(de) FdA/IFA - Gai Dao #58 - Beyond Deutschland Von: Zottel

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Wed Oct 28 09:19:31 CET 2015


Gedanken zum "Beyond Europe"-Camp nahe Thessaloniki - All jenen, die vom Camp zum ersten 
Mal hören, soll eine kleine Einführung gegeben werden: Vom 18. bis zum 25. August 
veranstaltete das antiautoritäre Netzwerk "Beyond Europe" ein Camp auf der griechischen 
Halbinsel Chalkidiki. Beyond Europe ist eine Vernetzungsplattform für antiautoritäre 
Gruppen/Föderationen innerhalb der EU, die aus der Notwendigkeit entstand, Kämpfe gegen 
die europäische Austeritätspolitik koordiniert und jenseits nationaler Fokussierungen und 
Limitierungen zu führen. ---- Nach ersten Anläufen koordinierter Kämpfe wie dem 
M31-Aktionstag, gelang es mit Blockupy 2015 den transnationalen Charakter auszubauen und 
den Widerstand gegen die Austeritätspolitik auch relativ schlagkräftig "ins Herzen der 
Bestie"1 zu tragen. Diese Erfolge stehen in Verbindung zum Aufbau von Beyond Europe. 
Mitglieder sind derzeit Alpha Kappa (???????????????? ??????)2 und Drasi (?????) aus
Griechenland, ...ums Ganze!3 aus Deutschland und Österreich, als auch
die Gruppen Syspirosi Atakton (?????????? ???????) aus Zypern
und Plan C aus Großbritanien. Der Ort des Camps wurde neben der
schönen Lage in einem Pinienwald am Mittelmeer wegen
Anknüpfungsmöglichkeit zu lokalen Kämpfen gegen eine Goldmine
gewählt. Die Schließung der Miene war eines der nicht eingehaltenen
Versprechen Syrizas4 und der Kampf um die Mine somit von
überregionaler Bedeutung. Das Programm des Camps versprach daher
neben Baden, Workshops und Vernetzung auch eine aktionistische
Komponente. So fand eine Großdemo zur Schließung der Mine
während der Zeit des Camps statt.

Urlaub, Campen, Kämpfen

Als die ersten Gefährt*innen eintrafen,
gab es nur den Wald und das Meer -
und dauerhafte Bewohner*innen. Zum
Beispiel lebte hier eine Familie in
Zelten, die sich den Lebensunterhalt
scheinbar mit dem mobilen Verkauf von
Obst von der Ladefläche eines Pick-ups
verdiente. Die Krise blieb somit sichtbar
sowohl während der Anreise angesichts
der Geflüchteten als auch vor Ort auf
dem Camp. Glücklicherweise konnte
man sich miteinander arrangieren und
die Bewohner*innen freuten sich über
die entstehende Camp-Infrastruktur.
Der Aufbau selbiger war mit einiger
spontaner Improvisation verbunden. Es
entstand u. A. eine Bar, Duschen und
Workshop-Bereiche aus
zusammengesuchtem Material. Unklar
bleibt, ob Fehlkommunikationen in der
Planung diese Situation herbeiführten
oder bei den lokalen Zusammenhängen andere Vorstellungen von
einem Camp vorherrschten; mehr nach dem Motto: Wir befassen uns
mit den Problemen, wenn sie auftreten. Schlussendlich wurde alles gut
und wir konnten mit eisgekühltem Frappé in die Tage starten. Beim
Essen zeigte sich, dass die Beteiligten Fleischkonsum wenig kritisch
sahen. Trotz des vielen Grillens wurde auch vegane Lebensweise
respektiert. So konnte man zwischen Fleisch und Sandwiches wählen.
Die hier konstruierte Bewegungsnormalität bestand dennoch aus einem
permanenten, unthematisierten Fleischkonsum. Die Gewichtung und
Einordnung sei der Leser*in überlassen. Das Camp und das nahe
gelegene Dorf Ierissos waren zu keinem Zeitpunkt Ziel staatlicher
Repressionen. Die lokalen Aktivist*innen waren sich eines Fernbleibens
von Polizei auch am Aktionstag derart sicher, dass sie Vorbereitungen
auf einen solchen Fall nicht für nötig befanden.

