(de) FdA-Ifa - Gai Dao #57 - Warum wir den Bruch mit der autoritären Linken wollen - Von: Einige Anarchist*innen aus Dortmund

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Thu Sep 24 16:11:22 CEST 2015


Anmerkung der Redaktion: In der letzten Gaidao (Nr. 56) erschien sowohl der Ausgangstext 
"Bruch mit der autoritären Linken" als auch die Erwiderung "Für einen Bruch mit der 
autoritären Linken?" von der Anarchistischen Initiative Kaiserslautern. Der folgende Text 
von den Autor*innen des Ausgangstexts möchte an die Diskussion anschließen. ---- Unser 
Text "Bruch mit der autoritären Linken" vom 16.07.15. hat eine große Welle von 
Diskussionen und Feedback zu der von uns angeschnittenen Thematik ausgelöst. Ein 
überwiegend positives Feedback bekamen wir von uns nahestehenden Genoss*innen und auch 
darüber hinaus aus der anarchistischen Bewegung. Jedoch wurden wir dabei auch auf einige 
Schwächen des Textes aufmerksam gemacht. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Text 
kam von unseren Genoss*innen der Anarchistischen Initiative Kaiserslautern. Auf diese 
werden wir uns im Folgenden unter anderem beziehen. Natürlich gab es auch über das 
anarchistische Spektrum hinaus Diskussionen über den Text (wahrgenommen haben wir das aus 
Antifa-Gruppen in Dortmund).

Kritikpunkte waren unserer Wahrnehmung nach vor allem folgende:
o Vorwurf identitären Verhaltens
o noch stärkere Isolation der anarchistischen Bewegung
o Vorwurf autoritären Verhaltens unserseits
o fehlende Definition: Autoritär-antiautoritär
o fehlende Ausdifferenzierung verschiedener autoritärer Strömungen
o durch einen Bruch werden wir weniger handlungsfähig

Zunächst einmal sollte klar sein, dass unser Text gemessen an seiner
Länge und an der Kürze der Zeit, in der dieser geschrieben wurde, nicht
alle Aspekte ausführen kann, die es zu beachten gäbe, und zwangsläufig
verkürzt ist. Uns ging es in erster Linie darum einen Diskurs anzusto-
ßen, was ja auch erreicht wurde. Nun wollen wir den Diskurs
fortführen.

Autoritär vs. antiautoritär

Der Kritikpunkt, wonach wir nicht ausgeführt haben, was wir unter
autoritär bzw. antiautoritär verstehen, ist berechtigt.
Autoritär ist für uns ein weitgefasster Begriff, der viele verschiedenen
Gruppierungen umfasst.

Allgemein gesagt sind dies alle Gruppierungen, die eine Autorität für
alle Menschen darstellen wollen und/oder die sich an der Erhaltung
und Neugestaltung von Herrschaftsinstitutionen aktiv beteiligen. Kon-
kret bedeutet das Gruppen, die staatliche Institutionen nutzen (wollen)
bzw. die staatliche Macht erobern wollen, sei es durch Wahlen oder
durch eine politische Revolution. Außerdem religiöse Gruppierungen
mit missionarischem und alleinigem Wahrheitsanspruch. Oder Kapita-
list*Innen, welche vielleicht weniger Staat fordern, aber mehr
Markt/Kapitalismus wollen.

Diese Liste ließe sich noch auf viele weitere Herrschaftsstrukturen
erweitern. All diesen Gruppierungen ist eins, dass sie in ihrem Weltbild,
ihrem Handeln und ihren Zielen Zwang eine elementare Rolle spielt.
Klar ist für uns aber auch, dass all diese Gruppen Unterschiede haben
und damit auch unterschiedlich von uns zu bewerten sind. Mit "Für uns
verläuft die Trennlinie nicht zwischen links-rechts, sondern zwischen
autoritär-antiautoritär. Parlamentarische Kategorien sind keine in
denen wir argumentieren" meinten wir keineswegs eine Gleichstellung
von autoritär-linken mit autoritär-rechten Gruppen. Es ist natürlich
klar, dass wir mit dem Islamischen Staat oder der NPD (ohne das
gleichsetzen zu wollen) keinerlei Anknüpfungspunkte sehen, während
sie mit z.B. der Linksjugend Solid durchaus existieren (können).
Autoriät ist kein feststehender Begriff für bestimmte Gruppierungen,
sondern es muss immer wieder neu bewertet werden (und so auch
inwieweit man mit bestimmten Gruppen zusammenarbeitet).

Zur Einordnung möchten wir unterscheiden, dass es durchaus Unter-
schiede zwischen hierarchischen und autoritären Strukturen geben
kann (vor allem Organisationen, die keine ausgeführte Weltanschauung
vertreten, bspw. Amnesty International, Greenpeace oder Attac sind in
unserer Einordnung hierarschisch organisiert, aber erstmal nicht
autoritär).

