(de) FdA-Ifa - Gai Dao #57 - Kleinstadtanarchist*innen, organisiert euch! Von: Libertäre Aktion Frankfurt (Oder)

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Tue Sep 15 15:41:45 CEST 2015


Es handelt sich hierbei um einen in manchen Teilen recht zynischen Text, der die Situation 
einiger Mitglieder der Libertären Aktion Frankfurt (Oder) widerspiegelt. Wir nehmen zur 
Veranschaulichung unser Verhältnis zu einigen wenigen Genoss*innen aus Berlin auf die 
Schippe und wollen gleichzeitig aufzeigen, wie organisierte anarchistische Arbeit mit 
durchaus sehr positiven Effekten auf uns selbst und unsere Umwelt in einer Kleinstadt wie 
Frankfurt (Oder) aussehen kann. ---- In einer Kleinstadt hat mensch es nicht leicht. 
Ständig sehen wir dieselben Gesichter, dieselben Straßen, dieselben Gebäude, erleben immer 
wieder dieselben Parties mit den gleichen Leuten, schauen in dieselbe frustrierte Miene 
der ständig wiederkehrenden Ohnmacht, die uns gegenüber steht. Ständig auf der Suche nach 
den rebellierenden Seelen, die uns dabei behilflich sein könnten, das Stadtbild 
aufzuhellen und mit etwas Anarchie zu füllen. Wir suchen und suchen und sehen dabei nach 
Links und Rechts, sehen die großen Städte um uns herum, Hamburg,
Bremen, Berlin. Wir sehen eine Menge recht vielfältiges Aktionspotenzial, gefüllte 
Indymediaspalten, reihenweise Veranstaltungen zu verschiedensten Themen.

Mit der Bewegung vor Ort könnte es besser laufen, es passiert wie im-
mer zu wenig und in ganz harten Zeiten müssen wir uns damit begnü-
gen, uns mit dem Bürgertum zu be-
schäftigen um nicht völlig an den
Rand des sozialen (Szene-)sumpfes,
unzufrieden und geplagt, gedrängt
zu werden. Und hier kommt der
Knackpunkt: Wir beginnen zwangs-
weise und voller Murren, mit der,
anstatt gegen die Gesellschaft zu ar-
beiten - ein wesentlicher und
wahnsinnig motivierender Vorteil
des Kleinstadtanarchismus! Wäh-
rend wir in der Großstadt, völlig
unzufrieden und geplagt am Rande,
einfach mir nix, dir nix den Kreis
von Freund*innen und/oder (politischen) Gefährt*innen - mensch kan-
nte sich ja vorher sowieso schon über Ecken und Enden - wechseln kön-
nen, bleibt uns in der Kleinstadt nichts anderes übrig, als mit der Situa-
tion zu arbeiten, oder, was wahrscheinlich seltener das Mittel der Wahl
ist, meine komplette Lebensumgebung zu wechseln. So suchen wir als
frustrierte Kleinstadtanarchist*innen eben doch mal - bei besonders
harten Durststrecken - den gut situierten Mittelstand auf, um etwas
Ablenkung zu bekommen. Irgendwann stellen wir fest, natürlich erst
nachdem versucht wurde, kräftig die anarchistische Trommel (ohne
geht irgendwie nicht mehr) zu rühren, dass das irgendwie nicht das-
selbe ist wie mit der alten Bande, mit der mensch sich unzählige Nächte
um die Ohren schlug. Und Chaka! Plötzlich schoss die Anzahl der ge-
meingefährlichen Bandit*innen wieder in die Höhe.

Wir müssen in bürgerlichen Lokalen auf spießigen Theken Werbung für
anarchistische Veranstaltungen auslegen, damit überhaupt irgend-
jemand ausgenommen uns als organisierende Anarchist*innen zu unse-
ren Veranstaltungen kommt. Wir beginnen sogar irgendwann, uns dabei
wohl zu fühlen und uns mit dem*der Wirt*in zu unterhalten. Selbige*r
stellt uns dann irgendwann sein*ihr Lokal für eine anarchistische Ver-
anstaltung zur Verfügung. Irgendwas ist doch hier faul? Und dann se-
hen wir plötzlich bisher unbekannte Gesichter auf vielen unserer Veran-
staltungen und da ist sie schon wieder: Die Konfrontation mit dem Bür-
gertum und dieses positive Gefühl. Wenn wir die richtigen Worte fin-
den, können wir an dem, was wir denken, andere doch recht leicht teil-
haben lassen. In der großen Stadt macht es sich ein bisschen leichter.
Egal welche - die Veranstaltungen sind eh immer gut besucht, der
Spendentopf ist voll und die Küfa ist auch längst wieder drin. Die Szene
ist groß und das Interesse ist breit, immer viele Gesichter, aber selten
Neue. Die Gefahr, dass der Kontakt zur Schnittstelle zu der Gesellschaft,
in die wir unsere Ideale tragen wollen, reißt, ist groß.

Einer Kleinstadt, die es verdient, so beschimpft zu werden, fehlt es na-
türlich auch an verfügbaren Räumlichkeiten für Veranstaltungen, Work-
shops, Seminaren, Camps und ähnlichem. Das muss nun nicht unbe-
dingt etwas Schlechtes heißen und sollte uns nicht an klug überlegtem
Aktionismus hindern. Nein, ganz
im Gegenteil. Das führt dazu, dass
wir aus Mangel an vorhandenen
Ressourcen und Räumen das Un-
glück haben, direkt mit Menschen
arbeiten zu müssen, die von
anarchistischen Lebenseinstellun-
gen bisher noch nichts oder nur
wenig gehört haben. Das berau-
schende Gefühl, jemenschen mit
seinen Gedanken angesteckt und
einen Prozess eingeleitet zu ha-
ben, wird zu einem Suchtmittel
für Kleinstadtanarchist*innen, sie
können irgendwann einfach nicht mehr aufhören. Das Geringste, über
was sich ein ein*e Großstadtaktivist*in wahrscheinlich Gedanken
machen muss, ist der Verlust von sozialen Beziehungen. Szenen, umso
größer sie sind, sind austauschbar, schnelllebig und Leben von einer ho-
hen Fluktuation, bei der mensch jeden Tag neue Gesichter kennenlernt.
Der Nicht-Zugang zu emanzipatorischen Räumlichkeiten ist Nahe zu
unmöglich, denn diese sind in der Regel in großer Anzahl vorhanden,
egal wie sehr ich mich gerade in meinem Umfeld bewege und soziale
Beziehungen pflege (oder auch nicht pflege). Das führt häufig dazu,
dass die Ideale, für die mensch eigentlich kämpft, in sinnlosem Aktio-
nismus im Rahmen des eigenen Sumpfes versanden, der in seiner Wir-
kung verpufft oder sogar zurückstößt. Er birgt auch die Gefahr, dass
mensch sich irgendwann in ideologische Sackgassen verrennt, weil der
Anspruch an Selbstbildung ja sowieso durch die Veranstaltungen
Anderer gedeckt wird.

Dieser Text soll vor allem Anarchist*innen in anderen kleinen Städten
ermutigen, sich anarchistisch zu organisieren. Schließt euch mit ähnlich
gesinnten Freund*innen zusammen und macht die Stadt, in der ihr lebt,
zu eurer - ihr werdet es nicht bereuen und ein paar Stolpersteine gibt es
immer! Baut Netzwerke auf, tragt eure Ideale weiter, bleibt Teil der
Gesellschaft, die ihr verändern wollt.

Ein Herz für Kleinstadtanarchist*innen - werdet aktiv!


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