(de) Fau-Iaa Direct Action #232 NOV/DEZ 2015: Arbeitsmarkt und Akademiker -- Im Gespräch mit Dipl.-Jur. Thomas Krug, Vorsitzender des Arbeitskreises Leipziger Personalvermittler e.V.

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Tue Apr 5 13:06:54 CEST 2016


Krug-Personal Leipzig ist zertifizierter Träger der Arbeitsförderung. Thomas Krug ist 
außerdem Leiter der AG Jobsuche in der Leipziger Regionalgruppe des gemeinnützigen Vereins 
*nea e.V. (Netzwerk erwerbssuchender Akademiker) sowie Autor zur Arbeitsförderung. ---- 
Herr Krug, einerseits hört man immer wieder von einem Fachkräftemangel, andererseits kennt 
fast jeder einen arbeitsuchenden Akademiker. Was sind die Gründe für Arbeitslosigkeit in 
dieser Gruppe? ---- Eine klare Antwort wäre eine Lüge. Dafür ist das Problem zu 
vielschichtig. Deutschlandweit haben wir eine Arbeitslosenquote von gerade einmal rund 2,4 
%. Das klingt sehr wenig, jedoch müssen wir in manchen Ballungsgebieten mit seinen 
Hochschulen und Unis teilweise von einer Massenarbeitslosigkeit sprechen. Dazu kommt die 
hier nicht mit gezählte Gruppe in Unterbeschäftigung: Stichworte sind Taxi- und 
Pizzafahren, Call-Center usw.Scheinbar liegt es häufig an der Studienwahl in NC-freien 
Fächern, hier wird tatsächlich oft am Markt vorbei studiert. Hier rate ich den 
Absolventen, über den Tellerrand hinauszuschauen und die Zielgruppe potentieller 
Arbeitgeber zu erweitern. Alle Akademiker bringen etwas Wichtiges für die Wirtschaft mit, 
nämlich die Methodenkompetenz.

Aber auch das nützt wenig, wenn die Region zu wenige adäquate Stellen bietet. Dazu habe 
ich vor einem Jahr Stichproben gezogen. Sie zeigen ein enormes Gefälle zwischen alten und 
neuen Bundesländern.

Welche Auswege sehen Sie?

Am einfachsten wäre es, der Arbeit zu folgen. Das birgt aber für viele Folgeprobleme. Das 
soziale Umfeld wird verlassen, hierbei kann das seelische Gleichgewicht gestört werden. 
Viele Stellen sind befristet – dafür die Wohnung aufzugeben sollte gut überlegt sein. 
Letztlich kann es nicht sein, dass die gut ausgebildeten Spezialisten alle die 
strukturschwachen Regionen verlassen, das ist ein Teufelskreis. Hier ist die Politik 
dringend gefragt, gern unter Druck der Gewerkschaften.Wichtig für alle ist die 
Verbesserung des Bewerbungsprozesses.

Das heißt genau?

Die Arbeitsagenturen und Jobcenter müssen ihre Möglichkeiten der Unterstützung auch 
ausschöpfen. Akademiker müssen von fachkundigen Mitarbeitern betreut werden, die mit den 
Abschlüssen auch etwas anfangen können. Dazu kommt oft eine Ablehnung der Mitarbeiter für 
die neuen arbeitsmarktpolitischen Instrumente.

Auch sind manche Führungsentscheidungen nicht nachvollziehbar. In der Arbeitsagentur 
Leipzig wurde zum Beispiel vor zwei Jahren das äußerst effektive Team „Akademische Berufe“ 
mit einem Federstrich zerschlagen. Die Geschäftsanweisungen sind häufig widersprüchlich 
und sogar gesetzwidrig. Es gibt enormen Verbesserungsbedarf bei den Ämtern und in allen 
Ebenen.

Was ist am dringendsten?

An erster Stelle steht die Information. Das betrifft sowohl die des Erwerbssuchenden, als 
auch des staatlichen Vermittlers beim Amt. Beide kennen viele Instrumente gar nicht. Da 
gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, sich ein ordentliches Business-Outfit im Rahmen 
„einer persönlichkeitsfördernden Maßnahme“ für das Vorstellungsgespräch bezahlen zu 
lassen. Oder sogar einen gebrauchten PKW, wenn dieser für die Arbeitsaufnahme erforderlich 
ist. Auch Fahrtkosten werden bis zu einem halben Jahr bezahlt, oder ein Zuschuss für die 
Zweitwohnung mit den Wochenendheimfahrten – die Liste ist sehr lang. Sicher hat man darauf 
keinen Rechtsanspruch, wohl aber auf eine nachvollziehbare „Betätigung des Ermessens“, 
also einer Interessenabwägung in einem rechtsmittelfähigen Bescheid.

