(de) FDA-IFA, Gai Dao #61 - Die grundsätzliche Erfordernis von organisierten Safer Spaces Von: Floaker / Übersetzung: madalton

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Mon Jan 11 12:20:03 CET 2016


Seit der Gaidao-Nummer 52 (März 2015) haben wir in jeder Ausgabe einen Beitrag zur 
anarcha-feministischen Konferenz (AFem2014), die im Oktober 2014 in London stattfand, 
veröffentlicht. ---- Der hier abgedruckte Text stellt keinen direkten Beitrag von AFem2014 
dar, sondern war als Hintergrundtext im Auswertungstext zur 
“Accountability-Abläufe-Veranstaltung” auf der Konferenz angegeben (die Übersetzung dieses 
Accountability-Abläufe-Auswertungstextes ist in der Gaidao-Nummer 60 (Dezember 2015) 
veröffentlicht worden. ---- Dieser Beitrag bietet eine sehr einfache Einführung in die 
Grundlagen von Safer Spaces1, Community Accountability2 und transformativer Hilfe3, welche 
aus Bestandteilen entstanden, die von Beginn des Anarchismus an als eine politische 
Philosophie vorhanden waren. Diese Konzepte sind Reaktionen auf verbale, körperliche und 
sexuelle Misshandlungen, welche immer in radikalen Gemeinschaften
vorhanden waren und bis zum heutigen Tag eine Herausforderung
darstellen. Von daher wird dieser Artikel alle Formen von
Misshandlungen streifen: Angefangen bei problembehafteter Sprache
bis hin zu Vergewaltigung und körperlicher Gewalt. Ein Beispiel für
solch ein Safer-Space-Konzept findet sich hier:
https://glasgowanarchists.wordpress.com/safer-spaces/

Ich schreibe diesen Text aus meiner Perspektive als eine weiße,
genderqueere 4 und körperlich leistungsfähige Person. Innerhalb einiger
Kämpfe, die ich beschreiben werde, nehme ich eine unterstützende
Funktion ein, wenn die Unterstützung verlangt wird. Überlegungen zu
Safer Spaces ergaben sich durch Betroffene von Misshandlungen,
welche feststellten, dass ihr Kampf stattfinden muss und auf welche Art
sie Unterstützung zu erhalten wünschen. Auf jede Person, welche fähig
gewesen ist, ihre Stimme zu erheben, gibt es hunderttausende, die dies
nicht können. Wir sollten daran denken: Solange die Stimmen, die wir
hören, als nur wenige erscheinen, tragen sie eine Wahrheit mit sich, die
– falls sie übergangen wird – jegliche Versuche hin zur sozialen
Revolution zu einer aussichtslosen Geste machen.

Kultur der Vergewaltigung

Wenn wir heute die Welt betrachten, sehen wir, dass sie voller
Vorurteile ist. Gender, Sexualität, Alter, körperliche Fähigkeit, soziale
Stellung, Hautfarbe und Zugehörigkeit zu einer bestimmten
Menschengruppe werden alle als Vorwände für gesellschaftliche
Vereinbarungen und das Akzeptieren einer Liste von Misshandlungen
gegen Menschen benutzt. Sie können subtil sein, wie beispielsweise
dort, wo ein*e Redner*in nicht beachtet oder nicht ernst genommen
wird. Oder sie können so offensichtlich sein wie ein Mord, der vor den
Augen einer Menschenmenge stattfindet, aber keine der anwesenden
Personen meldet sich als Zeuge*Zeugin. Wir wurden alle sozialisiert,
keinen Ärger zu machen; an Unterdrückungshandlungen teilzunehmen
(wie beiläufiger Rassismus, transfeindliche Witze, etc.) und Übergriffe
als etwas ganz Selbstverständliches anzunehmen; diejenigen Menschen,
welche unsere Unterstützung benötigen, nicht zu beachten oder ihre
Situation zu bagatellisieren; denjenigen den Prozess zu machen, welche
nach Gerechtigkeit streben; uns selbst verantwortlich zu machen, wenn
wir misshandelt worden sind, falls wir uns überhaupt erlauben, den
Sachverhalt einzugestehen. Diese kulturellen Normen können überall
dort, wo Unterdrückung stattfindet, gesehen werden. Und trotzdem
würde ich einwenden, dass eine der beherrschendsten und weit
verbreitetsten dieser kulturellen Normen, die all unsere radikalen
Räume heute beeinflussen, von unserer dominanten kulturellen
Akzeptanz von Vergewaltigung und sexueller Gewalt übertragen
wurden.

Wir sind ständig von Sprache und Bildern umgeben, welche
Vergewaltigung bestätigen und aufrecht erhalten. Angefangen von der
Komödie, die wir genießen sollen, bis hin zu dem Gesetzesrahmen, der
uns vom Staat aufgezwungen wird, ist alles anfällig dafür, dass
Vergewaltigung etwas darstellt, das nun einmal Teil des Lebens ist.
Vergewaltigung wird innerhalb unserer Kultur so sehr bagatellisiert,
dass wenn jemand am Computer sitzt und mit einem anderen Log-in
dumme Nachrichten auf Facebook postet, sie sprachlich auf demselben
Niveau von Ungerechtigkeit und Misshandlung dargeboten werden, wie
wenn man vergewaltigt worden wäre. Sicherlich, wenn wir die Leute
sich positionieren lassen, würden sie Vergewaltigung als deutlich
schlimmer einstufen, als eine Nachricht zu posten, mit dem Ziel, eine*n
Freund*in in Verlegenheit zu bringen. Aber dies stellt nur ein Beispiel
aus einem allumfassend durchdringenden System aus frauenfeindlicher
Sprache, Verdinglichung, Verharmlosung und Trivialisierung dar,
welches uns an den Punkt führt, an dem Vergewaltigung nicht nur wie
gewohnt übersehen wird, sondern auch von allen um uns herum
gefördert werden und Zuspruch finden kann. Glaubst du mir nicht?
Tippe „Steubenville rape“ bei der Suchmaschine deiner Wahl ein und
vergiss dann nicht, dass ich hunderte solcher Beispiele allein vom
letzten Jahr finden kann.

