(de) FdA-Ifa - Gai Dao #57 - Frei die Berge - frei der Geist! Über ein anarchis­ tisches Wanderseminar im Elbsandsteingebirge Von: Schwarz-Rote Bergsteiger_innen

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Tue Sep 22 16:47:12 CEST 2015


Im Mai diesen Jahres luden die Schwarz-Roten Bergsteiger*innen (SRB) Dresden zum ersten 
Mal zu einem eigenen Wanderseminar ins Elbsandsteingebirge ein. Dem Aufruf zum viertägigen 
Seminar in schönster Natur und an den Originalschauplätzen von NS-Verbrechen und mutigen 
Widerstandshandlungen folgten knapp 40 Teilnehmende und 15 Helfer*innen. Im Artikel wollen 
wir über die Hintergründe und Ausgestaltung der Veranstaltung berichten und über die 
Frage, wie es nun weiter geht. ---- Von der kleinen Freizeit-AG zum Wanderseminar ---- 
Antifaschistische Wanderseminare und Tagungen sind in der Region zwischen Pirna und 
Sebnitz dank des Engagements des befreundeten AkuBiZ e.V. aus Pirna seit Jahren etabliert. 
Der Verein leistete wichtige Pionierarbeit was Recherche, Knüpfung von Kontakten in der 
Region und Routenerschließung anging.

Im Jahr 2009 gründeten sich dann auch die Schwarz-Roten Berg-
steiger*innen, die in der Region gemeinsame Klettertouren, Schlafplätze
und Klausuren für Gruppen organisieren. Von Anfang an war ein
Schwerpunkt dieses (meist losen) Interessiertenzusammenschlusses, bei
der Tätigkeit auch anarchistische Akzente zu setzen u.v.a. organisiert-
anarchistische Strukturen zu fördern.

Nach mehrjähriger Erfahrung als Scouts in der Region für kleinere
Gruppen entstand der Wunsch, sich an einer eigenen, etwas größeren
Veranstaltung zu versuchen, sich dabei vor allem an Mitglieder von
FdA, ASJ und FAU zu wenden, um eine gemeinsame Vernetzung zu be-
fördern und der lokalen wie bundesweiten anarchistischen Geschichte
im Kampf gegen den NS besonderen Platz einzuräumen.

Zur Intension Emma Rauch (27) von den SRB: "Auch wenn die anar-
chistische Bewegung in Deutschland Anfang der 1930er Jahre einen
enormen Mitgliederrückgang erlebte, so sind ihre frühen und differen-
zierten Warnungen vor dem Faschismus als auch ihr ehrliches und mu-
tiges Engagement gegen den NS bemerkenswert. Uns interessiert, wie
eine modern-anarchistische Gedenkkultur aussehen und wie sich diese
mit einer ebenfalls noch zu schaffenden libertär-proletarischen Freizeit-
kultur verbinden kann." Die ersten Planungen liefen dabei ca. ein halbes
Jahr vorher an. Ein Gelände wird glücklicherweise bereits seit
Jahren von verschiedenen linken und anarchistischen Ini-
tiativen aus der Region genutzt und bewirtschaftet.

Letztlich wurden Termin, Ausgestaltung, Routen und Pro-
gramm von einem kleinen Kreis von Leuten organisiert,
die im Anschluss an das Seminar beschlossen, sich zukünftig
fester in den SRB organisieren wollen. Die Planung für die Verpflegung
nahm uns dankenswerter Weise das großartige KüFa-Kollektiv Black
Wok aus Dresden ab. Mit Equipment halfen die Bands Alarm!, Andi
Valandi, die FAU Dresden und die Hausprojekte Wums und Mangel-
wirtschaft aus. Für die inhaltlichen Hintergründe konnten wir auf For-
schungsergebnisse von Helge Döhring, einigen Historiker*innen aus
Westsachsen und einer anderen AG der FAU Dresden, dem IK Doku-
mentation zurückgreifen.

