folgerungen und materielle 
Analysen von rhetorischen, propagandistischen und metaphysischen Aussagen zu unterscheiden.

Wenn wir davon schreiben, dass heute keine revolutionäre Theorietradition ein Monopol auf 
Bestimmung von Theorie und Praxis beanspruchen kann, dann meinen wir damit nicht, wahllos, 
teilweise konträre und widersprüchliche Theoriefragmente einfach nebeneinander zu stellen. 
Es bedarf vielmehr der Entwicklung neuer, stimmiger Theoriegebäude, mit Hilfe der 
bisherigen Erfahrungen und Theorien. Hierbei stellt sich die Frage, anhand welcher 
Kriterien wir entscheiden, welche Theorien für uns hilfreich sind? Grundsätzlich ließe 
sich sagen, dass all diejenigen Theorien für einen revolutionären Kampf wichtig sind, die 
mehr Licht auf die Entstehungsgründe, die Reproduktion und Ausgestaltung von 
Unterdrückungsmechanismen werfen und helfen, die gesellschaftlichen Widersprüche und 
heutigen Potentiale für den Aufbau eines radikalen Kampfes gegen den Kapitalismus zu 
analysieren. Theorien müssen uns also Hinweise für unsere Praxis geben können und uns im 
Endeffekt in unserem Kampf stärken. Daran schließen sich weitere Fragen als 
Orientierungspunkte im Theoriedschungel an: Sind die jeweiligen Theorien und Erfahrungen 
für unser Ziel einer selbstorganisierten und freien Gesellschaft von unten von Bedeutung, 
welche Erkenntnisse und Modelle entsprechen ihr? Wie sehr stärkt die jeweilige Theorie die 
Selbstbestimmung der Menschen und betrachtet die Dinge aus dieser Perspektive? Und was 
brauchen wir an Theorie für unseren Kampf?

Unter revolutionärer Theorie verstehen wir eine Theorie, die in Veränderung begriffen ist 
und die aus den historischen Notwendigkeiten des radikalen Kampfes gegen die zahlreichen 
Unterdrückungsformen heraus ständig weiterentwickelt wird.
These 10 - Räume für herrschaftskritische und kollektive Bildung schaffen

Die Produktion von Wissen und dessen Verbreitung ist in jeder Gesellschaft ein wichtiger 
Bestandteil für die Durchsetzung herrschender Interessen. In einer Gesellschaft wie der 
bundesdeutschen wird die Wissensproduktion und -vermittlung stark durch staatliche und 
kapitalistische Interessen strukturiert. Entsprechend ist eine der Funktionen des 
staatlichen Bildungssystems, die herrschenden Normen, Denkweisen und Ideologien zu 
vermitteln und zu verbreiten. Auch die Wissenschaft verliert zunehmend ihre Unabhängigkeit 
und funktioniert mehr und mehr als Teil des Machtapparats23. Eine zentrale Rolle für die 
Verbreitung und Aufrechterhaltung von herrschenden Ideen und Denkweisen innerhalb und über 
die Gesellschaft spielen zudem die Mainstream-Medien, deren Vertreter_innen eng mit 
politischen und wirtschaftlichen Institutionen zusammen arbeiten bzw. personell verschmelzen.

In der aktuellen kapitalistischen Gesellschaft existiert darüber hinaus die Tendenz, dass 
im Rahmen von Individualisierung, Spezialisierung und komplizierter Arbeitsteilung auch 
die Produktion und Verbreitung von Wissen in zahlreiche Gebiete unterteilt wird. So wird 
Gesellschaft z.B. in den verschiedenen akademischen Institutionen – als den zentralen 
Räumen für Forschung und Lehre der Sozialwissenschaften – nur noch in einzelnen, 
voneinander getrennt betrachteten Forschungsbereichen beforscht und dargestellt. In den 
80er Jahren wurde diese Tendenz unter dem Begriff der „Fachidiotie“ in linken Kreisen 
diskutiert und kritisiert. Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, sich Wissen über die 
Ganzheit des Systems, das Zusammenwirken von Unterdrückungsmechanismen und 
Funktionsprinzipien der Gesellschaft anzueignen bzw. einzelne sozialwissenschaftliche 
Bereiche mit gesellschaftlichen Wirkfaktoren in Verbindung zu bringen. Ähnlich unterteilt 
finden wir auch die Wissensvermittlung in den unterschiedlichen Teilbereichskämpfen wider, 
in denen die jeweiligen Erfahrungen und Perspektiven häufig nur als Teilwissen analysiert 
und verbreitet werden.

