(de) FdA-Gruppen: Robinson, bitte mach was draus. Das Referat Politische Bildung und die Gesellschaftskritik

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Sun Jan 10 08:53:23 CET 2016


Das ‘Referat Politische Bildung’ ist ein Gremium an der TU Dresden. Traditionell 
organisiert es in jedem Semester eine Ringvorlesung o.ä. mit radikal 
gesellschaftskritischer Ausrichtung. ---- Seit zwei Semestern – möglicherweise gibt es 
einen Zusammenhang zur neuen komplett männlichen* Besetzung des Referats? – werden nur 
noch vortragende Männer* eingeladen. Zudem sind feministische Perspektiven wie so häufig 
eine Randerscheinung. ---- Es ist immer wieder dasselbe. Man wird müde, solche Dinge 
anzusprechen, aber es muss sein. Das kürzlich veröffentlichte Bekennerinnenschreiben hat 
uns bestärkt, auch nochmal solche vermeintlich banalen Dinge zu thematisieren. Wir 
kritisieren deshalb, weil wir wollen, dass es anders wird. Und wir kritisieren euch, weil 
euer eigener Anspruch euch dazu bewegen müsste, es anders zu machen.

Im Sommersemester 2015 lautete das Thema der Vortragsreihe “Interstellar: Eine kritische 
Theorie von Gesellschaft, Technik und Fortschritt”. Immerhin redete hier Soziologiedozent 
Tino Heim über “Geschlecht und Technik”. Keine vortragenden Frauen* in der Reihe – das mit 
der Technik ist ja auch eher kein Frauenthema. Sarkasmus.

Dieses Semester wurde sich ein ebenso breites Thema gesucht: “Robinson und die Krise. Zur 
Kritik von Gesellschaft, Wissenschaft und Ökonomie”. Ein ziemlich ambitioniertes Vorhaben. 
Sieht man sich das Programm an, fällt auf: Es reden nur weiße Männer*. Wie wurden sie 
ausgewählt?

Vielleicht wurden sie gewählt, weil sie ‘Namen’ haben. Vortragende werden oft so 
eingeladen: Man sucht nach Leuten mit Publikationen oder bereits gehaltetenen Vorträgen zu 
einem bestimmten Thema oder in bestimmten Zirkeln (z.B. ça ira-Verlags-Umfeld). Der Weg in 
bestimmte Zirkel, so sympathisch sie sein mögen, oder hin zu einer Veröffentlichung ist 
aber durch gender und race uvm. bedingt. Vielleicht muss man da auch mal auf anderen Wegen 
suchen?

Vielleicht wurden sie auch einfach deshalb gewählt, weil sie eben inhaltlich Richtiges und 
Wichtiges sagen. Nur: Gibt es keine Menschen of Color, keine Schwarzen Menschen, keine 
Frauen*, Inter* oder Trans*, die Kluges zur Krise zu sagen haben? Zur Kritik an 
Gesellschaft, Wissenschaft und Ökonomie? Nicht euer Ernst. Ob ihr ihnen auch genügend 
Intellekt ZUSPRECHT und sie als Sprecher_innen oder Autor_innen ernst nehmt, ist die 
andere Frage. Vor allem, wenn es um die HARTEN Themen geht (= alles außer Feminismus). 
Sarkasmus.

Niemand will Leute einladen, die inhaltlich nicht passen, bloß weil sie Frauen* sind. Dass 
das quatsch wäre, ist ja wohl klar. Mit diesem abwehrenden Standard-Missverständnis wird 
nur gern weggewischt, dass man die Frauen*, die inhaltlich passen, nicht einlädt.

Die weißen Männer* – die eingeladenen und ihr – können zunächst mal nichts dafür, dass sie 
weiße Männer* sind oder zu solchen gemacht wurden und werden. Vielleicht finden sie das 
eigentlich auch gar nicht gut, in dem Wissen, dass solche Kategorisierungen uns ALLE 
beschränken. Dennoch sind sie es, denen eher eine Bühne geboten wird als anderen. Und 
solche kleinen vermeintlich unwichtigen Dinge wie diese stablisieren die Verhältnisse.

