(de) FDA-IFA, Gai Dao #61 - Charta der Streikenden Von: Coalizione per lo sciopero sociale (Koalition für den Sozialstreik) Dezember 2015

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Mon Feb 1 14:25:17 CET 2016


Wir sind die Streikenden: Wir sind die Prekären, die Migrant*innen, die 
Industriearbeiter*innen, die Studierenden, die am 14. November 2014 zusammen in Streik 
getreten sind und so die Spaltungen, die unsere gemeinsame prekäre Lage produzieren, 
herausgefordert haben. ---- Wir sind jene, die im Stundenlohn auf Abruf arbeiten, wir sind 
die Arbeiter*innen, die tatsächlich untergeordnet sind, obwohl wir als „Selbständige“ oder 
als „Arbeitspartner*innen“ einer kollektiven Unternehmung gelabelt werden. Wir sind die 
„Internen“, die „Volontär*innen“, die „Lehrlinge“ und die Student*innen, die gratis 
arbeiten und hoffen, in der Zukunft einen Lohn zu erhalten. Wir sind die neue Generation 
von autonomen Arbeiter*innen, verarmt, ohne wohlfahrtsstaatliche Leistungen und getroffen 
von der unfairen Besteuerung. Wir haben eine Aufenthaltsgenehmigung in unseren Taschen, 
die erneuert wird als Gegenleistung für unsere Ausbeutung.

Wir sind die Arbeiter*innen ohne Rechte, mit tiefen Löhnen, mit kaum
Zugang zu staatlichen Leistungen. Wir sind prekäre Arbeiter*innen,
auch wenn wir einen festen Arbeitsvertrag haben. Der Sozialstreik ist
die Kampfansage, die uns vereint hat gegen jene, die von unserer
Prekarität profitieren: Wir haben es einmal getan und wir werden es
wieder tun.

Wir sind die Streikenden: Wir glauben denen nicht, die uns sagen, die
Krise sei vorbei und die Wirtschaft erhole sich. Die europäischen
Austeritätspolitiken sind unsere neue Normalität. In Italien nennen sie
diese Massnahmen „Jobs Act“, „Sblocca Italia“, Jugendgarantie, „Buona
Scuola“ und „Buona Università“, aber für uns bedeuten sie nur eines:
Prekarität. Wir akzeptieren nicht, dass Europa und seine Staaten uns die
Türen verschließen, wenn wir nicht mehr „verwertbar“ sind, und dass
sie uns „Wohlfahrtstouristen“ oder „Illegale“ nennen. Mit den Krümeln,
die sie uns überlassen, sind wir nicht zufrieden, wir verlangen viel
mehr. Wir wissen, dass wir neue, zeitgemäße Werkzeuge brauchen, um
unsere Kämpfe zu vereinen und uns selbst zu organisieren. Wir wissen,
was wir wollen: Ein Grundeinkommen und eine Grundversorgung
(„welfare“ im Original, Anm. d. Übers.), einen Mindestlohn und die
bedingungslose Aufenthaltserlaubnis. Nicht nur in Italien, sondern in
ganz Europa, weil wenn die Prekarität die Grenzen überschreitet,
müssen das unsere Kämpfe auch tun.

Wir sind die Streikenden, wir sind durch den Streik definiert, nicht
durch die Prekarität: Ein Streik auch für jene, die nicht streiken können,
für jene, die neue Werkzeuge erfinden müssen, um sich zu organisieren.
Aus diesem Grund wollen wir das Grundeinkommen und eine
europaweite Grundversorgung. Jede Kürzung der öffentlichen
Ausgaben im Namen des Budgetausgleichs macht uns ärmer und
produziert neue Prekarität, zwingt uns zur Erbringung von
Dienstleistungen zu immer tieferen Löhnen, die alleine der Markt
bestimmt. Jede Steuererleichterung für Unternehmen, jede Verteuerung
der Sozialleistungen, jede neue Finanzierung einer Megabaustelle ist
eine Attacke gegen unsere Rechte und unsere Leben. Wir produzieren
Wohlstand und wir wollen nicht arm sein. Deshalb fordern wir das
Recht auf Wohlfahrt („welfare“) und auf ein bedingungsloses
Grundeinkommen in allen Teilen Europas. Bedingungslos deshalb, weil
wir nicht bereit sind, jegliche Arbeitsbedingungen und jeden Lohn zu
akzeptieren, nur um jenen zu erhalten. Bedingungslos, weil es somit
unabhängig der Staatsbürgerschaft ist: Wir wollen nicht, dass die
Migrant*innen den Preis dafür zu zahlen haben. Diese Kosten müssen
von jenen bezahlt werden, die Profite aus unserer Prekarität schlagen.

