(de) FDA-IFA, Gai Dao #61 - Über die Manipulationsthese Von: Contradictio

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Sat Jan 23 12:12:00 CET 2016


Die Warnung vor Manipulation gehört heute zum Standardrepertoire eines*einer “mündigen” 
Staatsbürger*in, der*die sich selbst natürlich nichts vormachen läßt und weiß, wie der 
Hase läuft. Und auch Psycholog*innen, Soziolog*innen, Kommunikationswissenschaftler*innen, 
Medienexpert*innen und Politiker*innen wollen in den verschiedensten Bereichen Phänomene 
entdeckt haben, deren Existenz sich ihrer Meinung nach nur durch die Wirkung von 
Mechanismen erklären lassen, die einen manipulativen Charakter aufweisen. ---- Der Zulauf, 
der zeitweise bei gewissen Psycho-Sekten registriert wird (Scientology), der Wahlerfolg 
rechtsextremer Parteien, die unbestreitbare Umsatzsteigerung, die sich durch Werbung 
erzielen läßt, die BILD-Zeitungsleserschaft, die angeblich eine gemachte Meinung bloß 
übernimmt, montägliche Aggressionen in Kindergärten und Schulen, Modetrends u.v.a.m. – 
sämtlich eine Folge von und Produkt der Manipulation, so wird behauptet:

“Solche Steuerungen bleiben den Betroffenen häufig unbewußt. Ihre
Auswirkungen auf das Denken und Handeln erscheinen in vielen Fällen
sogar als Ergebnis eigenen Nachdenkens. Daß Steuerung durch andere
im Spiel ist, daß das vermeintlich eigene Nachdenken fremdbestimmt
ist, kommt nicht in den Blick. ” (F. Winterling, Kommunikation/Sprache)
Dennoch – Manipulation bleibt, auch wenn sie noch so oft probiert und
diagnostiziert wird, ein Ding der Unmöglichkeit. Sie bezweckt nämlich
die Fixierung eines Willens auf einen bestimmten Inhalt unter
Umgehung des Willens!

Na klar, Werbefritzen und Politiker*innen arbeiten mit allen
erdenklichen Tricks, wenn sie das TAED-System oder ihre Partei als das
Non-plus-ultra anpreisen. Aber: Ohne daß die Adressat*innen sich die
mehr oder öfter weniger guten “Argumente” der Käufer- und
Wählerbetörung zueigen machen – sie sich die gedanklichen Inhalte
einleuchten lassen – kommt kein Erfolg für die Rattenfänger zustande 1.

Es ist schon verräterisch, woran der Fachmensch überhaupt
Manipulation erkennen will. Beispielsweise werden “künstliche
Bedürfnisse” gern als ein manipulatives Produkt angeprangert. Die
einen bevorzugen Müsli, phosphat- und parfümfreie Waschmittel und
mit dem Fahrrad umherzugurken, die anderen Kaviar, Weichspüler und
Porsche fahren. Natürlich im eigentlichen Sinne ist keines der
genannten Produkte; wo also soll Manipulation vorliegen? Eben – das
hängt vom Standpunkt der betrachtenden Person ab. Ein Yuppie wird
Luxus zum natürlichsten Drang des Menschen erklären2 und
verächtlich auf die seiner*ihrer Meinung nach ideologisch
manipulierten Öko-Jünger*innen herabblicken. Umgekehrt umgekehrt.

Ob also Manipulation vorliegt, entscheidet sich nicht an einem
objektiven Inhalt einer Auffassung oder eines Verhaltens, sondern an
der definitorischen Willkür desjenigen, der*die diesen Vorwurf erhebt.
Die verlogene Technik besteht darin, dass man den missbilligten oder
den für jemanden als schädlich erkannten Willen nicht kritisiert,
sondern als nicht existent zurückweist, weil es angeblich kein eigener
oder eigentlicher sei. Eine elitäre Anmaßung, die unvermeidlich einen
Widerspruch nach sich zieht: Einerseits soll die Raffinesse der
Manipulation darin liegen, dass sie dem Willen unbewußt bleibt und
andererseits nimmt sich die kritisierende Person von ihrer eigenen
Regel aus und will im Unterschied zum Rest ein Bewusstsein von der
Fremdeinwirkung haben! Anders gesagt: Gäbe es die dem Bewusstsein
verborgene Steuerung des Willens, wäre sie für niemanden zu
entdecken, weil alle der Manipulation unterliegen!