Das von "...ums Ganze!" organisierte Workshop-Programm ließ viel
Raum für eigene Zeiteinteilung und
informelle Vernetzung, was für alle von
weither angereisten eine sicherlich gute
Entscheidung darstellte, denn
schließlich wollte man sich mit dem
Ort vertraut machen und auch das
Reisen genießen. Die Workshops
begannen ab 15 Uhr und reichten bis in
die Abendstunden. Hier ging es im
wesentlichen um Austausch in den
verschiedenen Bereichen ökosozialer
Kämpfe5. Außerdem gab es drei
inhaltliche Workshops6. Der Beitrag
zum Programm der griechischen
Gruppen bestand in der Organisation
der Demo, der Ausflüge, einer
Podiumsdiskussion im Ort, aber kaum
in Beiträgen zum Workshop-
Programm7. Beteiligung der anderen
Gruppen aus Beyond Europe jenseits
von Gruppenvorstellungen in
Workshops war nicht sichtbar.

Leider konnten die Workshops kaum
über einen informativen Charakter
hinaus reichen, der keines Falls herabgesetzt werden soll. Wir konnten
hören, was es für vielfältige Gruppen und Kampagnen in verschiedenen
Regionen Europas gibt und Kontakte und eventuell auch Erfahrungen
austauschen. Eine wirkliche transnationale Bewegung würde jedoch
erst entstehen können, wenn es gelänge, Diskurse über
kulturell/historische Differenzen und Teilbereichskämpfe zu erstrecken.
Bedingung hierzu wäre bereits gewesen, in der Organisation nicht
zwischen Infrastruktur macht "Alpha Kappa", Programm macht "...ums
Ganze!" zu trennen. Denn nur durch einen vorherigen inhaltlichen
Austausch hätten sich Vielfalt sowie Berührungs- und Reibungspunkte
herausstellen und ins Programm einfließen können.8 Sicher schrecken
diejenigen, für die eine starke linke Bewegung an erster Stelle steht, vor
solchem Austausch wegen potentieller Spaltungen zurück. Dagegen
wäre aber anzuführen, dass das so gewonnene Selbstbewusstsein9 eine
Bewegung überhaupt erst entstehen ließe. Die hier geäußerte Kritik ist
aufgrund der jungen "Beyond Europe"-Plattform und der erstmaligen
Durchführung eines Camps vor allem als Anregung zu verstehen.

Aktionistischer Höhepunkt der Woche war die Großdemonstration vom
Dorf Megali Panagia zur Goldmine, zu der auch Busse aus Thessaloniki
anreisten. Den mehren tausend Demonstrant*innen gelang es direkt
über die Zufahrtsstraße bis zur Mine zu gelangen, wo sie von der
Polizei gestoppt und mit Tränengas angegriffen wurde. Nach ca. 1,5
Stunden militanter Auseinandersetzungen kehrte die Demo gefolgt von
der Polizei zu den in der Zufahrtsstraße geparkten Bussen zurück. Hier
gelang es der Polizei zwei Busse festzusetzen und zu beschädigen. Die
Insass*innen wurden in die zentrale Polizeistation von Chalkidiki
gebracht und im Laufe der Nacht freigelassen.10 Ein spontaner
Shuttleservice mit Autos aus dem Camp brachte die Inhaftierten von
dort weg. Zwei Gefährt*innen blieben wegen Verweigerung von
Personalien länger in Haft.11 Verschiedentlich wurde Kritik über die
Kommunikation im Vorfeld durch die lokalen Strukturen und die
Umsetzung der Aktion laut. Ich möchte hier jedoch nicht in taktische
Debatten einsteigen, weil mir die spezifischen, lokalen Kenntnisse
fehlen und ich es für Betrachtungen des Camps für eher nachrangig
betrachte, denn zentrales Ziel des Camps war nicht etwa eine
Besetzung des Minengeländes o.Ä. und solches wurde auch im Vorfeld
nicht als realistisch in Erwägung gezogen.


