(de) FAU-IAA: Direct Aktion #230 - Die Rückkehr der Allmende -- Gartenkultur als gemeinschaftlicher Prozess

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Tue Sep 15 15:54:41 CEST 2015


Allmende - das ist eine seit alters her bekannte Weideform, das Land gehört allen in einer 
Gemeinde und wird gemeinsam genutzt. Kollektives Eigentum also, das dank hartnäckigen 
bäuerlichen Widerstandes trotz hemmungsloser Profitmaximierung und Privatisierung des 
Bodens noch immer nicht ganz von diesem Planeten verschwunden ist. Seit sechs, sieben 
Jahren erlebt Allmende, als Urban Gardening modernisiert, nun auch in Deutschland ein 
ungeahntes Comeback. Gemeint sind kollektives Gärtnern und Umgestaltungen des öffentlichen 
Raumes, die spätestens mit der Bepflanzung des Londoner Parliament Square am 1. Mai 2000 
weltweit in die Schlagzeilen gerieten und inzwischen viele neue Fans gefunden haben. Man 
kann das Wesentliche daran kurz und treffend so ausdrücken: "Leute kommen vorbei, die ich 
nicht kenne, schauen sich um, freuen sich, manchmal fragen sie ,was ist das hier?' ,Ein 
Garten', sage ich. ,Schön', sagen sie dann!" So Christophe Kotanyi über den Berliner 
"Allmende-Kontor"-Garten, in dem sich türkisch- und deutschstämmige ProletInnen treffen. 
Der "Allmende-Kontor" ist einer der "Sprechenden Gärten" von Teresa Beck und René 
Reichelt, die sie in ihrer so benannten sehenswerten Dokumentation auf YouTube vorstellen. 
Nichts weniger als die industrielle Lebensweise in Großstädten wird in Frage gestellt: Auf 
ehemals einfachen Rasenflächen oder gar Betonplätzen entstehen Gärten, meist von offenen 
Gruppen angelegt. Wie notwendig solch ein bewusstes und selbstorganisiertes "Zurück zur 
Natur" ist, zeigt die Wirklichkeit des bereits vorhandenen "Natur- und Naherholungsraumes".

Kleiner Gartengnom

Denn an sonnigen Tagen strömen Hunderttausende aus den Metropolen wie Wahnsinnige ins 
Grüne, branden an den Ufern von nahen Seen oder Flüssen. An der zu lauten Hektik und Gier 
dieser Massenaufläufe, an denen in Büsche weggeworfenen Verpackungen, zu Scherben 
zerbrochenen Wein- und Bierflaschen, an den in der Nacht zuvor zurückgelassenen 
Heroinspritzen und den auf Spielwiesen verteilten Hundekot lässt sich etwas Beunruhigendes 
ablesen: Obwohl sie es ja eigentlich wollen, gelingt es den meisten hier überhaupt nicht, 
Natur zu erleben, sich als Teil von ihr mit ihr zu verbinden, denn sonst würden sie nicht 
so gleichgültig auf ihrer Mutter herumtrampeln. Dennoch wird bei ihnen während dieses 
seelenlosen Freizeitkonsums ein unruhiges Rumoren im Unbewusstsein bleiben, Sehnsucht, 
diese Wiese hier, samt Ente und Schmetterling, müsste doch eigentlich der Ort sein, wo wir 
uns selber finden und fallen lassen können.Aber die meisten der beispielsweise am 
Frankfurter Mainufer zusammengedrängten Sonnenhungrigen erleben den Fluss ähnlich wie die 
Liebespaare, die tatsächlich Schlange stehen, um sich im Fünfminutentakt vor der 
romantischen "In"-Strandkulisse am Mittelmeerbadeort ablichten zu lassen.

