(de) Fau-Iaa Direct Action #232 NOV/DEZ 2015: Studierendenproteste in Amsterdam -- Universität verweigert Studierenden und Lehrenden zugunsten von Managern Zutritt zum akademischen Neujahresauftakt

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Sun Apr 17 09:10:06 CEST 2016


Am 4. September begann das akademische Jahr der Universität Amsterdam. Zu dieser hielt die 
Universität, wie jedes Jahr, eine Auftaktveranstaltung ab. Ein wichtiges Thema war dieses 
Jahr die Gestaltung der Hochschule im 21. Jahrhundert. Wie diese in ihren Grundpfeilern 
geformt sein soll, war der Hochschule allerdings bereits klar. Seit Jahren „kümmert“ sich 
die niederländische Regierung um die Zukunft der Hochschulen. Die Lösungen aus Den Haag 
sind, auch an den Universitäten, durchgehend neoliberaler Natur. Dementsprechend fanden 
sich zahlreiche Manager unter den geladenen Gästen der Veranstaltung. Zum Ausgleich verbot 
die Universität Studierenden und Lehrenden den Zugang zur Veranstaltung. ---- Gegen die 
neoliberale Zukunftsvision setzten sich die Studierende und Lehrende mittels einer 
Blockade der Veranstaltung zur Wehr. Darauf verhinderte die Security den Demonstrierenden 
den Zugang zur eigenen Universität, obwohl der Redner der Grundsatzansprache sogar seine 
Redezeit zugunsten der Protestierenden zu verkürzen anbot.

Um noch eine Stufe weiter zu gehen, warf die Universität auch noch den Zentralen 
Studienrat aus der Zeremonie, weil der ein Gedicht über die Besetzung des Maagdenhuises 
vorzutragen gedachte.Das Maagdenhuis war das Ziel der zweiten Besetzung der universitären 
Protestbewegung Nieuwe Universiteit (Neue Universität), die Anfang des Jahres entstand. 
Die Protestierenden, denen der Zutritt zum akademischen Neujahr verwehrt wurde, gehörten 
auch zum Umfeld der Nieuwe Universiteit. Seit Jahren versucht die niederländische 
Regierung im neoliberalen Sinne die Hochschulen gesund zu pflegen: Erhöhung der 
Studiengebühren, Kürzungen der Hochschuletats, Ausbau des bürokratischen Apparats und 
Rationalisierung der Lehre wechseln einander als Mittel der Wahl ab, um die Hochschulen 
fit für das 21. Jahrhundert zu machen. Die Bewegung entstand, nachdem Pläne zur 
Zusammenlegung der beiden Universitäten von Amsterdam und der geplante Verkauf des 
Bungehuis, in dem die geisteswissenschaftliche Fakultät untergebracht ist, an die 
Öffentlichkeit drangen. Zwar war das Bungehuis immer gut von Studierenden besucht, brachte 
aber der Universität kein Geld ein. Deshalb sollte es an den Club Soho House verkauft 
werden, einem exklusiven Club für Künstler, oder besser gesagt für Arbeitende in der 
Kunstindustrie. Der Verkauf an Soho House ist mittlerweile abgeschlossen.

BESETZUNGEN UND FOLGEN

Deshalb war das Bungehuis das Ziel der ersten Besetzung, die am Morgen des 13. Februar 
begann. Die Bewegung erhielt, entgegen der Darstellung der Universitätsleitung, die diese 
klein redete, viele Solidaritätsbekundungen von Studierenden, Lehrenden und weiteren 
Vereinigungen, was die Universität jedoch nicht hinderte, den Protestlern mitten im Winter 
die Zentralheizung abzudrehen.

Da diese Aktion keine Wirkung zeigte, reichte die Universität am nächsten Tag, dem 18 
Februar, Klage gegen die Besetzer ein, die die Polizei mit einer Räumungsspezialeinheit am 
24. Februar vollzog. 44 der 46 Besetzer wurden über Nacht festgenommen und auf Bewährung 
verurteilt. Bereits am nächsten Tag besetzten Protestierende das bereits erwähnte 
Maagdenhuis, welches als Hauptgebäude der Universitätsverwaltung dient. Hier hielten es 
die Mitglieder der Nieuwe Universiteit bis zum 11. April aus, als die Polizei auch sie aus 
dem Maagdenhuis räumte. Die Ziele der Gruppe sind, neben anderem, mehr Transparenz, 
Demokratie und die Überwindung des (postkolonialen) Eurozentrismus an Hochschulen. 
Entgegen der Behauptung der Leitung der Amsterdamer Universität handelt es sich bei dieser 
Bewegung um keine Minderheit. Nieuwe Universiteit hat nicht nur in vielen Hochschulen der 
Niederlande Ableger gefunden, sondern auch in anderen Ländern, wie England oder Kanada.In 
Amsterdam konnte sich Nieuwe Universiteit nur scheinbar durchsetzen: Zwar trat die Leitung 
der Universität wegen der Proteste zurück, jedoch wurde die neue Universitätsleitung 
nicht, wie gefordert, demokratisch gewählt. Der andere scheinbare Erfolg war die Bildung 
zweier Kommissionen. Das Ziel der einen Kommission ist es, die Finanzen der Universität zu 
prüfen, damit Schließungen und Kürzungen so gut wie möglich verhindert werden können. Die 
andere Kommission soll eine neue, demokratischere Form der Universitätsleitung entwickeln, 
über die die Universität sich mit der Neubesetzung der Universitätsleitung bereits 
hinweggesetzt hat. Dennoch verdient eine Bewegung, deren Ziel es ist, eine freie 
demokratische Welt zu schaffen, unsere Unterstützung oder mindestens Anerkennung, denn sie 
verfolgt, vielleicht mit anderen Mitteln, dasselbe Ziel, wie der Anarchosyndikalismus: Die 
Auflösung von Hierarchien in gesellschaftlichen Institutionen, damit eine freie 
Gesellschaft möglich wird. Der Hauptgegner ist dabei, wie zu Beginn deutlich wurde, 
derselbe: das neoliberale Denken.

Max Hansen

https://www.direkteaktion.org/232/studierendenproteste-in-amsterdam


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