(de) FDA-IFA, Gai Dao #61 - Interview mit Michael Kimble, einem Anarchisten und Gefangenen aus Alabama Von: Anarchy Live! / Übersetzung: m.d.

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Tue Jan 12 11:22:23 CET 2016


Michael Kimble ist ein anarchistischer Häftling, der aktuell eine lebenslange 
Freiheitsstrafe im Holman-Gefängnis in Alabama absitzt (von der er 30 Jahre hinter sich 
hat). Mehr Informationen zu Michaels Texten findest du auf seinem Blog Anarchy Live!1 ---- 
Unter folgendem Link findest du Informationen, wie du Michael schreiben und unterstützen 
kannst: http://anarchylive.noblogs.org/support-michael/ ---- Erzähl uns doch etwas über 
dich! ---- Es gibt nicht viel über mich zu sagen, nichts von mir oder meiner Situation ist 
ungewöhnlich. Ich bin ein stolzer Schwarzer, schwuler Anarchist, der von Herzen eine 
radikale Veränderung bewerkstelligen will, und wenn ich radikal sage, dann meine ich 
extrem und ich denke, nichts kann extremer sein, als die völlige Zerstörung dieser 
sozialen Ordnung, dieses Herrschaftssystems oder wie du es auch nennen willst.

Wie war es für dich, in Alabama aufzuwachsen? Mit welchen
Hindernissen und Kämpfen wurdest du konfrontiert?

Mein Leben in Alabama war herrlich, zumindest die Anfangsjahre. Ich
bin in der Black Community von Birmingham, Alabama, namens
Powderly (Westside) zur Welt gekommen und aufgewachsen und es war
dörflich; schmutzige Straßen, Schweine usw.. Als ich sieben Jahre alt
war, brannte unser Haus bis auf die Grundmauern ab und wir zogen in
ein anderes Viertel in der Westside namens Westend. Es galt als
Mittelklasseviertel. Wir besaßen zwei Häuser in diesem Viertel. Meine
Eltern waren beide erwerbstätig. Weil ich so jung war, wusste ich kaum,
dass meine Eltern finanzielle und Eheprobleme hatten. Letztendlich
ließen sich meine Eltern scheiden und wir verloren unser Zuhause. Ich,
meine Schwester und meine drei Brüder zogen mit unserer Mutter für
drei Jahre in die Southside und danach in die Northside zu den
Sozialbauwohnungen. Zu der Zeit fing es an, dass ich soziale Probleme
bekam. Ich wurde von den Kindern aus den Sozialbauwohnungen
ausgegrenzt, weil ich aber nie ein Feigling gewesen bin, ließ ich es
niemals zu, dass mich jemand verprügelte, ohne dass ich zurück schlug.
Nachdem die Kinder gelernt hatten, dass ich zurückschlagen würde,
wurde ich als gleichrangig anerkannt. Dies stellte meine größte Hürde
dar – anerkannt zu werden oder sich anzupassen. In den
Sozialbauwohnungen gab es eine Menge schwuler (trans-) Leute in den
Familien meiner Altersgenoss*innen, deshalb war dies nichts
ungewöhnliches. Es ging darum, ob du kämpfen würdest. Draußen war
es anders.

Kannst du etwas darüber erzählen, warum du in den späten '80er
Jahren eingesperrt wurdest?

Ich wurde 1986 eingesperrt aufgrund der Ermordung eines weißen
Typen, der mir und einem Freund, der nachts draußen spazieren war,
schaden wollte. Wir hatten uns gegenseitig im Arm und dieser Kerl fing
an, sich mit uns anzulegen, indem er uns als Schwuchteln, Nigger und
alle Arten von verächtlicher, homophober und rassistischer Scheiße
bezeichnete. Als er uns angriff, nachdem wir ihn zur Rede gestellt
hatten, zog ich eine Pistole, die ich bei mir hatte, und erschoss ihn. Die
Medien versuchten, es in einen rassistisch motivierten Mord und alle
möglichen Sachen zu verdrehen. Ich wusste wirklich nichts davon, bis
ich eine Möglichkeit dazu hatte, meinen Strafuntersuchungsbericht
einzusehen und dies geschah, nachdem ich schon eine Zeit lang im
Gefängnis gewesen bin. Ich brachte den Fall vor Gericht und erhielt
eine lebenslange Freiheitsstrafe und hier bin ich – 29 Jahre später,
immer noch im Gefängnis aufgrund eines homophoben Rassisten. Ich
bereue das Geschehene nicht.