Oder auch wie Menschen, die Freundschaft und Leidenschaft vor allem aus dem Vorabendserien 
kennen: Eigenes, individuelles Erleben bleibt erstickt und wird durch Selbst- und 
Fremdmanipulation ersetzt.Ich glaube, wer das Wesen von Pflanzen und Tieren nicht mehr 
wahrnehmen und spüren kann, bei dem oder der ist bereits ganz viel Seele verschüttet. In 
"Wege aus einer kranken Gesellschaft", beschrieb der Psychologe Erich Fromm bereits 1955 
wie Kapitalismus Formen von seelischer und geistiger Erkrankung zum einen zur 
Voraussetzung hat, sie zum anderen immer wieder neu erzeugt. Die Nichtachtung und 
Zerstörung der Natur ist neben der Entstehung von Herrschaftsverhältnissen wesentlicher 
Grund für den elenden Zustand von Erde, Mensch und Tier. Die linear auf den Abgrund 
zurasende Autogesellschaft muss abgelöst und stattdessen zyklisches, erdverbundenes Leben 
in die Städte zurückgeholt werden! Denn Flucht, beispielsweise in Landkommunen, ist kaum 
möglich: Heute leben selbst im agrarisch geprägten Irland die meisten Menschen im Großraum 
Dublin, bei sieben Milliarden Menschen steigt die Bedeutung der Metropolen täglich.

Einen riesigen Schritt zum Positiven haben all jene gemacht, die sich beim Urban Gardening 
engagieren und für die dabei nicht der Profit an erster Stelle steht, was es, gemäß der 
kapitalistischen Logik "Alles muss vermarktet werden!", natürlich auch schon gibt.Während 
früher proletarische Schrebergärten zur Selbstversorgung dienten, da der Lohn kaum zum 
Leben reichte, - was heute allerdings auch wieder zunimmt -, entstehen die neuen Gärten 
vor aller Augen und werden von Kollektiven angelegt. Den GärtnerInnen geht es um mehr als 
Privatinteresse, so legitim dieses auch sein mag, wie beispielsweise bei den 
Schrebergärten. Es geht ums Allgemeinwohl. Warum sonst zum Beispiel Obstbäume pflanzen, 
die erst in vielen Jahren Früchte tragen? Soziales Lernen im kollektiven Prozess und 
ökologische Aspekte wie Bio- und Kompostanbau stehen im Mittelpunkt. Auch interkulturell 
ist dies interessant, wenn, wie Brigitte Kanacher-Ataya für den Berliner "Wuhlegarten" 
schildert, aserbaidschanische Familien Senkbeete anlegen und der ukrainische Nachbar 
Riesenknoblauch zieht. Dass fast alle Gärten auf ein Entgegenkommen der Verwaltung 
angewiesen sind und an diesem Punkt vielleicht auch Kompromisse eingehen müssen, liegt auf 
der Hand, ändert aber nichts an der wesentlichen Veränderung von Stadt und Mensch, die sie 
bewirken.

Die Bewegung weitet sich aus.

Beispielsweise wird seit drei Jahren auch im Mannheimer Neckargarten am Neuen Messplatz in 
gegenseitiger Hilfe gearbeitet. Jede und jeder bekommt ein eigenes Beet, darf dort Blumen 
oder Gemüse anbauen. Die Nachbarschaft wurde von Anfang an eingebunden und mitten im 
Stadtteil entsteht so eine offene gärtnerische Gemeinschaft. Einige Flüchtlinge beteiligen 
sich und durchbrechen so ihre Isolation, Obdachlose, die sich für ein oder zwei Nächte 
niederlassen, arbeiten freiwillig mit.Gute GärtnerInnen sprechen mit ihren Pflanzen, denn 
jede von ihnen wächst nur unter ganz bestimmten Bedingungen und wer sich mit diesen Wunder 
beschäftigt, ist schon mittendrin im Kreislauf der Natur. Die Guerilla Gardener machen es 
sich gar zum Ziel, dort zu pflanzen, wo dies nicht vorgesehen ist, etwa auf den 
Straßenstreifen. So durchbrechen sie die sterilen und lebensfeindlichen Normen der 
Warengesellschaft. "Wir leben von Gemüse, Obst und von der Schönheit. Warum sind nicht 
überall Bäume für alle da? Wer keinen Garten hat, muss sich einen nehmen!", so Guerilla 
Gardener Petrus Akkordeon. Es ist eine gute Idee, den Beton aufzubrechen, denn mit 
gemeinschaftlichen Gärtnern können wir uns bereits heute ein gutes Stück Utopie in den 
Alltag zaubern.

Oliver Steinke

http://www.direkteaktion.org/230/die-ruckkehr-der-allmende


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