(de) FAU-IAA: Direct Aktion #230 - Der Liebesentzug des Bürgermeisters
a-infos-de at ainfos.ca
a-infos-de at ainfos.ca
Fri Sep 18 17:24:54 CEST 2015
Zum Zustand der "partizipativen Demokratie" in venezolanischen Betrieben am Beispiel einer
lokalen Tragikomödie ---- "Keine Yankee-Stiefel auf venezolanischem Boden!" Am 21. März
schien die sozialistisch-patriotische Einheitsfront in der Gewerkschaft Unión Socialista
de Trabajadores y Trabajadoras UST (Sozialistische Union der Arbeiter und Arbeiterinnen)
in der Gemeinde Boliveriano Libertador, Kernregion des Hauptstadtdistriktes Caracas, noch
in bester Ordnung. Die wichtigsten Funktionäre - allesamt ältere Herren - ließen sich auf
Schulbänken mit Fotos des 2013 verstorbenen Comandante Hugo Chávez Frías ablichten.
Gegenüber eines riesigen Heldenportraits des amtierenden Präsidenten Nicolás Maduro
wollten sie die Einheit und Entschlossenheit der venezolanischen ArbeiterInnen bezeugen,
sich nicht einschüchtern zu lassen von der Definition ihres Landes als "terroristische
Gefahr", wie es in einer Regierungserklärung Barack Obamas unlängst geschehen war.
Vor dem Familienstreit - Marcos Antonio García, Sekretär der UST, bezeugt am 21. März
seine anti- imperialstische Einsatzbereitschaft. Mehr Propagandafotos mit dem später in
Ungnade Gefallenen auf www.aporrea.org/trabajadores/n267279.html
So absurd diese Maßnahme des US-Präsidenten auch ist - Terrorgefahr geht eher gegen den
venezolanischen Staat seitens rechtsgerichteter Exilanten aus, die sich in den USA
aufhalten - so wenig betrifft sie venezolanische GewerkschafterInnen. Die
Obama-Administration dehnte ihr Verständnis von "Terrorismus" auf Beziehungen von
Regierungen zu anderen Regierungen aus, die wiederum im Verdacht stehen, mit
terroristischen Gruppen zusammenzuarbeiten. Zweck einer solchen Konstruktion von
Terrorunterstützung zweiter Ordnung ist es, Bankkonten von venezolanischen
Regierungsangehörigen im Ausland einfrieren und Einreiseverbote verhängen zu können und so
Druck auf die Regierung Maduro auszuüben, in ihren Hasstiraden auf die USA den Fuß vom Gas
zu nehmen. Mit den Belangen der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst, die vor allem in der
UST (zum Teil zwangs-) organisiert sind, hat dieses staatliche Säbelrasseln ziemlich wenig
zu tun. Vielmehr sprangen die UST-Funktionäre hier den obersten Bossen ihrer
Gewerkschaftsmitglieder gehorsam zur Seite. Zu den UST-Gewerkschaftsfunktionären, die sich
an jenem 21. März propagandistisch als tapfere Patrioten inszenieren ließen, gehörten auch
der Generalsekretär Marco Antonio García und der organisatorische Leiter William Ortega.
Eineinhalb Monate später, am 12. Juni, wurden dann jedoch beide durch Einheiten der
PoliCaracas, einer dem Gemeindebürgermeister unterstellten Polizeidirektion, verhaftet.
Somit kam die Anweisung ihrer Verhaftung direkt von Jorge Rodríguez, Bürgermeister von
Boliveriano Libertador, ehemaliger Vizepräsident Venezuelas unter Chávez und Organisator
des Vereinigungsprozesses der ersten linken Regierungskoalition zur Sozialistischen
Einheitspartei Venezuelas (Partido Socialista Unido de Venezuela, kurz PSUV), die seitdem
die Regierung des Landes stellt. Was war passiert? An diesem Tag fanden die allgemeinen
Gewerkschaftswahlen der UST für die Führung der jeweiligen Direktionen in Boliveriano
Libertador statt. Vorausgegangen waren Auseinandersetzungen zwischen der
Gemeindeverwaltung und den Beschäftigten in der Müllentsorgung. Die Beschäftigten
forderten mehr Lohn und eine Demokratisierung der Arbeitsorganisation: Anstelle von
Funktionären und staatlichen Bürokraten wollten die Beschäftigten ihre Schichten und die
Abläufe der Müllentsorgung selbst regeln. Hintergrund war eine monatelange Debatte über
die Ineffizienz des öffentlichen Dienstes, mit besonderem Fokus auf die Stromversorgung
und eben die Müllentsorgung.