Das Seminar

Nervös waren alle Beteiligten. Weder war klar, wie viele Menschen
letztendlich an so einer Veranstaltung teilnehmen würden, noch waren
alle Rahmenbedingungen geklärt. Verhandlungen mit der Grundstücks-
verwaltung und die Erarbeitung der Inhalte liefen parallel zu einem
Großteil der Buchungen. Auch am
Gelände musste einiges geflickt,
instandgesetzt und von jahre-
langer Verwilderung befreit wer-
den. Hierbei halfen einige vorher
angereiste Genoss*innen tatkräf-
tig mit. Zu unserer freudigen
Überraschungen meldeten sich so-
gar mehr Interessierte als maxi-
mal erwartet, was jedoch leider
auch zur Folge hatte, dass einige
auf das nächste Jahr vertröstet
werden mussten. Insgesamt ka-
men wie erhofft Mitglieder aus
ASJ, FAU und FdA sowie einige
unorganisierte aus verschie-
densten Bundesländern wie Berlin, Brandenburg, NRW, Hessen etc....
Der erste Abend begann mit einer Einführungsveranstaltung zum loka-
len Widerstand gegen den NS. Akteure und Strukturen wurden vorge-
stellt und eine Einteilung in verschiedene Widerstandsphasen im NS
vorgenommen. Gleich-
zeitig wurde die Ge-
schichtsbearbeitung von
1946 bis heute unter-
sucht und v.a. auf die
Verneinung politisch un-
bequemer Widerstands-
gruppen und Frauen im
Widerstand hingewiesen.
Mit dem Aufzeigen der
ideologischen Überfor-
mung des lokalen Ge-
denkens wurde im Vor-
trag gleichzeitig die
offene Frage nach einer
kritischen, ehrlichen und
libertären Gedenkkultur
an alle Teilnehmenden
gestellt. Im Anschluss
kam es zu einer ersten Vorstellungsrunde und regem Austausch am
Lagerfeuer.

Die 18 Kilometer lange Wanderung am nächsten Morgen wurde trotz
äußerst frühem Startzeitpunkt von fast allen Teilnehmenden besucht.
Die Route führte durch stille Täler der vorderen Sächsischen Schweiz
bis auf die Hochebene hinter Daube und Lohmen und endete schließ-
lich auf abenteuerlichen Steinbrecherpfaden hoch über dem Elbtal.
Thematisiert wurden kommunistische Widerstandskämpfer*innen und
Bergfreunde wie Kurt Schlosser (hingerichtet 1944 in Dresden) und
Arthur Thiermann (bei einer Aktion 1935 nahe Altenberg erschossen)
ebenso wie im NS verfolgte ortsansässige Künstler*innen wie Elfriede-
Lohse Wächtler (ermordet 1940 in der Euthanasieanstalt Pirna Sonnen-
stein). Traurigen Schwerpunkt bildete der Besuch des ehemaligen KZ-
Außenlagers Pirna Mockethal-Zatschke und eines zugehörigen Massen-
grabes. Hier erinnert keine offi-
zielle Gedenktafel an die unzähli-
gen Verbrechen. Die Teilnehmen-
den legten Blumen und Steine ab
und gedachten vor Ort den Op-
fern. Nach diesem landschaftlich
sehr schönen aber inhaltlich sehr
bewegendem Wandertag endete
das inhaltliche Programm am
Abend mit einem Vortrag zum
anarchistischen Widerstand in
Sachsen. Hier wurden die Vor-
sichtsmaßnahmen der Illegalität,
die Vorteile und Probleme der Un-
tergrundstrukturen, die Zusam-
menarbeit der einzelnen Orts-
gruppen und ihre Beziehung zum reichsweiten Widerstand und der IAA
(Internationale Arbeiter-Assoziation, die Internationale, in der sich
auch heute wieder die FAU befindet) erläutert. Der Abend wurde be-
schlossen von Konservenmusik und gemütlichem Lagerfeuer.

Auch wenn sich Muskelkater und Blasen bei dem*der einen oder ande-
ren Teilnehmenden schon meldeten, waren wir auch am nächsten Tag
annähernd vollzählig. Nach den sanften Tälern und Ebenen am letzten
Tag sollte es diesmal landschaftlich schroffer und beeindruckender zu-
gehen. Auch waren viele der Stationen erfreulicher, so kamen wir an
einigen Schauplätzen geglückter Aktionen wie Literaturschmuggel oder
dem Anbringen von Parolen an Felswände vorbei. Die Stimmung war
gelassen, noch mehr als am ersten Tag wurde in den Wandergruppen
immer wieder das ein oder andere Liedchen gesungen oder Mitglieder
einzelner Organisationen und Gruppen diskutierten angeregt politische
Konzepte oder zukünftige Zusammenarbeit. Dementsprechend war
auch bei uns als Crew trotz langer, anstrengender Tage ein zufriedenes
Lächeln auf den Lippen.

Die Crew? Das waren einerseits bis zu 6 Mitglieder und Helfer*innen
der KüFa-Gruppe Black Wok und durchschnittlich 6 Scouts der
Schwarz-Roten-Bergsteiger*innen. Wir kümmerten uns in Zweier-
Teams während der Wanderung darum, dass niemand verloren geht
und jede*r die Tour körperlich und psychisch schafft. Am Abend be-
reiteten wir die Veranstaltungen vor, räumten das Gelände auf und
gaben angeregt weitergehende inhaltliche Auskünfte. Unsere Tage
gingen also ca. um 7 Uhr los, nach 12 Stunden Wanderung kam noch
eine inhaltliche Veranstaltung, danach aufräumen, nächsten Tag planen,
noch ein paar Bier trinken und dann wieder ins Bett. Wir schliefen
glücklich und gut.

