(de) Fau-Iaa Direct Action #232 NOV/DEZ 2015: Inklusion bleibt so -- Wird es eine „Schule für alle“ geben?

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sat Apr 9 07:51:47 CEST 2016


Inklusion – was ist das wieder für ein merkwürdiger Begriff, wird sich mancheR fragen. Der 
Begriff tauchte schon vor einiger Zeit in der bildungspolitischen Diskussion auf. Das 
rot-grün regierte Bundesland NRW ernannte die Inklusion 2010 zu einer ihrer herausragenden 
Aufgaben. Inklusion soll heißen, dass ab dem Schuljahr 2014/15 in NRW auch die 
SchülerInnen, die früher größtenteils auf einer „Förderschule“ landeten, in der 
Regelschule unterrichtet werden. Erfunden wurde der Begriff, nachdem die Bundesregierung 
die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen 2006 mit verabschiedete, 
die der Bundestag im März 2009 unterschrieb. ---- International steht die BRD seit Jahren 
in der Kritik, da ihre Bildungssysteme soziale Ungleichheit herstellen und einmauern, was 
der FDP beispielsweise ganz recht ist, spricht sie sich doch immer wieder gegen Neuerungen 
im Bildungssystem aus.1 Nirgends in vergleichbaren europäischen Ländern gibt es so viel 
SchülerInnen ohne Schulabschluss und der Kennzeichnung als „lernbehindertes“ Kind wie in 
Deutschland.2

SELEKTION ALS GÄNGIGE PRAXIS

Quelle: cafe-leichtsinn.de/projekt-inklusion

Bis heute werden sogenannte Förderkinder entdeckt, gekennzeichnet, aussortiert und in 
eigenen, sogenannten Förderschulen (früher: Sonderschulen) unterrichtet. SchülerInnen, die 
nicht über entsprechend bewertete kognitive Fähigkeiten und Anpassungsstrukturen verfügen, 
werden ausgegrenzt, landeten immer auch wieder in Förderschulen. Hier spricht der Geist 
des deutschen Bildungssystems, der auf Selektion und Segregation (lat. = Absonderung, 
Abtrennung) beruht. Nicht die Schule bzw. die LehrerInnen sollen in der Lage sein, sich 
den SchülerInnen anzupassen, nein umgekehrt: Nach wie vor werden die SchülerInnen in die 
normativen Ziele und Verhaltensanforderungen des Systems Schule zu pressen versucht. Das 
System Schule ist hier offenbar noch in seinen rassistischen und menschenverachtenden 
Traditionen verhaftet, und entspricht nicht einer egalitären und demokratischen 
Vorstellung von Gesellschaft.

NRW- Schulministerin Löhrmann lehnte es ausdrücklich ab, diese unsägliche Tradition im 
deutschen Bildungssystem zu thematisieren. Von ihr wurde jedoch als Ziel von Inklusion 
ausgegeben, dass der Förderort die Regelschule wird, die Eltern aber wählen können, ob sie 
ihre Kinder hier hin oder zu einer besonderen Förderschule schicken. Die Gedankenwelt des 
selektiven Schulsystems ist anscheinend von der grünen Schulministerin nicht aufgegeben 
worden, nur der äußere Ort wird in die „normale“ Schule verlegt, die Kennzeichnung als 
„behindert“ mit staatlich festgestelltem und verordnetem Förderbedarf bleibt.Weiterhin 
behauptet Frau Löhrmann: „Es ist schon ein großer Schritt, dass ein auf den ersten Blick 
rein pädagogisch erscheinendes Thema in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird.“3. 
Frau Löhrmann leidet wie viele PolitikerInnen unter „selektiver Wahrnehmungsstörung“, wird 
das Thema „Inklusion“ doch seit mehreren Jahrzehnten u. a. in den Bereichen Gesundheit, 
Psychiatrie, ältere Menschen und Migranten angegangen. Schon mal davon gehört?Und was gibt 
es da eigentlich zu diskutieren? Teilnahme an einem gemeinsamen Unterricht ist 
Menschenrecht wie Presse- und Meinungsfreiheit, darüber gibt es nichts zu diskutieren. Wie 
man die Schritte vollzieht, mit welcher Unterstützung und welche Bedeutsamkeit dem gegeben 
wird – das sind doch eher die Kriterien, nach denen sich Diskussionen über Inklusion 
richten sollte. Oder wie der Schulleiter der Grundschule Berg Fidel in Münster, Reinhard 
Stähling formuliert: „Die neuen ‚inklusiven‘ Konzepte erweitern den Blickwinkel: Sie 
nehmen die Rechte der Kinder ernst und schließen alle Kinder in ihre Bildungs- und 
Betreuungsbemühungen ein. Sie gehen zugleich von einer Gleichwertigkeit aller Menschen aus 
...“4, wie im Art. 2 des Grundgesetzes festgelegt.

DIE SITUATION IN DEN SCHULEN

Soweit zum theoretischen und politischen Hintergrund, kommen wir zum Ort des Geschehens. 
Wagen wir einen Blick in die Schulen und Klassenräume.

