(de) FAU-IAA, Direct Action #231 - Theater als Labor der Revolution -- Augusto Boals Forumtheater-Methode

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Sat Oct 31 11:16:00 CET 2015


So funktioniere das nicht!, insistierte die Zuschauerin zum wiederholten Male. Die 
Theatergruppe, von höchst demokratischen Motiven geleitet, hatte eine Szene gespielt, in 
der ein nichtsnutziger Patriarch zur Räson gebracht werden soll. Das Publikum wurde nach 
Lösungsvorschlägen gefragt, welche von den SchauspielerInnen prompt umgesetzt wurden. Doch 
die betreffende Zuschauerin war nie zufrieden. Schließlich bat der entnervte Regisseur die 
Frau, selbst nach vorne zu kommen, um es vorzumachen. Diese ließ sich nicht lange bitten, 
stürmte die Bühne und prügelte den Patriarchen windelweich. Ein neues Theatergenre war 
geboren: Forumtheater. ---- Augusto Boal: Erfinder des Forumtheaters, Foto: AnnMari auf 
Flickr - CCBY 2.0 ---- Diese Geschichte ereignete sich 1973 in der Ortschaft Chaclacayo in 
Peru. Augusto Boal, der nämliche entnervte Regisseur, erzählt sie in seiner 
Autobiographie1. Schon lange hatte Boal nach neuen, besseren Wegen gesucht, dem Publikum 
die Teilhabe am Bühnengeschehen zu ermöglichen: "Ich wollte einen aktiven Zuschauer!!! 
Kein Theater mehr, das Botschaften überbrachte, ich wollte nicht mehr Brieftrager eines 
unbekannten Absenders sein. Ich wollte, dass die Zuschauer die demokratische Freiheit 
hatten, die theatrale Sprache ebenso zu nutzen wie die Schauspieler". Mittlerweile ist 
Forumtheater über den ganzen Globus verbreitet, sogar in Afghanistan wird es praktiziert. 
Aufgrund seiner einfachen Umsetzbarkeit ist es oft das Mittel der Wahl gerade für 
marginalisierte Gruppen. So gibt es beispielsweise eine große Forumtheaterbewegung in 
Indien, getragen hauptsächlich von LandarbeiterInnen, Unberührbaren und SlumbewohnerInnen.

DIE METHODE

Theatre of the Oppressed: Theater kann die Massen mobilisieren, Foto: Thehero - CC BY-SA 3.0

Unter dem Überbegriff "Theater der Unterdrückten" entwickelte Augusto Boal seit den 1960er 
Jahren verschiedene theaterpädagogische Methoden, um den Marginalisierten einen Raum zu 
geben und soziale Probleme auf die Bühne zu bringen. Das Forumtheater gilt als die 
radikalste der Methoden, da direkt in das Geschehen eingegriffen werden soll. Natürlich 
hat das von Boal entdeckte Forumtheater im Laufe der Zeit gewisse Modifikationen erfahren. 
SchauspielerInnen dürfen beispielsweise nicht mehr verprügelt werden. Allerdings ist 
Gewalt auf der Bühne nach wie vor erlaubt, jedoch nur in Zeitlupe. Der Kern des 
Forumtheater blieb aber derselbe. Zuerst wird eine Unterdrückungssituation szenisch 
dargestellt. Dann wird dieselbe Szene noch einmal gespielt, nun aber wird das Publikum 
gebeten, einzugreifen. Wer eine Idee hat, ruft Stopp, kommt auf die Bühne und ersetzt eine 
Rolle. Der/die ZuschauerIn gibt die Stelle an, ab der die Szene gespielt werden soll und 
los geht's. Der/die neue ProtagonistIn versucht das Ruder herumzureißen, während die 
verbliebenen Figuren in ihren Rollen bleiben und dagegen - bzw. dafürhalten. Die ersetzte 
Darstellerin oder der ausgewechselte Darsteller setzt sich derweil ins Publikum und schaut 
zu. Da die Grenzen zwischen Bühne und Auditorium dadurch verschwimmen, spricht Boal im 
Forumtheater nicht mehr von SchauspielerInnen und ZuschauerInnen, sondern nennt alle 
zusammen "ZuschauspielerInnen". Forumtheater ist also weitestgehend hierarchiefrei.