Dazu kommt das System der Aktivierungs- und Vermittlungsgutscheine (AVGS). Das ist ein 
Oberbegriff für eine Vielzahl an unterstützenden Maßnahmen, wie der AVGS für die 
zertifizierten Privaten Arbeitsvermittler, für ein frei wählbares Coaching, die 
Existenzgründung usw.

Wer kann wo Unterstützung verlangen?

Schon drei Monate vor Ende einer Befristung oder Ausbildung, der Elternzeit oder mit 
Erhalt der Kündigung geht es los. Man meldet sich beim Amt arbeitsuchend und nennt sich 
nun ein „von Arbeitslosigkeit bedrohter Arbeitsuchender“. Zuständig sind in dieser Phase 
immer die Arbeitsagenturen, egal welches Arbeitslosengeld man später bezieht. Begünstigt 
sind auch künftige „Nicht-Leistungsbezieher“ – etwa wenn der Partner zu viel verdient oder 
Ex-Soldaten in der Soldatenversorgung –, Menschen in Transfergesellschaften, 
Entlassungskandidaten und Freigänger in JVAs.

Mit Eintritt der Arbeitslosigkeit ist dann entweder das Jobcenter zuständig für reine 
Hartz-4-Empfänger, für alle anderen die Arbeitsagentur (ALG I, ALG I mit Aufstockung ALG 
II, ohne ALG).

Betrachten wir eine Maßnahme, zum Beispiel ein „Coaching“...

In einem guten Bewerbercoaching werden erst einmal die speziellen Kompetenzen 
festgestellt. Damit justiert man die Suche, also wo die Reise hingehen soll. Mit diesem 
Ergebnis wird festgelegt, wo die aktive Suche stattfindet. Das systematische Scannen des 
Arbeitsmarktes geht auch in der heutigen Informationsflut mit fast wöchentlich neuen 
Stellenbörsen. Die weitgehend unterschätzte „passive Suche“ muss optimiert werden, damit 
man von Arbeitgebern und Headhuntern mit seinen Kompetenzen gefunden wird. Es soll von den 
wenigen Stellen keine mehr verloren gehen! Die Schlagzahl der Bewerbungen wird also 
erhöht. Die Präsentation muss jeder als seine Visitenkarte ansehen, mit klarer Struktur, 
verständlichem Inhalt und sauberen Scans der hart erarbeiteten Zeugnisse. So wird die 
Hürde der Einladung zum Vorstellungsgespräch gesenkt. Das Bewerbungsgespräch sollte dann 
gut vorbereitet und trainiert sein.

Nun hört man nicht nur positive Stimmen über so ein Coaching.

Häufig finden solche Maßnahmen in gemischten Gruppen statt, diese halte ich nur für 
bedingt geeignet und datenschutzrechtlich für unhaltbar. Der Vorteil des Gutscheinmodells 
ist, dass man sich Maßnahmen auf dem Markt deutschlandweit aussuchen kann. Es gibt wenige, 
spezielle Einzelcoachings für Akademiker, da verzeichnet man zum Teil über 90 % Erfolg in 
kurzer Zeit. Solche Angebote stehen leider nicht in der KURSNET-Datenbank der BA, man muss 
sich finden.

Haben Sie noch ein paar Tipps für unsere Leser?

Ja sicher. Kein Kuschelkurs beim Amt! Haben Sie keine Angst vor einer Störung der 
Beziehung zu Ihrem Vermittler. Verweigert man sich Ihnen, nehmen Sie sich immer eine 
Begleitperson mit. Kämpfen Sie beim Amt um die Unterstützung, zur Not mit Widerspruch und 
Klage. Die Mitarbeiter sehen sich zu oft als Hüter der Kassen und verkennen ihren 
gesetzlichen Auftrag, die Menschen zügig und nachhaltig in Arbeit zu bekommen. Lassen Sie 
sich nicht in Sinnlos-Maßnahmen, in berufsfremde Unterbeschäftigung und prekäre Arbeit 
drängen. In die Eingliederungsvereinbarung gehören auch Ihre Wünsche, dazu zähle ich auch 
einen länger währenden Berufsschutz.

Danke für das Gespräch.

Viel Erfolg allen Arbeitsuchenden!

Das Interview führte Thomas Bloch

https://www.direkteaktion.org/232/arbeitsmarkt-und-akademiker


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