(de) FAU-IAA: Direct Aktion #230 - Immer auf der Suche nach dem Weg -- Berührend thematisiert

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Wed Sep 16 15:39:43 CEST 2015


Mit Ticktickboom, einem Zusammenschluss linker Rap-Artists, entstand vor gut drei Jahren 
ein bis in den Mainstream hineinstrahlender Leuchtturm linker Subkultur. Das von den hier 
aktiven Künstlerinnen und Künstlern vorgelebte Selbstbewusstsein entfaltete eine große 
Anziehungskraft und beförderte vor allem in jugendlichen Zusammenhängen eine starke 
Identifikation mit einem linken Szenehabitus - was nicht in geringstem negativ zu 
verstehen ist. Alternativen zum Jubelbetrieb auf die Gesellschaft, als welcher 99% der 
Kulturindustrie fungieren, können gar nicht genug wertgeschätzt werden. Dass es lohnend 
und notwendig ist, in das Rapgenre zu intervenieren, dürfte angesichts seiner schieren 
Fülle offensichtlich sein. Analysen zum klassen- und geschlechtsspezifischen Musikkonsum 
zeigen hier noch mal ganz eigene Handlungsoptionen und -Bedarfe auf.

Nach solchen Gesichtspunkten hat vor allem die Berliner Rapperin Sookee ihr künstlerisches 
und politisches Handeln aufgebaut: Sie thematisiert, was im Rap als Tabu gilt, kritisiert 
reaktionäre Tendenzen in der Rapkultur und kämpft für eine emanzipatorische Veränderung 
des Raps insgesamt. Ihr Ticktickboom-Kollege Refpolk, ebenfalls aus Berlin, fokussiert 
hingegen eher direkt Themen politischer Bewegungen, ohne aus ihnen Fragen an die Rapszene 
zu entwickeln: Gentrifizierung, Polizeigewalt bei Demonstrationen, Flucht und Asyl, 
Verarmung und Repression im Zuge der "Eurokrise" sowie rechte Gewalt. Refpolk geht es also 
nicht in erster Linie darum, einen Diskurs innerhalb der Rapkultur anzustoßen oder über 
seine Texte eine Verhaltensänderung in der linken Szene herbeizuführen. Vielmehr spricht 
er in seinen Songs als politischer Aktivist und politisch denkendes Individuum direkt und 
ungefiltert, zwar oft in Metaphern, Ironie und lyrischer Sprache, aber selten abstrakt und 
eigentlich nie metatheoretisch.

"WEITERHIN KEIN LIKE AUF DIE WELT"

Folgerichtig sind gesellschaftliche Randständigkeit und die Marginalität der eigenen 
politischen Positionen zentrale Themen für Refpolk - auf seinem aktuellen Album "Klippe" 
noch stärker als bisher. Hier wird in einem absurden, grellen Theater die 
Selbstinszenierung von politischem und künstlerischem Ego in der Maschinerie "sozialer" 
Medien beschrieben - selten wurden im deutschsprachigen Rap Doubletimes als Stilmittel so 
kohärent eingesetzt, um Hektik und Irritation bildlich werden zu lassen, wie es Refpolk im 
Prolog zum Album "Klippe", der "Zeckenrap-Ansage", gelingt. Der affirmative Charakter der 
Facebook-Kultur, die von ausschließlicher Rezeption lebt, in der sich das gesamte soziale 
und kulturelle Leben nur noch als ZuschauerIn und KommentatorIn, als Teilhabe zweiter 
Ordnung erleben lässt, steht den DIY-Gedanken sowohl in der Rapkultur als auch in linken 
Subkulturen entgegen, was diese jedoch nicht vor der Sogwirkung der 
Kommunikationsindustrie schützen konnte. Diesen Widerspruch bringt Refpolk textlich und 
musikalisch innovativ und gekonnt zum Ausdruck.

Zeckenrap mit Ansage: Refpolk

Ein energiegeladener Track wie "Atemnot", gemeinsam mit der in Berlin lebenden 
französisch-kongolesischen Künstlerin Carmel Zoum, dürfte auf Konzerten eine ganz 
spezielle Dialektik entfalten, wenn jugendliche Zeckenrap-Fans in euphorischer Stimmung zu 
den treibenden Beats ihre Partykultur zelebrieren. Im Text, der in solchen Situationen 
zwangsläufig in den Hintergrund gerät, wird jedoch gerade die verdrängende Wirkung von 
Hedonismus und die Identifikation von Partyerlebnissen als Lebensinhalt problematisiert. 
Dabei ist der Textausschnitt aus der Hook "sind gerettet, wenn der Laden tobt" sicherlich 
nicht bloße Ironie, sondern durchaus auch als Lebensgefühl einer gestressten und von 
Zukunftssorgen geplagten Generation ernst gemeint. Loslassen und Kompensation für die 
tagtägliche Selbstdomestizierung sind wichtige Aspekte jeder rebellischen Subkultur und 
gehören natürlich auch zur Rapmusik von Refpolk - aber bieten eben keinen wirklichen 
Ausbruch, können nicht wirklich über die Partykultur hinausweisen. Es ist diese eben nicht 
abstrakte, nicht zu verkopfte Dialektik, die textliche Fähigkeit, widersprüchliche 
Emotionen und Gedanken verständlich und erlebbar in einem auszudrücken, die die Texte 
Refpolks ausmacht.

"SO LANGE DU ES WEISST, SIND WIR ZUSAMMEN"

Auch mit der griechischen Rapkünstlerin Daisy Chain hat Refpolk für "Klippe" wieder 
zusammengearbeitet. Relativ viel Beachtung fand das gemeinsame Projekt von Refpolk, Daisy 
Chain und dem Rapper Kronstadt aus Barcelona "The Future Is Still Unwritten" im Jahr 2013. 
In drei verschiedenen Sprachen wurden Ursachen und Wirkungen der sogenannten "Euro-Krise" 
aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und - wie der Titel schon suggeriert - über 
die Katastrophen des Bestehenden hinaus auch eine Chance auf Veränderung beschrieben. 
Dieses Projekt besteht weiterhin und ging 2014 auf Tour durch Spanien, Griechenland und 
Deutschland. Im Titeltrack für "Klippe" erschaffen Daisy Chain und Refpolk jedoch anstatt 
kämpferischem Aufbruch eine Stimmung voll Melancholie, Schwermut, aufkommender 
Verzweiflung - und Funken der Hoffnung. Die Unmöglichkeit, für die gescheiterte Befreiung 
aus den gesellschaftlichen Zwängen ausreichende Kompensation in zwischenmenschlichen 
Beziehungen zu finden, ist das Thema dieses deutsch-griechischen Rapduetts. Frust und 
Entfremdung entstehen angesichts der Erinnerung an gemeinsame Hoffnungen. Das Einzige, was 
zusammenschweißt, ist die sich in diesen Erinnerungen, im beschädigten Traum ausdrückende 
gemeinsame gesellschaftliche Marginalität. Damit schließt der Titeltrack "Klippe" jedoch 
nicht zynisch, sondern eher trotzig-kämpferisch; es lässt sich sogar ein romantischer 
Hoffnungsschimmer heraushören.

Marcus Munzlinger

http://www.direkteaktion.org/230/immer-auf-der-suche-nach-dem-weg


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