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Person: Hallo, ich möchte einen Überfall melden!
Polizei: Einen Überfall, ja? Wo hat der Überfall stattgefunden?
Person: Ich lief von der 21. Straße zur Dundritchstraße und ein Mann
zog eine Waffe und sagte: „Gib mir all dein Geld!“
Polizei: Und haben Sie es getan?
Person: Ja, ich tat, was gesagt wurde.
Polizei: Also haben Sie bereitwillig ihr Geld dem Mann gegeben, ohne
sich zu Wehr zu setzen, Hilfe zu rufen oder zu fliehen?
Person: Nun, ja, aber ich war in Panik. Ich dachte, er bringt mich gleich
um!
Polizei: Mmh, aber Sie haben getan, was er gesagt hat. Und ich bin in
Kenntnis gesetzt worden, dass Sie auch ein ziemlicher Wohltäter sind.
Person: Ich spende, klar.
Polizei: Also mögen Sie es, Geld zu verschenken. Sie machen es sich zur
Gewohnheit, Geld zu verschenken.
Person: Was hat das mit dieser Situation hier zu tun?
Polizei: Sie liefen vorsätzlich in ihrem Anzug zur Dundritchstraße, da
jede*r weiß, dass Sie gerne Geld verschenken und dann setzten Sie sich
nicht zur Wehr. Es klingt, wie wenn Sie jemandem Geld gegeben hätten,
aber jetzt im Nachhinein bedauern Sie ihre Spende. Sagen Sie mal,
wollen Sie wirklich sein Leben wegen ihrem Fehler ruinieren?

Person: Das ist lächerlich!

Polizei: Dies ist die Entsprechung zu Vergewaltigung. Frauen werden
Tag für Tag mit dieser Situation konfrontiert, wenn sie versuchen, ihre
Vergewaltiger vor Gericht zu bringen.
Person: Zur Hölle mit dem Patriarchat!
Polizei: Genau!
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Die Wahrheit über sexualisierte Gewalt wird ständig hinter Mythen
versteckt, welche diejenigen angreifen, die von derartiger Gewalt
betroffen sind und die Täter von solchen Misshandlungen vor
Untersuchungen schützen. Die verbreitete Vorstellung ist, dass der Täter
ein Fremder, Einzelgänger oder ein entfernter Bekannter sein wird, der
immer wieder mal auftaucht. Ein anderes Bild stellt Vergewaltiger
ständig als Monster oder nichtdenkende, instinktgeleitete Triebtäter dar.
Beide Stereotype sind selten der Fall. Ein Vergewaltiger kann jede
Person sein, die du kennst. Es kann dein bester Freund sein. Es
können angenehme Leute sein, die wie eine Bereicherung erscheinen.
Sie können ansonsten gute Gefährten sein. Sie sind keine sexgeilen
Verrücken, die immer aus einer Menschenmenge hervorstechen,
sondern stattdessen Menschen, die darauf setzen, Kontrolle durch
sexualisierte Gewalt auszuüben – üblicherweise in sehr privater
Umgebung – über Menschen, die sie gut kennen. Sie können
Argumente benutzen, um diejenigen zu überzeugen, die sie angreifen,
dass es einmalig oder dass es nicht ihr Verschulden war. Dies hängt mit
der falschen Vorstellung zusammen, dass Vergewaltigungsfälle immer
eindeutig und offensichtlich sind – dass ein Mann eine Frau irgendwie
auf der Jagd nach Sex überwältigt hat und die Betroffene ist sich auf
der Stelle im klaren, was vorgefallen ist. Obwohl dies der Fall sein kann,
ist es nicht die einzige Möglichkeit. Diejenigen mit Erfahrungen, die aus
dieser Schwarz-Weiß-Geschichte herausfallen, finden sich oftmals
schlecht gemacht oder unter Verdacht gestellt. Fragen werden
aufgeworfen, warum die Betroffene „es zugelassen“ oder „nicht früher
den Mund aufgemacht hat“. Jedoch wird nicht die ganze Bandbreite der
typischen Reaktionen auf eine bedrohliche Situation berücksichtigt.
Dies kann die vertraute Kampf-oder-Flucht-Reaktion sein, kann aber
auch zu dem weniger bekannten Erstarren führen – eine Reaktion des
Sich-Fügens oder Beigebens. Unsere Kultur kehrt dies alles um und
beginnt zu fragen, was die Betroffene getan hat, was eingeladen haben
könnte, vergewaltigt zu werden. War sie betrunken? Hat sie
„unangemessene Kleidung“ getragen? Hat sie keine Maßnahmen
ergriffen, wie beispielsweise eine Trillerpfeife bei sich tragen oder
etwas, um sich zu schützen? Hat sie sich auf eine Weise verhalten, die
den Täter veranlasst hat, so zu handeln, wie er es tat? Hatte sie in der
Vergangenheit Sex mit dem Täter? Lasst uns klar und deutlich sein –
nichts verursacht Vergewaltigungen außer ein Vergewaltiger.