Die Definition darüber liegt nicht allein bei uns, sondern kann nur über
einen ständigen Diskurs bestimmt werden. Dabei können auch histori-
sche Überlieferungen von antiautoritären Bewegungen hilfreich für
eine Einordnung sein. Zum Beispiel könnten die Erfahrungen von
Anarchist*Innen in der Sowjet-union mit den Bolschewiki dienen.
Besonders heraus stechend ist die Niederschlagung des Kronstädter Ma-
trosenaufstands durch die Rote Armee von Trotzki angeführt, welcher
auch heute noch die zentrale Figur der SAV ist.

Was meinen wir also konkret mit einem Bruch?

In erster Linie geht es darum Differenzen aufzuzeigen und zu benennen.
Es geht keinesfalls um eine Abkapselung von allem was sich nicht
anarchistisch labelt, sondern gerade darum den Diskurs zu suchen.
Dabei ist aber wichtig, dass wir als anarchistische Bewegung
organisatorisch unabhängig bleiben. Wie können wir Parteien, die wir
eigentlich überwinden wollen effektiv
stören, wenn wir von diesen abhängig
sind? Stattdessen sehen wir z. B. in Grie-
chenland, dass selbst Anarchist*innen
und besonders andere Basisbewegungen
Hoffnungen und Kapazitäten in das
Spektakel der Macht legen. Wir wehren
uns mit einem Bruch gegen jegliche Ver-
einnahmung auch von autoritär-linken
Gruppierungen.

Was ein Bruch für jeden Einzelnen von
uns bedeutet, wollen wir nicht vorgeben,
sondern liegt im Ermessen jedes Einzel-
nen. Im letzten Text haben wir dafür
bereits Vorschläge aufgeführt:

o Grundlegende anti-autoritäre Ausrichtung
o eigene Position bei Aktionen deutlicher herausstellen
o generellen Diskurs zu autoritärem Sozialismus/Kommunismus anstoßen
o autoritäre Gruppen aus emanzipatorischen Zusammenhängen/Strukturen ausschließen
o Uns ist bewusst, dass es an der Basis von vielen autoritären Gruppierungen einige 
Menschen gibt, die unseren Ideen nahe stehen oder neu politisiert wurden. Es kann also 
nicht darum gehen, gegen einzelne Leute offensiv vorzugehen, sondern mit
Fingerspitzengefühl und der Situation angemessenen Methoden sich deren Ideologie entgegen 
zu stellen, um sie möglicherweise auch mit unseren Inhalten zu erreichen und das Erstarken 
von autoritären Strukturen zu verhindern.
o unseren Diskurs in nicht gefestigte autoritäre Strukturen bringen

Jetzt wollen wir noch auf weitere Punkte eingehen, die in dem Text der
Genoss*innen von der Anarchistischen Initiative Kaiserslautern aus der
GAIDAO Nr. 56 erwähnt werden.

Diese schreiben: "Vorweg: Wir finden es fragwürdig, alles was hier-
archisch ist, generell als autoritär abzutun, da dies die Bedeutung des
Wortes autoritär verringert und eine Unterscheidung schwierig macht.
Zum Beispiel be-steht für uns ein Unterschied zwischen der Regierung
der AKP von Erdogan und der Regierung der BRD. Da wir dies hier
jedoch nicht diskutieren wollen, belassen wir es im vorliegenden Text
der Einfachheit halber bei der Trennung zwischen autoritärer und
antiautoritärer Linker."

Wir finden nicht, dass das Wort "autoritär" durch unsere Nutzung abge-
schwächt wird. Das Wort wie es in dem Text aus Kaiserslautern genutzt
wird kommt unserer Meinung aus einem demokratischen Diskurs.
Denn dort wird zwischen guten, demokratischen Staaten und bösen
autoritären Regimen unterschieden. Klar gibt es Unterschiede zwi-
schen verschiedenen Staaten was zum Beispiel Meinungs- und Presse-
freiheit angeht, jedoch verwischt der demokratische Diskurs auch viele
Gemeinsamkeiten um sich selbst als fort-
schrittlich darzustellen. Die wahre Fratze
der demokratischen Staaten zeigt sich
vor allem in der gewissenlosen wirt-
schaftlichen und politischen Zusammen-
arbeit mit "autoritären Regimen". Es gibt
ja auch noch andere Worte um verschie-
dene Regierungsformen zu unterscheiden
bzw. diese lassen sich kaum in einem
einzigen Wort beschreiben.

"Keine Solidarität mehr mit autoritären
Gruppen?"

Das muss von Fall zu Fall unterschieden
werden. Klar sollte sein, dass z. B. unsere
Solidarität mit Gefangenen von auto-
ritären Gruppen immer eine kritische
sein wird. Ungeachtet dessen streben wir
ja trotzdem eine Welt ohne Knäste an.
Darüber hinaus ist uns nicht ganz klar,
was genau in diesem Fall mit Solidarität
gemeint ist?

