(de) FdA/IFA - Gai Dao #58 - Die Anarchistische Balkanbuchmesse 2015 in Zadar Von: Ben

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Fri Oct 30 09:06:47 CET 2015


Vom 11.-13. September fand dieses Jahr die 9. Anarchistische Balkanbuchmesse statt. Der 
Austragungsort der Buchmesse wechselt jedes Jahr, dieses Mal war es das besetzte Autonome 
Kulturzentrum Nigdjezemska in Zadar in Kroatien. ---- Für die Gäste, die aus den Ländern 
des Balkans (u.a. Griechenland, Serbien, Kroatien, Slowenien), aber auch aus dem 
deutschsprachigen Raum (aufgrund der geographischen Nähe besonders, aber nicht nur aus 
Österreich) kamen, gab es ein vielseitiges Programm: Unter freiem Himmel wurden tagsüber 
Stände mit Büchern und Broschüren in verschiedenen Sprachen, aber auch T-Shirts 
aufgestellt; am Samstagabend fand ein Konzert einer Punkband statt; Kern des Wochenendes 
bildeten aber die Vorträge und Diskussionen, die praxisorientiert und sehr vielseitig waren.

Das Anarchist Black Cross Belarus
informierte zur Lage in ihrem Land und der
Repression gegen Anarchist*innen. Ein
kroatischer Genosse stellte die
(anarchistischen) Anti-Kriegsinitiativen in
den neunziger Jahren vor. Die FAO
Slowenien sprach über Gentrifizierung und
Unsichtbarmachung weiter Teile der
Bevölkerung in der ,schönen und sauberen'
Tourismusstadt Ljubljana und ihre
Kampagne dagegen. Russische
Verlagskooperative Radical Theory and
Praxis stellte sich, ihre Arbeit und ihre
Probleme vor. Ein Antirassist aus München informierte über die neuen
Abschiebezentren für Balkanflüchtlinge in Bayern. Ein weiterer Vortrag
skizzierte die Rolle der Anarchist*innen in den sozialen Kämpfen in
Barcelona in den letzten Jahren. Aus Griechenland kam ein Betrag zur
Kontinuität der griechischen Geopolitik und des Militarismus unter
SYRIZA sowie Informationen zu Organisierungsprozessen in der
anarchistischen Bewegung des Landes.

Wichtigstes Thema war aufgrund der
aktuellen Lage die Flüchtlingsthematik. Da
ich nicht alle Vorträge zusammenfassen
kann, möchte ich dies zumindest für die
dazu auf der Buchmesse erläuterten
Aspekte versuchen:

Die Diskussion zu den Abschiebezentren in
Bayern verdeutlichte, wie schwierig es ist,
soziale Kämpfe von Geflüchteten zu
fördern und zu unterstützen; die
zunehmende Isolierung macht dies fast
unmöglich. Hier wurde auf die
Notwendigkeit zur Vernetzung mit
selbstorganisierten Romainitiativen
hingewiesen, die es ja zum Glück auch in
Deutschland gibt.

Ein ähnliches Problem gibt es auch in
Kroatien. Dort finden sich die (noch nicht
sehr vielen) Flüchtlinge oft in Lagern
wieder, die Gefängnissen gleichen. Die
anarchistischen Aktivist*innen versuchen, auf diesen Skandal
hinzuweisen und der Propaganda von Flüchtlingen als "Bedrohung der
Sicherheit" entgegenzuwirken.

Die zunehmenden Flüchtlingsströme über den Balkan nach Europa
waren ebenfalls Thema. Es wird erwartet, dass die zunehmende
Schließung der ungarischen Grenze zur Verlagerung der Fluchtrouten
über Kroatien führt. Dies könnte aber auch andere Staaten davon
überzeugen, dem Beispiel Ungarns zu folgen und ihr Grenzregime zu
verschärfen. Anarchist*innen aus den Balkanländern versuchen,
Flüchtlinge zu unterstützen, unter anderem an der serbisch-ungarischen
Grenze.

Den Beteiligten an den Diskussionen war es immer wieder wichtig zu
betonen, dass wir Flüchtlinge nicht zu Opfern machen sollten, sondern
als Akteur*innen sozialer Kämpfe zu verstehen, denen es immerhin
gelungen ist, das "Ventil Europas" etwas weiter zu öffnen, als von der
herrschenden Politik gewünscht.

Die Buchmesse fand in einer gemütlichen Atmosphäre statt. Sowohl das
Führen von Diskursen und Austauschen von Informationen, als die
Vernetzung fanden Platz und dementsprechend erfüllt die
Balkanbuchmesse eine wichtige Aufgabe. Dass sie z. B. im Vergleich zur
anarchistischen Buchmesse in Mannheim recht klein war, darf in einer
Region, in der es in vielen Ländern keine Anarchist*innen gibt, nicht
verwundern und auch nicht als Makel angesehen werden. Nur der
leider - wie so oft - sehr geringe Frauenanteil unter den Referent*innen
ist verbesserungsbedürftig. Alles in allem hat die Buchmesse einen
guten Einblick in eine vielfältige und lebendige anarchistische
Bewegung im Südosten Europas gegeben.


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