Dort müssen wir feststellen, dass es immer noch Klassen gibt, in denen 30 SchülerInnen und 
mehr auf Stühlen festsitzen, über mehrere Etagen im Gebäude verteilt. Ein Rollifahrer 
kommt oft gar nicht in die oberen Stockwerke, da selten Aufzüge und auch kein Geld zu 
ihrem Einbau in den Kommunen vorhanden sind. Menschen, die schlechter sehen und hören 
können, werden umgerannt, bekommen große Schwierigkeiten im dem Chaos sich zu orientieren. 
An Lernen ist da weniger zu denken. Andere Menschen, die kreativer, langsamer, 
„chaotischer“, eigener Denken, passen nach wie vor nicht ins System. „Inklusionsklassen 
werden nicht automatisch kleiner“, titelte die Bielefelder NW im Februar 2014.5 Kleinere 
Klassen würden mehr LehrerInnen und mehr Räume an einer Schule erfordern, mehr Zeit und 
Raum für Kinder und Jugendliche zur Verfügung stellen, die mehr Platz brauchen, leise 
Räume, keine Hektik, kreative Atmosphären, soziale Kontakte usw. Dafür wollen Land und 
Kommunen aber kein Geld zur Verfügung stellen. Die konkreten Pläne zur Umsetzung brachten 
Eltern auf die Straße, die gegen die Art und Weise der Einführung demonstrierten.6

SELBSTVERSTÄNDLICH INKLUSION – ABER RICHTIG!

Richtig wäre, wenn in den Schulen Folgendes umgesetzt würde:

kleinere, der Situation angemessene Klassen, nicht 30 oder mehr SchülerInnen Unterschiede 
und Vielfalt in einer Schulklasse werden als Bereicherung und nicht als Störung 
wahrgenommenalle Kinder können wohnortnah auf die Schule ihrer Wahl gehenalle Kinder 
können individuell gemäß ihrer Interessen und Fähigkeiten in altersgemischten selbst 
gewählten Gruppen lernenkeine Kennzeichnung als „behindertes“ Kind, die Schulen stellen 
ihre eignen Stellenpläne auf

Inklusion setzt ebenfalls eine gemeinsame Arbeit von den derzeit in den Schulen 
beschäftigten LehrerInnen mit Sonderpädagogen, Sozialarbeitern oder PsychologInnen voraus, 
die berufsübergreifend nach systemischen Ansätzen in Teams zusammenarbeiten und für die 
Kinder gemeinsam verantwortlich sind. Diese zu bildende Teams benötigen Zeit und Raum im 
Schulalltag, um ihre Arbeit zu planen, zu besprechen und zu reflektieren. Zeit und Raum, 
der von der Landesregierung auch hier nicht zur Verfügung gestellt wird.Aktuell ist Ziel 
von Inklusion nicht eine Überwindung der Ausgrenzung von „Behinderten“, sondern es sollen 
in Zeiten klammer Kassen Kosten gespart werden. Und dies auf dem Rücken der SchülerInnen 
und LehrerInnen.

INVESTIEREN IN INKLUSION?

Inklusion unter den heutigen Bedingungen verwirklichen zu wollen, sprich mit großen 
Klassen, wenig Zeit, Räumen und Möglichkeiten, bleibt eine Illusion, wird für mehr Stress 
und Abwesenheit sorgen. Mal sehen, wie sich das auf den Krankenstand bei SchülerInnen und 
LehrerInnen auswirken wird.

Inklusive Schule müsste heißen, dass gesamte Schulsystem zu „einer Schule für alle“ 
umzubauen! Aber das darf es in NRW nicht geben, da sei die CDU, der Verband der 
Gymnasiallehrer, die Landesrichter usw. vor, dass dies niemals geschehe. Also wird Frau 
Löhrmann wohl wissend die Finger davon lassen und es wird weiter reichlich 
„FördererschülerInnen“ und keine wirkliche Inklusion geben.Dass der Umbau von Schule gehen 
und wie er gelingen kann, zeigen Beispiele wie das der Primusschule Berg Fidel-Geist in 
Münster oder der Montessori-Gesamtschule in Borken. Beide liegen übrigens in NRW, Frau 
Löhrmann!

Andrea Baleta

Anmerkungen:

[1] Die FDP sprach sich in Bielefeld ausdrücklich gegen die Primusschule aus, Neue 
Westfälische 20.03.2014)
[2] Nach Reinhard Stähling: „Du gehörst zu uns“. Inklusive Grundschule 2011, S. 4
[3] In: Sylvia Löhrmann: Auf dem Weg zur Inklusion, in: Schule NRW 03/11
[4] Reinhard Stähling: „Du gehörst zu uns“. Inklusive Grundschule, 2011, S. 5
[5] „Inklusionsklassen werden nicht automatisch kleiner“, Neue Westfälische, 01.02.2014
[6] Beispielsweise vor der Sitzung des Schulausschusses in Bielefeld, siehe Neue 
Westfälische vom 19.03.2014

https://www.direkteaktion.org/232/inklusion-bleibt-so


More information about the A-infos-de mailing list