(de) FDA-IFA, Gai Dao #61 - Buchbesprechung: Der Friedort der Revolutionäre – Metaphern aus dem laufenden Krieg Von: Karla Kolumna

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Sat Jan 16 10:54:39 CET 2016


Seit einigen Wochen ist ein bemerkenswertes kleines Büchlein in linken Zusammenhängen, 
Info- und Buchläden im Umlauf. „Der Friedort der Revolutionäre – Metaphern aus dem 
laufenden Krieg“ des Autor*innenkollektivs „die Kinder des Krieges“ befasst sich anhand 
der literarischen Figur des „Friedortes“ mit der Frage nach dem Umgang der Bewegung mit 
ihren Toten. ---- Ein Umgang, der in Deutschland und Europa, im Unterschied zu Bewegungen 
wie in Mexiko oder Kurdistan, in weiten Teilen bis heute inexistent ist: ---- „Jeder tote 
Freund bringt mit sich alles in Frage zu stellen. ---- Alles in Frage zu stellen bedeutet, 
dass der Freund umsonst gestorben ist.“- DIE KINDER DES KRIEGES ---- Es gibt Bücher, die 
sind eine Besprechung oder einer Bemerkung nicht wert. Aber dieses Buch ist anders: 
Beseelt durch sprachliche Schönheit, die man böse als Kitsch, anerkennend aber auch 
einfach als dem Thema angemessen - oder schlicht: als literarisches Können - deklarieren 
könnte, wirft es die Frage nach dem Umgang der anarchistischen Bewegung mit den Gefallenen 
und den anderweitig verstorbenen anarchistischen Gefährt*innen auf.

Dementsprechend traurig, wütend,
milde, liebevoll, herzlich und mystisch ist es zugleich. Und es wirft
implizit eine radikale Hypothese in den politischen Raum: Das, was der
Staat am meisten fürchten müsste, wäre, wenn die anarchistische
Bewegung eine wirkliche Gemeinschaft werden würde. Dies schließt
auch den Umgang mit dem Tod und den Toten ein. Und es beinhaltet
die zum Nachdenken anregende Forderung unsere Toten in Schutz zu
nehmen vor der nicht enden wollenden Niedertracht des Feindes. Alles
andere als morbide oder nekrophil heißt es radikal-existenzialistisch:

„Anarchistische Politik geht vom Leben aus. Alle Politik, die
vom Leben ausgeht, durchdringt etwas Existenzialistisches –
das Glück und die Freude Anarchist zu sein. “ - DIE KINDER
DES KRIEGES

Sprachlich teilweise im lettristischen Stil französischer Autor*innen der
Postmoderne (Deleuze, Debord, Lyotard, das UK, et al.) ist es aber nicht
ungeduldig-situationistisch vom Aufstand schwätzend, sondern ganz im
Gegenteil eher von einer selbstverständlichen historisch-revolutionären
und analytischen Zielgerichtetheit geprägt. Stilistisch ist es eine Collage
aus Prosa, Poesie und Epik - das Erkenntnisse aus den
Sozialwissenschaften, aus der Psychologie, der Pädagogik, der
Soziologie, der Geschichtswissenschaft, aus der politischen Theorie und
Philosophie gelungen vereint. Explizit existenzialistisch, eher
dialektisch (im besten Sinne: widersprüchlich) ist es erstaunlich
materialistisch geerdet, weil es konsequent vom Gesellschaftlichen als
Konstitutionsbedingung der menschlichen Existenz ausgeht. Es scheint
ein insgesamt gelungener Versuch die sprachliche Schönheit der
postmodernen Literatur aufzunehmen und gleichzeitig die Postmoderne
als große Verwirrung, Entradikalisierung und poststrukturalistische
Verschleierung von Herrschaft zu entlarven. Und diese hinter sich zu
lassen, den antagonistischen Kampf gegen die drückende Wirklichkeit
auf radikale Weise, in der Form einer unversöhnlichen Position, wieder
zu beleben:

„Krieg, weil es heute nur noch darum geht die Herrschaft zu
vernichten oder von ihr als Mensch vernichtet zu werden.“
- DIE KINDER DES KRIEGES

Das wirklich sympathische an diesem Büchlein ist, dass es die
Leser*innen von ihrem jeweiligen Stand abzuholen scheint. In vielen -
ja fast allen - Gedanken und Absätzen stecken Theorien, Anleihen und
Gedanken bekannter und weniger bekannter linker, anarchistischer und
sozialrevolutionärer Theorien, ohne dass das Autor*innenkollektiv den
universitären Duktus der Fußnotendrescherei, des Zitateschlagens oder
des Quellen- und/oder Namenprotzens („wir haben ja ach so viel
gelesen“) mitmacht. Die Leichtigkeit des Geschriebenen reißt ebenso
mit, wie der mit Selbstverständlichkeit verfasste brutalharte
Konsequenzialismus – als die Bereitschaft des Revolutionärs für die
Revolution im Zweifelsfall auch zu sterben – die Leser*in traurig und
bisweilen fassungslos hinterlässt.

Man verzeihe den Autor*innen den Mangel an Genderpunktuation (der
vielleicht literarisch zu erklären ist) und den Anflug von jüdischer
Befreiungstheologie durch Begrifflichkeiten und Metaphern wie Zion,
Tikun Olam, Golem oder Diaspora; man verzeihe die Prise Heidegger
und auch die apokalyptische Kriegsrhetorik – all dies in der Hoffnung,
dass das Autor*innenkollektiv seine „Drohung“ am Ende des Büchleins
(„Wir werden wiederkommen“) wahr macht – und dies nicht das letzte
Werk aus ihren Federn war.

Fazit: Unbedingt lesenswert

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Herausgeber: AlphaPi Verlegerkollektiv in Kooperation mit
der Assoziation autonomer Autor*innen, Drucker*innen &
Buchbinder*innen
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1. Auflage / Broschiert / 76 Seiten / September 2015 / Idar
Oberstein / Creative Commons Licence
In Berlin gibt es das Büchlein: beim Buchladen Schwarze Risse im
Mehringhofund in der Tempest in der Reichenberger Str.
Online als Printversion erhältlich bei: Fire and Flames
(https://www.fireandflames.com/de/) und bei Black Mosquito
(http://www.black-mosquito.org/) und als kostenloses PDF zum
Download: auf der Seite des Autor*innenkollektivs:
kinderdeskrieges.noblogs.org


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