Du sprachst zuvor über deinen politischen Werdegang während
der Haft – vom Kommunismus zur Anarchie. Könntest du uns
erzählen, wie es dazu gekommen ist? Gab es Erfahrungen,
Ereignisse, Beziehungen oder Texte, welche dich in Richtung
antiautoritäre Bewegung gebracht haben?

Ja, ich wurde Kommunist in meinen Anfangsjahren, wie ich vorhin
schon erwähnt habe, weil ich
mich zur Unterdrückung von
Schwarzen, schwulen, armen
Leuten und natürlich
Häftlingen geäußert habe
und befürwortete die
Vorstellung, eine Welt zu
errichten, die frei von diesen
Unterdrückungsmechanisme
n ist. Ich wurde Teil der New
Afrikan Independent Move-
ment (NAIM), die zu der Zeit
sehr entschieden war und es
schien, dass all die Kämpf-
er*innen des Black Liberation
Movement Teil der NAIM
waren. Und sie waren in den Gefängnissen aktiv - weitestgehend
rechtliche Unterstützung (bei Gerichtsverfahren, Briefe,
Telefonkampagnen, Bildung) und besuchten die Gefangenen. Und
natürlich nahmen sie ebenfalls an Kulturprogrammen in den
Gefängnissen hier in Alabama teil. Etwa zu dieser Zeit fingen auch die
ABCs an, wahrnehmbar zu werden aufgrund ihrer Unterstützung von
„politischen Gefangenen / Kriegsgefangenen“ der Bewegungen der
vergangenen Jahrzehnte (BLA, BPP, UFF, Anti-Imperialist*innen, WUO,
etc.), deshalb begann ich Schriften und Zeitungen zu empfangen (The
blast, Love and Rage, Bulldozer, Fifth Estate, u.a.) und begann den
Anarchismus kennenzulernen und er fand bei mir Widerhall.
Verdammt, ich war gegen Autorität, gegen Unterdrückung und fing an
die Widersprüche zwischen Staatlichkeit (Regierung) und Freiheit zu
sehen. Der Anarchismus verlautet(e), all jenes abzuschaffen und dies
jetzt in die Tat umzusetzen und nicht auf die Zukunft zu warten. Und
ich stehe bis heute zum Anarchismus.

Beeinflusst dein Schwulsein deine Fähigkeit, sich kollektiv im
Gefängnis zu organisieren und zu kämpfen?

Kein Zweifel. Zunächst musst du die Gefängnisdenkweisen verstehen,
welche nicht viel anders als außerhalb sind, nur unbedeutender.
Einerseits hast du den Glauben, dass Schwulsein Schwachheit gleicht.
Auf der anderen Seite hast du Kerle, welche eine Fassade errichten, wie
beispielsweise sehr machohaft zu sein als Form der Verteidigung in
einer Welt von Raubtieren, und/oder du hast Typen, die politisch sind,
die aus einer religiös-kulturnationalistischen Richtung kommen. Diese
letztgenannten Typen sind diejenigen, mit denen du dich am ehesten
über irgendeine Organisierung austauschst. Und viele von ihnen sind
Gangmitglieder und, wie es heißt, O.G.s (Original Gangstas),
Gangmitglieder, die nicht genauso aktiv im Bandenwesen sind, wie
zum Zeitpunkt, als sie jünger waren, aber immer noch eine Verbindung
dazu haben und von jüngeren Gangmitgliedern besucht werden. All die
Makel draußen sind vergrößert, aber man kann immer noch mit den
meisten von diesen Typen zusammenarbeiten, falls jemand einen Ruf
begründet hat, jemand zu sein, der aufstehen wird und sich von
niemandem etwas gefallen lassen wird, weder von Bullen noch von
Häftlingen und aufrichtig sind in dem, was sie sagen und wie sie
handeln. Sie wissen, sie
leben jahrelang rund um
dich herum. Doch erneut
handelt es sich um einen
Kampf drinnen und für sich,
gegen all den psycholog-
ischen Mist, weiterzu-
kommen, der in den Köpfen
dieser Typen herumspukt.
Ihnen wurde jahrelang
erzählt, dass etwas falsch am
Schwulsein ist, mit traditio-
nellen Geschlechterrollen
nicht übereinstimmend.