Die Bedeutung der Demonstration bestand daher darin, transnational
und militant ein gemeinsames Zeichen gegen die ökologisch
problematische Mine und die Regierungspolitik Syrizas zu setzen. Dies
ist trotz der taktischen Niederlage bei der Abreise ein politischer Erfolg.

Kritische Stimmen bezeichneten die Aktion als ein Aktivismusspektakel
für deutsche Antifas ganz im Stile von UG.12 Aber jenseits dieser
vielleicht im Kern auf Einzelpersonen bezogen berechtigte Kritik, kann
die Aktion nicht derart kategorisch abgelehnt werden, nur weil kein
eigener Bezug/Betroffenheit zu dem lokalen ökologischen Kampf
besteht. So ist es eine wichtige Erfahrung gemeinsam eine Aktion zu
erleben sowie andere aktivistische Praktiken und
Aufstandsbekämpfungsmethoden kennenzulernen. So hat der
deutschsprachige Raum nicht nur eine sehr spezifische
Bewegungsgeschichte, sondern auch eine sehr spezifische Polizeitaktik,
die von der griechischen grundverschieden ist.13 Man könnte das
griechische als ein militärisches und das deutsche als ein betreuendes
Konzept bezeichnen. So zielt das griechische Konzept auf eine Lenkung
und Zerstreuung von Massen auf Entfernung mit Hilfe von Tränengas
und Blendschockgranaten, während das deutsche Konzept auf die
Einzelnen zielt, indem eine direkte physische Auseinandersetzung
erfolgt, Demos gespalten und Einzelne herausgegriffen werden.
Gekoppelt ist dies mit einem immer dichteren Überwachungsapparat,
der es ermöglicht die Repression von der konkreten Aktion zu
entkoppeln, Gefährder*innenansprachen zu halten und aktivistische
Infrastruktur anzugreifen.

Das Camp und die Halbinsel

Für eine anarchistische Sichtung von Kämpfen ist es wichtig den
Lokalbezug zu betrachten. Schließlich wollen wir nicht als aufgeklärte
Bewegung irgendwo einfallen und aufräumen, sondern andere
Initiativen in ihren Kämpfen gegen Herrschaft und Fremdbestimmung
unterstützen, so wie wir in unseren Kämpfen auf die Unterstützung
derer hoffen, die den Weg der Revolte beschreiten. So hat das
Anarchistische Radio Berlin bei seiner Berichterstattung über die G7-
Proteste, trotz der globalen Dimension des Ereignisses, auch das
Verhältnis und die Kommunizierbarkeit von Thesen des Protests zur
lokalen Bevölkerung thematisiert.

Mit der Unterstützung der Kämpfe um die Mine und der guten lokalen
Vernetzung von Alpha Kappa gelang es das Camp lokal einzubetten.
Plakate wurden zuvor auf Chalkidiki und in Thessaloniki verklebt. Das
Camp wurde derart in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Auch der
zeitweilig in Selbstverwaltung befindliche und jetzt wieder staatliche
Sender ERT3 war im Camp und bei Protesten vor Ort. Ein Fußballspiel
zwischen Camp und Ort sowie eine Podiumsdiskussion auf einem
öffentlichen Platz verbanden das Camp mit dem kulturellen Leben
Ierissos. Im Ort befanden sich Transparente, die auf das Camp
aufmerksam machten und die während der Zeit nicht von
Einwohner*innen entfernt wurden. Auch nutzte eine Gruppe aus dem
Ort das Camp für ein Treffen. Der persönliche Umgang mit
Einwohner*innen erschien freundlich und hilfsbereit. Bei aller Wut und
allem Leid durch die Austeritätspolitik der deutschen Regierung wurde
dieser Hass nie sichtbar auf uns als einzelne "Deutsche" übertragen.
Dies ist nicht selbstverständlich, wenn wir etwa an den berechtigten
Protest gegen das militaristische Vorgehen Amerikas gegen den Irak
denken, der in weiten Teilen der Bevölkerung in Antiamerikanismus
umschlug und sowohl auf die "amerikanische Kultur" als auch auf die
einzelne Amerikaner*in zielte.