In der radikalen Linken gibt es unserer Ansicht nach – auch als Folge der 
Unorganisiertheit, Spaltung und Vereinzelung – kaum Orte, an denen Bildung strukturiert 
und regelmäßig stattfindet. Es gibt zwar viele Veranstaltungen, die über aktuelle 
politische Ereignisse informieren und in unregelmäßigen Abständen Workshops und Seminare 
zu spezifischen theoretischen Ansätzen oder Methoden. Diese werden jedoch nicht 
strategisch genutzt. Die Auseinandersetzung mit Theorie findet entweder vereinzelt oder in 
Kleingruppen statt. Häufig bilden sich dabei – wie weiter oben bereits erwähnt – reine 
Theoriegruppen, die sich auf einem hohen Niveau ausschließlich mit Theorie 
auseinandersetzen (häufig ohne diese mit einer eigenen Praxis zu verknüpfen) und auf der 
anderen Seite, Gruppen, die vorwiegend in der Praxis stehen und die Auseinandersetzung mit 
kritischer Theorie eher als nebensächlich betrachten. Wenn „Praxisgruppen“ sich mit 
Theorie auseinander setzen, so findet diese häufig nur mit dem Wissen und den Theorien des 
eigenen Teilbereichskampfes statt. Deswegen können die Bildungsangebote der Linksradikalen 
kein Gesamtbild für eine Strategie für den antikaptialistischen Kampf bieten. Durch die 
Vereinzelung der Bildungsangebote kann zudem eine transgenerationale Weitergabe von 
Erfahrungswissen nur eingeschränkt stattfinden.

Der größte Teil der herrschaftskritischen Theorieproduktion findet nach wie vor an den 
Universitäten statt. Hier werden kritische Theorieansätze gelesen und weiter entwickelt, 
jedoch häufig fern von der sie betreffenden Praxis. Gleichzeitig folgt die Forschung an 
den Universitäten häufig keinem politischen sondern vielmehr individuellem Interesse, wie 
dem Wunsch nach Weiterbeschäftigung, Veröffentlichungsdruck, Profilierung, 
Theorieproduktion um der Theorie willen etc..

Was wollen wir?

Wir halten den Aufbau eines alternativen, herrschaftskritischen Bildungsprozesses für 
einen zentralen Bestandteil des Kampfes gegen das kapitalistische System. Dieser 
Bildungsprozess hat unserer Ansicht nach zwei Ebenen: zum einen muss Bildung ein fester 
Bestandteil einer revolutionären Organisation sein und zum anderen muss sich die radikale 
Linke langfristig um den Aufbau alternativer Bildungs- und Forschungsorte im Sinne der 
Akademien von unten bemühen.

Die Rolle von Bildung innerhalb einer revolutionären Organisation

Innerhalb einer revolutionären Organisation von radikalen Linken muss die 
Auseinandersetzung mit system- und herrschaftskritischen Theorieansätzen und die Analyse 
der Gesellschaft einen zentralen Platz einnehmen. Diese Auseinandersetzung sollte an der 
Suche nach einer Strategie für den antikapitalistischen Kampf orientiert sein. Um hierfür 
politische Strategien, Methoden und Ziele für eine revolutionäre Praxis formulieren und 
entwickeln zu können, bedarf es einer tiefer gehenden historischen, strukturellen und 
psychosozialen24 Analyse der Gesellschaft, sowie eine Auseinandersetzung mit grundlegenden 
Gesellschaftstheorien und Widerstandspraxen. Dies ist notwendig, da z.B. neue 
Organisationsformen des Kapitals neue Konsequenzen mit sich bringen, die ihrerseits neue 
Mittel und Kampfformen erfordern. Darüber hinaus muss eine Auseinandersetzung mit 
gesellschaftlichen Mythen und falschen „Wahrheiten“ stattfinden und Möglichkeiten gesucht 
werden, wie wir sie erkennen, darstellen und entkräften können.

In diesem kontinuierlichen Bildungsprozess müssen u.a. folgende Fragen gemeinsam 
diskutiert und erforscht werden: Wie hat sich die Gesellschaft historisch entwickelt? 
Welche Kräfte und Gegenkräfte haben sie geformt? Welche Faktoren hindern die Menschen/die 
Massen daran, revolutionäre Politik zu betreiben? Was sind die Potentiale und Subjekte 
solcher Prozesse? Welche Widerstandsbewegungen gab es und was lässt sich von ihnen lernen? 
Wie kann eine alternative Gesellschaft aussehen, was gibt es von anderen Bewegungen zu lernen?