Diese Mythen haben alle zur Folge, die Täter zu stärken und die
Betroffenen zu schwächen. Diese Mythen führen dazu, dass die von
Misshandlung Betroffenen ihr eigenes Urteilsvermögen über eine
Situation anzweifeln und sich selbst Vorwürfe für die Handlungen eines
anderen machen. Diese Mythen verursachen lähmende Gefühle der
Schande und Schuld bei denjenigen, die ihre Hände ausstrecken müssen
für unsere Solidarität und Unterstützung. Gleichzeitig verursachen
diese Mythen jene Strukturen, die errichtet worden sind, um den
Betroffenen vermeintlich dabei zu helfen, etwas zu sein: Von
unempfänglich bis hin zu mit vollständiger Feindseligkeit ausgestattet.
Ähnliche Mythen und unsinnige Ansichten schließen auch andere
Gruppen ein, die Unterdrückung erfahren, mit dem gleichen Ablauf,
den Betroffenen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Du musst mit
einem scharfen Auge die Mainstream-Medien beobachten, und du wirst
sehen, wie allgegenwärtig die Fehlinformationen und der Hass sind, die
dabei helfen, dieses Denken aufrecht zu erhalten. Während ich diesen
Beitrag schreibe, stellt sich heraus, dass ein entscheidender Faktor beim
kürzlich erfolgten Suizid von Lucy Meadows 5 die Entscheidung der
Daily Mail-Zeitung war, einen hasserfüllten persönlichen Angriff über
sie zu veröffentlichen. Beispiele wie dieses sind nur die öffentlich
sichtbare Spitze des Eisbergs.

Radikale Räume, revolutionäre Lösungen

Wir als Anarchist*innen sollten daran arbeiten, uns diesen
Unterdrückungsmechanismen bewusst zu werden und sehen, wie sie
sich überschneiden. Wir sollten den Erfahrungen derjenigen Gehör
schenken, die unterdrückt worden sind und ihnen unsere Unterstützung
in den Kämpfen zuteil werden lassen, denen sie gegenüberstehen. Wir
sollten die Art, wie in der Welt im Allgemeinen auf Vorfälle reagiert
wird, kritisch betrachten und eine Welt aufzeigen, in der wir gerne
leben würden. Wir sollten auch realistisch in Bezug auf die uns zur
Verfügung stehenden Ressourcen und Fähigkeiten sein. Wenn wir
Räume anbieten, seien es Versammlungen in realen Räumen oder in
virtuellen Diskussionsforen, müssen wir unsere Verantwortung
erkennen, die wir haben, um allen Nutzer*innen des Raumes bewusst
zu machen, dass, um in dieser bestimmten Gemeinschaft
aufgenommen zu werden, es bestimmte von uns geforderte
Verhaltensweisen geben wird und andere, welche wir nicht dulden
werden. Gleichzeitig haben wir vielleicht zusätzliche Forderungen oder
können sogar festlegen, dass jemand innerhalb unserer Räume
unerwünscht ist, um es der Gemeinschaft als Ganzes zu ermöglichen,
sich sicher zu fühlen. Weit davon entfernt, autoritär zu sein, ist dies ein
vorbildlicher Schritt hin zu einer Verwirklichung des Konzepts der
Selbstverwaltung, in der Individuen und Gemeinschaften ein
direktdemokratisches Entscheidungsrecht bei der Frage haben, wen sie
in ihre Räume hineinlassen und wie von Leuten erwartet wird, sich zu
verhalten, solange sie darin sind.

Derzeit ist der häufigste Versuch, unsere Räume sicherer als die Welt im
Ganzen zu machen, eine „Safer-Space-Politik“ zu schaffen. Oftmals
bedeutet dies eine Liste von Richtlinien, von denen wir erhoffen, dass
jede*r Raumnutzende sie einhalten wird, sowie Verhaltensweisen, die in
unseren Räumen erwartet werden. Um unsere Räume in etwas
Sichereres als die Welt um sie herum zu verwandeln, braucht es leider
weit mehr als eine gut gemeinte Wunschliste von Dingen, von den wir
nur hoffen können, dass rücksichtslose Individuen sie einhalten
werden. Genauso wie Gesetze nichts bringen, um Verbrechen zu
verhindern, ist es ziemlich überflüssig, einfach einen Verhaltenskodex
an der Eingangstür deiner Veranstaltung zu haben, solange es nicht
verbunden ist mit Vorgehensweisen, was zu tun ist, sobald (nicht falls)
jemand dagegen verstößt. Was erforderlich ist, um es mit Errico
Maltesta auszudrücken, ist Organisierung, Organisierung und nochmal
Organisierung. Diese tritt in vielen verschiedenen Formen auf:

Für alle offene und unmissverständliche Abläufe

Im Falle Erster Hilfe gibt es Abläufe, die Sanitäter*innen eingetrichtert
werden: Wenn also eine Notfallsituation aufkommt, sind sie fähig, alle
ihre Emotionen und Panik beiseite zu lassen und zu gewährleisten, dass
die Situation richtig gehandhabt wird. Die selben Grundsätze können
auf die Vorbereitung und erforderliche Organisierung übertragen
werden, um unsere Räume sicherer zu machen. Sobald jemand gegen
Abschnitte der Safer-Space-Richtlinien handelt, die an der Eingangstür
aushängen, muss es eine unmissverständliche Zusammenstellung von
Anweisungen geben, welche Vorgehensweisen es für Personen gibt, die
von Misshandlung betroffen sind, die unterdrückendes Verhalten
miterlebt haben und für diejenigen, denen es berichtet worden ist.