HochschuldiktatUR: Politik auf den Brettern, die die Welt bedeuten, Foto: ueTheater
Meist braucht es mindestens drei Figuren für eine Forumtheaterszene: den oder die 
Unterdrückte, die oder den UnterdrückerIn, sowie eine ambivalente Person, die der 
Unterdrückten zur Seite springen könnte, wenn sie nur den Arsch hoch bekäme. Sehr häufig 
wird gerade diese ambivalente Figur ersetzt. Der Unterdrücker darf in der Regel nicht 
ausgewechselt werden, denn darum geht es ja gerade: Diesen zu einem vernünftigen Verhalten 
zu bewegen statt quasi per Zauberei einen vernünftigen Menschen einzusetzen. Es dürfen 
auch zusätzliche Figuren eingebracht werden oder mehrere Personen gleichzeitig 
ausgetauscht werden.

DIE PRAXIS

Wer politisches Theater macht, stößt unweigerlich irgendwann auf Boals Forumtheater, so 
auch die freie Schauspieltruppe "ueTheater". Deren erstes Projekt soll hier zur 
Veranschaulichung der Methode Forumtheater dienen. StudentInnen sammelten eigene 
Erlebnisse zu Ungerechtigkeiten aus dem Unialltag, improvisierten in den Proben und nahmen 
das auf Video auf. Schließlich wurden aus den Mitschnitten Szenen geformt und zu einem 
zusammenhängenden Theaterstück zusammengefügt. Zwischen den einzelnen Spielszenen wurden 
kurze Filme eingespielt, die Hintergrundinformationen über Studiengebühren oder den 
Bachelor-/Master-Wahnsinn lieferten. Die Truppe führte zuerst das komplette, einstündige 
Stück auf. Nach einer kurzen Pause wurde die Forumtheaterphase eröffnet. Ausgewählte 
Szenen wurden noch einmal gespielt, diesmal aber mit Interventionen durch das Publikum. 
Zuerst verfolgten die ZuschauerInnen gebannt die Wiederholung der Szene. Alle stellten 
sich die Fragen: Was könnte mensch tun? Wie ist die Szene zu knacken? Und natürlich: Trau 
ich mich? Als sich jemand traute - und es traut sich immer jemand, meist kommt es pro 
Szene zu 2 bis 5 Interventionen -, wurde es spannend: Was wird die Zuschauerin sagen? 
Welche Wendung hat sie sich ausgedacht? Schließlich wurde über besonders pfiffige Lösungen 
oder schlagfertige Antworten dankbar gelacht. Es gab viel Zwischenapplaus. Man kennt das 
aus dem Improtheater, nur ist Forumtheater Impro mit Inhalt. Am lebhaftesten gelang eine 
Massenszene. Die Studis forderten von ihrem Dozenten, die Vorlesung zu verschieben, damit 
alle an der Demo gegen Studiengebühren teilnehmen könnten. Der lehnte ab. In kürzester 
Zeit verwandelte sich der Theatersaal in einen Hörsaal und das komplette Publikum rief 
lauthals Demoparolen. Der arme Dozenten-Schauspieler bekam es mit der Angst zu tun und 
verzog sich in die Künstlergarderobe.

Das Fazit des Abends: Forumtheater ist spannend und lustig! Aufklärung pur und natürlich 
Revolution! Eine Kombination, die ansonsten nur selten glückt. Heute sind Studiengebühren 
abgeschafft. Ich bin mir sicher, einen ganz kleinen Mobilisierungsbeitrag hat das 
Forumtheater an jenem Abend geleistet.

Kurt Raster

Anmerkungen

[1] ? Boal, Augusto: "Hamlet und der Sohn des Bäckers", Wien 2013

UETHEATER

GRAFIK: UETHEATER

Das ueTheater, mit Langnamen Überbautheater, ist eine freie, politische Theatergruppe aus 
Regensburg. Seit 2002 macht es Schultheater, Theater mit Studierenden sowie Forumtheater. 
Die Truppe will gesellschaftliche Missstände auf die Bühne bringen und Lösungsansätze 
erspielen. So ist es kein Wunder, dass Themen wie Hartz IV, neue und alte Nazis oder 
Zwangsräumungen die Stücke prägen. Aber auch Werke großer Namen wie Oskar Maria Graf oder 
Rainer Werner Fassbinder wurden vom ueTheater umgesetzt. Die Eintrittspreise richten sich 
prozentual nach dem Einkommen der Zuschauenden, so findet schon an der Abendkasse eine 
Auseinandersetzung mit den kapitalistischen Verhältnissen statt.Aktuell tourt das 
ueTheater mit einem Forumtheaterstück zum Thema "Asyl - Menschen wie Menschen behandeln" 
durch Bayern. Weitere Infos: www.uetheater.de

https://www.direkteaktion.org/231/theater-als-labor-der-revolution


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