Deshalb schwächt Schwulsein gewissermaßen deine
Meinung und Leistungen. Aber als Anarchist tobe ich weiter aufgrund
meines Eigeninteresses, innen Chaos herbeizuführen und an der
gesamten Vernichtung der Gefängnisse und des Systems, das sie
geboren hat.

Wie war es, ein revolutionärer Gefangener in den 90ern zu sein,
als ein Großteil der anti-imperialistischen Bewegung
auseinander gefallen war und der anarchistische Kampf
lediglich anfing, die mehrere Jahrzehnte andauernde Flaute in
den USA zu beenden?

Um dir die Wahrheit zu sagen - ich war so vom Kampf in jenen
Gefängnissen gefangen, dass ich mich eigentlich nicht auf die Vorgänge
draußen konzentriert habe. Ich war mit dem Versuch eines Aufbaus
drinnen beschäftigt. Natürlich streckten wir die Hände aus und fühlten
den Niedergang, aber die Leute versuchten immer noch mit uns zu
interagieren. Ich erwartete nicht zu viel aus der aufkeimenden
anarchistischen Bewegung, da es offensichtlich war, dass sie in ihrer
Anfangsphase steckte.

Hast du irgendwelche Veränderungen bei den Maßnahmen und
Formen anarchistischer Gefangenensolidarität bemerkt, seitdem
du eingesperrt worden bist?

Meine Erfahrungen mit Anarchist*innen außerhalb des Gefängnisses
waren nicht so umfangreich. Aber wie ich beobachtet habe, haben
anarchistische Gruppen wie beispielsweise die ABCF, welche am
aktivsten zum Thema Gefängnisse war, die grundlegende und
emotionale Unterstützung hauptsächlich für diejenigen der alten,

bekannten Bewegungen, Organisationen der vergangenen Jahrzehnte
erbracht, die sie als politische Gefangene/Kriegsgefangene einstuften.
Dies veränderte sich zu einem großflächigen Ausmaß, jetzt gibt es
Anarchist*innen, die auf die grundlegende, emotionale Unterstützung
abfahren, aber auch Demos, Angriffe gegen Gefängnisse, etc. Dies ist
etwas, was ich in den 1990ern in den USA nie gesehen habe. Es ist jetzt
wie Kompliz*innen werden.

Du hast dich früher kritisch über das politische Gefangenen-
/Kriegsgefangenen-Konzept geäußert. Kannst du näher
ausführen, warum du die Bezeichnung ablehnst und auf deine
Erfahrungen mit dem Konzept und seinen Befürworter*innen
eingehen?