Ein klares Paket von Richtlinien darüber zu haben, wie wir handeln
werden, zusammen mit einer genauen Beschreibung der Vorgänge und
Abläufe, die jede*r, der*die den Raum verwaltet, geübt haben sollte, hat
zur Folge, dass alle wissen, was zu tun ist, wenn der Fall einer
Misshandlung auftritt. Betroffene können sich in einer emotionalen,
chaotischen Situation entspannter und sicherer fühlen, wenn sie vor
dem Auftreten eines Problems wissen, was passieren wird. Diejenigen
von uns, die einen Raum verwalten, werden eine Dokumentation
haben, die uns nicht nur hilft, auf eine Weise voranzukommen, die die
Gemeinschaft als Ganzes schützen wird, sondern uns auch davon
zurückhaltet, unüberlegte Handlungen vorzunehmen, die eine
betroffene Person entmachten würde oder sich selbst zu misshandeln.
Für diejenigen, welche möglicherweise Täter von Misshandlung sein
könnten, zeigt die Dokumentation im Voraus, was erwartet wird und
erklärt, warum bestimmte Handlungen von jeder beteiligten Person
erforderlich sein könnten.

Vielfältige Abläufe werden erforderlich sein, um mit allen
verschiedenen Arten von Misshandlung umzugehen, welche gemeldet
werden können. Wie wir beispielsweise mit Berichten über körperliche
Gewalt umgehen, wird sich voraussichtlich davon unterscheiden, wie
wir den Fall handhaben, wenn jemand im Gespräch eine Beleidigung
benutzt. Kein Ablauf ist in Stein gemeißelt, da jeder Fall einzigartig ist.
Die häufigsten Eventualitäten können erfasst und unsere Abläufe
können nachträglich überprüft werden, um bessere Verfahren zu
erhalten, indem wir sie entwickeln und teilen.

Betroffenen-Fokus und Community-Accountability-Verfahren

Die Welt als Ganzes behandelt Misshandlungen auf sehr verschiedene
Weisen. Wenn jemand sich meldet, um zu berichten, dass etwas von
ihm*ihr gestohlen worden ist, ist unsere erste Reaktion nicht, zu fragen,
ob dies passiert ist oder nicht. Wir akzeptieren die Behauptung und
gehen danach von da an vor. Dasselbe Vorgehen ist bei Fällen
sexualisierter Gewalt nicht zutreffend. Obwohl Recherchen zu einer
Anzahl von falschen Beschuldigungen in diesem Bereich immer und
immer wieder zeigen, dass eine Beschuldigung extrem selten ohne
Grundlage gemacht wird, ist die typische Anfangsreaktion der
vorherrschenden Kultur, die Darstellung der Betroffenen, was passiert
ist, zu bestreiten oder abzutun und zu versuchen, die Darstellung
herabzumindern, auszublenden oder das misshandelnde Verhalten zu
rechtfertigen. Wenn dies nicht getan werden kann, werden diejenigen
angegriffen, die in der Lage gewesen sind, sich zu erheben und
Gerechtigkeit zu suchen. Leuten, die zu uns wegen Hilfe und
Unterstützung kommen, wird der Prozess gemacht. Wenn wir der
Person glauben, setzen wir oftmals die Beseitigung der
Handlungsmacht fort, indem wir wutentbrannt davon rauschen, mit
Angelegenheiten, die unter uns bleiben sollten – ohne zu merken, was
die betroffene Person braucht oder von uns will.

Wir haben in unseren Räumen fast nie die Möglichkeit, die Wahrheit
oder Schuld hinter den meisten Behauptungen sexualisierter Gewalt
oder schwerwiegender Misshandlung zu ermitteln. Allerdings können
wir Behauptungen von Misshandlungen ernst nehmen und erwägen,
dass Maßnahmen umgesetzt werden, die unsere Gemeinschaften
schützen. Wenn wir nichts tun, weil wir nicht „Partei ergreifen“ wollen
oder weil wir uns auf die Vorstellung berufen, jemand sei unschuldig,
„bis die Schuld erwiesen ist“, dann senden wir an von Unterdrückung
Betroffene die Botschaft aus, dass alle Behauptungen von
misshandelndem Verhalten im Ablauf unserer Räume keine Rolle
spielen, dass unsere Ansprüche nichts sind als eine Lüge an allem,
worum wir uns kümmern. Und wir zeigen damit, dass wir nicht daran
interessiert sind, unsere Räume für diejenigen, die sich von einer
möglicherweise misshandelnden Person bedroht fühlen, einladend zu
machen.

