(de) fau.org: Aufruf zur Solidarität mit den Streikenden beim Krowarzywa Restaurant in Warschau

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Sun Jul 3 15:39:15 CEST 2016


Egal ob Bar, Restaurant oder Cafe, die Arbeit in der Gastronomie ist nicht nur aufgrund 
ihrer unregelmäßigen und ständig wechselnden Arbeitszeiten körperlich höchst anstrengend, 
sondern zusätzlich auch noch schlecht bezahlt und findet unter prekären Bedingungen statt. 
Oft gibt es keinen schriftlichen Arbeitsvertrag und in einigen Fällen wird sich dann noch 
nicht einmal an die mündlichen Abmachungen gehalten. In der Gastronomie und bei 
MinjobberInnen werden noch die arbeitsrechtlichen Mindeststandards unterlaufen, d.h. 
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, bezahlter Urlaub, regelmäßiges Entgelt sowie 
schriftlicher Vertrag. Sehr oft wird sogar das Mindestlohngesetz unterwandert. In vielen 
Arbeitskämpfen in der Gastro geht es entsprechend um unzulässige Kündigungen, ausstehenden 
Lohn und Urlaub oder unbezahlte Probearbeit. In den letzten Monaten konnten die 
FAU-Syndikate Berlin, Dresden, Kiel und Hannover Lohnnachforderungen und auch 
Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in gastronomischen Betrieben durchsetzen. Deshalb 
unterstützt die FAU die ArbeiterInnen des veganen Restaurants Krowarzywa in Warschau und 
ruft zur Solidarität mit den seit dem 20. Juni Streikenden auf.

Eskalation des Konfliktes in dem Restaurant Krowarzywa in Warschau

Der Streik ist die bisher letzte Stufe des bereits seit Monaten andauernden Konflikts 
zwischen den ArbeiterInnen und Chefs des beliebten veganen Warschauer Restaurant 
Krowarzywa. Der Konflikt wurde durch kürzliche Umstrukturierungsmaßnahmen des Betriebs 
ausgelöst. Die BesitzerInnen haben zwei neue Restaurants eröffnet, das dritte zog in ein 
größeres Lokal um. Allerdings hat der Erfolg des Unternehmens nicht zu besseren 
Arbeitsbedingungen geführt. Ganz im Gegenteil, mehr Arbeit wurde auf die ArbeiterInnen 
umgelegt, während die Arbeitsbedingungen und Gehälter gleich schlecht blieben. Zudem gaben 
die BesitzerInnen den ArbeiterInnen klar zu verstehen, dass betriebliche Entscheidungen 
künftig nicht mehr mit ihnen abgestimmt würden. Die Installierung von Überwachungskameras 
(CCTV) am Arbeitsplatz ohne die Zustimmung und das Wissen der ArbeiterInnen ist eines der 
Beispiele für diesen neuen Ansatz im "Human Resources" Management.

Organisation in der Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza (IP)

Diese Enwicklungen, zusammen mit der Angst, gefeuert zu werden, führten dazu, dass die 
ArbeiterInnen sich am 19. Juni in der Inicjatywa Pracownicza (ArbeiterInnen-Initiative) 
organisierten. Das erste Gewerkschaftsmitglied wurde am selben Tag entlassen. Obwohl die 
Entlassung offiziell nicht von seiner Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft verursacht 
wurde, wurde es als ein Vorbote weiterer Entlassungen gesehen. Die Entlassung wurde ohne 
schriftliche Mitteilung und ohne ersichtlichen Grund durchgedrückt. Am nächsten Tag 
informierten die ArbeiterInnen die BesitzerInnen darüber, dass sie sich in der 
Gewerkschaft organisiert haben und übergaben eine Liste mit Forderungen. Neben der 
Wiedereinstellung ihres Kollegen fordern sie die Änderung der Gehaltsermittlung (festen 
Stundenlohn anstelle der bisherigen prozentualen Umsatzbeteiligung), den Abschluss von 
regulären Arbeitsverträgen mit allen bislang informell Beschäftigten als auch mit den 
ArbeiterInnen, die bisher nur "Müll-Verträge" ('umowy smieciowe') bekommen hatten, und die 
Anerkennung der Gewerkschaft.

Aussperrung und Streik

Die Chefs reagierten mit Aussperrung. Die ArbeiterInnen weigerten sich, den Ort zu 
verlassen und besetzten den Betrieb. Ein paar Dutzend Menschen versammelten sich vor dem 
Restaurant und zeigten ihre Unterstützung für die Aktion. Der Fall interessierte auch die 
Mainstream-Medien, die eine Diskussion über die Arbeitsbedingungen in der Gastronomie 
begannen. Angesichts des Drucks ließen sich die Eigentümer auf Verhandlungen ein. Zur 
gleichen Zeit legten die ArbeiterInnen in einem weiteren Restaurant der Chefs ihre Arbeit 
nieder. Die Verhandlungen scheiterten nach zwei Tagen. Die Chefs weigerten sich, den 
entlassenen Arbeiter wieder einzustellen und so die zentrale Forderung der kämpfenden 
ArbeiterInnen zu erfüllen. Gleichzeitig gelang es ihnen, die Belegschaft der verschiedenen 
Restaurants zu agitieren und zu spalten. Am dritten Tag des Protests veröffentlichten die 
ArbeiterInnen eines anderen Krowarzywa Restaurants in Warschau einen Brief, in dem sie 
sich von den Streikenden distanzieren und ihre Treue zu den Eigentümern erklären. Dies 
provozierte einen Streikposten mit etwa 60-70 Personen vor eben diesem Restaurant. Sie 
skandierten: „Solidarität ist unsere Waffe!“, „Nein zur Ausbeutung!“, „Arbeitnehmerrechte 
– Unsere Rechte!“, „Keine Verletzung von Arbeitnehmerrechten!“, „Unser Kampf ist eine 
gerechte Sache!“.

Solidarität ist unsere Waffe!

Der Streik und die Streikposten wurden von den Chefs genutzt, um die GewerkschaftlerInnen 
mit einer Massenkampagne in den sozialen Medien zu diffamieren. Dies führte zu einer 
tiefen Spaltung in der Warschauer Tierbefreiungs-Szene. Fragen über die „Angemessenheit“ 
der gewählten Kampfformen wurden gestellt und provozierten unterschiedliche Antworten.
Trotz der schwierigen Situation haben die MitarbeiterInnen nicht aufgegeben und ihren 
Protest fortgeführt. Ihr Kampf ist von großer Bedeutung, da Ausbeutung unter informellen 
und unwürdigen Bedingungen im Gastronomie-Sektor Polens ein weit verbreitetes Phänomen 
ist. Als kämpferische Gewerkschaft wollen wir als FAU den Arbeitskampf nicht nur bekannt 
machen, sondern rufen gemeinsam mit der polnischen Basisgewerkschaft IP zur Solidarität 
mit den Streikenden auf! Unsere Bedürfnisse und Interessen als ArbeiterInnen haben Vorrang 
- auch in der Gastronomie! Solidarität ist unsere Waffe!

http://www.fau.org/artikel/art_160630-221932


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