Zwischen den Vertretern der rechten Opposition sowie den ihnen nahestehenden Medien und
der Gemeinderegierung entflammte ein Streit, in der die Beschäftigten selbst nicht zu Wort
kamen, da beide Seiten eher eine Stellvertreterdiskussion entlang ideologischer
Grabenkämpfe führten. Jenseits der Schlagwortgefechte von der "bolschewistischen
Zerstörung der Nation" oder der "Sabotage durch die Agenten des Imperialismus"
thematisierten die Beschäftigten die oft sinnlose Einteilung ihrer Einsatzgebiete, die
zeitraubende Bürokratie zum Nachweis der erbrachten Arbeit und die schlechte
Ausfinanzierung ihrer Arbeit, was sowohl die technische Ausstattung und den
Personalschlüssel als auch die Löhne betrifft. Gerade die Angestellten im öffentlichen
Dienst sind von der realen Inflation im Lande stark betroffen, da die Regierung die von
den Supermärkten und Schwarzmarkthändlern geforderten Preise, die sich wiederum am
inoffiziellen Kurs des Bolivars orientieren, ignoriert und entsprechend Löhne zahlt, die
von der tatsächlichen Preisentwicklung abgehängt werden.
FÜNF FINGER VERKRAMPFEN SICH ZUR FAUST
Solche Missstände ließen sich auch gewerkschaftsintern bei der UST nicht so leicht durch
Patriotismus und die Schuldzuschiebung auf den Dämon USA ignorieren. In dem angespannten
Dauerzustand, in dem die PSUV die letzten Jahre - und verstärkt seit dem Tod der Ikone
Chávez - regiert, kann von einer lebendigen Diskussionskultur innerhalb des
sozialistischen Lagers jedoch kaum die Rede sein. Präsident Maduro ist, obwohl von Chávez
auf dem Totenbett als Nachfolger auserkoren, in der Partei und ihrem gesellschaftlichen
Umfeld keineswegs unumstritten, was natürlich die Lage der Regierung gegenüber der rechten
Opposition um Henrique Capriles enorm verschärft. Entsprechend gereizt reagiert das
Parteiestablishment auf Kritik aus den eigenen Reihen. Zum x-fach wiederholten Male wird
die Bedrohung der Nation beschworen und eine mal wieder nun besonders wichtige Einheit
aller sozialistischen und linken Kräfte gegen die äußeren und inneren Feinde gefordert.
Linke und gewerkschaftliche KritikerInnen gelten, auch wenn sie noch so rational und noch
so sehr am Gegenstand wie etwa der Müllentsorgung in Boliveriano Libertador argumentieren,
da schnell als Verräter an der Arbeitereinheitsfront, als Nestbeschmutzer, die - ob
bewusst oder unbewusst - das Werk der imperialistischen Aggression befördern.
Das Tischtuch zwischen García und Ortega, den ansonsten immer ideologiekonformen
Unterstützern der Regierung, und dem Bürgermeister Rodríguez wurde zerrissen, als die
beiden Gewerkschaftsfunktionäre die Forderungen der ArbeiterInnen in der Müllentsorgung in
Boliveriano Libertador entgegennahmen und unterschrieben an die Chefs in der
Gemeindeverwaltung weiterleiteten. Angesichts der darauf folgenden Ereignisse liegt der
Verdacht nahe, dass die nahenden Gewerkschaftswahlen bei der UST im Sinne Jorge Rodríguez'
genutzt werden sollten, um Ortega und García auf möglichst elegante Weise abzuservieren,
in dem sie einfach offiziell abgewählt würden. Zur politischen Karriere des amtierenden
Bürgermeisters in Boliveriano Libertador gehörte auch die Tätigkeit als Rektor des
Nationalen Wahlrats (Consejo Nacional Eletoral, CNE) von 2004 bis 2006, welcher die Wahlen
auf Bundesebene organisiert. Die Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen, die von der CNE
ausgehen, sind sicherlich politisch schwierig zu bewerten, da die rechte Opposition in den
von ihnen kontrollierten Provinzen ebenfalls mit unlauteren Mitteln Einfluss auf Wahlen
nimmt und die CNE ihre Interventionen als notwendiges Korrektiv rechtfertigt. Erfahrung
mit einem Eingreifen in Wahlvorgänge hat Rodríguez jedoch allemal.
Geballte Regierungswut: Jorge Rodríguez, der Gemeindebürgermeister von Bolivariano
Libertador (rechts mit Mikrofon)
Am Wahltag zur Besetzung der Ausschüsse in den Gewerkschaftsdirektionen der UST häuften
sich dann die Berichte über die Umtriebe von MitarbeiterInnen bei PoliCaracas. Die dem
Bürgermeister direkt unterstellten Polizeikräfte, die ebenfalls zu den Gewerkschaftswahlen
der UST aufgerufen worden waren, sollen laut vielfachen Meldungen trotz ihrer
Zivilkleidung ihre Dienstwaffen zur Wahl mitgebracht haben und gezielt gegenüber
Betriebsgruppen, die sich in die Diskussion um den öffentlichen Dienst in Boliveriano
Libertador eingebracht hatten, eine Bedrohungssituation aufgebaut haben. Überprüfen lassen
sich diese Berichte im Nachhinein natürlich schwer. Andere Quellen berichten, dass in
vielen Betrieben die Wahllokale frühzeitig geschlossen wurden, vor dem offiziellen
Wahlende und kurz nach der geschlossenen Stimmabgabe bestimmter Betriebsgruppen. Wieder
andere geben an, nach dem Schließen einiger Wahllokale seien Beschäftigte von PoliCaracas
mit Schlüsseln in die Wahllokale gegangen.