Zunächst basiert das Konzept, welches von den meisten Gruppen
verwendet wird, auf der Definition der Vereinten Nationen (UN), wer
und was ein*e politische*r Häftling/Kriegsgefangene*r darstellt, deshalb
habe ich auf jeden Fall ein Problem damit. Um genau zu sein - ich lehne
es ab. Die UN stellt nur eine weitere staatliche Institution dar, die auf
Herrschaft und Kontrolle der Bevölkerung basiert. Dann ist das Konzept
in der Praxis elitär, diskriminierend, es erschafft Berühmtheiten und
legitimiert wirklich nur den Staat und seine Rechtsordnung. Die USA
haben über zwei Millionen Leichen im Keller, aber nur etwa 100 werden
von den Gruppen als politische Gefangene/Kriegsgefangene betrachtet.
Es ist ein Witz. Es übergeht die Männer und Frauen, welche aktuell
deswegen in jenen Gefängnissen kämpfen und leiden. Oh, ich hatte mit
Anarchist*innen Diskussionen darüber. Sie brachten unsere
Briefwechsel zum Erliegen. Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich
darüber spreche, genauso wie bei Religion. Neuere anarchistische
Kämpfe hatten das Gefängnis als einen zentralen Schwerpunkt, sowohl
weil der Staat Anarchist*innen ins Visier nimmt, als auch weil
Anarchist*innen offensiv etwas gegen die Knastgesellschaft
unternehmen.

Gibt es Aktionen oder Kämpfe, welche dich in letzter Zeit
begeistert haben?

Die Unterstützung und Solidarität, welche der Bewegung für ein freies
Alabama (F.A.M.) hier von Anarchist*innen gezeigt und gegeben
wurde, die Demos im ganzen Land organisiert haben, die Ereignisse des
11. Juni, die Solidarität, welche ich im letzten Jahr oder so erhalten habe
und die Aktionen, die in Solidarität mit Häftlingen und gegen die
Knastgesellschaft überall auf
der Welt durchgeführt worden
sind, die banner drops, die
wöchentlichen Lärmdemon-
strationen bei den Gefäng-
nissen in Kalifornien – all dies
begeistert mich. Ich bin nur
froh, wenn ich sehe, dass
ziemlich dauerhaftes Zeug hier
in Alabama passiert.

Wie stehst du zu den
kürzlich in den USA sich
ereigneten Kämpfe gegen
die Polizei?

Ich liebe die Demos und Aufstände gegen die Polizei. Ich habe vor ein
paar Tagen Radio gehört, als gesendet worden ist, dass zwei Bullen in
Ferguson erschossen worden sind. Ich war so aufgeregt, dass ich in
dieser Nacht sogar keinen Schlaf gefunden habe. Ich freue mich, dass
junge, Schwarze Menschen in Ferguson es diesen rassistischen
Zuhältern nicht zugelassen haben, ihren gerechten Zorn und ihr
Verlangen zu kämpfen auszulöschen und den Bullen ausgleichende
Gerechtigkeit zugefügt haben. Ich denke, dass wir in naher Zukunft
weitere Angriffe dieser Art sehen werden, weil die Bullen nicht damit
aufhören werden, Schwarze Leute zu ermorden. Was für eine andere
Wahl haben wir, als uns zur Wehr zu setzen? Dies sind zwei
Vergeltungsaktionen – in New York und in Ferguson. Ich bin sicher, es
gibt noch mehr, ich habe nur noch nichts davon gehört.

In einigen deiner Texte bekundest du Widerstand gegen die
Zivilisation. Kannst du uns darüber erzählen und wie es von
einer Kritik von Staat und Kapital alleine abweicht?

Ich glaube nicht, dass man eine Kritik von Staat und Kapital von einer
Zivilisationskritik trennen kann. Die Zivilisation bringt Staat und
Kapital hervor, die ihrerseits uns alle Arten von
Unterdrückungsmechanismen bescheren sowie Werkzeuge zur
Unterdrückung, wie beispielsweise Überwachung, Gier, Herrschaft und
all die anderen beschissenen Dinge, welche die Leute logisch finden,
einander und der Umwelt anzutun. Die Zivilisation wird vom Kapital
verklärt, sie sei ein Fortschritt der Lebensqualität und der
Leistungsfähigkeit, aber vergiss nicht, die Lebenserwartung eines
schwarzen Mannes in den USA liegt bei circa 25 Jahren. Voraussichtlich
ist er mit 25 Jahren tot oder im Gefängnis. Die Zivilisation hat eine
Entkoppelung von Mensch und Erde verursacht. Die Zivilisation hat
alle Arten von Krankheiten hervorgebracht; Medikamente, welche nicht
heilen, aber wenn du sie gekauft hast, um die Erkrankung zu
„behandeln“, speist du ihre Gier; Umweltverschmutzung; das
Patriarchat; Rassismus; Gefängnisse; usw. Die Zivilisation ist die
zugrunde liegende Ursache für das Elend, welches wir als
Unterdrückung bezeichnen und muss dekonstruiert, schonungslos und
vollkommen zerstört werden.

