(de) Alex Galazka ist tot – Anstelle eines Nachrufes Von: Frank Tenkterer (FAUD)

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Sun Jul 10 14:32:27 CEST 2016


Am 03.06.2016 ist unser Freund, Genosse und Kollege Alex im Alter von 55 Jahren gestorben. 
Trotz seines viel zu kurzen Lebens, gehört Alex zu den Menschen, über die man das eine 
oder andere Buch füllen könnte. Ich werde, dank der Hilfe vieler Freund*innen von Alex, 
mit einigen Worten versuchen einen Einblick in sein bewegtes Leben zu geben, der 
hoffentlich seiner Person ansatzweise gerecht wird. ---- Alex hatte eine viel zu kurze 
Kindheit mit „glücklichen Tagen in Bialka (sprich: Biauka) in der Tatra, dem Heimatdorf 
seiner Mutter, wo er immer die Ferien verbrachte und mit seinen Cousins das Dorf auf den 
Kopf stellte und ordentlich Scheiße baute“. Mit der Flucht der Eltern über die 
Adria-Route, war das vorbei. Stattdessen machte er Bekanntschaft mit dem europäischen 
Lagersystem – zumindest in Italien und Deutschland. Mit elf Jahren kam er nach Düsseldorf, 
mitten hinein in einen sogenannten „sozialen Brennpunkt“ (Düsseldorf-
Garath, Corellistraße und Schwar-
zer Weg). „Diskriminierung und
Schlägereien waren an der Tages-
ordnung und mitten drin ein ent-
wurzelter Alex.“

Eine Freundin von Alex schrieb:
„Ich kann mich noch an die Zeit der
Hausbesetzungen erinnern, das war
1981. Aus dieser Zeit stammt die
Geschichte, wie Alex die Bullen um
das Benrather Schloss gejagt hat –
oder war es doch umgekehrt? Ich
muss zugeben, ich fühlte mich in
den Häusern V41 (nur wenige
Häuser vom FAUD-Lokal „V6“ ent-
fernt) und Dresdner Bank, Benrath
und in der Szene nicht zu Hause,
[...]. Alex ging voll und ganz darin
auf.“

Bei den Anarchist*innen fühlte sich
Alex besonders wohl. Hier entstand
sein politisches Bewusstsein – seine
Gesinnung, die er bis zuletzt und
darüber hinaus behielt. Besonders
angetan hatte es ihm der Anarcho-Syndikalismus. Nicht nur als Theorie
oder Geschichte, sondern auch in der Praxis. Dazu später etwas mehr.
Spätestens in den 90er Jahren war Antifaschismus ein weiteres großes
Thema für ihn. Als aktiver Anti-Faschist tat er so manches, was den
berühmte „Lampenputzer“ aus Erich Mühsams Gedicht zum Schreiben
seines Buches animiert hätte. Dabei bewahrte er aber immer den
Überblick und: „Wo Alex war, war immer Ruhe, auch mitten in den
wildesten Auseinandersetzungen“. Alex gab Halt – nicht nur in der
politischen Auseinandersetzung und auf der Straße.

Irgendwann fing er dann als Schreiner in der Technik des Düsseldorfer
Schauspielhauses an. Da hätte er fast etwas mit Gustav Landauer
gemein. Dieser war 1919 an das Schauspielhaus berufen, ging aber
wegen der revolutionären Ereignisse nach München, um zusammen mit
Erich Mühsam in der Räterepublik zu wirken. Landauer wurde, nach
der Niederschlagung der Räterepublik, von der Reaktion erschlagen.
Als Anarchosyndikalist tat Alex, was er tun konnte – aufgrund der
besonderen Situation im Schau-spielhaus - halt im Betriebsrat (auch
wenn der Traum ganz anders
aussah). Eine Kollegin erinnert sich:
„Ich habe ihn im Jahr 2007 oder
2008 im Betriebsrat des Schauspiel-
hauses kennen gelernt. [...] Er war
es, der mir den Anarchismus nah
gebracht hat, was sich wirklich wie
eine kleine Erleuchtung anfühlte.
Nachdem ich von seiner Krankheit
erfahren hatte, intensivierte sich
der Kontakt und die Freundschaft
noch. Er hat mich maßgeblich
politisch und menschlich (keine
Ahnung ob mensch das überhaupt
trennen kann) geprägt.“