Nach übereinstimmenden Schilderungen formierte sich in einigen Betrieben Protest, auf dem
die Verlegung der Wahlen ins Freie gefordert wurde, um ihren Ablauf zu beobachten und zu
dokumentieren. In dieser Situation ereigneten sich dann die Festnahmen Marco Antonio
Garcías und William Ortegas. Beim Versuch, die Tische und Wahlzettel aus den Betrieben auf
die Straße zu bringen, soll es zu Sachbeschädigungen am Inventar und den Fenstern der
jeweiligen Betriebe gekommen sein. García und Ortega wurden daraufhin unter dem Vorwurf
der "Zerstörung von Staatseigentum" festgenommen - ausgerechnet zwei hohe
Gewerkschaftsfunktionäre und mit Ortega ein Mitorganisator der Wahl. Mutmaßlich hatte
Bürgermeister Rodríguez aufgrund des Aufruhrs, den die Aktionen der
PoliCaracas-Mitarbeiter verursacht hatten, das Scheitern einer eleganten Lösung der
Personalfrage García/Ortega per frisiertem Wahlergebnis einsehen müssen und spontan
umdisponiert.
KOLLEKTIVE VEREINBARUNGEN DER REGIERUNG MIT SICH SELBST
Die - wohl kaum zufällig am selben Tag angesetzte - Rede des Bürgermeisters im Teatro
Municipal wurde daraufhin von wütenden Protesten begleitet. Das Thema der Rede, die von
der Regierung Maduro einseitig ohne Anhörung der Gewerkschaften beschlossene
"Kollektivvereinbarung", gemäß der die Bezüge von Landes- und Provinzregierung gekürzt
werden, um so die stagnierenden Löhne der im allgemeinen Staatsdienst Beschäftigten etwas
besser rechtfertigen und die Rede vom Strang, an dem gemeinsam gezogen werden müsse,
lancieren zu können, bekam für viele Anwesende in Anbetracht der Ereignisse einen
besonderen Beigeschmack. "Wir, die Arbeiterinnen und Arbeiter haben das Recht, unsere
Forderungen selbst zu vertreten. Es kann nicht sein, dass der Bürgermeister einfach etwas
verkündet, was niemals diskutiert wurde!", ließ es sich einer per Megafon während
Rodríguez Auftrittes vorgetragenen Gegenrede entnehmen.
Dabei wurde auch auf die Vorkommnisse bei den Gewerkschaftswahlen der UST und auf die
Verhaftungen der beiden Funktionäre eingegangen: "Wir sind hier, um die sofortige
Freilassung der Gewerkschaftsvertreter William Ortega und Marcos García zu fordern, Opfer
der illegalen und ungerechten Vorgehensweise der PoliCaracas-Funktionäre, bei der es nur
darum ging, die Gewerkschaftswahlen zu sabotieren. So sieht ihre Kollektivvereinbarung
aus!" Des Weiteren kritisierten die Protestierenden auch die gedankliche Konstruktion des
angeblichen gemeinsamen Verzichts von Regierung und der im öffentlichen Dienst
Beschäftigten. Die Beschäftigten und die Regierungsmitglieder besuchten nicht dieselben
Krankenhäuser, ihre Kinder gingen nicht in dieselben Schulen, sie hätten nicht den
gleichen Lohn und Regierungsmitglieder wüssten auch nicht, wie es sich anfühle, ewig für
ein Kilo Fleisch anzustehen, das 800 Bolivares koste, hieß es in der Gegenrede der
Protestierenden.
Ortega und García wurden zwei Tage später, am 13. Juni, auf freien Fuß gesetzt und wegen
Sachbeschädigung angezeigt. Ob die beiden ehemaligen Vorzeigeideologen ihren Weg zurück in
die sozialistische Einheitsfront finden steht in den Sternen, ist aber zwecks
schnellstmöglicher Deckelung der Konflikte in der UST nicht unwahrscheinlich. Daran, dass
in der krisengeschüttelten und tief gespaltenen venezolanischen Gesellschaft die
Verwirklichung des Ideals einer partizipativen Demokratie in Gemeinde und Betrieb immer
schwieriger wird, würde ein solches Ende der Lokalposse auch nichts ändern.
Marcus Munzlinger
http://www.direkteaktion.org/230/der-liebesentzug-des-buergermeisters
More information about the A-infos-de
mailing list