(de) FAU-IAA: Direct Aktion #230 - Maya Deren: An einem einsamen Ort -- Essay von Jude Rawlins

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Thu Sep 10 15:01:37 CEST 2015


Als ich 2004 erstmals darauf angesprochen wurde, ob ich nicht die Soundtracks für die 
Werke der experimentellen Filmemacherin Maya Deren machen wolle, war ich skeptisch. Nicht 
wegen der Aufgabe - ich war ein großer Fan von Deren, meine lautstarke Bewunderung für sie 
war der eigentliche der Grund für dieses Angebot. Ich war skeptisch, weil sich meine Wege 
schon einige Male mit denen der Filmgemeinde gekreuzt hatten. Aber das ist eine andere 
Geschichte, in der ein "Dankeschön" an Derek Jarman und ein "fuck you" an die BBC 
vorkommt. Was mich trotz meiner Bedenken und meines Misstrauens dem Filmgeschäft gegenüber 
dazu veranlasste "Ja" zu dem Deren-Projekt zu sagen, war Maya Deren selbst. Obwohl sie elf 
Jahre bevor ich geboren wurde, starb, war ihr künstlerisches Feingefühl, jenes der 
Initiatorin, der Autorenfilmemacherin, etwas, das ich nur zu gut verstand. In "Der Mythos 
des Sisyphos" vergleicht Albert Camus große Kunst mit Selbstmord, mit dem existentiellen 
Argument, dass beide "in der Stille des Herzens" entstehen würden. Es ist kein Zufall, 
dass der letzte Song, den Ian Curtis, der Sänger von Joy Division, schrieb, "In A Lonely 
Place" heißt. Obwohl es nahezu unmöglich erscheint, einen Film in verhältnismäßiger 
Einsamkeit zu erschaffen, ist dies sicherlich nicht der Fall beim Formulieren von Ideen, 
was, als Autorenfilmerin, Derens oberste Priorität war.

Maya Deren: At Land - ein Film von 1944

Maya Deren ist einzigartig und unerreicht als Mutter des Avantgarde-Films. Nahezu. Die 
einzig andere Bewerberin für diesen Titel ist Leni Riefenstahl, aber für mich hat 
Riefenstahl diesen Anspruch verwirkt. Nicht nur weil sie ein Nazi war, sondern auch weil 
Not die Mutter der Erfindung ist und Riefenstahl im Gegenzug zu ihrem Pakt mit dem Teufel 
die Ressourcen eines ganzen Landes auf einem silbernen Tablett serviert bekam. Das 
Argument, dass ihre Filme technisch innovativ und von hohem Wert seien, ist ebenso 
fehlerhaft wie offensichtlich. Mit diesen Ressourcen hätte wohl jedeR auch nur halbwegs 
annehmbare KünstlerIn ein visuelles Fest kreieren können. Die Argumente für Riefenstahl 
entkräften sich von selbst. Nur weil sie vielschichtig war, gibt ihr das weder Recht, noch 
wird ihr Werk dadurch interessanter. Es bleibt bestenfalls geschmacklos, und selbst wenn 
wir uns so weit entmenschlichen könnten, um Kunst und Politik zu trennen, wäre ihr Werk 
dann mehr als ein nur interessantes Artefakt? So sehen die Errungenschaften des 
Imperialismus aus, sie machen Geschichte, aber bringen keine Kultur hervor.Deren dagegen 
arbeitete nahezu alleine, mit einem minimalen Budget, nur auf ihre Kamera und ihre 
Vorstellungskraft vertrauend. Außer ihrer eigenen Kreativität hatte sie keinen Plan und 
ihre einzige Belohnung war das vollendete Werk. Und trotzdem können wir ihren Einfluss 
überall entdecken, nicht nur in der Avantgarde, sondern auch tief in der Pop-Kultur. Von 
Andrej Tarkowski über Andy Warhol bis hin zu Jimi Hendrix - Deren ist überall dabei. 
Obwohl Jonas Mekas ebenfalls ein großer Filmemacher dieser Ära ist, kann das von ihm nicht 
behauptet werden. Auch von Stan Brakhage nicht. Zumindest werde ich das nicht tun. Ich 
habe ihn 1996 getroffen und betrachte ihn eher als Handwerker denn als Künstler.Maya Deren 
war gefühlsmäßig staatenlos.