Gleichzeitig schien Begeisterung über das Camp auszubleiben. Weder
nahmen viele Einheimische an dem Camp teil, noch gab es einen regen
Zustrom an Interessierten, die sich austauschen wollten. Die meisten
Bewohner*innen verschwanden auch schon zur Hälfte der
Podiumsdiskussion.14 Als direkten Vergleich möchte ich erneut auf das
G7-Camp schauen. Nach Abklingen der medial geschürten Panik kamen
zahlreiche Anwohner*innen zum (teilweise erhitzten) Diskutieren,
Chillen oder zum Spenden von Essen oder Medikamenten. Gleichzeitig
gab es einige eben so engagierte Hasser*innen im Ort.

Ich kann die beschriebene Haltung nicht abschließend einordnen
insbesondere im Hinblick auf kulturell verschiedene
Kommunikationskulturen. Dennoch scheint mir eine sehr starke
Politikverdrossenheit vorzuherrschen seitdem Syriza die Hoffnungen
auf einen emanzipatorischen Weg zerschlagen hat. Dies schilderten
viele griechischsprachige Gefährt*innen.15 Trotz der starken
anarchistischen Bewegung mit ihrem Fokus auf Selbstorganisation und
antiparlamentarische Ausrichtung scheint es nicht gelungen zu sein,
dies als dezidiertes und praktizierbares Gegenmodell zur Linksregierung
in die Breite zu kommunizieren. Es sei uns eine Warnung und Antrieb
zum klaren Bruch mit ALLEN Parteien (trotz warmer Büros, süßer
Gelder und antifaschistischer Streicheleinheiten).

Wir sprechen deutsch...

Dieser Abschnitt nimmt Bezug auf den Titel des Artikels und ich werde
hier sehr deutlich werden - also Jacke zu und Kapuze auf. Das Gesagte
richtet sich in Teilen auch an mich selbst.

"Beyond Europe" Praxis werden zu lassen ist ein ambitioniertes Ziel,
wenn die Vernetzung noch auf so wenigen Füßen steht, aber sollte
eine*n natürlich nicht hindern loszulegen. Wenn dabei aber Beyond
Deutschland am schönen Mittelmeerstrand herauskommt, dann
bekommt es einen ekligen Beigeschmack. Die These: Im Camp hat sich
eine deutsche Hegemonie auf allen Ebenen eingestellt. Griechische und
andere Beiträge fanden sich am Rande wieder. Eine Überschreitung
sprachlicher und kultureller Grenzen fand kaum statt.