Seit Beginn den 90er Jahre war er
Teil eines Zirkels, der sich
regelmäßig traf – eine Art
anarchistischer Think Tank. Dort
wurde theoretisiert, anarchistische
Positionen zu tagesaktuellen Er-
eignissen entwickelt, Taktiken zum
Agieren in nicht-anarchistischen
Gruppen entwickelt und vieles
mehr. Über die Jahre entstand so
auch ein Freund*innenkreis, der
mehr war und ist als eine reine Politgruppe. Besonders gefreut hat
mich, dass er es sich im November 2015 nicht nehmen ließ zur 1-Jahres-
Feier unseres (FAUD) Ladenlokals/Büros, dem „V6“, zu kommen. Schon
vorher hatte er es finanziell unterstützt. Er nahm lebhaft an der
Entwicklung des Büros und unserer Aktivitäten teil. Regelmäßig
informierte ich ihn über die Kontakte und Arbeitsrechtsfälle, die wir
bearbeiteten. Er stand mit Rat zur Seite und war sichtlich froh über
jeden noch so kleinen „Sieg“, den wir zusammen mit den
Arbeiter*innen, die sich Hilfe suchend an uns gewandt haben, erringen
konnten.

Wenn ich mich an die letzten Wochen und Stunden mit Alex erinnere,
so stelle ich fest das die Themen seines Lebens bis zuletzt für ihn
wichtig waren. Jeden Mittwoch trafen wir uns in einem kleinem Kreis
bei ihm am Bett und tauschten uns aus über die sozialen Bewegungen,
wie Marea Granate, insbesondere weil sie unter anderem auch eine
globale Dimension hat; das Erstarken des europäischen Faschismus; die
Situation der Flüchtlinge innerhalb Europas und an seinen Außen-
grenzen, auch unter dem Aspekt des Lagersystems, seiner Kontinuität
und seiner neuen Erscheinungsformen; gewerkschaftsfeindliche „Re-
formen“ diverser Regierungen, in Deutschland zum Beispiel das
sogenannte „Tarifeinheitsgesetz“; den Arbeitskampf bei Amazon, seine
europäische Dimension und die Schwierigkeiten der Gewerkschaften
sich zu koordinieren, aber auch die Konkurrenzkämpfe oder das
Unverständnis, wenn unterschiedliche Gewerkschaftskonzepte aufein-
ander treffen; die aktuelle Streikwelle in Belgien und natürlich auch
über Nuit Debout, das Loi Traivail und die Kämpfe in Frankreich.

Mit Alex Tod hört das alles weder für mich noch seine anderen
Freund*innen, Genoss*innen und Kolleg*innen auf. Wie Joe Hill einst
vor seiner Hinrichtung schon gesagt hat und wie Alex es wohl auch
sagen würde „Don't mourn – but organize!“. Wir werden uns weiter
organisieren – aber wir werden uns auch die Zeit nehmen, in so
mancher stillen Minute, seiner zu gedenken, vielleicht bei einem Glas
guten Wodka.

Zu guter Letzt noch ein Gruß an Alex, den spanischsprachige und
deutschsprachige Anarcho-Syndikalist*innen auf der ganzen Welt ihren
Toten widmen:

„Möge die Erde dir leicht sein!“

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Post Scriptum:

An seinem Todestag informierte mich seine Frau, dass
Alex sich zur Trauerfeier weder Blumen noch Kränze oder
anderes in dieser Art wünscht. Stattdessen sollen die
Freund*innen, Genoss*innen und (Wahl-)Verwandten
lieber die FAUD finanziell unterstützen. Mit mir und den
anderen hatte er nie darüber geredet.

Bankverbindung der FAUD
Gewerkschaft für alle Berufe
Volksbank Rhein-Ruhr eG
IBAN: DE25 3506 0386 1112 5200 05


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