Indem wir den Fokus darauf richten, auf die Bedürfnisse der von
Misshandlung Betroffenen zu hören und unsere Handlungen auf die
Stärkung ihrer Wahlmöglichkeiten abzuzielen, gehen wir einen kleinen
Schritt darauf zu, die durch Übergriffe zerstörte Handlungsmacht in die
Hände der Betroffenen zurückzugeben. Wir arbeiten auch daran,
sicherzustellen, dass alle, die in unsere Räume kommen, auf einem
hohen Niveau für die im Vorfeld vermittelten gewünschten und
verbotenen Verhaltensweisen zur Rechenschaft gezogen werden. Wir
sind oftmals nicht in der Lage, zu sagen, ob jemand unschuldig oder
schuldig ist; stattdessen schauen wir, welche Handlungen erforderlich
sind, um sicherzustellen, dass sich jede Person sicher fühlt, wenn sie in
unsere Räume kommt.

Bildung & Sozialisation

Wenn wir entscheiden, dass wir Anarchist*innen sind, sind wir nicht
auf geheimnisvolle Weise schlagartig von all den Missständen und
Vorurteilen freigesprochen, die die Gesellschaft uns eingeflößt hat. Es
erfordert viel Arbeit, um sicherzustellen, dass die Ideale, zu denen wir
uns bekennen, mit den Handlungen, die wir durchführen, abgestimmt
sind. Hierzu können wir offen für Kritik an unseren Verhaltensmustern
sein und auf jene Leute und Kollektive hören, welche in einer Situation
sind, Misshandlung durchgestanden zu haben und unsere Gemeinschaft
anleiten wollen hin zu einer besseren Umgangsweise bei zukünftigen
Problemen. Die Schaffung unmissverständlicher Abläufe ist ein Teil
davon; Diskussionen über die Einbindung neuer Ideen und Situationen,
in denen die Abläufe durchgeführt werden, werden - obwohl
unvollkommen – benötigt, um Dinge aktuell und reflektiert zu halten.
Wir sollten ebenfalls auf die von uns benutzte Sprache achten und
bemüht sein, Ausdrücke abzulegen, welche auf Hinweise von
Betroffenen einschüchternd, entmutigend oder unterdrückend sind.

Durch Schulung können wir alle, die in unsere Räume kommen, gegen
das Ausführen oder Akzeptieren von Misshandlungen impfen und für
die richtige Art zu Handeln, wenn ein Problem sichtbar wird,
sensibilisieren. Wir müssen lernen, wenn sich jemand über unser
Handeln beschwert unsere reflexartigen Verteidigungsmechanismen, die
uns die Gesellschaft beigebracht hat, zurück zu halten und uns
stattdessen Zeit zu nehmen, die Situation kritisch auszuwerten und
einzuschätzen. Wir müssen anerkennen, dass es nicht an der
kritisierenden Person ist, uns über unser misshandelndes Verhalten
aufzuklären. Es ist unsere Aufgabe, Bildungformen ausfindig zu machen
und die besten Vorgehensweisen, die wir gelernt haben, in unsere
Räume aufzunehmen. Wenn eine Person, die Unterdrückung am
eigenen Leib erfahren hat, in der Lage ist, eine Stellungnahme
anzubieten, welche Form unsere Abläufe annehmen sollten, dann wird
ihre Empfehlung meistens unbezahlbar sein. Anarchistische Praxis hat
vor langer Zeit besagt, dass eine unterdrückte Gruppe ihren Kampf
führen muss; wenn eine Person
dich warnt, dass du auf eine
misshandelnde Weise agierst,
dann tun sie eben jenes. Wir
müssen ihnen zuhören.

Die Strohmann-Armee

Wenn Safer Space-Angelegen-
heiten zur Sprache kommen,
gibt es oftmals eine Flut von
Argumenten, warum diese
Konzepte nicht beachtet werden
sollten. Meiner Erfahrung nach
sind diejenigen, welche jene
Argumente hervorbringen, fast
immer weiße, körperlich leist-
ungsfähige cis-Männer und
keine Leute aus unterdrückten
Gruppen (die gleichzeitig oft-
mals die lautesten Rufer*innen
nach einer Umsetzung von Safer
Space-Abläufen sind). Die meis-
ten dieser Reaktionen sind
überhaupt nicht gegen die
aktuellen Safer Spaces-Ansicht-
en - die vonnöten sind -
gerichtet, sondern greifen
stattdessen die Missverständ-
nisse und Fehleinschätzung an,
welche eine Einzelperson aus zweiter Hand gehört oder sich selbst
ausgedacht hat. Das kann uns allen passieren, deshalb möchte ich den
Moment nutzen, die Aufzählung von verbreiteten Argumenten gegen
Safer Space-Politiken durchzugehen, indem ich einige Strohmänner
niederbrennen und Verwirrungen oder aufgekommene
Missverständnisse aufklären werde:

"Bedeutet dies nicht, einfach nur Schwierigkeiten zu suchen"

Sich auf die Probleme vorzubereiten, welche die Welt durchdringen,
bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu suchen. Es bedeutet, eine realistische
Einschätzung zu treffen, was passieren könnte und sensible Strukturen
einzurichten, um mit Misshandlung umzugehen, wenn sie ans Licht
kommt. Wenn wir eine Zunahme an Problemen beobachten, nachdem
wir Abläufe eingerichtet haben und diese auf verantwortungsvolle
Weise genutzt haben, dann sollten wir nicht fragen, ob die Strukturen
die Probleme erzeugt haben, sondern warum wir uns jenen Problemen
nicht vor der Einrichtung der Strukturen bewusst waren.