In der Ukraine geboren, floh ihre Familie nach Amerika, um der Verfolgung zu entkommen und 
fand dort eine andere Art der Not: die ökonomische. Das war ein Druck, dem Deren niemals 
entkommen konnte. Sie sah Geld als notwendiges Übel, oder als halbwegs dauerhaften 
Störfaktor, ein Hindernis, ein potenziell katastrophale Last. Sie kämpfte darum, Geld für 
ihre Kunst zusammenzubekommen und aß aus diesem Grunde nur so viel, wie sie unbedingt zum 
Leben brauchte, um noch mehr Kunst machen zu können. Sie hatte Null Interesse an 
narrativen Formen oder der Grammatik des Films. Deren wollte nur ihre eigene Phantasie 
abbilden, gestalten und für sich selbst auf die Leinwand bringen. Wie alle großen Künstler 
war sie ihr eigenes Zielpublikum, was sie über alle Kritik erhaben machte. An 
Geschlechterrollen war sie gleichermaßen desinteressiert, es kümmerte sie nicht, ob sie 
Mann oder Frau war. In ihrem Leben probierte sie Beziehungen, Ehen und Geschlechterrollen 
wie andere Menschen Kleidung. Nichts davon schien ihr zu passen, aber lange Zeit dachte 
sie, dass mensch irgendetwas davon zu tragen hätte. Ihre Entdeckung und spätere 
Besessenheit von haitianischen Voodoo-Ritualen änderte das letztendlich und befreite Deren 
von den Zwängen des westlichen Materialismus. Sie gewann ihre mentale und emotionale 
Freiheit, auf Kosten ihrer künstlerischen Arbeit, ihrer Freundschaften und schlussendlich 
auch ihres Lebens.

Nach ihren Erfahrungen in Haiti passte das Leben in New York nach ihrer Rückkehr nicht 
mehr zu ihr.Maya Deren machte niemals einen finanziell erfolgreichen Film, bekam niemals 
Kritikerlob oder den Respekt ihrer KollegInnen. Ja, sie zog sich sogar den Zorn ihrer 
ZeitgenossInnen wie Anais Nin zu, teils weil sie ihr Geld gaben, das sie nicht 
zurückzahlen konnte, teils weil sie sie wortlos - und anscheinend erfolglos - 
herausforderte, ihr eigenes Werk kritisch zu betrachten und zu ihren eigenen Worten zu 
stehen. Sie starb jung und schlecht ernährt. Und trotzdem ist ihr Werk, zumindest in 
künstlerischer Hinsicht, ein Triumph. Und das war wichtig für sie und das sollte wichtig 
für uns sein. Jeder ihrer Filme ist heute noch genauso überraschend und schön, wie er war, 
als Maya Deren sie in den 1940ern und 1950ern drehte. "Meshes Of The Afternoon" ist 
zweifellos das größte Meisterwerk des Avantgarde-Kinos. "At Land" hat einen deutlichen 
Einfluss auf viele ausgeübt, von Stanley Donen bis hin zu Jean Baptist Mondino, und 
"Ritual In Tranfigured Time" ist das beste Beispiel in Sachen filmischer Bewegung. Mit 
keinerlei Budget, billigem Filmmaterial, begrenzter Zeit und einfachen Drehorten, spielt 
Deren dennoch besser mit dem Licht als Orson Welles, bewegt ihr Darsteller anmutiger als 
Cocteau und drückt Schönheit besser aus als jedes klassische MGM-Musical. Sie verweigert 
sich jeder kinematographischen Konvention und trotzdem scheint gerade dies die Kraft des 
Filmes verstärkt zu haben.