Grundlage des Problems war ein Verhältnis der Teilnehmendenzahlen.
Die meisten Besucher*innen kamen aus dem deutschsprachigen Raum,
danach folgten viele griechischsprachige Menschen inklusive einige aus
Zypern, dann einige wenige Italiener*innen und Einzelne aus
Großbritannien und Frankreich. Eigentlich verhält es sich bei solchen
Vernetzungstreffen so, dass die meisten Leute aus einer räumlichen
Nähe kommen. Dann erscheinen natürlich die zahlenmäßig stark
aufgestellten Gruppen mit mehr Menschen. In diesem Fall hat die
größte Zahl eine Wegstrecke von 4000 km (!) auf sich genommen um
teilnehmen zu können, während die definitiv stärkere lokale Bewegung
sich kaum am Camp beteiligt hat. Wie kam es dazu? Für die
deutschsprachigen Menschen lockte der Bewegungsmythos
Griechenland und günstiger Urlaub mit Freund*innen am Meer auf
Basis gehobener finanziellen Möglichkeiten deutscher
Staatsbürgerschaft.16 Der hohe Studierendenanteil im UG-Umfeld sowie
alternative Lebensentwürfe schufen den zeitlichen Freiraum. Zusätzlich
weckten die Erlebnisse von Blockupy Interesse an der Vernetzung. Die
Gründe für die geringe griechische Beteiligung erscheinen unklarer.
Möglichkeiten wären die aktuelle Lethargie durch Syriza, ein fehlendes
Interesse an Vernetzung mit der oder dieser deutschsprachigen Szene,
die vielen Konflikte innerhalb der antiauthoritären Bewegung17 oder
fehlende zeitliche und finanzielle Kapazitäten für die Teilnahme. An
einen fehlenden Mobilisierung für das Camp im Norden Griechenlands
kann es nicht gelegen habe. Die Abwesenheit von Menschen aus
anderen Ländern liegt wohl an der geringen sonstigen Breite von
Beyond Europe.

Auf der so geschaffenen Ausgangslage hätte sicher in besserer Weise
aufgebaut worden können. Jedoch lag eine oben beschriebene Trennung
der programmatischen und infrastrukturellen Camp-Organisation in
deutsch/griechisch vor, die auch im weiteren Verlauf nicht wirklich
überwunden wurde. Der Kern der deutschen Camporganisierung lag
am Infopunkt, der griechische hinter den Kühlschränken der Bar. Auf
den Assemblies gelangen mit unter gemeinsame Diskussionsprozesse,
aber meist setzten sich die Sprachgruppen eher nur (auf Nachfrage)
gegenseitig in Kenntnis. Etwas spitz formuliert entstand so der
Eindruck, man trage deutsche Szenedispute im Urlaub auf einem
griechischen Campingplatz aus und gehe hier und da auch mal helfend
zur Hand. Ein wirklicher Fail war die Planung des Kulturprogramms.
Statt das Feingefühl zu besitzen und die Gelegenheit zu nutzen sich
musikalisch auszutauschen und verschiedener Kultur Raum
einzuräumen, bringt die deutsche Szene ihre Szenemusik plus Club-DJ
gleich mit. Da die Abschlussparty verschoben werden musste, wurde
sie durch eine Trash-Party ersetzt. Auf der Tanzfläche hat sich die
deutsche Szene dann gut gefeiert. Zumindest Sterni wurde nicht
ausgeschenkt.

Interessant ist hier weiterhin die Ebene des Miteinanders, auf der wir
uns selbst reflektieren sollten. Wir haben sehr abgeschottete
Zeltgruppen gebildet. Vielleicht könnte man offener campieren. Wir
haben zu oft in der Gruppe weiter deutsch gesprochen, obwohl nicht
deutschsprachige Menschen mit am Tisch saßen. Wir haben an der Bar
sofort Leute auf deutsch angeredet, als sei das selbstverständlich. ... all
solche Dinge.

Anarchismus, das Camp und Beyond Europe

Anarchismus und Kommunismus teilen das Ideal der freien Menschen
in freien Vereinbarungen. Anarchismus und libertärer Kommunismus
stehen, trotz getrennter (oft kontroverser) Geschichte und leider
getrennter theoretischer Bezüge, vor der Aufgabe antiautoritäre Theorie
und antiautoritäre Praxis in Einklang zu bringen. Durch dieses
Sichtfenster möchte ich Camp und Beyond Europe Plattform in diesem
Abschnitt betrachten. Es soll also zum einen um das Verhältnis von
Theorie18 und Praxis sowie zum Anderen um das Verhältnis
anarchistischer und libertär kommunistischer Bewegung und damit
Perspektiven einer gemeinsamen antiautoritären Bewegung gehen.

