(de) FAU-IAA: DIREKTE AKTION #232 – NOV/DEZ 2015 - Kolumne Durruti

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Mon Apr 4 13:04:50 CEST 2016


Während des Feierabendverkehrs im überfüllten Bus zu stehen, ist gewiss kein Vergnügen. 
Doch schlimmer geht immer, wie man in Hamburg sagt, und so widerfuhr mir hier eine 
besonders schmerzhafte Tortur. ---- Bewegungslos zwischen Menschenleibern eingepfercht, so 
dass an ein Davonkommen nicht zu denken war, wurde ich Zeuge eines Gesprächs zweier junger 
Frauen. Eine von beiden war vor kurzem in eine andere Abteilung gewechselt. An jenem Tag 
nun war der Chef vorbeigekommen, um sich danach zu erkundigen, wie sie denn mit der neuen 
Situation zurechtkäme. Das war an sich auch schon alles, denn da sie sich rundum 
wohlfühlte, ging der Chef auch wieder. Kein Ereignis, das irgendeiner Erwähnung wert 
gewesen wäre. Doch die junge Dame platzte schier vor Mitteilungsbedürfnis:„Und er so: 
Guten Tag. Und ich so: Guten Tag. Und er so: Wie finden sie sich denn so zurecht am neuen 
Arbeitsplatz? Und ich so: Danke, gut. Und er so: Und die Kollegen? Und ich so:

Wieso? Und er so: Kommen sie gut miteinander aus? Und ich so: Klar, nette Leute. Und er 
so: Schön, freut mich, dass alles läuft.“ Dazwischen kommentierte ihre Freundin immer 
wieder: „Echt jetzt? Im Ernst? Nee, wirklich? Das hat Dein Chef gesagt? Krass!“Diese 
Unterhaltung zog sich vom Wandsbek Markt bis zum Ölmühlenweg, während sich der 9er-Bus 
durch den Stop-and-Go quälte und sich die Fahrtzeit auf eine halbe Stunde ausdehnte. Als 
ich endlich ausstieg, fühlte ich mich seltsam benommen, Übelkeit stieg in mir auf, 
Kopfschmerzen breiteten sich aus. Wie der Ohrwurm eines schrecklichen Liedes, das einem 
gegen den eigenen Willen wieder und wieder durch den Kopf spukt, hörte ich es unentwegt 
sagen: Und er so, und ich so, und er so, und ich so... Was war nur geschehen, dass ich so 
sehr unter dem soeben Erlebten litt? Schließlich sollte es mich doch längst nicht mehr 
überraschen, dass ein gewisser Mangel an Originalität, die Abwesenheit jeglichen 
Sprachgefühls, erzählerisches Unvermögen, gepaart mit Stolz auf die eigene Einfältigkeit – 
kurz gesagt, eine gehörige Portion Dummheit um sich greift wie eine grassierende Epidemie. 
Denn längst ist es salonfähig, auf Einsicht, Erkenntnis und ein Mindestmaß an Bildung zu 
pfeifen.

Sie habe eben nicht Germanistik (sic!) studiert, rechtfertigte sich unlängst Renate 
Künast, immerhin eine ehemalige Bundesministerin, dafür, dass sie Abraham Lincoln mit 
George Washington verwechselt hatte. Und während fortwährend PolitikerInnen nachgewiesen 
wird, dass sie ihre Doktorarbeiten abgeschrieben oder gar von anderen für sich haben 
anfertigen lassen, geht dank des digitalen Online-Journalismus auch der letzte Funke von 
Anstand und Seriosität flöten: So ist die deutsche Ausgabe der Huffington Post endlich auf 
ein Niveau herabgekrochen, das sich als Einfach-Nur-Journalismus beschreiben lässt. 
Informationen – wozu? Es reicht, Dinge doof oder toll zu finden, um dies der Welt 
kundzutun und dafür auch noch Geld zu verlangen. Keine Trennung mehr von Darstellung und 
Meinung, nein, die meinungsarmen LeserInnen brauchen – einfach nur! – einen klaren 
Leitfaden: Dinge sind entweder „einfach nur genial“ oder „einfach nur armselig“. Und in 
der Randspalte gibt es dann so feine Ratschläge fürs Leben wie etwa, dass man morgens 
besser munter wird, wenn man Kaffee oder Tee zum Frühstück trinkt.In einer 
Wissenschaftssendung hörte ich, eine Studie habe ergeben, ängstliche Menschen seien 
intelligenter als mutige. Das kann nicht stimmen. Intelligenz macht vielmehr Angst. Und 
Dummheit – soviel steht fest – tut eben doch weh. Nur leider nicht den Dummen.

Matthias Seiffert


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