Wir sind die Streikenden: Der Streik ist unsere Waffe gegen die
Erpressung des Lohnes. Aus diesem Grund wollen wir einen
europäischen Mindestlohn. Wir haben es satt, immer wenn wir
rebellieren, großen oder kleinen Bossen zuzuschauen, wie sie die
Produktion nach Polen oder Rumänien auslagern. Wir sind es leid,
durch Werkvertragsarbeiter*innen ersetzt zu werden, weil ein*e
Arbeiter*in einer Temporäragentur („socio lavoratore“ im Original,
Anm. d. Übers.) weniger kostet als ein*e Festangestellte*r. Wir wollen
die Kämpfe all jener Männer und Frauen vereinen, die in jedem Teil
Europas mit derselben Ausbeutungskette verbunden sind, auch wenn
sie verschiedene Arbeitsverträge und unterschiedliche Papiere in ihren
Taschen tragen.

Wir sind die Streikenden: Unser Streik kennt keine Grenzen. Deshalb
wollen wir eine bedingungslose europäische Aufenthaltserlaubnis. Wir
haben eine Aufenthaltserlaubnis in unserer Tasche und wir müssen
jeden erdenklichen Job und jeden Lohn akzeptieren, nur um diese
Aufenthaltserlaubnis zu behalten. Wir müssen diese Erpressung täglich
erdulden und bezahlen unsere „Bürgerschaft“ mit dem Preis der
Ausbeutung. Wenn wir unseren Job verlieren, werden wir ausgeschafft,
auch wenn wir den Großteil des europäischen Wohlstands produzieren.
Wir Migrant*innen werden mit der Kampferfahrung, die wir in ganz
Europa und in Italien gesammelt haben, weiterkämpfen, um nicht die
Flüchtlinge des europäischen Arbeitsmarktes zu werden.

Wir sind die Streikenden: Wir wissen, dass wir den Streik auch
außerhalb unserer Arbeitsplätze brauchen. Das ist der Grund, warum
wir uns im Projekt eines neuen Sozialstreiks engagieren. Unser Streik ist
sozial, weil er nicht durch den existierenden Aktivismus oder die
Gewerkschaftsarbeit begrenzt ist, weil er innerhalb und außerhalb der
Arbeitsplätze stattfindet, weil er die Formen der Organisierung neu
denkt mit dem Zweck die sozialen und politischen Bedingungen der
Ausbeutung anzugreifen. Wir denken den Streik auch als einen Prozess,
der alte und neue Subjektivitäten neu definiert, als ein Werkzeug, das
fähig ist, Produktion und soziale Reproduktion zu beeinflussen. Dieses
Projekt leitet unsere Kämpfe: Alle Erfahrungen des sozialen
Syndikalismus, der Solidarität und des Mutualismus, den wir täglich
praktizieren, all die Kämpfe für das Bleiberecht, alle territorialen
Kampagnen für ein Grundeinkommen, alle Dispute über den Lohn
zielen in diese Richtung. Unsere Forderungen müssen Waffen sein für
all jene Frauen und Männer, welche die Prekarität jeden Tag am
eigenen Leib erfahren. Wir sind die Streikenden: Wir wissen, dass das
Einzige, was wir verlieren können, unsere Prekarität ist. Deshalb
nehmen wir - in Italien und ganz Europa - diese Herausforderung mit
all jenen an, die den transnationalen Sozialstreik aufbauen wollen. Wir
haben es einmal getan, wir werden es wieder tun.

Italienisches Original:

http://blog.scioperosociale.it/carta-degli-strikers/


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