Doch zurück zum dritten Tag. Die Mittagsrast verbrachten wir mit
plantschen im Bergflüsschen Polenz, Gesang und ausgelassenem Dösen
in der Sonne. Danach stiegen wir auf zum ehemaligen KZ der Burg
Hohnstein. Dabei handelte es sich um ein frühes KZ das vor allem der
Unschädlichmachung der politischen Opposition zwischen 1933-34
diente. Wir begannen die Führung mit einer Schweigeminute vor dem
zentralen Denkmal und gingen auch hier auf die fürchterliche
Gedenkpolitik der Stadt Hohnstein ein. In einem Rundgang machten
wir die Teilnehmenden mit der Burganlage und dem ehemaligen Lager-
alltag vertraut, im Anschluss ließen wir Zeit, um den Platz individuell
zu erkunden. Es folgte ein Vortrag über die vielfältige Organisation des
Gefangenenwiderstandes, gelungener und missglückter Fluchten, die
Einbindung der Zivilbevölkerung in den KZ-Betrieb und einige
anarchistische Insassen.

Nach dieser Exkursion verabschiedete sich ein erster Teil der Gruppe
mit dem Bus zu unseren Unterkünften, der Rest wanderte das wild-
romantische Polenztal weiter und kehrte noch in einer Mühlen-
wirtschaft ein. Nachdem auch die letzten Teilnehmenden z.T. nach einer
weiteren Wanderung, im Seminargelände eingetroffen waren, berichtete
ein letzter Vortrag über den anarchistischen Widerstand gegen den NS
im restlichen Reichgebiet mit vielen Anekdoten.

Ausgelassen ging der Abend mit einem Konzert der Bands Alarm
(anarchistischer Folk, Dresden) und Andi Valandi (emanzipatorischer
Proletenblues, Dresden) zu Ende und einige erlebten den Sonnen-
aufgang am Feuer oder irgendwo in den nahen Felswänden.

Vor der Abreise berichteten wir über die Arbeit unserer Gruppe, anar-
chistische Umtriebe im Elbsandsteingebirge und unsere Hoffnung,
Strukturen aufbauen zu können um ähnliche Veranstaltungen auch in
den nächsten Jahren zu organisieren. Darauf folgte eine umfangreiche
Feedbackrunde. Neben kleineren organisatorischen Problemen die wir
bei der nächsten Veranstaltung berücksichtigen werden, vermittelten
uns alle Beteiligten, dass es uns gelungen war, eine ganz besonderes
kulturelles und inhaltliches Erlebnis auf die Beine zu stellen. Besonders
hervorgehoben wurde unsere inhaltliche Kompetenz und unsere Rück-
sicht auf verschiedenste Bedürfnisse und natürlich die Schönheit der
Veranstaltungskulisse. Auch für uns als Veranstalter*innen war es eine
rundweg positive Erfahrung die uns lange im Gedächtnis bleiben wird
und motiviert, weiter zu machen.

Ausblicke: Noch mal, noch länger, noch vielschichtiger!

Aus diesem Grund wird es, wenn für uns irgendwie möglich, auch
nächstes Jahr ein Wanderseminar geben. Wir hoffen diesmal, mehr
Menschen eine Teilnahme zu ermöglichen. Gleichzeitig wollen wir die
Veranstaltung auf 6-7 Tage ausdehnen. Das erlaubt uns mehr Platz für
Vernetzung, Inhalt, Entspannung, Diskussion und individuelle Erkun-
dung des Elbsandsteingebirges zu schaffen.

Beim nächsten Mal soll es aber auch vielfältiger werden, so sind z.B. ein
Workshop für anarchistische Geschichtsforschung in der eigenen Stadt,
Diskussionen über anarchistische Gedenkkultur, Workshops zu anar-
chistischem Liedgut und anarchistischer Landpolitik geplant. Ebenso
wollen wir mehr über die aktuellen politischen Verhältnisse aufklären.
Daneben sollen auch Badespaß und konkrete Aktionen während des
Wanderseminars Teil des Programms werden. Es wird also nicht lang-
weilig.

Sorgen bereitet uns allerdings noch unser Veranstaltungsgelände. Dies
ist akut von einer Veräußerung an Investoren bedroht, die eine weitere
Nutzung im bisherigen Sinne wohl verunmöglichen würde. Andere Lo-
cations für politische Veranstaltungen diesen Ausmaßes gibt es bis jetzt
nicht. Uns bleibt daher aktuell nur das Beste zu hoffen und euch auf
unsere Spendenkampagne zu verweisen, die es uns hoffentlich bald
selbst ermöglich, eigene Gebäude kollektiv selbst zu bewirtschaften.


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