„Wir hatten noch nie ein Problem!“

Berichtigung: Wir sind uns bisher noch nie der Probleme bewusst
gewesen. Dies ist möglich, weil wir die Angelegenheit nicht ernster zu
nehmen scheinen als die vorherrschende Kultur - passend zu unserem
Mangel an verlässlichen betrof-
fenengerechten Community-
Accountability-Abläufen. Selbst
wenn es bislang keine Probleme gab,
heißt das nicht, dass sich nicht ein
Problem zukünftig ereignen würde
und wenn wir erst im Eifer des
Gefechts ausarbeiten müssen, was
zu tun ist, werden unsere
Handlungen schlechter sein, als
wenn wir eine gut durchdachte –
wenn auch unvollkommene –
Methode haben.

„Safer-Space-Strategien sind man-
gelhaft“

Ja, oftmals sind sie es. Dies ist kein
Grund, keine zu haben. Dies ist ein
Grund, welche zu haben und gute
Praxiserfahrungen mit anderen zu
teilen, die das Gleiche tun. Wir
versuchen, eine bessere Welt im
Schatten der alten aufzubauen –
nicht alles wird beim ersten Mal
richtig sein. Keine unmiss-
verständliche verfahrensorientierte
Strategie zu haben ist deutlich
mangelhafter.

„Wir sind nicht für die Handlungen anderer in diesem Raum
verantwortlich“

Richtig - sie sind für ihre Handlungen selbst verantwortlich, aber wir
sind dafür verantwortlich, ihnen ein Bewusstsein darüber zu schaffen,
was erforderlich ist, um sich in unseren Räumen frei
zusammenzuschließen. Wir sind auch verantwortlich für unsere
Handlungen, wenn jemand anderes sich entscheidet, sich von diesen
Verhaltensregeln loszusagen und deshalb ist es das Beste, einen
Leitfaden zu haben, was wir tun sollten und vorab unsere Reaktionen
geübt zu haben.

„Sicherlich kann jede Person wie eine erwachsene Person handeln“

Erwachsene vergewaltigen. Erwachsene kämpfen. Erwachsene
unterdrücken, beuten aus und misshandeln. Es gibt kein Problem mit
Leuten, die nicht wie Erwachsene handeln; es gibt ein Problem mit
unseren Gemeinschaften, welche keine unter-schiedliche
Vorgehensweise zu der Welt um uns herum haben.
Wenn wir es ernst meinen mit der Schaffung
der sozialen Revolution, dann müssen wir
an Strukturen und organisatorischen
Methoden arbeiten, welche die soziale
Revolution zur Folge hat und sie nicht
abweist.

„Wenn es ein Problem gibt, werde ich
einfach damit klar kommen“

Sicher, wenn es einen Kampf oder
gewalttätigen Übergriff gibt, der direkt
vor einer Person von uns passiert, werden
wir das bestimmt beenden wollen. Ich habe
bisher noch keinen Safer Space-Ablauf gesehen, der
dies nicht auf irgendeine Weise erlaubt. Aber wenn wir beim
Umgang mit dem Problem zusätzlich die Handlungsmacht von der
Betroffenen beseitigen, bewirken wir folglich keinen sozialen Wandel,
sondern werden ein weiterer Teil des Problems. Ohne einen Ablauf, auf
den man sich berufen kann, werden andere sich gezwungen sehen, die
gleichen Überlegungen anzustellen und direkt zu handeln, um
diejenigen aus unseren Räumen zu entfernen, die als gefährlich
angesehen werden.

„Wir sind hier alle schon gleichberechtigt“

Leute, die sich ihre Finger in die Ohren stecken, können sich sofort
verpissen. Bitte. Ihre Kommunen sind voll von sexualisierten
Misshandlungen und informellen Hierarchien der Unterdrückung.
Tatsächlich können unsere radikalen Räume schlimmer als die
vorherrschende Gesellschaft sein, weil wir Betroffene böse anschauen,
die das Bedürfnis spüren, den Staat einzuschalten. Schande über
diejenigen, die glauben, es sei vertretbar, jemanden für das Einschalten
der Staatsdienste schlecht zu machen, wenn wir im Augenblick diese
Person nicht selbst gut versorgen können. Indem wir so tun, als ob wir
wie durch Zauber die Probleme der Welt hinter uns gelassen hätten,
verdammen wir uns einfach selbst, jene Fehler zu wiederholen. Was
benötigt wird, ist die Anerkennung von problematischen, uns
beigebrachten Verhaltensweisen und die Bemühung, denjenigen
zuzuhören, welche unterdrückt worden sind, ebenso wie was
erforderlich ist, um die Probleme in unseren Gemeinschaften zu lösen.

„Indem jemand ausgeschlossen wird, schränkt ihr die Freiheit eines
anderen ein“

Wenn bekannte Täter in unsere Räume dürfen, schließt dies andere aus
– wenn keine Wahl getroffen und nichts unternommen wird, sobald
Misshandlungsfälle aufkommen, treffen wir tatsächlich die Wahl,
unsere vorherrschende Gesellschaft zu verstärken und die Täter zu
decken.

„Dies ist nicht anarchistisch“

Ich würde einwenden, dass dies Teil der
vorausdeutenden Darstellung freier
Vereinigungen ist, welche eine der
allerstärksten Konzepte innerhalb des
Anarchismus darstellt. Es ist das
strukturierte Abrücken von einer
Gesellschaft, die auf Konzepten
staatlich aufgezwungener Gesetze
basiert. Es stellt eine basisdemo-
kratische, nicht-hierarchische Hand-
lungsmöglichkeit innerhalb unserer
Gemeinschaften dar. Wenn dies nicht
anarchistisch sein soll, was dann?