Wie können Anarchist*innen stärkere Verbindungen zu
Gefährt*innen im Gefängnis aufbauen?

Mithilfe von Interaktion,
Zuhören, Kompliz*innen
werden, Gefangene als gleiche
behandeln und ihre Haft-
situation nicht idealistisch
verklären. Es gibt nichts
Erhabenes daran, im Gefäng-
nis zu sein. Indem einfach
revolutionäre Solidarität ge-
zeigt wird und was all diese
beinhaltet. Ich werde dies
immer und immer wieder
sagen: Die Leute sollen Os
Cangaceiros austesten, weißt
du, die Gruppe in Frankreich während der 70er, 80er, 90er, um zu
verstehen wie eine Form von Solidarität aussieht.

Was würdest du gerne vom anarchistischen Kampfin den USA in
den kommenden Jahren sehen?

Ich würde gerne sehen, dass die Anarchist*innen aktiver im Aufbau
authentischer Verbundenheit mit denjenigen von uns werden, welche
inhaftiert sind und ich würde gerne mehr Angriffe auf Gefängnisse,
Fabriken, Einrichtungen sehen, die sie errichten, aufrechterhalten und
mit den Leuten Profit machen, die entführt und im Gefängnis gehalten
werden. Auch denke ich, für Anarchist*innen wird es Zeit, anzufangen,
etwas für diejenigen Anarchist*innen aufzubauen, welche die
Gefängnisse verlassen aufgrund von Bewährung, Strafende oder auf
anderem Wege. Einige von uns werden – sobald draußen - Wohnraum,
Kleidung, etc. benötigen. Etwas, was wir daran anschließen können.
Zumeist müssen wir uns bei einer Resozialisationseinrichtung
bewerben und dies stellt ein völlig neues Problem dar, weil alle, die ich
kenne, sind religiös orientiert und verlangen von dir an religiösem
Scheiß teilzunehmen.

Der Kampf in den Gefängnissen in Alabama spitzt sich aktuell
zu. Was passiert dort gerade?

Nun, wir hatten gerade einen bundesweiten Mobilisierungstag für die
Verteilung von Kondomen, seitdem sexuell übertragbare Krankheiten
ein größeres Problem unter Gefangenen darstelltt. Dann, am ersten
März 2015, rief die F.A.M. zu einem Arbeitsstreik auf
(Betriebseinstellung). Er dauerte drei Tage und fand nur im Gefängnis
(St. Clair) statt. Ich bin darüber ziemlich angepisst. Warum nur drei
Tage? Der Streik war unbegrenzt vorgesehen. Ich begann einen
Hungerstreik am zweiten März, um meine Solidarität zu zeigen und
erhielt keine Nachricht, dass der Arbeitsstreik vorbei war, bis ungefähr
zum neunten oder zehnten März. In der mir zugestellten Erklärung über
die Kürze des Streiks hieß es, es wäre ein Testlauf gewesen, um den
Typen zu zeigen, was erwartbar sei. Scheiße, wir (Holman und St. Clair)
hatten gerade im Januar 2014 eine Betriebseinstellung und sie dauerte
15 Tage an, deshalb wissen die Typen, was sie erwartet. Andererseits
war ich nicht dort, deshalb weiß ich nichts davon, aber ich vermute,
dass einige „vernünftige“ und „verantwortungsvolle“ Häftlinge den
Rebell*innen „Vernunft“ beibrachten und sie ausquetschten.