Nun, Manipulationstheoretiker*innen ist dieser Widerspruch nicht
entgangen. Aber sie nehmen dies nicht zum Anlass, ihre Theorie zu
verwerfen, sondern halten an ihr fest, indem sie sie geringfügig
modifizieren: Manipulation findet jetzt nicht mehr generell, sondern
nur noch “häufig” statt. So befreien sich die Wissenschaftler*innen von
jeder Beweislast, indem sie fortan alles mit dem bloßen Verdacht der
Manipulation überziehen.

Mit einer Kritik am Denken und Handeln sollte man diesen Standpunkt
nicht verwechseln, auch wenn er sich so vorkommt; wie auch – wird
doch nie auch nur ein einziger Inhalt zur Kenntnis genommen, geprüft
und evtl. verworfen. Der ganze Verdacht besteht darin, daß eine
Handlung möglicherweise nicht aus eigenem Entschluß, sondern
“fremdbestimmt” vollzogen wird. Ein in mehrfacher Hinsicht
unvernünftiger bis ärgerlicher Gedanke, denn erstens ist “eigen”, “selbst”
oder “autonom” ebensowenig ein Gütesiegel, wie “fremd” nichts
Negatives bedeuten muß. “Selbstbestimmt” hat sich Clinton dazu
entschlossen, Somalis töten zu lassen, während es Kindern hingegen
ganz gut bekommt, wenn ihnen “fremdbestimmt” das Überqueren der
Straße bei Rotlicht untersagt wird. Zweitens aber, entwaffnet dieser
Standpunkt jede vernünftige Kritik: Mit einem derartigen Vorwurf
konfrontiert, ist die Diskussion beendet, bevor sie angefangen hat.

Gemäß der universalistischen Logik des Verdachts wird Manipulation
konsequenterweise auch und gerade bei solchen Einstellungen,
Überzeugungen, Verhaltenskodices gewittert, die sich der
gesellschaftlichen Norm entziehen, die eine Ausnahme zu den
herrschenden Vorstellungen darstellen, die gerade “in” oder auch “out”
sind. Einem*r Scientology-Jünger*in bspw. wird stets so begegnet, als
hätte man eine arme verkaufte Seele vor sich, die verführt worden sein
muß, die sich mindestens einer Gehirnwäsche unterzogen haben muß
und eigentlich gar nicht wissen kann, was sie da wirklich tut. Nie wird
so einem Menschen zugestanden, daß seine Anhängerschaft Resultat
eigenen Nachdenkens sein könnte. Das ist lustig. Denn nun behauptet
die Manipulationsthese zweierlei: Die diagnostizierte Konformität der
Massen muß das Ergebnis von Manipulation sein und eine Abweichung
davon ebenso!?!

Der Grundfehler der Manipulationsthese ist die Leugnung des abstrakt
freien Willens3, oder anders gesagt, die verkehrte Verdopplung des
Willens in einen eigentlichen inneren und einen uneigentlichen
äußeren, der angeblich auf den inneren wirkt; und diese sonderbare
Wirkung die da postuliert wird, soll schließlich dem Bewusstsein auch
noch unbewusst bleiben.

Fußnoten:

1 Man stelle sich folgende Szene vor: Ein*e überzeugte*r Milchtrinker*in
sieht im Kino einen ansprechenden Coca-Cola-Spot. Und daraufhin soll
er*sie gegen seinen (“eigentlichen”) Willen nacheinander das um ihn
herumsitzende Publikum nerven, zum Verkaufstand tapern, eine
gewisse Menge Zahlungsmittel den Besitzer wechseln lassen, um
schließlich eine Flüssigkeit die Kehle hinablaufen zu lassen, die ihm*ihr
gar nicht schmeckt? Absurd!

2 Die Apologet*innen des Kapitalismus in Form ihres ökonomischen
“Sachverstands” übrigens auch – Stichwort “Knappheitstheorem”!

3 Man könnte denken, daß der Begriff des abstrakt freien Willens
widersprüchlich ist; entweder ist er frei oder abstrakt (also von etwas
abgesehen) frei. Hier soll aber gesagt werden, daß ein Wollen ein
Müssen nicht ausschließt, wer eine gebügelte Hose anziehen will, muß
bügeln (oder bügeln lassen...). Aufder Ebene des Gegensatzes zwischen
Müssen und Wollen, d.h. auf der zwischen Pflicht und Interesse ist
freilich der Begriff freier Wille ein Pleonasmus, wie Hegel treffend
festhielt.


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