„Warum hat mir niemand schon früher von diesen
Problemen berichtet?“

In dieser Frage inbegriffen ist der Gedanke, wenn jemand etwas nicht
mit seinen eigenen Augen sieht, könnte es eine Lüge sein. Menschen in
einer unterdrückten Gruppe wollen vielleicht nicht ihre Unterdrückung
mit allen teilen. Es kann sein, dass sie sich nicht sicher fühlen, wenn sie
dies täten. Indem diese Strukturen aufgebaut werden, sagen wir nicht
nur, dass wir es anpacken werden, sondern dass wir gewillt sind, die
Deutungshoheit des Kampfes in die Obhut der Betroffenen zu
übergeben. Siehe auch „Wir hatten noch nie ein Problem!“.

"Was ist, wenn jemand fälschlicherweise beschuldigt wird"

Also, zunächst einmal, danke für die Reaktion, die üblicherweise
entgegengenommen wird. Falsche Vergewaltigungs- oder sexualisierte
Gewaltbeschuldigungen sind selten. Aber lasst uns dies eine Minute
lang mit Geduld ertragen – ein Fall sexualisierter Gewalt wird gemeldet
und wir haben zwei Möglichkeiten, welche wir auf die Tagesordnung
setzen, wie wir damit umgehen; jede von ihnen mit einem Nachteil. Die
erste Möglichkeit ist ein Verfahren, in welchem wir uns auf die
betroffene Person konzentrieren, indem die Inanspruchnahme erfolgt
und bauen Strukturen auf, welche die Gemeinschaft als Ganzes
schützen. Der Nachteil davon ist, dass wir einer Einzelperson
Unannehmlichkeiten bereiten oder sie ausschließen könnten, während
wir die Handlungen untersuchen, die zu einer Wiedereinbeziehung von
ihr in die Gemeinschaft führen könnte. Die zweite Herangehensweise
sieht vor, dass wir ohne einen eindeutigen Beweises die Dinge einfach
wie gewohnt weiterlaufen lassen. Der Nachteil hier ist, dass einer
wahrscheinlich rücksichtslosen oder misshandelnden Einzelperson freie
Herrschaft innerhalb unserer Räume erlaubt wird, während diejenigen,
welche sich unsicher fühlen, verjagt werden. Falls wir uns für
Möglichkeit zwei entscheiden, nachdem wir dies durchdacht haben,
dann bravo – wir sind alle Arschlöcher.

„Wir sind dafür nicht ausgerüstet. Einige Dinge sind einfach zu komplex
für uns, um sie zu bewältigen.“

Ich stimme dem zu. Einige Probleme werden zu umfangreich für uns
sein, um sie erfolgreich zu bewältigen. In anderen Fällen will die
betroffene Person nicht auf unsere Strukturen vertrauen
und wird den Staat zu Hilfe rufen. Indem wir
unseren Blick auf die Bedürfnisse der
betroffenen Person richten, sollten wir
ihnen auch dann Unterstützung
geben, wenn sie das Bedürfnis
verspüren, die Polizei in diese
Angelegenheit einzubezie-
hen. Sie hat die größte
Arbeitsgruppe in der Stadt
und alles Wohlwollen
und alle Solidarität der
Welt mag nicht bieten,
was eine von Miss-
handlung Betroffene
wünscht. Unterstütze
und achte eine betroffene
Person in ihrer Wahl.
Eines Tages werden wir
uns bereit fühlen, diese
Probleme zu bewältigen und
andere werden sich bereit
fühlen, ihr Vertrauen in uns zu
setzen. Lasst uns klein beginnen und
uns emporarbeiten.

„Wer sind wir, um Schuld festzulegen? Gibt dies nicht
ungerechtfertigter Weise der beschuldigten Tatperson die Schuld?“

In den meisten Fällen legen wir Schuld oder Unschuld nicht fest – wir
haben einfach nicht die Mittel oder Kenntnisse, um dies zu tun. Wozu
wir fähig sind, ist, auf eine Weise zu handeln, welche sicherstellt, dass
Räume für alle, die sie nutzen möchten, sicherer gemacht werden. Ich
sehe dies als Verantwortung, welche mit einer Raumeröffnung für
andere Nutzer*innen einhergeht.

„Ist dies nur ein Regelwerk, welches letztendlich verletzt wird?“

Nein. Das zu erwartende Verhalten mag der meistgelesene und
verbreitetste Teil der Methode sein, aber er ist weit entfernt von deren
Hauptteil. Ein organisierter Safer Space beinhaltet auch die Abläufe, die
angewandt werden, um jeden Bericht über Misshandlungen zu steuern.

(Nur für das Protokoll, jede einzelne dieser Äußerungen wurden mir
allen Ernstes unterbreitet, oftmals von ansonsten vernünftigen
Gefährt*innen)

Hin zu einer Zukunft der transformativen Hilfe

Das Betreiben eines organisierten Safer Spaces ist nichts, was in einer
abgesonderten, theoretischen Blase entwickelt worden ist. Er ist durch
tausende Gruppen zustande gekommen, die nach Wegen gesucht haben,
die Probleme, an deren Lösung sie in ihren eigenen
Gemeinschaften gearbeitet haben, deutlich zu
machen und danach die besten Umsetz-
ungsmöglichkeiten an andere weiter-
zugeben. Grundlegend für diese
Arbeit war „Risiken eingehen –
Die Umsetzung von Gras-
wurzel-Community-
Accountability-Strategien“ 6
von einen Women of
colour-Kollektiv der
„Gemeinschaften gegen
Vergewaltigung und
Misshandlung“ (CARA).