"Für jeden Anlass eigene Flyer schreiben?"

Ja auf jeden Fall, wenn dazu Kapazitäten da sind. Immerhin wollen wir ja anarchistische 
Inhalte verbreiten. Oder?

Die eigene Handlungsfähigkeit

Ein weiterer Kritikpunkt war, dass wir
unsere Handlungsfähigkeit (um
z.B. Abschiebungen zu verhin-
dern oder die Auswirkungen der
Finanzkrise abzuwehren) ver-
ringern.

Erst einmal sind das ja alles Ein-
zelfallabwägungen mit wem
und wie weit man zusammen-
arbeitet. Bei der Blockade einer
Abschiebung spielt es eher eine
untergeordnete Rolle, wo genau
die Leute jetzt organisiert sind.
Und falls Menschen ent-
sprechende Symbolik mit sich
führen sollten, kann man dies ja
thematisieren.

Die Auswirkungen der Finanzkrise kann niemand abwehren, man kann nur den Konflikt mit
den Institutionen, die uns die Mittel zum Leben nehmen schüren und
vertiefen. Parteien, die nicht die grundlegenden Ursachen des Kapita-
lismus angreifen wollen (Lohnarbeit und Eigentum) können die Aus-
wirkungen der Krise höchstens etwas zurückschieben, oft nicht mal das
(Syriza).

=> Eine enge Zusammenarbeit mit scheinbaren Lösungen (Partei XY
kämpft auch gegen Austerität) schwächt jedoch unsere Position, da
wenn diese Ideen diskreditiert ist (OH Partei XY macht das doch nicht
mehr), sind es unsere oftmals gleich mit.

"Außerdem ist unseres Erachtens die Gefahr einer Isolierung für die
Antiautoritären durch einen Bruch mit der autoritären Linken groß."
Wir sind erstmal schon dadurch isoliert, dass wir Anarchist*innen sind
(gibt ja nicht soviele im deutschsprachigen Raum). Diese Isolation ist
erstmal kein Problem, sondern die Chance et-was anderes aufzuzeigen.
Durch die Vermengung unserer "isolierten" Position mit
entgegenstehenden Ideen heben wir vielleicht die Isolation auf,
schwächen aber unsere eigene Position. Damit versinkt der Anar-
chismus als eine linke Idee, von der andere sich vielleicht ein zwei Sa-
chen abschauen. Als eigenständige Utopie wird er dann aber nicht mehr
wahrgenommen, wir bleiben ein Flügel unter vielen linken Ideen.

"Doch Brüche mit diesen oder jenen lösen keines unserer Probleme oder
bringen mehr Menschen unsere Ideen nahe, geschweige denn, dass mehr
Menschen anfangen, sich in libertären Projekten zu engagieren."
Unsere eigene Position explizit darzustellen, führt eher dazu, dass Leute
wenn sie anarchistische Ideen gut finden, die Schwerpunkte ihrer politi-
schen Arbeit genau dahingehend ändern. Denn ansonsten ist ja alles
unserer "gemeinsamen Sache" zuträglich. Dann kämpfen Jusos und
Anarchist*Innen für das gleiche Ziel und es besteht gar kein Grund da-
für, aus den Jusos auszutreten und anarchistische Projekte zu verfolgen.
Darüber hinaus sind wir auch insofern nicht auf autoritäre Linke Grup-
pen angewiesen, als dass es zu verschiedenen Themen andere poten-
tielle Bündnispartner*innen gibt. Die eben nicht zwingend im linken
Sumpf liegen müssen, wie z. B. Bürger*innen-Initativen, Mietervereine,
Gewerkschaften, Nachbarschaftshilfen, Naturfreunde, basisdemokrati-
sche Gruppen usw.

"Kritisch-solidarische Aktionen könnten dazu beitragen unsere Ideen zu
verbreiten und eine kritische Auseinandersetzung mit den bestehenden
Strukturen fördern, sowie unseren eigenen, schon bestehenden Pro-
jekten, Aufmerksamkeit zukommen lassen. Wir sprechen dabei aber
nicht davon, dass wir in die bestehenden Organisationen eintreten soll-
ten, um unsere Ideen zu verbreiten."

Genau in eine solche Stoßrichtung ging auch unser Text.

Wir freuen uns auch bei diesem Text über solidarische Kritik, hoffen die
Ideen aus unserem vorherigen Text deutlicher dargestellt zu haben und
würden uns über weitere Diskussionsbeiträge auch hier in der GaiDao
freuen.
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Weitere interessante Beiträge zu Griechenland, die seit unserem Text
erschienen sind, findet ihr hier:

o https://linksunten.indymedia.org/de/node/149997
o http://agdo.blogsport.eu/2015/08/06/syriza-chronik-eines-linken-selbstmords/


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