(de) af rhein-ruhr: Bochum, Veranstaltung: Von Hoyerswerda bis Heidenau – Comeback der 90er?

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Wed Jan 20 14:47:43 CET 2016


Wir leben in beängstigenden Zeiten. Faschistische Parteien und Bewegungen ziehen Tausende 
an. Unterkünfte von Geflüchteten werden angezündet, Nazis randalieren in Innenstädten und 
alternativen Stadtteilen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis es wieder Tote gibt. Die 
Liste der Ermordeten ist lang, seit 1990 hat es in Deutschland hunderte Tote durch 
faschistischen Terror gegeben. Terror der von staatlichen Stellen geduldet und teilweise 
unterstützt wird. ---- Wenn der Verfassungsschutz Ermittlungen gegen rechte Terrorzellen 
sabotiert, Nazis trotz Haftbefehle frei herumlaufen können, Polizist*innen ihren Demos den 
Weg frei knüppeln zeigt sich eines: Der Staat ist beim Widerstand gegen Nazis bestenfalls 
ein lästige Behinderung, oft jedoch ein gefährlicher Gegner.

Diese Erfahrung ist nicht neu… Für eine Veranstaltung zu rassistischen Pogromen in den 
1990er Jahren konnten wir daher einen Referenten gewinnen, der damals in antifaschistisch 
aktiv war und sich daran beteiligt hat, dem Mob etwas wirksames entgegenzusetzen. Ziel der 
Veranstaltung ist es, den historischen Rückblick auf die 1990er Jahre zu nutzen, um zu 
einer klareren Analyse der heutigen Situation zu kommen. Nach dem Vortrag möchten wir 
gemeinsam diskutieren wie wir Nazis ohne den Staat und trotz seiner Repression bekämpfen 
können. Der Vortrag soll auch einen Anlaufpunkt bieten für alle, die Interesse haben gegen 
Faschismus, Nationalismus und Rassismus an der Ruhr-Uni und in Bochum aktiv zu werden.

Hier Ankündigungstext des Referenten:

Wo wart ihr in Rostock, wo seid ihr jetzt?
Vortrag über die rassistischen Pogrome der 90er Jahre und Parallelen zu heute.
Ein Antifa Aktivist zieht Bilanz.

„Wo wart ihr in Rostock?“

schrien Antifas nach dem Pogrom in Rostock 1992 der Polizei entgegen. Selbst der Polizei 
hatte ich nicht zugetraut, dass sie tatenlos zusieht, wie ein bürgerlicher und 
faschistischer Mob ein Haus mit vietnamesischen VertragsarbeiterInnen anzündet. Die 
Erlebnisse rund um Rostock haben mich geprägt, ich wollte nicht Zuschauer bei der 
rassistischen Hatz auf Flüchtlinge sein.

Ich bin kein Historiker oder Gelehrter, der hinter dicken Büchern die Gesellschaft 
analysiert. Deswegen sind meine Erinnerungen subjektiv und emotional. Schließlich konnte 
und kann ich diese Zeit nicht vergessen. Schmerzlich habe ich gemerkt, wie diese Zeit mich 
geprägt hat. Seit 1990 sind ca. 190 Menschen aufgrund rassistischer oder antisemitischer 
Gewalt getötet worden. Neben diesen offensichtlichen Barbareien von (Neo-)Nazis war aber 
auch die unerträgliche politische Situation ein Grund, sich zu wehren. Der aufkeimende 
Nationalismus der 90er Jahre und das „wir sind wieder wer“-Gehabe mit Reichskriegsflaggen 
auf öffentlichen Plätzen und in Stadien zeigten die Stimmung der Bevölkerung. Die 
bürgerlichen Medien übernahmen Symboliken und Inhalte von Rechtsaußen-Parteien.

Der Faschismus war in der Mitte der Gesellschaft angekommen und das hielt ich nicht aus. 
Ich musste etwas tun. Niemand war vorbereitet auf diese Situation, aber es fanden sich 
auch Andere, die mitmachten und dem Unerträglichen eine Ende setzen wollten. Es waren sehr 
unterschiedliche Menschen, die ich kennengelernt habe, die Flüchtlingen geholfen haben, 
Nachtwachen in Flüchtlingsheimen übernommen haben oder einfach mal Zivilcourage gezeigt 
haben, weil sie es nicht mehr aushielten – Christen, Ausländerkids, aber auch der ein oder 
andere Spießbürger, der sich diesen nazistischen Wahnsinn nicht gefallen lassen wollte. 
Aber insbesondere auch die Geflüchteten wehrten sich gegen die Angriffe. Dies waren die 
beeindruckensten Momente in der antifaschistischen Selbsthilfe. Aus ihren Ländern vor 
politischer Verfolgung geflohen, wehrten sie sich massiv gegen den braunen Mob. Diese 
Gesellschaft hat viel verdrängt und eine Aufarbeitung hat es nie gegeben. Die Brandstifter 
von damals sind zum Teil immer noch in rechten Organisationen aktiv. Die geistigen 
Brandstifter aus Politik und Wirtschaft sitzen in hohen Ämtern, werden geehrt und 
gefeiert, als hätte es das alles niemals gegeben.

„Die geschichtlichen Tragödien wiederholen sich nicht oder höchstens als Farce.” (Karl Marx)

“Wo sind wir jetzt?”

Heute findet der NSU Prozess in der allgemeinen Medienlandschaft nur noch wenig Interesse. 
Es gleicht einer Posse, dass rechter Terror weiterhin verharmlost, vertuscht und von 
gesellschaftlichen Institutionen unterstützt und gefördert wird.

Nachdem tausende Menschen durch ein menschenverachtendes Handeln der EU im Mittelmeer 
ertrunken sind, erscheint eine von der Bundesregierung ausgerufene Willkommenskultur wie 
ein Heiligenschein aus Pappmaché. Es geht um Verwertung, nicht um Menschlichkeit.

Pogrome und brennende Flüchtlingsheime gibt es, die Polizei ist erst dann da, wenn Linke 
dagegen demonstrieren. Zu vermitteln, dass das keine Zufälle sind, wird unsere Aufgabe sein.

Die Hilfsbereitschaft der BürgerInnen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein weißes 
totes Kind, das am Strand angespült wird, mehr Aufmerksamkeit und Betroffenheit 
hervorruft, als eins mit dunkler Hautfarbe. Es sorgt nicht nur die Bild-“Zeitung” dafür, 
rassistische Ressentiments zu verbreiten, viele tun dies innerhalb der sozialen Netzwerke 
und blasen ins gleiche Horn.

Wie wir diese Menschen gewinnen können, mit uns den braunen und bürgerlichen Mob von der 
Straße zu fegen, bleibt mir ein Rätsel, wenn wir weiterhin in den Spiegel schauen wollen, 
ohne zu kotzen.

Eine Veranstaltung von Stefan Stulpe und der schwarzen Ruhr-Uni mit solidarischer 
Unterstützung der ANTIFA Bonn/Rhein-Sieg

http://afrheinruhr.blogsport.de/2016/01/14/bochum-veranstaltung-von-hoyerswerda-bis-heidenau-comeback-der-90er/


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