Die in dieser Arbeit
dargestellten Gedanken
können als Grundlage
für vieles gesehen
werden, was heute in
unseren sozialen Zentren,
Buchmessen, Gruppen und
Internetforen zum Einsatz
kommt. Safer Space-Kollektive
sind aus dem Boden geschossen, um
Rat und Unterstützung für andere
umliegende Gruppen zu bieten.

Organisationen, die nicht zeigen, dass sie die
Probleme unterdrückter Gruppen ernst nehmen, werden
wahrscheinlich feststellen, dass sie boykottiert, ausgegrenzt oder
außerstande sein werden, jenseits einer hauptsächlich weißen,
körperlich leistungsfähigen, heterosexuellen, cis-gendered 7 , männlichen
Zielgruppe anzuwachsen – im Gegensatz zu jenen Organisationen, die
Raum zur Verfügung stellen und angefragte Unterstützung geben, wennGai Dào
Probleme auftauchen und Platz einnehmen.

Während das anfängliche Ziel von Safer Space-Abläufen ist, für die
Betroffene eine Community Accountability bereitzustellen, wissen wir,
dass eine Vielzahl der Wege, die wir einschlagen, nach und nach
verbessert und weiterentwickelt werden müssen. So wie wir von diesen
Fehlern lernen, kann unsere Theorie beim Reflektieren der Realität von
Unterdrückung und Misshandlung und beim Verstehen, wie sie
funktioniert, besser werden. So wie diese Theorien besser werden,
werden die von uns darauf aufgebauten Strukturen auch besser
geeignet, um Unterdrückung auf eine starke und widerstandsfähige Art
zu beantworten. Ein organisierter Safer Space ist kein zauberhaftes
Land, wo (Soja-) Milch und Fruchtsirup fließt und es in jeder Hinsicht
perfekt ist. Wir müssen uns bewusst sein, dass sich in unserem Denken
Fallgruben aufbauen und unerwartete Schwierigkeiten entstehen
können, bevor wir es schaffen, sie zu überwinden.

So wie sich dieser Kreislauf aus verbesserter Theorie (welche auf
Handeln beruht) und verbessertes Handeln (welches auf Theorie, auf
diesem Leitkonzept basiert) fortsetzt, werden wir in der Lage sein, über
das bloße Schützen unserer Gemeinschaften hinaus zu kommen und
anzufangen, einen Schritt voranzukommen, indem wir eine Rechtsform
umsetzen, welche eines Tages Tatpersonen von Misshandlung wieder in
unsere Räume integrieren kann. Auch wenn diesen Vorgängen und
Erfordernissen, die unsere Gemeinschaften und – was noch viel
wichtiger ist – die von Misshandlung Betroffenen verlangen, nicht
immer innerhalb eines Lebens nachgekommen werden kann, sollten wir
nicht automatisch die Tür hinter uns verschließen. Wie zuvor erwähnt
worden ist, sind Täter der schrecklichsten Handlungen in unserer
Gesellschaft meistens keine wilden Tiere oder Monster. Sie sind
Menschen und als Anarchist*innen sollten wir auf ihr Wohlergehen
schauen, nur niemals auf Kosten von einem anderen Menschen.


Fußnoten:

1 zu Safer Space: 'sichererer', geschützterer Raum; bezieht sich hier auf
diskriminierungskritische Praxis. Beispielsweise kann ein Raum
geschützt, bzw. geschützter als andere vor rassistischer Diskriminierung
sein, wenn er privilegierte weiße Menschen ausschließt (Anm. d. Übers.,
übernommen von Gaidao Nr. 39).

2 Community Accountability: Eine Strategie und ein Prozess, mit Gewalt
in gemeinschaftlichen Zusammenhängen umzugehen, basierend auf a)
Konzepte und Praxen entwickeln, die Gewalt und Unterdrückung
entgegenwirken sowie Sicherheit, Unterstützung und
Verantwortungsübernahme befördern, b) Sicherheit und Unterstützung
für Betroffene von Gewalt sicherstellen, c) Strategien zum Umgang mit
gewaltausübenden Personen entwickeln, d) Veränderung der politischen
Bedingungen, welche Unterdrückung und Gewalt bestärken (Anm. d.
Übers.)

3 transformative Hilfe: Ist ein Verfahren gemeinschaftlicher Hilfe, siehe
weitere Texte in den Gaidaos zum Thema (Anm. d. Übers.)

4 genderqueer: http://en.wikipedia.org/wiki/Genderqueer – Genderqueer
beschreibt Personen, die sich nicht in den zwei sozialen Kategorien
„Frau“oder „Mann“einsortieren lassen wollen (Anm. d. Übers.)

5 http://www.newstatesman.com/media/2013/03/press-regulation-
freedom-speech-and-death-lucy-meadows

6 „Taking risks: Implementing grassroot community accountability
strategies. Zu finden unter diesem Link:
http://www.transformativejustice.eu/wp-
content/uploads/2010/11/Taking-Risks.-

7 cis-gendered: Meint Personen, die sich den sozialen Kategorien „Frau“
oder „Mann“zuordnen (Anm. d. Übers.)

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Quelle:
http://floaker.net/2013/03/31/organised-safer-space-2/16
Gai Dào


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