Ihr Genie bestand in ihrem angeborenen Verständnis des unausgesprochenen Vertrags, welches 
das Publikum mit dem Künstler hat; es will geführt, geliebt werden, eher Sinnlichkeit als 
Sensationen begegnen; das Publikum vermischt seine eigenen Vorstellungen mit denen des 
Künstlers und das Ergebnis ist ein Tanz im Kopf. Ein Maya-Deren-Film ist Musik für die 
Augen.Maya Deren ist so einmalig, dass es nahezu unmöglich ist, über ihr Werk mit jemandem 
zu sprechen, der oder die nichts von ihr gesehen hat. Beim Schreiben eines Essays über sie 
ist das natürlich ein Problem, aber es ist gleichzeitig auch das größte Kompliment, das 
man einem/r KünstlerIn machen kann. Es ist möglich, dass sie von "Un Chien Andalou" und 
"Blood Of A Poet" beeinflusst wurde. Möglicherweise. Aber Derens größte Inspirationsquelle 
ist ihr innerer Dialog, ihr Konflikt mit sich selbst. Sicherheit und Selbstbewusstsein 
haben keinen Platz in ihrer Welt, ihre Welt ist ein zufälliger und gefährlicher Ort, mit 
angedeuteter Gewalt und unerbittlicher Körperlichkeit, die gleichzeitig die homoerotische 
Komponente in uns anspricht, wie auch die mehrdeutige Sexualität der Handlung im Film 
bezeugt. Mensch könnte argumentieren, dass Derens Interesse am Surrealen lediglich ein 
Werkzeug war, um Mehrdeutigkeit in all seinen Formen auszudrücken; für sie hat das 
Unbekannte viel Kraft.

Wenn das Mädchen in "At Land" die Schachfigur stiehlt und wegrennt, stört sie nicht nur 
das Spiel, sondern beendet das ganze visuelle Essay mit einem unerklärlichen Akt der 
Missachtung und des Trotzes, der mehr an Flucht als an Verspieltheit denken lässt. Man 
weiß, dass sie nie zurückkommen wird und dass sie den König bei der ersten Gelegenheit 
soweit ins Meer werfen wird, wie sie nur kann. Deren muss uns das nicht zeigen, wir 
brauchen keine Darstellung, weil wir die Missachtung schon gespürt haben - sie war da in 
der Bewegung, im Ausdruck und in der ganzen Darstellung. Auf dieses Art und Weise bringt 
Deren die Geschichte zum Abschluss ohne sie erzählen zu müssen.Es gibt viel zu lesen über 
Maya Deren, sei es in ihren eigenen Worten oder in denen von anderen, Tatsachen und 
Meinungen, Theorien und Zeugnisse. Aber nichts davon ist so wichtig oder relevant wie sich 
ihre Filme anzuschauen, was an einem einzigen Nachmittag möglich ist, weil sie so wenige 
machte. Ich garantiere persönlich dafür, dass es ein sinnvoll genutzter Nachmittag sein wird.

Jude Rawlins (Lene Lovich Band/Subterraneans)

Martina Kudlácek: Im Spiegel der Maya Deren

Maya Derens Leben ist ihr Werk ist ihr Leben. Die beste Möglichkeit, mehr über die 
Avantgardefilmerin zu erfahren ist und bleibt es, sich ihre Filme anzusehen. Martina 
Kudláceks filmisches Porträt von 2002 ist freilich eine ausgezeichnete Ergänzung, 
illustriert sie doch die faszinierende Lebensgeschichte der Pionierin und unerbittlichen 
Aktivistin des Avantgardefilms mit essayistischen Bildern der Orte von Derens Wirken und 
in Gesprächen mit ZeitgenossInnen in den USA und in Haiti, wie zum Beispiel Alexander 
Hammid, Katherine Dunham, Andre Pierre, Stan Brakhage, Amos Vogel, Jonas Mekas, der erst 
kürzlich verstorbenen Judith Malina und vielen anderen. Mit "Aimless Walk" hatte die 
österreichische Filmemacherin bereits 1996 ein filmisches Porträt über den während des 
Zweiten Weltkriegs aus Prag emigrierten und seit dieser Zeit in New York lebenden 
Fotografen und Filmemacher Alexander Hammid (ursprünglich: Alexander Hackenschmied), den 
zweiten Ehemann von Maya Deren, gedreht. Leider lief "In The Mirror Of Maya Deren/Im 
Spiegel der Maya Deren" nur kurz im Kino, auf DVD ist er derzeit nur als Import von 
Zeitgeist Video erhältlich.

Emma Malsca

http://www.direkteaktion.org/230/maya-deren-an-einem-einsamen-ort


More information about the A-infos-de mailing list