Wir müssen nicht nur Antworten auf die o.g. Fragen finden, sondern auch Antworten auf 
aktuelle gesellschaftliche Fragen, also auf das, was die Leute bewegt. Es gibt keine 
fertigen vorbereiteten Antworten auf diese Fragen, sondern wir sehen sie als Auftrag für 
einen kontinuierlichen gemeinsamen Prozess, der gleichzeitig Forschung und Bildung 
umfasst. Wie genau dieser Bildungsprozess organisiert werden kann, können wir noch nicht 
sagen. Vielmehr muss während des Organisierungsprozesses Zeit darauf verwendet werden, zu 
diskutieren, wie eine solche Integration aussehen kann.

Aufbau eines selbstorganisierten, herrschaftskritischen Bildungssystems von unten

Auf der anderen Seite halten wir langfristig den Aufbau eines selbstorganisierten 
herrschaftskritischen Bildungssystems im Sinne von Akademien von unten für extrem wichtig. 
Dabei scheinen uns insbesondere folgende Aspekte von Bedeutung: Die Bildungsorte sollten 
dauerhafte und feste Orte sein, an denen herrschaftskritische Forschung, Theoriearbeit und 
Bildung möglich ist und entsprechende Veröffentlichungen, Diskussionsergebnisse etc. 
archiviert werden können. Zudem sollte der Anspruch sein, die verschiedenen 
Wissensbereiche zusammenzuführen und ein Gesamtbild von der gesellschaftlichen Realität zu 
vermitteln. Gleichzeitig sollten die Bildungsorte offen und möglichst für alle zugänglich 
sein und sich nicht nur an eine intellektuelle Zuhörerschaft richten. Dazu bedarf es 
regelmäßig stattfindender Einführungen in grundlegende Theorien und kritische Analysen der 
gesellschaftlichen Entwicklungen sowie eine solidarische Unterstützung von Lernenden auf 
unterschiedlichen Niveaus. Ebenso sollte es regelmäßigen Raum für Austausch und gemeinsame 
Diskussion geben, wo Fragen aus der alltäglichen Praxis sowie aus Kämpfen gemeinsam 
diskutiert, Theorie und Praxis entsprechend verbunden und Strategien für einen 
revolutionären Kampf entwickelt werden können.
These 11 - Es braucht den bewussten Bruch mit den Gewohnheiten unserer bisherigen Praxis

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie 
zu verändern.

Die von uns in diesen Thesen formulierte Kritik an linksradikaler Politik ist nicht neu. 
Sie wurde seit Mitte der 80er Jahre von verschiedenen Gruppen immer wieder diskutiert und 
teilweise veröffentlicht. Auch handelt es sich bei (zumindest Teilen) der Kritik 
keineswegs um eine Randerscheinung sondern um in weiten Kreisen geteiltes Unbehagen und 
Unzufriedenheit mit der eigenen Politik wie Diskussionen auf unterschiedlichen 
Diskussionsveranstaltungen und Kongressen gezeigt haben. Wenn diese grundlegende Kritik 
aber seit Jahren immer wieder formuliert wurde und viele Linksradikale ihr zustimmen, dann 
stellt sich die Frage, weshalb sich trotz solcher Debatten an der Praxis nichts wesentlich 
geändert hat.

Wir haben in den letzten Thesen bereits an verschiedenen Stellen Faktoren beschrieben, die 
eine tatsächliche Veränderung der Praxis von Linksradikalen unserer Meinung nach 
verhindert. Dennoch war es uns wichtig, mit der Formulierung dieser elften These, den 
Widerspruch zwischen Debatte und Praxis noch einmal explizit zu betonen und einige der 
bereits genannten sowie einen weiteren Grund dafür auszuführen.

Zu den bereits genannten Gründen zählen: Die immer noch existierenden gesellschaftlichen 
und psychosozialen Faktoren, die zu einer Reproduktion linksradikaler Politik vorwiegend 
als Subkultur beitragen (These 6). Die Organisierungsfeindlichkeit bzw. die fehlende 
Einsicht in die Notwendigkeit der Organisierung. Sie trägt dazu bei, dass die Veränderung 
der Praxis an Individuen oder Kleingruppen hängen bleibt bzw. Organisierungsversuche 
aufgrund der geringen Anzahl sich organisieren wollender Gruppen und Einzelpersonen 
scheitern (These 2). Identitätspolitik und Sektierertum innerhalb der linksradikalen 
Szene, die vorwiegend das Trennende betonen und gemeinsame Veränderungen erschweren (These 
6 und 9). Die Gewohnheit an politische Ansätze, die sich nicht an die veränderten 
Voraussetzungen für Kämpfe und gesellschaftliche Bedingungen in der heutigen Zeit 
angepasst haben (These 4).