Hier im Holman-Gefängnistrakt protestieren die Leute gerade gegen das
Ersetzen warmer Mahlzeiten durch Lunchpakete , falls du deine
Essensdurchreiche in der Zellentür offen hast. Es wurde eine Menge
Urin und Fäkalien geschmissen und Feuer brannten. Die Bullen ließen
einstweilen davon ab, aber wir werden abwarten, was als nächstes
passiert. Ich habe meinen Hungerstreik beendet.

Willst du noch etwas hinzufügen?

Ja, ich glaube, je mehr Kämpfe wir draußen sehen, desto mehr Scheiße
wird drinnen verschwinden. Anarchist*innen müssen sich dafür bereit
machen und sollten darüber nachdenken, zu was sie bereit sind, zur
Zerstörung des Staates beizutragen, indem sie Gefängnisse angreifen.
Lass mich zur zweiten Frage zurückkommen: Versteht mich nicht falsch,
es gab massive mir zugefügte Ungerechtigkeiten, während ich in
Alabama aufgewachsen bin. Es gab gewisse Abschnitte, die ich nicht
durchmachen würde, weil ich aller Voraussicht nach verhaftet worden
wäre, schlicht und einfach weil ich eine Schwarze Person bin. Sogar in
den 1980ern gab es so etwas, was „Judenstadt“ genannt wurde, eine
Geschäftsstraße, welche immer noch „nur für Weiße“-Schilder in den
Schaufenstern hatten. Aber ich fühlte mich in meinem Kiez sicher. Und
zusätzlich hatte ich wirklich keinen Grund, zu diesem Ort zu gehen, der
feindlich gegen People of Color war. Aber weißt du was, als ich circa
zwölf oder 13 Jahre alt war, pflegten eine Menge von uns Kindern
durch jene rassistischen Stadtteile mit dem Fahrrad zu fahren und
keine*r jener Fanatiker*innen sagte irgendetwas. Oh ja, sie warfen uns
jene bösen Blicke zu, aber was soll's – das ging uns am Arsch vorbei.
Wir waren schlimme Dummköpfe und taten es hauptsächlich trotz
allem.

Also, schwul sein war etwas anderes. Ich legte mich wegen des Hohns
von Freund*innen und Familie mit ihnen an, aber es war nicht wie mit
den rassistischen Feindseligkeiten. Obwohl es von den Leuten in meiner
Nachbarschaft akzeptiert war, schwul zu sein, war es direkt nebenan in
der sonstigen Nachbarschaft anders. Die Leute verspotteten,
schikanierten und verprügelten sogar diejenigen, welche sie als schwul
ansahen. Ich hatte viele Spitznamen und eine Menge Kämpfe, während
ich aufgewachsen bin. Aber weißt du, ich wurde so jung eingesperrt
und dies war nicht das erstes Mal, dass ich eingesperrt worden bin. Ich
bin eine ganze Weile durch das Jugendhilfesystem gegangen. Deshalb
wurde ich vor einer Menge Zeug auf der Straße bewahrt. Ja, der Knast
rettete mich vor der Straße, aber nicht vor all dem Mist, der gegen
schwule Leute andauert, während sie eingesperrt sind. Ich hatte niemals
eine Vergewaltigung miterlebt, aber ich habe Grausamkeit erlebt. Weißt
du, als Kinder suchen wir nach allen möglichen Gründen, andere
Kinder schlecht zu machen. Wir suchen nach Unterschieden und
zusammen mit den Vorurteilen, welche die Gesellschaft in unsere Köpfe
eingetrichtert hat, ist es nicht schwer welche zu finden. Diese Welt ist
so schlecht, dass falls sie nicht verstanden wird, sie nicht kontrolliert
werden kann, wird sie versuchen, sich zu zerstören. Und den Kinder
wird dies zu Hause, in der Kirche, Schule, überall, wohin sie sich
wenden, beigebracht. Kein Wunder gibt es eine so hohe Suizidrate unter
Jugendlichen.

Fußnote:

1 http://anarchylive.noblogs.org/

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Quelle:
http://rabble.org.uk/interview-with-michael-kimble-anarchist-
prisoner-from-alabama/


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