Über eine Analyse der bestehenden Verhältnisse in Europa bestand
weitgehend Einigkeit. Auch wurde der Thematisierung verschiedener
Herrschaftsmechanismen gleichermaßen Raum eingeräumt. Weder
wurde die innere Logik des Kapitalismus als Herrschaft produzierendes
System bestritten19 noch wurde sie von Gruppen als
Hauptwiderspruch20 benannt. Bei Betrachtung der Diskussionen sowie
der generellen Entwicklung sozialer Bewegungen21, fällt auf, dass sich
der Großteil faktisch im Anarchokommunismus wiederfindet.22
Allerdings stellt sich die Frage inwieweit dies eine Art Mode darstellt,
die gut mit der eigenen Marginalität zusammenpasst, oder inwieweit
die Frage der Macht wirklich reflektiert wird. Dies zeigt sich etwa in
den Hoffnungen, die viele dennoch in die Linksparteien legen, der
unkritischen Zusammenarbeit mit Parteien oder der unkritischen,
fetischhaften Rojava-
Solidarität.23 Schwierig
ist dabei weiterhin das
Verhältnis von Akti-
vist*innen zu sozialen
Bewegungen. Statt sich
selbst in den komplexen
Herrschaftsverhältnissen
zu positionieren und
ihre/seine Kämpfe mit
anderen zu verbinden,
sahen sich Gruppen
mitunter als "radikale
Linke", die Arbeiter*in-
nen/Bevölkerung orga-
nisieren oder lehren
wollen.

In der Praxis des Camps
wurde der antiautoritäre
Anspruch weitgehend
Wirklichkeit. Grenzen
zwischen Camporganisation und
Teilnehmer*innen wurden
aufgehoben. Zentrale Punkte wurden in Vollversammlungen diskutiert.
Defizite bestanden neben der oben diskutierten deutschen Dominanz im
Vorhandensein sehr präsenter Alpha-Männer bei einigen Gruppen
sowie sexistischen Verhaltens etwa beim Fußballspiel24. Ein Awareness-
/ Out-of-action-Team wäre schön gewesen.

Beyond Europe ist in meinen Augen ein sehr positiver
Vernetzungsversuch, der mit angestaubten, historischen Grenzen zu
brechen sucht. Das Label "antiautoritär" ist dabei ein sehr guter
Rahmen um sympathische, partikuläre Bewegungen darunter zu
versammeln, ohne etwa wie mit dem Label "links"
zusammenzubringen, was nicht zusammen gehört. Im Kontext der
notwendigen transnationalen, koordinierten Proteste gegen die
neoliberale Austeritätspolitik steht er auch nicht als eine Vernetzung um
der Vernetzung willen in einem luftleeren Raum.

Ein Anfang

Anknüpfend an die vorherige Bewertung von Beyond Europe soll es
jetzt abschließend um Perspektiven gehen. Im Grunde steht hier
natürlich die riesige Organisierungsdebatte im Raum, die ich hier aber
nicht weiter führen möchte. Ich halte es da mit dem Pluralismus. Es
braucht nicht eine große Organisation, sondern an Affinität und
politische Praxis angepasste Vernetzungen und Organisationen. Es wäre
für Veränderungen jedoch wichtig, sich gegenseitig wahrzunehmen, in
Bezug zu setzen, solidarisch zu kritisieren und gegebenenfalls
koordiniert zu unterstützen.