Ein wichtiger Grund, den wir noch nicht genannt haben, ist unserer Meinung nach auch, dass 
die Umsetzung der Kritik quasi zum Zusatzprojekt erklärt wird, das parallel und ergänzend 
zum „Business as usual“ der bisherigen politischen Praxis stattfinden soll. Dadurch 
rutscht die Notwendigkeit der Praxisveränderung gegenüber den Erfordernissen der wie 
gewohnt fortgesetzten linksradikalen Praxis in Teilbereichs- und Abwehrkämpfen schnell in 
den Hintergrund.

Was wir wollen?

Der Wandel von einer durch Teilbereichs- und Abwehrkämpfe bestimmten, subkulturell 
geprägten Szene zu einer emanzipatorischen Bewegung mit gesellschaftsveränderndem 
Potential wird nicht als bloße Ergänzung unserer bisherigen Praxis zu haben sein. Wir 
müssen aus der gemeinsam diskutierten Kritik, Ziele formulieren und unsere gesamte eigene 
Praxis genau überprüfen, ob sie diesen entspricht und sie gegebenenfalls konsequent 
umgestalten. Das erfordert andere und neue Schwerpunktsetzungen, für die wir bereit sein 
müssen, mit unseren bisherigen Gewohnheiten zu brechen, auch wenn es unbequem ist – oder 
an anderen Stellen zunächst sogar erschreckend erscheint. Denn es ist ja keineswegs so, 
dass das Einsetzen für Teilbereiche oder das Engagement in Abwehrkämpfen überflüssig 
wären. Wir selbst machen die Erfahrung, wie schwer es angesichts der sich ständig 
zuspitzenden Verhältnisse ist, nicht immer wieder in gewohnte Verhaltensweisen und 
Aktionismus zu verfallen. Auch weil der Aufbau langfristiger Strukturen nicht direkt 
sichtbare Erfolge zeigt.

Die grundlegende Neugestaltung linksradikaler Politik erfordert auch von jeder und jedem 
Einzelnen Veränderungsbereitschaft auf individueller Ebene, weil revolutionäre Politik die 
Veränderung der eigenen Persönlichkeit mit einschließt und Prioritäten setzen auch 
bedeuten kann, das gemütliche Umfeld und gewohnte soziale Strukturen zu verlassen. Zudem 
beinhaltet Organisierung und tatsächliche Veränderung auch Ernsthaftigkeit, 
Verbindlichkeit und Disziplin. Wie viel Zeit und Kapazitäten jede und jeder Einzelne 
jedoch in solch ein Projekt einbringen kann, hängt sehr stark von den unterschiedlichen 
gesellschaftlichen und existentiellen Anforderungen und den jeweiligen Lebenssituationen ab.
Epilog

Wir sind nicht naiv und verleugnen nicht die aktuelle Verfassung der bundesdeutschen 
Gesellschaft. Wir denken nicht, der Ausbruch revolutionärer Massenbewegungen hängt nur von 
unserer Art, Politik zu machen ab. Aber die existierenden Potentiale auf der einen und die 
aktuellen Kampfformen der radikalen Linken auf der anderen Seite passen nicht zusammen. 
Dadurch bleiben viele Potentiale ungenutzt bzw. werden nicht ausreichend ernst genommen.

Die in den elf Thesen formulierten Vorschläge zur grundlegenden Neuausrichtung unserer 
Praxis werden uns keine Garantie des Erfolgs einbringen. Aber gemeinsame intensive 
Diskussionen, eine gemeinsame Organisierung und Entwicklung von Strategien schaffen die 
Grundvoraussetzungen für eine Politik, die eine tatsächliche Gesellschaftsveränderung 
herbeiführen kann, während wir im anderen Fall das bleiben, was wir sind: Ein 
(günstigenfalls) progressives Korrektiv für Missstände des kapitalistisch-bürgerlichen 
Systems.

Wir freuen uns auf einen gemeinsamen Austausch.

Ihr erreicht uns unter kollektiv at riseup.net

https://www.anarchismus.at/anarchistischer-blog/7990-thesen-ueber-kritik-an-linksradikaler-politik-organisierung-und-revolutionaere-praxis


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