Quengeln hier ‘Benachteiligte’ umher, dass sie nicht drankommen? Sollen sie sich doch 
anstrengen, man kann es schaffen – Arbeit und Triebverzicht. Doch scheinbar von 
Herrschaftsverhältnissen unabhängige ‘Leistung’ ist (neo)liberale Ideologie, das wisst ihr 
doch.

Euch ist aber sicher das Argument geläufig, dass man die Frage der Repäsentation nicht so 
überschätzen sollte. Wichtiger ist schließlich eine Art ‘reiner’ Inhalt. Diesen allerdings 
gibt es nicht – sorry, aber auch die Vortragenden sind gesellschaftlich positionierte 
Menschen. Man sollte diese Frage eben auch nicht unterschätzen. Wenn man das aber tut (was 
nicht mit Männlichkeit zusammenhängen muss, aber kann) schlägt sich das auch inhaltlich 
nieder – als Leerstellen in der Gesellschaftskritik.

Es wird behauptet, sich die Prämissen, die Vorannahmen usw. von Wissenschaft, Politik und 
Ökonomie anzusehen. Das ist ja ein wichtiges Vorhaben, aber wieso kommt man da nicht auch 
auf direktem Wege zu Geschlecht? Oder zu Coloniality. Hat irgendjemand neben Robinson auch 
mal über ‘Freitag’ geredet? Jetzt könnt ihr sagen: Das wird ja alles implizit 
mitverhandelt, es geht eben um eine ‘allgemeinere’ Gesellschaftskritik, da ist sowas dann 
mitgemeint. But that’s the point, Herrschendes setzt sich immer als Allgemeines.

Wenn es um umfassende Kritik der Gesellschaft geht, dann muss man sich Voraussetzungen, 
Bedingungen, Schattenseiten eben dieses Allgemeinen ansehen, das ihr selbst reproduziert. 
Die Kritik an Geschlecht und Rasse ist für eine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft (und 
Wissenschaft, Politik und Ökonomie) fundamental, muss nicht nur genannt oder ‘mitgedacht’ 
werden. Ohne ihre theoretische UND PRAKTISCHE Kritik verliert der Rest an Radikalität.

Die Frage an das Referat Politische Bildung lautet, ob es euch tatsächlich um 
Gesellschaftskritik geht. Kritik ist nicht Theorie, Kritik ist Theorie und Praxis. Und 
auch Kritik AN Theorie und Praxis.
Dies ist ein Versuch, euch auf die Bedingtheit auch EURER “Kritik von Gesellschaft, 
Wissenschaft und Ökonomie” hinzuweisen.

Praktisch könnte man, wenn man eine Reihe plant, einfach unter diesen Gesichtspunkten noch 
einmal darüber nachdenken, welche Themen man setzen und wen man einladen will – und es 
dann anders machen. Es macht einen Unterschied, welche Stimmen und Positionen man 
verstärkt, welchen man Raum und Ressourcen bietet. Dass das allein nicht die Strukturen 
überwindet, die dazu führen, sich darüber überhaupt Gedanken machen zu müssen, ist kein 
Argument. Klar ist das ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Tropfen. 
Ungefähr wie das hier, das wieder und wieder zu sagen.

Dies ist ein Versuch, Bestehendes zu kritisieren, um es zu verändern. Dazu gehört auf 
Ebene der Repräsentation nicht nur, Raum einzufordern, sondern auch, ihn sich zu nehmen. 
Deshalb ist dieser Text öffentlich. Noch zwei Veranstaltungen der Reihe finden statt, und 
man kann sicher auch beim Referat mitmachen.

Bitte macht was draus. (jetzt den Link anklicken)

Schlagworte: Nachrichten von FdA und IFA

http://evibes.org/2016/01/05/robinson-bitte-mach-was-draus-das-referat-politische-bildung-und-die-gesellschaftskritik/


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