Beyond Europe ist hier eine Möglichkeit des Austausches und des
gemeinsamen Handelns, aber zur Zeit noch ziemlich klein und
spezifisch in den
Mitgliedsorganisationen
und muss sich selbst als
eines von einigen
transnationalen Netz-
werken begreifen. Im
Oktober findet das
Mediterrane Anarchist-
ische Treffen25 eben-
falls in Griechenland
statt. Es soll Kämpfe in
der Mittelmeerregion
verbinden und ähnelt
von daher dem Camp
und besitzt natürlich
einen antiautoritären,
antikapitalistischen
Konsens. Dennoch ist
zu erwarten, dass es
kaum Überschnei-
dungen im Personen-
kreis der Teilnehm-
enden geben wird. Es ist von daher noch ein weiter Weg eine
selbstbewusste, antiautoritäre Bewegung aufzubauen. Warum tauschen
sich nicht einmal die größeren politischen Netzwerke26 im
deutschsprachigen Raum aus? Warum bestehen hier keine
Verbindungen zur solidarischen Ökonomie? Warum fehlt das
Bewusstsein für gemeinsame Bewegung in den partikulären Kämpfen?
Wie ist die daraus folgende Staatsfixiertheit zu brechen? Wie entsteht
eine gemeinsame libertäre Agenda, die die Realität nicht fürchtet und
mehr ist als das Versprechen nach dem "schönen Leben"?

Mit diesen Fragen möchte ich enden und mich bei all denen bedanken,
die das Beyond Europe-Camp ermöglicht haben.


1 Häufige Formulierung im Zuge der Mobilisierung, gemeint ist
Deutschland

2 Bündnis von Stadtteil-/Nachbarschaftsversammlungen und Initiativen

3 Wer es nicht kennt: https://de.wikipedia.org/wiki/Ums_Ganze
4 "linksradikale"Regierungspartei Griechenlands

5 Antifaschismus, Antikapitalismus, Antirassismus, Antisexismus,
Feminismus, Klassenkampf, Ökologie, Recht aufStadt

6 Deutscher Imperialismus (Gruppen gegen Kapital und Nation);
Rassismus, Staat und Nation (TOP UG); Krise der Reproduktion

7 Nur: Selbstorganisation und Commons

8 Da es ein wenig fies ist, in der Abstraktion zu verweilen, will ich auch
einige Beispiele aus eigener Erfahrung nennen, ohne einen solchen
Prozess vorweg nehmen zu können: Verhältnis
Anarchismus/Kommunismus: Wandlungen und neue Begriffe;
Klassenbegriffe, Differenzen in der Klassenanalyse verschiedener
Regionen Europas, Wertkritik, Postmoderne; Was ist für uns "der Staat"?
Müssen wir differenzieren?; Positionen zu Geschlecht; antiautoritäre
Praxis innerhalb unserer Gruppen; Zusammenarbeit mit autoritären
Organisationen, NGOs und Zivilgesellschaft; Veganismus und
Tierrechte; Antifaschismus: Bündnisarbeit oder militante Praxis;
Antiimperialismus, Antinationalismus, Antideutsche Debatte im
deutschsprachigen Raum; Marxismus, Postoperaismus, Syndikalismus
und Nachbarschaftsvernetzung; Konzepte sozialer Zentren: autonomes
Zentrum, Centro Sociale, Ateneu, etc.; Anarchistische und libertär-
kommunistische Strömungen/Organisationsformen: Stärken,
Widersprüche, Kooperation, Austragung von Differenzen; Verhältnis zu
("Volks-") Aufständen...

9 Hier im eigentlichen Wortsinn zu verstehen

10 Die Anzeige lautet in etwa: "Leichte Störung der öffentlichen
Ordnung" und ist eine Art abgeschwächte Form des
"Landfriedensbruch"-Paragraphen in der BRD

11 Der Grund der Verweigerung der Identitätsfeststellung sei die
Solidarität mit den Geflüchteten ohne Papiere, ließen die beiden
mitteilen. Insgesamt gibt es Unterschiede in Europa im Umgang mit der
Polizei. Während in der BRD vor allem die Aussage verweigert, aber die
Personalien abgegeben werden, ist es anderswo Praxis die
Identifizierung und jegliche Mitwirkung gegenüber der
Polizeimaßnahme zu verweigern.

12 Frei zitiert etwa: "Toll, jetzt hat UG die Bilder fürs nächste Mobivideo
im Kasten. Dann können wir ja nach Hause gehen."

13 Wobei durch internationale Ausbildungsmaßnahmen sich
Ekelhaftigkeiten deutscher Polizeitaktik immer weiter verbreiten.
Insbesondere da sich die BRD ja in allen Fragen als vermeintliches
Vorbild geriert.

14 Es mag unter Umständen auch nicht begeistern, wenn drei ältere
Herren bei einem Glas Wein über halbstündige Monologe zur Lage des
Landes halten. (Ich möchte hier nur ein Bild transportieren, dass
entstanden sein mag undweder ältere männlich wahrnehmbare
Menschen noch Weintrinker*innen diskriminieren.)

15 Siehe auch bei Beyond Europe: http://beyondeurope.net/447/syriza-
was-the-party-of-the-defeat-of-the-movement-interview-with-
antiauthoritarian-movement/

16 Ich möchte die Privilegien hier beim Namen nennen, ohne gleichzeitig
die Fahrt nach Griechenland kritisieren zu wollen.

17 Von der großen anarchistischen Szene Athens kam fast niemand.

18 Die theoretische Analyse erfolgt unter der oben genannten
Einschränkung, dass entsprechende Kontroversen durch die
Organisation des inhaltlichen Programms nur bedingt ausgetragen
werden konnten.

19 Bestimmte anarchistische Strömungen können sich mit
Marktwirtschaft anfreunden (Kollektivismus, manche
Individualanarchist*innen, Anarchokapitalismus).

20 Debatte um Haupt- und Nebenwidersprüche: Orthodoxe
Marxist*innen sehen das Verhältnis Kapital und Arbeit als
Hauptwiderspruch, dem etwa Herrschaftsmechanismen wie patriarchale
Strukturen nachgeordnet sind. Sprich: Um Sexismus und Rassimus, etc.
können wir uns später mal kümmern, bzw. sie verschwinden mit dem
Kapitalismus...

21 Der Anspruch einer antiautoritären Praxis von Bewegung wird
Konsens (Revolten im Mittelmeerraum, EZLN, PKK (hier mehr auf
theoretischer Ebene), Occupy). Das war nicht immer so: Siehe etwa
Dekolonialisierung, Haltung linker Organisationen zur
Nelkenrevolution

22 Ich stelle mich hier auf den Standpunkt, dass die marxistischen
Gruppen/Denker*innen einen sehr weiten Bogen geschlagen haben, um
Staats- und allgemeine Herrschaftskritik in ihre Konzepte einzubauen
und diese nicht unbedingt so innovativ sind wie dargestellt (etwa
Adorno, Holloway oder Hardt/Negri). Leider herrscht hier weiterhin eine
Orthodoxie, die verhindert auf Nicht-Marxist*innen inhaltlich
aufzubauen. Jedoch haben diese modernen Marxist*innen einen großen
Beitrag zu einer differenzierteren Staatsanalyse geliefert, die bei vielen
Texten aus der anarchistischen Ecke noch immer fehlt.

23 Etwa die IL im Januar diesen Jahres:
https://linksunten.indymedia.org/node/132541 oder auch die Prisma (IL)
zu "Interventionistische Politik im Osten", ein Artikel, in dem die SED
als linke "Organisierungserfahrung" bezeichnet wird
https://linksunten.indymedia.org/node/132541
24 Weiblich wahrnehmbare Personen nur als Auswechselspielerinnen.

Pfeifen und Klatschen beim Einwechseln dieser.

25 https://linksunten.indymedia.org/de/node/153001

26 IL (unter Vorbehalten) ,...ums Ganze!, FAUund FdA


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